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1901 Nr. 21

Spalte:

575-576

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Odonis Abbatis Cluniacensis occupatio. Primum edidit Antonius Swoboda 1901

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 21.

576

letzteren S. LXXX—CXIV auch auf Grund von fünf
armenifchen Handfchriften (nur angeblich) von Hippolyt
flammende Stücke aus dem Hoheliedcommentar Wardan's.
Marr ift es geglückt, auch die flavifch erhaltenen Fragmente
des Hoheliedcommentars Hippolyts um einige zu
vermehren,— aus einer Handfchrift der Bibliothek Carskij's;
den Katalog diefer Bibliothek von Stroev hatte ich bei
Harnack, Altchriftl. Litteraturgefch. I, 889 als eine der
mir trotz meiner Bemühungen unzugänglich gebliebenen
Schriften bezeichnen müssen. Ungleich wichtiger ift
aber der Ertrag aus der altgrufinifchen Ueberfetzung
diefes Commentars. Sie enthält die Erklärung bis Cap. 3,7
d. h. bis dahin, wo auch die altflavifchen Fragmente
enden. Marr nimmt an, dafs Hippolyt überhaupt nur
bis dahin feine Erklärung des Hohelieds geführt hat.
— Soweit mir ein Urtheil zufteht, fcheint Marr's Leiftung
in jeder Hinficht eine vortreffliche zu fein.

Auf das Einzelne näher einzugehen ift nicht die
Abficht diefer Befprechung. Aber Tie möchte auf die
Bereicherung hinweifen, die der patriftifchen Wiffenfchaft
aus diefer Edition erwachfen ift, der Frucht einer gleichzeitigen
Beherrfchung der grufinifchen und armenifchen
Sprache. Hoffentlich läfst der Verfaffer die Herausgabe
der übrigen Schriften Hippolyts bald nachfolgen. Der
warme Dank aller derer, die fich um die Gefchichte der
alten Kirche bemühen, ift ihm ficher.

Göttingen. N. Bonwetfch.

Odonis Abbatis Cluniacensis occupatio. Primum edidit Antonius
Swoboda. Lipsiae, in aedibus B. G. Teub-
neri, 1900. (XXVI, 173 S. 8.) M. 4.—

Die grofse kirchengefchichtliche Bedeutung des Odo
von Cluny (geft. 941) beruht in erfter Linie auf feinen tiefen
Einwirkungen auf das praktifch-kirchliche Leben feiner Zeit,
aber auch feine literarifchen Arbeiten find nicht ohne In-
tereffe; fie füllen den gröfstenTheil von Mignej./. 133. Noch
in die Zeit feines Aufenthaltes in Tours fällt die Abfaffung
der Epitomc der Moralia Gregor's des Grofsen, wohl auch
der Antiphonen und Hymnen zu Ehren des h. Martin, auf |
den Wunfeh des Bifchofs Turpio von Limoges fchrieb j
er als Mönch die Collationes, dazu kommen noch fünf j
Predigten und vielleicht ein muficalifches Werk. Eine
nicht unwichtige Ergänzung diefer Lifte bedeutet die vorliegende
Publication. Das von Swoboda erftmalig herausgegebene
Gedicht ift nur in einer einzigen Handfchrift,
aus dem 10. oder II. Jahrhundert, überliefert. Sie hat
eine merkwürdige Gefchichte. Cod. 903 der Bibliothek
des Arfenal in Paris war bereits Mabillon bekannt, aber
er hatte erhebliche Lücken. (Buch IV von Vers 271 ab,
Buch 5 und 6 vollftändig, Buch 7 bis Vers 542). Nun hat
Swoboda eben diefe fehlenden Stücke in Cod. 2410 der
Bibliothek St. Genovefa in Paris aufgefunden und dadurch
die Herausgabe des Ganzen ermöglicht. In der
Handfchrift wird der Verfaffer des Gedichtes nur als
domnus Odo abbas bezeichnet, nicht als Cluniacensis.
Trotzdem unterliegt die Zuweisung an Odo von Cluny
keinem Bedenken, kann vielmehr im Blicke auf die
zwifchen der occupatio und den zweifellos Odo angehörenden
Schriften, fpeciell feinen Collationes, beftehenden
Berührungen als ficher gelten. Unter Verweifung auf
die eingehenden Erörterungen des Herausgebers fei hier
nur bemerkt, dafs die 7 Bücher umfaffende Dichtung
dem Lefer die gefammte Heilsgefchichte von der Er-
fchaffung der Engel und des Menfchen, dem Sündenfalle,
der Sündfluth, der Zeit des alten Teftamentes, der Er-
fcheinung Chrifti bis zum Ende der Tage vorführt; dafs
aber das Intereffe des Dichters nicht auf die heilsge-
fchichtliche Entwickelung als folche gerichtet ift, diefe
ihm vielmehr nur den Dienlt leiftet, für feine Meditationen
Anknüpfungspunkte zu fchaffen. Dabei liegt ihm vor
allem der Nachweis der Verderblichkeit und Gefährlichkeit
der beiden Hauptlafter der superbia und luxuria,
tumor und libido, am Herzen.

