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Ausgabe:

1901 Nr. 21

Spalte:

568-571

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preuschen, Erwin

Titel/Untertitel:

Antilegomena 1901

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 21.

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Wort hineinlegte, fo zeigt gerade der erfte Theil von
W.s Abhandlung, dafs die Dinge fo einfach nicht lagen
und das Reich Gottes zu Jefu Zeit ein recht vieL
deutiger Begriff war. Wenn W. einwendet, dafs Jefus,
wenn er die Volkshoffnungen nicht theilte, diefe hätte
corrigiren müffen, fo läfst fich dagegen fagen, dafs es
Jefu Art nicht entfprach, unnöthig zu polemifiren, und
dafs er lieber unvermerkt die alten Vorftellungen mit
neuem Gehalte füllte. — W. giebt felbft feinerfeits am
Schlufse feiner Ausführungen zu: ,Auf diefem (dem
national-politifchen) Gebiete liegen eben feine ftarken
Empfindungen nicht'. Wir fügen nur hinzu: Darin gerade
lag die Gröfse und Originalität feiner eschatologifchen
Predigt und das Geheimnifs ihrer weltweiten Wirk-
famkeit.

In einem dritten Hauptabfchnitte unterfucht W., inwieweit
nun auch die ethifchen Forderungen, die Jefus an
feine Jünger ftellt, bedingt und getragen find von jener
eschatologifchen weltflüchtigen Stimmung und nur von
ihr aus verftändlich werden. Er ermäfsigt und nüancirt
hier in bemerkenswerther und anfprechender Weife
feine Darftellung der erften Auflage, namentlich dadurch
, dafs er nunmehr auch die andere Seite des
Perfonbildes Jefu zur Geltung bringt, und zwar fehr
fchön und warm zur Geltung bringt. Es bleibt
auch nach W. doch ein Ineinander von weltflüchtiger
und weltfreudiger Stimmung im Lebensbilde Jefu. Jefus ift
zu Zeiten ,nicht der düftere und fchroffe Prophet, fondern
ein Menfch unter Menfchen, ein Kind Gottes unter Gottes
Kindern. Aus folcher Stimmung find jene Worte und
Gleichnifse geboren, deren Frifche nie veralten wird,
und in denen von Weltniedrigkeit und Askefe, von Weltende
und Gericht wenig zu fpüren ift.' ,Es ift ein
Zeichen feiner gefunden energifchen Natur, dafs er diefe
innerlich morfche und verfaulte Welt nicht einfach ihrem
ficheren Verderben anheimgiebt, fondern durch frei-
müthige Kritik zu beffern und zu helfen fucht, als könne
fie noch auf einen längeren Beftand rechnen.' Freilich
betont W. wieder fehr energifch, dafs dies alles gleich-
fam nur vorübergehende Momente im Leben Jefu feien,
in denen die Sonne auf eine Weile die dunklen Todes-
fchatten durchbreche, gleichfam das Incommenfurable an
diefem Leben, und jene Lebensäufserungen Brocken, die
zufällig vom reichen Tifche fielen.

Es wird W. zugeftanden werden müffen, dafs ein
grofses und nicht unwefentliches Stück ethifcher Lebensäufserungen
Jefu nur auf dem Grunde feiner efchatologi-
fchen Stimmung begreifbar werde und demgemäfs nicht
fo einfach auf unfere anders gewordenen Verhältnifse
übertragen werden könne. Doch bleibt, das Bild auch
nach feiner ethifchen Seite fo unendlich reich; ich möchte
nicht fagen, dafs das, was ewige Giltigkeit darinnen hat,
Brofamen und Brocken waren, die nur fo zufällig abfielen
, fondern dafs in diefen Aeufserungen die innere
fittliche Herrlichkeit eines Menfchen zum Ausdrucke
kommt, die alle zeitlichen Hüllen und Befchränkungen
nicht verdecken konnten.

Die letzten Bemerkungen führen uns noch einmal
zurück auf die oben erwähnte Auseinanderfetzung W.'s
mit Wellhaufen's Auffaffung und Darftellung der Perfon
Jefu. Die beiderfeitigen Darftellungen Wellhaufen's und
W.'s flehen fich allerdings faft diametral gegenüber.
Wellhaufen zeichnet in feiner wundervollen Darfteilung
nur die uns zugekehrte, unferem Verftändnifse ent-
fprechende Seite der Geftalt Jefu, alle gefchichtliche
Bedingtheit und zeitliche Befchränktheit exiftirt in diefer
Darftellung kaum, das alles fällt herunter wie morfcher
Staub und alter Plunder und kann die Herrlichkeit jener
Geftalt nicht verdecken. W. fleht die Geftalt Jefu wefent-
lich in ihrer hiftorifchen Bedingtheit; von allen, die mit
ihm arbeiten, hat er erft am energifchften und uner-
fchrockenften diefe Betrachtung durchgeführt. W. liebt
diefe concrete Geftalt Jefu in ihrer Bedingtheit in aller

