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1901 Nr. 16

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Schriften des Vereins für schleswig-holsteinische Kirchengeschichte. 2. Reihe: I. (4. Heft.) Band 1901

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 16.

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hierher gehörigen Aussprüche, um uns zu überzeugen, I
dafs hier ganz andere als hidorifche Motive wirkfam
find. Dem Reformator ift nur deshalb an der Menfchheit
Chrifti fo viel gelegen, weil er in, mit und unter derfelben
Gott findet und Gott befitzt; wenn er fagt ,dies Kindlein
ift der Heiland', oder wenn er das Hauptgewicht
auf das ,Amt' des Erlöfers legt (28. 30), fo ift L. weit
entfernt von der Stimmung, aus welcher etwa Unter-
fuchungen über das Leben Jefu entfpringen; nicht hifto-
rifche Intereffen, fondern Gewiffensfragen und Heilsbe-
dürfnifse find für ihn im Spiel. Dies bewährt fich auch
an der von K. felbft hervorgehobenen Thatfache, Luther
habe es nirgends mit dem Chridus ,an fich', fondern mit
dem Chriftus ,für uns' zu thun (18. 47. 52). Es liegtauf
der Hand, dafs diefe Frageftellung nicht den Gefchichts-
forfcher, fondern den um Begründung des Glaubens und
der Heilsgewifsheit beforgten Chriften zu erkennen giebt.
Man rede alfo nicht mehr von ,Luthers Intereffe an
dem hiftorifchen Chriftus', fondern von feinem Beftreben,
in der irdifch-menfchlichen Erfcheinung und in der ge-
fammten Thätigkeit Chrifti (46), die volle Gegenwart
Gottes zu befitzen und zu erfahren. — Die einem jeden
Capitel der lehireicheu Schrift beigefügten Sätze faffen
die gewonnenen Refultate in klarer und überfichtlicher
Weife zufammen. Wir hoffen, dem durch feine treuliche
Darftellung der Dogmatik Ritfchl's und durch feine
fcharffinnige Studie über die Rechtfertigungslehre des
Johannnes Brenz vortheilhaft bekannten Verfaffer noch
häufig auf dem fo glücklich von ihm bebauten Felde
zu begegnen.

Strassburg i. E. P. Lobftein.

Kemke, Johannes, Patricius Junius (Patrick Young), Bibliothekar
der Könige Jacob I. und Carl I. v. England.
Mittheilungen aus feinem Briefwechfel (Sammlung
bibliothekwiffenfchaftlicher Arbeiten, herausgegeben
von Prof. Karl Dziatzko. 12. Heft.) Leipzig, M. Spir-
gatis, 1898. (XXIX, 146 S. gr. 8.) M. 9—

In der Gefchichte der Bibliothekswiffenfchaft wird der
treffliche Patrick Young, welcher uns Theologen als erfter 1
Herausgeber des (erften) Clemensbriefes (1633) aus dem i
1628 nach London gelangten Codex Alexandrinus bekannt
ift, ftets eine hervorragende Stelle einnehmen.
Ihm verdankt es ja England zu nicht geringem Theile,
dafs von dort die Ausbildung des modernen Bibliotheks- |
wefens ihren Ausgang genommen hat. In der obigen j
Publication giebt K. gegen 200 Proben aus dem Brief- j
wechfel des Junius. wie er ihn zwifchen 1609 und 1652 j
mit verfchiedenen Gelehrten geführt hat. Die Reihe er- j
öffnet und fchliefst der Name Cafaubonus (der ältere
und der jüngere). Von den Adreffaten bezw. Verfaffern ]
der Briefe feien aufser diefen genannt: J. Mountague,
de Mornay, P. du Moulin, P. Goldman, D. Barclay,
Ph. Cluver, L, Holftenius, D. Heinfius, Gothofredus, Gro-
novius, G. J. Voffius, Salmafius, Uff her — man fieht,
welche ftolze Reihe von Namen aus der Gelehrtenrepublik
der Zeit mit dem befcheidenen aber wohlunterrichteten
und ftets dienftbereiten Bibliothekar in
Verbindung tritt! Von den Briefen find bisher nur etwa
10 publicirt. Gefammelt find die jetzt vorgelegten durch
den 1710 verdorbenen Bibliothekar derCottoniana, Thomas
Smith. Einen Anhang bilden Briefe von Griechen, die
fich damals ,theils bettelnd, theils Studirens halber in
England aufhielten' (S. 118), und die, zu einer förmlichen
Landplage geworden, fich an Leute wie den des Grie-
chifchen kundigen Junius wandten. Befonderes Intereffe
wird der S. 125 mitgetheilte Entwurf eines (griechifchen)
Schreibens erregen, welches Junius 1622 an den durch
den Patriarchen Cyrill Lukaris nach England gefandten
Metrophanes Kritopulos richtete, wenn auch fein Inhalt
nicht gerade bedeutfam id: will man nämlich fehen, wie

lumpig diefer Grieche, der doch fpäter Patriarch von
| Alexandrien wurde, fich dem englifchen Gelehrten gegenüber
zeigte, fo verfolge man die mitgetheilten Briefe.

