Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 22

Spalte:

601-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwartzkopff, Paul

Titel/Untertitel:

Beweis für das Dasein Gottes. Den Gebildeten unter den Zweiflern gewidmet 1901

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

601 Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 22. 602

vollenden, was Tolftoi andrehe, es werde ,die Lehre Chrifti
als nothwendige Vernunfteinficht allen Menfchen ohne
Ausnahme mit der Zeit einleuchten muffen'.

Dies find die Abfichten des Verfaffers. Ob er fie
erreicht hat, ift allerdings fraglich. Gewifs kann fein Buch
dazu beitragen, die Perfon und die Ideen Tolftoi's bekannter
zu machen und manche Mifsverftändniffe oder
fchiefe Auffaffungen zu befeitigen, es ift ein anerkennens-
werther Vernich, die Anfchauungen und Grundfätze des bedeutenden
Mannes, die in feinen zahlreichen Schriften zer-
ftreut ausgefprochen find, zufammenzufaffen und zu ordnen.
Doch leidet es fchon in diefer Hinficht an wefentlichen
Mängeln. Der Verfaffer befitzt nicht die Gabe knapper
und klarer Darfteilung. Sein Stil ift zum Theil geradezu
entfetzlich. Man fchlage z. B. S. 12 auf. Die ganze Seite
befteht aus zwei Sätzen, deren zweiter noch auf die 1
folgende Seite hinüberreicht. Ich würde den erften zum
Belege für mein Urtheil hier abdrucken, wenn er nicht 19
Zeilen lang wäre. Dazu kommt, dafs der Verfaffer zwifchen
feinen Gedanken und denen Tolftoi's nicht immer fcharf
genug fcheidet und dafs er die letzteren zu fehr in die
Beleuchtung der erfteren rückt. Er fagt felbft, er müffe
die Bedeutung der Weltanfchauung Tolftoi's von einem
Standpunkte aus klar zu machen fuchen, der fich in ge-
wiffen Zügen über diefelbe erhebe, und es ift ihm im
Grunde mehr um fein Syftem und deffen Begründung, als
um die fchlichte Darlegung der Gedankenwelt Tolftoi's
zu thun. Was nun aber diefe feine philofophifchen Zu-
thaten zur Lehre Tolftoi's und feine naturwiffenfchaftliche
Begründung derfelben betrifft, fo wird fich die Hoffnung
des Verfaffers, damit auf die grofse Menge der Gebildeten
überzeugend und einleuchtend zu wirken, fchwerlich erfüllen
. Ich kann mich auf eine eingehende Darftellung
und Befprechung diefer Ausführungen hier nicht einlaffen.
Sie enthalten manchen guten und werthvollen Gedanken,
aber ich mufs geftehen, dafs mir vieles recht unverftänd-
lich erfchienen und recht dunkel geblieben ift, und ich
weifs nicht, ob die Schuld daran ausfchliefslich an mir
liegt. Jedenfalls wird es unter der Menge der Gebildeten
viele geben, denen es nicht beffer geht als mir. Und es
werden wenige fein, denen die naturphilofophifchen Spccu-
lationen des Verfaffers als .nothwendige Vernunfteinficht'
einleuchten oder als fichere Bafis, auf der fich eine
folche erheben kann, erfcheinen werden. Man kann ihm i
z. B. beiftinimen, wenn er die organifchen Arten in Ueber- !
einftimmung mit Mofes und im Gegenfatze zu Darwin
,als Ausflufs der Bethätigung des urfprünglich unend- !
liehen, des göttlichen Lebens, des Alllebens der Vernunft,
als Ausflufs des göttlichen Gedankens in feiner Verwirklichung
im All' betrachtet. Aber wenn er die Entftehung
der Arten und überhaupt der Organismen auf form-
bildende, unendlich feine kosmifche Schwingungen zurückführt
, fo ift dies doch nicht mehr als Phantafie. Und
wenn er fagt: ,Die höchfte, die alleinbegreifende, die uni-
verfelle Wirklichkeit ift eben dies unermefslich Feine der
Schwingung, dies Differenziale, welches exiftirt neben und 1
über dem groben, mefsbaren, finnlich wahrnehmbaren
Schwingen, das unermefslich Feine, das als folches ins
unermefslich Grofse geht', wenn er von dem Lichte, von I
dem diefe Schwingungen ausgehen, fagt, fein Name fei:
Unendlichkeit, Ewigkeit, Unermefsliches, Unbegrenzbares,
Vernunftgefetz, Gedanke, Geifteslicht, lebendige Vernunft-
anfehauung, allumfaffendes Leben. Liebe, Gottheit', — fo
wird man den Eindruck haben, dafs die Fülle der Worte
gröfser ift, als die Klarheit der Gedanken.

Augsburg. S. Hans.

Schwartzkopff, Prof.Dr.Paul, Beweis für das Dasein Gottes.