Marburg. Carl Mirbt.

Kleffner, Prof. D. Ant. Jgn., u. Domkapit. Geiftl. Rath
Dr. Fr. Wilh. Woker, Der Bonifatius-Verein. Seine Gefchichte
, feine Arbeit und fein Arbeitsfeld 1849—1899.
Feftfchrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins.
Mit den Bildnifsen der beiden erften Präfidenten des
Bonifatius-Vereins. Paderborn, Bonifacius-Druckerei,
1899. (l6° u- 336 S. gr. 4.) M. 7.60

Die Art, wie die römifch-katholifche Kirche Deutfch-
lands die politifchen Veränderungen der vierziger Jahre
des vergangenen Jahrhunderts für ihre Sonderzwecke
auszunutzen verftanden hat, gehört zu den glänzendften
Bewährungen ihres grofsen politifchen Talentes. Das
zeigt die Entwickelung der römifch-katholifchen Preffe,
nicht minder der gewaltige Auffchwung ihres Vereins-
wefens. Was das Letztere für die römifche Kirche in
der Zeit des Culturkampfes bedeutet hat, darüber find
wir f. Zt. durch das bekannte Wort Windthorft's belehrt
worden. Seitdem hat das Vereinswefen noch eine wefent-
liche Erweiterung erfahren. Gegenwärtig find die ver-
fchiedenften Berufsarten, Stände und Intereffengruppen
unter kirchlicher Leitung oder Mitwirkung organifirt
und in diefer Organifation fcheint die moderne Form
gefunden zu fein, den clericalen Einflufs auf Kreife und
Lebensverhältnifse auszuüben, die demfelben fonft fchwer
erreichbar fein würden. Ueber die ziffermäfsige Entwickelung
diefer Vereine, über ihre Beziehungen untereinander
, über ihre financielle Leiftungsfähigkeit, ihre
Stellung zu Rom, zum Epifkopat und zum politifchen
Parteileben und was alles damit zufammenhängt, herrfcht
noch viel Unkenntnifs und Unficherheit, da eine diefes
weitfehichtige und heterogene Material umfpannende
Gefchichte nicht exiftirt.

Mit um fo gröfserer Freude ift es daher zu be-
grüfsen, dafs man wenigftens in Bezug auf einen der
wichtigften Zweige des Vereinswefens, in Bezug auf
das Gebiet der Miffionen, angefangen hat, das Princip
möglichft umfaffender Geheimhaltung zu durchbrechen.
Dafs von Seiten der römifch-katholifchen Kirche hier
mit grofsen Mitteln gearbeitet wurde, war allerdings mit
Händen zu greifen, aber es fehlte doch an authentifchem
Materiale, um auch nur fchätzungsweife über die Aufwendungen
für diefe Zwecke urtheilen zu können. Nun
hat endlich auf dem letzten internationalen Katholiken-
congreffe in München, Ende September vorigen Jahres,
Karl Maria Baumgarten den Schleier gelüftet und, auf
Grund der von zuftändiger Seite ihm zur Verfügung ge-
ftellten Daten, die kirchengefchichtlich hochbedeutfame
Mittheilung machen dürfen, dafs die römifch-katholifche
Kirche im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht weniger als
anderthalb Milliarden Mark für Miffionszwecke verwandt
hat. Der Werth diefer Mittheilung wurde durch nähere
Angaben über die Mittel und Wege, wie diefe gewaltige
Summe zufammen kam, noch gefteigert. Ihre Höhe anzuzweifeln
, haben wir keinen Grund; wir werden die
Baumgarten'fchen Ziffern vielmehr als das fichere Minimum
anzufehen haben. Denn inzwifchen ift in dem
Mai-Hefte der ,Katholifchen Miffionen' von offenbar
fachkundiger Seite jene Berechnung einer Revifion
unterzogen und als zu niedrig befunden worden. In
Bezug auf einen fehr wichtigen Punkt hat freilich auch
jener Münchener Gelehrte noch ftrenges Stillfchweigen
beobachtet, nämlich in Bezug auf die Frage, welcher
Bruchtheil jener für Miffionszwecke flüffig gemachten
Gelder der Heidenmiffion zu Gute gekommen ift und
welcher Bruchtheil für die Propaganda unter Evangeli-
fchen Verwendung gefunden hat. Denn beide Thätig-