Man fieht — die Publication id nach mehreren Seiten
hin intereffant: für den Theologen werden unter den Briefen
diejenigen vor anderen die Aufmerkfamkeit auf fich ziehen,
welche die eben erfolgte Publication des Clemensbriefes
zum Anlafs haben (n. 108 ff.).

Königsberg. Benrath.

Schriften des Vereins für schleswig-holsteinische Kirchengeschichte
. II. Reihe (Beiträge und Mitteilungen). 4. Heft.
Kiel, H. Eckhard in Komm., 1900 (155 S. gr. 8.)

Das vorliegende Heft der kleineren Veröffentlichungen
des Vereins für fchleswig-holdeinifche Kirchengefchichte
enthält neben gefchäftlichen Mittheilungen, einigen Nekrologen
, Bemerkungen über Kirchfpielschroniken u. dgl.
namentlich zwei Auffätze: Ferdinand Lorenzen, der Land-
kirchener Altar und feine Wiederherdellung (S. 1—29)
und E. Jacobs, Anton Heinrich Walbaum und die pie-
tidifche Bewegung in den Herzogthümern Schleswig und
Holdein (S. 30-136).

Im 2. Hefte der ,Beiträge und Mitteilungen' veröffentlichte
A. Matthaei einen Auffatz ,Zum Studium der
mittelalterlichen Schnitzaltäre Schleswig Holdeins', in
dem er nicht nur auf die hohe Bedeutung diefer Altäre
hinwies, fondern auch zur Mitarbeit an ihrer Erforfchung
aufforderte. Lorenzens Auffatz id infolge jener Aufforderung
entdanden. Er behandelt den Hauptaltar, der ehemals
in der Kirche in Landkirchen auf Fehmarn dand
und jetzt fich im Thaulow-Mufeum in Kiel befindet. Lorenzen
giebt zunächd eine genaue Befchreibung des
Altars, eines Triptychons mit je vier Feldern auf jedem
Flügel und fechs Feldern im Schrein, alfo i. g. 14 Feldern
, die Dardellungen aus der Leidens- und Herrlich-
keitsgefchichte des Herrn enthalten. Das Abendmahl,
der Judaskufs, die Kreuztragung, die Pietä und die Auf-
erdehung werden auf fünf beigegebenen Tafeln uns vorgeführt
. Als Zeit der Entdehung der Schnitzereien dellt
1 Lorenzen (nach Matthaei) das Ende des 14. Jahrhunderts
; fed, als ihre Heimath wahrfcheinlich Lübeck. Vorfchläge
für die Wiederherdellung des leider ziemlich defecten
Altars — namentlich fehlt die Füllung dreier Felder —
bilden den Abfchlufs des intereffanten Auffatzes. —

Jacobs hat feiner Dardellung werthvolle handfchrift-
] liehe Quellen zu Grunde legen können, Walbaums Tage-
| buch, das diefer fad fein ganzes Leben lang mit gröfster
Sorgfalt geführt hat, und von dem 21 Bände ■— die Jahre
1720—1724, 1726—44, 1748—14. Mai 1753 umfaffend —
noch auf derFürdl. Bibliothek in Wernigerode vorhanden
| find, und einen umfaffenden Briefwechfel. Hoffentlich
nutzt Jacobs diefe äufserd indruetiven Quellen noch wei-
j ter aus und fügt den gediegenen Abhandlungen aus der
j pietidifchen Zeit, die wir von ihm fchon befitzen — vgl.
u. a. Zeitfchr. d. Harzvereins f. Gefch. u. Altertumskunde
XXXI (1898) S. 121 ff. — noch fernere hinzu.

Anton Heinrich Walbaum id ein fehr charakteridifcher
j Vertreter der pietidifchen Richtung und hat in den pie-
tidifch gerichteten vornehmen Kreifen in der erden Hälfte
des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle gefpielt. Wir
müffen Jacobs dankbar fein, dafs er feinen Namen aus
] der Vergeffenheit hervorgezogen hat.

Auf dem Pädagogium in Halle wird Walbaum mit
] dem Grafen Zinzendorf, dem Schweizer Friedr. von Watten-
wyl und dem Freiherrn Georg Wilhelm von Söhlenthal
zufammengeführt. Dann dudirt er, obgleich er mehr zur
j Theologie neigt, in Jena und Halle Jurisprudenz. Infolge
feiner vornehmen Beziehungen, von A. H. Francke warm
empfohlen, wird er Studienleiter zuerd des Sohnes des
j oftfriefifchen Generalfuperintendenten Levin Coldewey, da-
! rauf des preufsifchen Generals von Natzmer. In letzterer