Den Gebildeten unter den Zweiflerngewidmet. Hallea/S.,
C. Ed. Müller, 1901. (VIII, 118 S. 8). M. 2.—

Der Verf. diefes Buches ift der Ueberzeugung, dafs
die Religion etwas anderes als wiffenfehaftliche Erkenntnifs

ift, und dafs der Glaube durch keinen fogen. Beweis für das
Dafein Gottes begründet werden kann. Dennoch hält er
einen folchen, wo anders er möglich ift, nicht für überflüfsig
und hat dem Nachdenken darüber lange Jahre gewidmet.

Die Schrift, in der er die Refultate feiner Arbeit zu-
fammenfafst, läfst fich mit wenig Worten charakterifiren.
In einem längeren Capitel wird zuerft das kosmologifche
Argument in der Form, in der es von Lotze ausgeprägt
worden ift, mit geringen Modificationen vorgetragen; das
heifst: es wird aus der Wirkungseinheit, als welche der
Kosmos erfcheint, auf einen Träger derfelben gefchloffen,
,welcher in allen Wirkenden und Wirkungen wirkt' und
dennoch in diefen nicht aufgeht, fondern ihnen gegenüber
transfeendent ift. Da nun fich unter den ,Weltwirkungen'
neben materiellen auch ,geiftige, bewufste, felbftbewufste,
perfönliche' finden, fo mufs der betreffende Träger felber
ein ,geiftiges und perfönliches' Wefen fein. Hiermit gilt
die Exiftenz Gottes als erhärtet. Eine teleologifche Betrachtung
, die befonders auf Bedeutung, Sinn und Zweck
des Schmerzes und des Todes eingeht, foll dann das ge-
wonneneErgebnifs nachträglich bekräftigen und beftätigen.
In einer Befprechung des moralifchen Argumentes wird
des weiteren der Verfuch gemacht, ,aus der fittlichen Be-
fchaffenheit der menfehlichen die entfprechende der göttlichen
Perfönlichkeit als des Urhebers zu erfchliefsen'.
Dabei zeigt fich freilich, dafs dies Unternehmen nicht zu
Ende geführt werden kann ohne Zuhülfenahme des chrifto-
logifchen Beweifes, der erft aus der in der Perfon Jefu
fich darfteilenden Liebe die ganze Liebe Gottes folgert.
In einem kurzen Anhange wird endlich noch darauf hingedeutet
, dafs das ,Anfehn und die Wahrhaftigkeit' des
inneren Erlebens Chrifti auch die vollendetfte Bürgfchaft
für die Fortdauer unferer perfönlichen Gemeinfchaft mit
Gott nach dem Tode gewährt.

Schwartzkopff ift fich durchaus bewufst, dafs der Gedankengang
feiner Schrift in auffallender Weife an eine
vor kurzem erfchienene Schrift Bolliger's (Der Weg zu
Gott für unfer Gefchlecht) erinnert, ohne dafs jedoch ein
Verhältnifs der Abhängigkeit beftände. Die Aehnlichkeit
ift in der That frappant; und es kann nun fchwerlich geleugnet
werden, dafs in einzelnen Theilen die frühere
Publication der fpäteren überlegen ift. Wenn einmal von
einem ,Beweife' geredet werden foll, fo kommt es natürlich
auf eine möglichft ftraffe und logifche Verkettung
der einzelnen Sätze an. Die vermifst man aber in der
zweiten Hälfte der vorliegenden Arbeit. So foll beifpiels-
weife in dem chriftologifchen Abfchnitte die Liebe Gottes
(gen. subj.) aus dem erfchloffen werden, was fich uns in
der Willensbefchaffenheit der Perfon Jefu darfteilt. Schon
vorher jedoch (S. 94) wird ,die heilige Liebe als das
fpeeififeh Göttliche im Menfchen' daran erkannt, dafs Gott
,in feinem perfönlichen Wefensgrund' Liebe ift. Liegt da
nicht wenigftens der Schein eines Zirkels vor? Auch
fchwankt die Erörterung des teleologifchen Beweifes etwas
unficher zwifchen dem gewagten Verfuche, die Zweckmäfsig-
keit der Dinge als eine Erfahrungsthatfache in der Wirklichkeit
hinzuftellen, und dem einwandfreien Beftreben, fie von
einem bereits gewonnenen Gottesbegriffe aus in die Welt
hineinzufchauen und hineinzudeuten. Dagegen hat der
Autor gröfsere Sorgfalt als fein Vorgänger auf die Ausführung
des kosmologifchen Beweifes Lotzes verwandt. Hier
liegt der Schwerpunkt feiner Schrift; und er läfst fich die
Mühe nicht verdriefsen, die Bahn für feine Argumentation
frei zu legen durch eine eingehende Kritik der Kant'ifchen
Auffaffung von der Subjectivität der Caufalitätskategorie
und der Form der Zeit. Darauf kommt er noch in einem
befonderen Excurfe zurück.

üb die Widerlegung, die fich namentlich auf das
beruft, was der Menfch unmittelbar in feinem Inneren
fühlend erlebt, gelungen ift oder nicht, mag auf fich beruhen
. Intereffant und beachtenswerth ift aber jedenfalls
die Thatfache, dafs eine neuere Metaphyfik, die in der
herrfchenden Philofophie eher an Boden gewinnt als ver-