ihrer Härte und Rauhheit, mit ihren Ecken und Kanten.
W. felbft gefleht beiden Arten der Darftellung ihre relative
Berechtigung zu, allerdings, indem er betont, dafs die
eigentlich hiftorifche Auffaffung und Arbeit auf feiner
Seite liege. Vielleicht darf man noch ftärker das Recht
jener entgegenftehenden Auffaffung betonen. Denn das
ift freilich ficher: Wer fein Intereffe nun einmal auf die
Perfon Jefu concentrirt hat, der wird fich klar fein, wie
viel wir hinfichtlich der concreten Erfaffung des Lebensbildes
Jefu der Art der Forfchung, als deren energifchfter
Vertreter J. Weifs gelten mag, zu verdanken haben. Wer
aber feinen Blick auf das gröfsere Ganze gerichtet hält,
auf die grofse und gewaltige Gefchichte, die fich in der
Perfon Jefu nach vorwärts und rückwärts concentrirt,
der wird allerdings immer wieder fein Hauptaugenmerk
auf das Eigenthümliche und Originale, auf das nach
vorwärts weifende und ewig Giltige in der Perfon Jefu
richten, wie das z. B. auch Harnack in feiner Darfteilung
vom Wefen des Chriftenthumes, ohne in die Einfeitig-
keiten Wellhaufen's zu verfallen, gethan hat.

In dem letzten Abfchnitte behandelt W. das Meffias-
bewufstfein Jefu, vor allem die Menfchenfohnfrage. Er
bleibt hier wefentlich auf dem Stande feiner erften Auflage
flehen, und begründet feine Anfchauung von neuem
und mit neuen Mitteln, mit befonderem Glücke auch
gegenüber Lietzmann's und Wellhaufen's kritifchem Verflache
. Gunkel's Hinweis darauf, dafs in dem Menfchen-
fohnbegriffe ein religionsgefchichtlich.es Problem vorliege,
wird m. E. nicht mit ganz genügenden Gründen abge-
wiefen. Wenn W. mit befonderer Stärke das eschato-
logifche Moment im Menfchenfohnbegriffe betont, fo
möchte ich hier vor allem darauf hinweifen, dafs an
diefem Begriffe doch nach feiner ganzen Gefchichte vor
allem und in erfter Linie der Gedanke der Präexiftenz
hängt. Der ,Menfchenfohn' — einerlei ob hier fchon
der Titel vorkommt oder nicht — bedeutet in der fpät-
jüdifchen Literatur der himmlifche, vor aller Welt ge-
fchaffene Menfch. Auch die Echtheitsfrage diefes Titels
gewinnt von hier aus eine neue Beleuchtung.

Gegenüber den mancherlei Angriffen, die W.'s erfte
Auflage erfahren hat, fcheint es mir Pflicht des Referenten
zu fein, bei Gelegenheit der zweiten Auflage vor
allem zu betonen, wie ftark und fördernd die Anregung
gewefen ift, die von W.'s tapferer und energifcher Arbeit
auf die gefammte Leben-Jefu-Forfchung ausgegangen ift.
Wenn jetzt die Erkenntnifs von der wefentlich oder aus-
fchliefslich eschatologifchen Bedeutung der Reichgottespredigt
durchgedrungen ift, lo hat daran W. das ent-
fchiedenfte Verdienft. Um fo erfreulicher ift, dafs in
der zweiten Auflage der Arbeit W.'s manche Einfeitig-
keiten verfchwunden und die Darfteilung des ganzen,
wie bereits gefagt, fo viel feiner abgetönt ift, dafs fie
in dem neuen Gewände fich nun hoffentlich neue
Freunde erwerben und andere, die es nicht find, zu
ernfthafter Auseinanderfetzung zwingen wird.

Göttingen. Bouffet.

Preuschen, Erwin, Antilegomena. Die Refte der aufser-
kanonifchen Evangelien und urchriftlichen Ueber-
lieferungen herausgegeben und überfetzt. Giefsen, J.
Ricker, 1901. (VIII, 175 S. gr. 8.) M. 3.—

Intereffante Ueberrefte aus einer halbverfchollenen
Literatur der älteften Kirche werden uns hier, bequem
gefammelt, dargeboten; ob fich der Gefammttitel Antilegomena
' für die Refte der urchriftlichen Ueberlieferungen
ebenfogut eignet wie für die der aufserkanonifchen Evangelien
, ift eine mehr als nebenfächliche Frage. Bietet
doch der Abfchnitt XI (Celfus und die Evangelien) Vieles,
was in keine von jenen beiden Gruppen hinein gehört, und
doch wird es Niemand aus diefer Sammlung hinwegweifen
wollen.