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Ausgabe:

1901 Nr. 19

Spalte:

529-531

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Künstle, Karl

Titel/Untertitel:

Eine Bibliothek der Symbole und theologischer Tractate zur Bekämpfung des Priscillianismus und westgothischen Arianismus aus dem VI. Jahrhundert 1901

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 19.

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Künstle, Prof. Dr. Karl, Eine Bibliothek der Symbole und
theologischer Tractate zur Bekämpfung des Priscillianismus
und westgothischen Arianismus aus dem VI. Jahrhundert.

Ein Beitrag zur Gefchichte der theologifchen Litter-
atur in Spanien. (Forfchungen zur chriftlichen Litter-
atur- und Dogmengefchichte. Herausgegeben von
A. Ehrhard und J. P. Kirfch. Erfter Band. 4 Heft.)
Mainz, F. Kirchheim, 1900. (XI, 181 S. gr. 8.) M. 5.—

Gegenfland diefer anregenden Unterfuchung ift der
jetzt in der Hof- und Landesbibliothek zu Karlsruhe befindliche
Codex AugiensisXVIII. Diefe Handfchrift ftammt
aus der Bibliothek des Klofters Reichenau. Nach Künftle
laffen fich diplomatifche Gründe dafür geltend machen,
dafs fie (mit Ausnahme von nur wenigen Columnen) von
Reginbert, dem Bibliothekar von Reichenau, zu Eingang
des 9. Jh. gefchrieben wurde. Sie mufs urfprünglich umfänglicher
gewefen fein, wenn fie — wie K. glaubhaft
macht — mit der von Reginbert im Kataloge feiner Hand-
fchriften an erfter Stelle erwähnten identifch ift. Zur Zeit
enthält fie ein Corpus von Vaterunfer-Erklärungen,
Symboltexte mit Erläuterungen und ein Bruchftück von
24 Büchern der irifchen Kanones. Künftle befchäftigt
lieh nur mit den Symboltexten und ihren Erläuterungen,
die fchon die Aufmerkfamkeit früherer Forfcher, befonders
Caspari's, auf fich gezogen hatten. Seine Hauptthefen find,
dafs 1. diefer Theil unferer Handfchrift ein antiarianifches
bzw. antipriscillianiftifch.es Corpus von Texten aus dem
Ende des 6. Jh. darftelle, 2. diefe Sammlung aus Spanien
flamme und 3. auch die einzelnen vielfach pfeudo-
nym überlieferten Theile der Sammlung fpanifchen Autoren
des 5. oder 6. Jh. angehören. Diefe Thefen find,
wie man lieht, von weittragender Bedeutung.

Auf die Frage nach der Zufammenfetzung der Ge-
fammthandfehrift und ihrer Entftehung will ich nicht näher
eingehen. Es ift wohl nur ein Verfehen, wenn man in der
Vorrede lieft, dafs Pirminius bereits den Codex nach
Reichenau gebracht habe, während erft Reginbert (f. S. 3)
ihn fchrieb. Der Gedanke K.'s ift jedenfalls der, dafs
nicht erft Reginbert den Miscellancodex zufanimenftellte,
fondern dafs er ihn als Ganzes aus dem Frankenreiche
bekam (S. 5). Dabei mufs nun freilich K. felbft zugeben,
ciafs Reginbert einige Stücke in die Handfchrift, und zwar
gerade auch in den uns befonders intereffirenden Theil,
eingefügt hat, nämlich Alkuins Qiiaestiones de trinitate
und den Schlufs feiner 802 entstandenen Abhandlung de
fide sanetae et indh'iduae trinitatis. Man kann alfo nicht
mit unbedingter Sicherheit behaupten, dafs nicht auch
andere Stücke von Reginbert eingefügt fein möchten.
Ebenfo wenig aber find unzweifelhafte Anzeichen dafür
vorhanden, dafs das Corpus von Symboltexten in Spanien
zufammengeftellt fein mufs. Selbft wenn — was noch
in Frage fteht — die einzelnen Theile der Sammlung
fpanifche Texte darfteilen möchten, wäre noch nicht getagt
, ob nicht die Zufammenftellung im Frankenreiche hat
erfolgen können.

Ich mache hierauf nur aufmerkfam, um die Zuverficht-
lichkeit zu erfchüttern, mit der Künftle im Verlaufe
feiner Unterfuchung immer wieder mit der von ihm behaupteten
Thatfache als einer völlig zweifellofen rechnet.
Bezeichnend war mir dafür befonders eine Stelle feiner
Abhandlung. Es handelt fich um eine in die Handfchrift
aufgenommene Symbolerklärung von unbekannter Hand
<S: S-2I, 87—90, abgediuckt unter Künftle's Texten als
Nr. 6). K. glaubt, fie aus allerhand inneren Gründen,
die mir nicht auszureichen fcheinen, nach Spanien verlegen
zu follen, und fchliefst: ,Diefe Thatfachen und der
Lmftand, dafs die Explanatio in einer Sammlung fteht,
die zweifelsohne in Spanien veranstaltet wurde, veran-
laffen mich, den Verfaffer für einen Spanier zu halten'
(S. 90). Ein gutes Beifpiel eines Cirkelfchluffes: aus be-
ltreitbaren Vorausfetzungen wird eine Behauptung hergeleitet
, die eben darum unsicher ift,ihrerfeitsaberwiederzur
Bestätigung jener Vorausfetzungen verwerthet wird; denn
eben die fpanifche Herkunft der einzelnen Stücke foll ja
wieder die Entftehung der Sammlung in Spanien bekräftigen.

