Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 17

Spalte:

473-474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bischoff, Erich

Titel/Untertitel:

Kritische Geschichte der Thalmud-Übersetzungen aller Zeiten und Zungen 1901

Rezensent:

Kahan, Israel Isak

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

473

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 17.

474

Bischoff, Dr. Erich, Kritische Geschichte der Thalmud-
Uebersetzungen aller Zeiten und Zungen. Frankfurt a. M.,
J. Kauffmann, 1899. (m S. gr. 8.) M. 3.—

Unter dem obigen Titel bietet der Verfaffer nicht
eine Gefchichte dar, wohl aber eine wegen ihrer Lücken-
lofigkeit, Genauigkeit und Ueberfichtlichkeit recht nützliche
und werthvolle bibliographifche ßefchreibung der
bisher bekannt gewordenen Ueberfetzungen aus dem
Talmud. Das von ihm mit vielem Fleifs gefammelte
Material, das fich auf etwa 300 Schriften, darunter eine
ganze Reihe unedirter Handfchriften und recht feltener
Druckwerke, erftreckt, hat er forgfältig gefichtet und
wie folgt geordnet: Nach Vorausfchickung einer Einleitung
, in der einige irrthümlich für Ueberfetzungen gehaltene
Werke behandelt werden, befchreibt er in drei
Abfchnitten die Ueberfetzungen I) der Mifchna, II) der
paläftinenfifchen und III) der babylonifchen Gemara.
In jedem diefer drei Abfchnitte werden der Reihe nach
a) die Gefammtüberfetzungen, b) die Ueberfetzungen
gröfserer Theile und c) die Einzelüberfetzungen be-
fprochen. Ein vierter Abfchnitt ift der Ueberfetzung der
aufserkanonifchen Tractate gewidmet, worauf ein ,prag-
matifcher Ueberblick' über die verfchiedenen Ueber-
fetzungsarten, Ueberfetzungsprincipien etc. folgt. Ein
Anhang bringt etwa 40 Ueberfetzungsproben, darunter
3 in Facfimile-Abdrücken; in einem Supplement wird
noch eine Reihe von Ergänzungen und Berichtigungen
beigebracht, und ein alphabetifches Regifter fchliefst das
Ganze ab. Der Verfaffer war jedoch nicht blofs darauf
bedacht, die vorhandenen Ueberfetzungen möglichft
lückenlos und correct zu befchreiben, fondern er hat
fich auch Mühe gegeben, ihren innern Werth und ihre
Abhängigkeit von einander zu beftimmen, und auf diefe
Weife ein Stück kritifche Arbeit geleiftet, die verdienft-
voll ift. Man lefe z. B., was er (S. 20ff. 104f.) über Suren-
huyfen beibringt. Durch Ermittelung und Feftnellung
der wichtigeren Daten aus dem Leben der einzelnen
Ueberfetzer hat er auch einen nützlichen Beitrag zur Gefchichte
der chriftlichen Hebraiften geliefert, fo dafs der
immerhin inadäquate Titel feiner Schrift nicht ganz ohne
Berechtigung ift.

Ohne auf das in diefer Schrift in reicher Fülle dargebotene
bibliographifche und biographifche Detail, das,
wie erwähnt, im Grofsen und Ganzen genau und zuver-
läffig ift, näher einzugehen, möchte der Ref. hier einige
Bemerkungen beibringen, die bei einer neuen Auflage der
Schrift Berückfichtigung finden dürften. Die Tofephta
und deren Ueberfetzungen (vgl. darüber Schürer, Gefch.
d. jüd. Volkesl-S. 97 f.) ift vom Verfaffer mit Stillfchweigen
übergangen worden, obwohl ein beträchtlicher Theil
diefes wichtigen Codex fowohl im paläftinenfifchen Talmud
, als auch im babylonifchen wörtlich citirtwiederkehrt.
Da der Verf. fich die Mühe genommen hat, die von
Eifenmenger in feinem ,Entdeckten Judenthum' überfetzten
Talmudftellen zufammenzufuchen und fie über-
hchtlich zu ordnen (S. 66f.), ift es auffällig, dafs er auch
nicht mit einem Worte auf Jul. Bartolocci hingewiefen
hat, der in feiner bekannten Bibliotheca magna rabbinica
III S. 359—663 unter der Ueberfchrift: ,Censurae in pra-
vam doctrinavi Talmudis babylonicix nach der Reihe der
einzelnen Talmudtractate aus diefen alle Stellen, die ihm
bedenklich, verfänglich oder fonftwie merkwürdig er-
fchienen find, zufammengeftellt und mit einer lateinifchen
Ueberfetzung verfehen hat. Im genannten Werke findet
fich auch fonft eine Fülle intereffanter Excerpte aus dem
Talmud nebft lateinifcher Ueberfetzung. Auch Dalman,
Traditio rabbinorum ... (2. Ausg., Leipzig 1891), wo die
für die Gefchichte des A. T. wichtige Stelle aus Baba
bathra, 14b—15 a, in einem kritifch bearbeiteten Texte
nebft lateinifcher Ueberfetzung dargeboten ift, hätte Erwähnung
verdient. Statt des § 77b erwähnten YO ntWfi,
in dem nur einige Erzählungen aus dem Talmud in