Diefe methodologifche Einwendung liefse fich auf
eine gröfsere Reihe von Ausführungen des Verf. ausdehnen
. Ich denke aber nicht darauf herumzureiten, mufs
vielmehr bekennen, dafs ich felbft die Thefen des Verf.
zwar nicht für bewiefen, aber doch für fehr beachtens-
werth halte. In der That hat Künstle eine grofse Menge
von Beweisgründen geltend gemacht, die es zum mindesten
als fehr verfuhrerifch erfcheinen laffen, fich die Sammlung
in Spanien entstanden zu denken, und unter folchen Umständen
wird man es dem Forfcher nicht verdenken dürfen
, wenn er jedes einzelne Stück, vielleicht indem er mit
feiner Hypothefe liebäugelte, darauf angefehen hat, ob
es nicht etwa aus Spanien Hammen möge. Es handelt
fich um 51 mehr oder weniger umfangreiche Texte, die
alle aufzuführen an diefem Orte unmöglich, auch unnöthig
ift. Auf den erften, das apoftolifche Symbol, haben die
Symbolforfcher bereits früher hingewiefen. Man vergleiche
Kattenbufch 1, 209 A. 14; 2, 770 A. 15; 979 A. 25. Der
Text ift der gleiche wie er fich im Scarapsus des
Pirminius findet, alfo der reeeptus. Schon hier könnte
man fragen, wie Künstle fich den fpanifchen Urfprung
denkt. Oder foll gar der textus reeeptus des Symbols
fpanifch fein? Zu den Ueberfetzungen der nieänifchen
und der nieäno-conftantinopolitanifchen Glaubensformel
(Cod. Nr. 2 und 4, unter K.'s Texten abgedruckt als Nr. 1
und 2) bemerke ich nur, dafs fie von den in den Acten
der toledanifchen Synode von 589 überlieferten Texten
abweichen, was umfomehr zu beachten ift, als Künftle
dafür eintritt, dafs die Sammlung eben diefem Concil
feine Entftehung verdanke (f. u.). Das für Toledo bezeichnende
et filio beim Geiste fehlt aber in unferem Texte!
Bei K.'s Annahme vermag ich mir das nicht zu erklären.
Als Nr. 7 des Codex erfcheint das Athanafianum. Künltle
nimmt davon und von der Annahme, dafs das Ath. aus
einer fpanifchen Quelle in die den Symbolforfchern bekannte
Sammlung der Handfchrift von St. Maur kam,
Veranlaffung, das Bekenntnifs nach Spanien zu verweifen,
als ,die reiffte Frucht der fpanifchen Theologie des fünften
Jahrhunderts' (S. 134). Innere Gründe hat er für diefe
Behauptung nicht vorgebracht, und fo fcheint es mir nicht
ohne weiteres glaublich, dafs er mit feiner überrafchen-
den Entdeckung Viele überzeugen wird, obwohl ich
wieder zugeben mufs, dafs der Gedanke verführerifch ift.
Die zuerft von Caspari eben aus unferer Handfchrift gedruckte
Exliortatio de symbolo ad neopliytos, die C. dem
Lucifer von Calaris zufchrieb, während ich fie für Eufe-
bius vonVercellae in Anfpruch nahm, hatte fchon Kattenbufch
dem Spanier Gregor von Eliberis zugedacht, währen 1
Morin neuerdings für den fpanifchen Bifchof Syagrius
eintrat. Für ihn plaidirt auch Künltle, möglicher Weife
mit Glück, obgleich mich die Gründe für Antipriscillianis-
mus (S. 65 f.) nicht ohne Weiteres überzeugen. Die angeblich
von Hieronymus stammenden Regulae definitionum
(Cod. Nr. 33; den Text will K. gefondert herausgeben)
follen gleichfalls den Syagrius zum Verfaffer haben, worauf
fchon Morin als Möglichkeit hingewiefen hatte. Nicht
unwichtig find die Sententiae Sanctorum Patrum excerptae
de fide sanetae trinitatis quorundam diseipulo interrogantc
et magistro respondentc (Cod. Nr. 42; Künftle Texte
Nr. 5). Mit ihnen hatte fich fchon Ficker (Vigilius von
Thapfus) befchäftigt und gezeigt, dafs die vornehmftc
Quelle diefer Blüthenlefe, die angeblich von Vigilius herrührenden
12 Bücher de trinitate, nicht diefem gehöre,
fondern möglicherweife einen Spanier zum Verfaffer habe
K ünftle nimmt diefe Vermuthung auf und glaubt zu dem
Ergebnifs gelangen zu dürfen, dafs alle Bücher mit Ausnahme
des zwölften (wahrfcheinlich in den Orient zu
verweifenden) in Spanien entftanden feien. Von den
Sentenzen aber gilt das Gleiche.