ftark überarbeiteter Form zu finden find, hätte Aboabs
Sittenbuch -fiKttn miStt, deffen Inhalt eigentlich nur in
Auszügen aus Talmud und Midrafch befiehlt, und von
dem es eine fpanifche, mehrere jüdifch-deutfche und eine
rein deutfche Ueberfetzung giebt (vgl. Fürft, Bibl. Jud. I, 5),
genannt werden follen. Mit Bewunderung fpricht der Verf.
(S. 83) von jener ,Blütezeit chriftlichen Talmudftudiums',
in der häufig die Magifterfchrift in einer folchen Ueberfetzung
[eines Mifchnatractates] beftand. Da durfte die
noch auffälligere Thatfache nicht verfchwiegen werden,
dafs diefe jugendlichen Talmudüberfetzer meift ihren
Talmudftudien recht bald für immer den Rücken gekehrt
haben. (Vgl. Seb. Schmidt, Erubhin, Leipzig 1661, cpist.
dcdicat. [pag. 5]: Observo namquc inBclgio maximc mag-
nos Viros juvenalia sua stndia unius altcriusve tractatus
Talmudici vcrsionc commendare aliis volnisse quidem;
virilem vero laborem non existimasse. Ita namque mter-
pretor quod tarn cito desierunt Uli ctiam . .) In der
Aufzählung der Zwecke, welche die chriftlichen Gelehrten
mit ihrem Talmudftudium verfolgt haben (S. 83), durfte
auch der der Judenbekehrung nicht fehlen. (Vgl. l'Empereur
van Oppyck, Clavis Talmudica, Leiden 1634, cpist. dedic.
pag. 5 f.). Zu dem vom Verfaffer (S. 88) ausgefprochenen
Wunfche nach einer von einer Vereinigung deutfcher
Gelehrter zu veranftaltenden Talmudüberfetzung fei bemerkt
, dafs fchon Bashuyfen, Clavis Talmudica maxima
(Hanau 1714) Dissert. I, pag. ioq, dem ,institutum clariss.
Loescheri, quo cupit socictatem coire quae conjunctis viribus
transfcrat Gemaram1 Erfolg wünfeht, ohne dafs diefer
eingetreten ift. Uebrigens hat auch P. de Lagarde die
geringe Kenntnifs des Talmud unter den chriftlichen
Gelehrten als einen Mifsftand angefehen, zur Befeitigung
desfelben aber nicht eine Talmudüberfetzung, fondern
ein ganz anderes Mittel empfohlen. In feiner markanten
Ausdrucksweife fagt er hierüber (Mitteilungen II, S. 327):
,Die Nothwendigkeit, irgendwo an einer Univerfität einen
Lehrer des Talmud zu haben, ift dringend'. Wird dies
einmal allgemein anerkannt werden?

Leipzig. I. L Kahan.

Der Dialog des Adamantius hsqI t*h tiq ,'>t6r öq&i~iq nio re<o,-.
Herausgegeben im Auftrage der Kirchenväter-Com-
miffion der Königlich Preufsifchen Akademie der
Wiffenfchaften von Gymn.-Rect. Dr. W. H. van de
Sande Bakhuyzen. (Die griechifchen chriftlichen
Schriftfteller der erften drei Jahrhunderte. Band 4.)
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchh., 1901. (LVIII, 256 S.
gr. 8.) M. 10.—; geb. M. 12.50.

Der fogenannte Adamantius-Dialog, deffen Verfaffer
unbekannt, und deffen Titel: 77ept x7jq elq d-ebv 0Qt}rjq
jiiaxscoq nicht überliefert, fondern aus dem Prologe er-
fchloffen ift (Einl. S. XXII), bekämpft die Härefien des
Marcion und Valentin; im erften Theile wird das Wefen
Gottes, im zweiten die Lehre vom Böfen. das Wefen
Chrifti und die Auferftehung des Fleifches erörtert. Seinen
Namen hat der Dialog von Adamantius, dem Vertheidiger
der orthodoxen Lehre, erhalten. Deffen Gegner, .1) xmv
a&tmv 6oyu.äxcov naoGxäxiq sxevxäq' (vom Herausgeber
S. XXIV unrichtig auf die Fünftheilung des Dialoges bezogen
, wie fie, vielleicht aus dem Briefe des Rufin an
Paulus, S. I,w der Ausgabe, erfchloffen, in der Ueberfetzung
Rufins hs. vorliegt) find die Marcioniten Megethius
und Marcus und die Valentinianer Marinus, Droserius
und Valens; als Schiedsrichter fungirt ein heidnifcher
Philofoph Eutropius, der mehrfach nicht blofs entfeheidet,
fondern auch in die Debatte eingreift und am Schlufse]
wie fchon der gewählte Name andeutet, zur orthodoxen
Lehre bekehrt wird.

Als Verfaffer des Dialoges hat man fchon im
4. Jahrhundert den Origenes betrachtet, und Rufinus hat