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Ausgabe:

1901 Nr. 1

Spalte:

23-25

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Opitz, H. G.

Titel/Untertitel:

Grundriss einer Seinswissenschaft.(Erster Band. Zweite Abtheilung.) 1901

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 1.

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Dafs Eck diefer Aufgabe nahezu ganz aus dem Wege
geht — denn mit Verweifen auf die praktifch-perfönliche
Mitbedingtheit alles Erkennens und auf Kaftan's Kampf
gegen den Kaufalitätsbegriff ift hier nichts gethan — das
mag den Werth des Buches für viele Lefer beeinträchtigen,
die vor allem von der Macht befreit fein wollen, der
Straufs erlegen ift. Aber es ift beffer hier nichts zu fagen,
als Phrafen zu machen, das Bild der Entwickelung
Straufsens zu zeichnen und wirken zu laffen, als doctrinäre
Unterfuchungen über Pantheismus und Monismus zu liefern.
Unter -diefem Gefichtspunkte betrachtet ift das Buch mit
feiner Unparteilichkeit, feiner freien und edlen Darftellungs-
form und feinem fcharfen analyfirenden Geifte eine der
erfreulichften Erfcheinungen in der theologifchen Literatur
der letzten Jahre.

Heidelberg. Troeltfch.

Opitz, H. G., Grundriss einer Seinswissenschaft. ErfterBand:
Erfcheinungslehre. Zweite Abtheilung: Willenslehre.
Leipzig, H. Haacke, 1899. (XXII, 299 S. gr. 8.) M. 7.—

Die bis S. 147 reichenden Ausführungen erwecken
einen günftigeren Eindruck von der wiffenfchaftlichen
Capacität des Verf., als der im Jahrgang 1899 (Sp. 25of.)
besprochene erfte Halbband des vorliegenden Werkes.
Wenn damals u. a. zu erinnern war, dafs nach dem eigenen
Schema des Verf. die ,Bewegungserregungen' vor den
,Vorftellungserregungen' hätten erörtert werden müffen,
fo beginnt nun der zweite Halbband mit einem allgemeinen
Theile, der auch die vorweggenommene Erkennt-
nifslehre zu nützen beftimmt ift, und deffen erft nachträgliche
Behandlung der Verf. S. ig f. zu rechtfertigen
verfucht. Er begründet in jenem allgemeinen Theile die
Annahme, dafs allem Wirklichen eine Urkraft zu Grunde
liege, ,die fich zu ihren Erfcheinungsformen, dem Geiftigen
und dem Körperlichen, verhält wie die Urfache zur
Wirkung', und die fich, genauer betrachtet, in den Naturkräften
und in der Lebenskraft auswirkt. In Beziehung
auf diefe wird dann der ,Haupt- und Fundamentalfatz'
feftgeftellt, ,dafs alle Lebensvorgänge allein und aus-
fchliefslich Wirkung der Lebenskraft find', die ihrerfeits
in den Lebewefen fowohl die unbewufsten als auch die
bewufsten Vorgänge leiftet. Indem nun blofs die Be-
wufstfeinserfcheinungen unter der Bezeichnung Seele zu-
fammengefafst werden, ift diefe Schlechterdings nichts
felbftändiges, fondern nur die eine der beiden, nämlich
die geiftige Erfcheinungsform der mit Bewufstfein begabten
Lebewefen'.

Die Willenslehre felbft, die nun folgt, wird unter den
fchon in der Erkenntnifslehre verwertheten Gefichts-
punkten der Gebundenheit und der Freiheit behandelt.
Dabei wird dem Willen im Verhältnifse zum Vorftellungs-
vermögen die ,wefentlichere Rolle', der Primat zuge-
fchrieben. Denn er fetzt das Vorftellungsvermögen überhaupt
erft in Thätigkeit, und die Thätigkeit des Erkennens
fteht ,ihrem vollen Umfange nach im Dienfte des Willens'.
Die Willenslehre des Verf. umfafst als ,Bewegungserregungen
in der Form der Gebundenheit' auch die Gefühle
und die Triebe, die einerfeits zwar felbftändige Bedeutung
haben, andererfeits aber nur die Anfangsftadien
und Vorbereitungen zum Willen im Stadium feiner vollausgeprägten
Richtung find. Die Ausführungen über die
fo in auffteigender Reihe geordneten Bewegungserregungen
Gefühl, Trieb und Wille enthalten im Einzelnen manche
gute Beobachtung, z. B. über die nicht elementare, fondern
complexe und infofern theils Luft-, theils Unluft-
gefühle einfchliefsende Befchaffenheit folcher Gefühle,
wie Liebe, Hafs, Neid u. f. w. (S. 73 ff.)- Ferner fcheint
es mir beachtenswerth, wenn der Verf. das Wefen der
Luft- und der Unluftgefühle auf eine vorhandene oder
nicht vorhandene Uebereinftimmung mit der [individuellen]
Anlage der Lebenskraft zurückführt (S. 77). Auch die

Bemerkung ift richtig, dafs es fich beim Conflict der
Motive nicht um einen Widerftreit von Vorftellungen,
fondern von Willenserregungen handelt (S. 130).

Andererfeits ift manches auch in diefem Abfchnitte
des Buches anfechtbar. So wird auf S. 95 das Wahrnehmen
und Fühlen phyfiologifcher Vorgänge dem Umfange
nach mit einander gleich gefetzt, ohne dafs der der
heutigen Pfychologie mit Recht fo wichtige Unterfchied
zwifchen dem Gefühl und der Empfindung, die hier fpeciell
als Muskel- und Organempfindung in Betracht kommen
würde, gebührend berückfichtigt wäre. Ferner halte ich
die aus dem fchon erwähnten ,Haupt- und Fundamentalfatz
' des Verf. fliefsende Vorftellung fchon an fich für
unvollziehbar, dafs die Lebenskraft es fei, die die Gefühle
und Triebe, und zwar ausfchliefslich, erzeuge. Denn diefe
find doch vielmehr integrirende Zuftände der in ihnen
immanent bleibenden Lebenskraft felbft, aber eben darum
nicht auch deren Erzeugnifs, wenn anders es dem Begriffe
des Erzeugens eigenthümlich ift, dafs ein Wefen ein
anderes ihm gleichartiges, aber nun gerade auch felbftändig
werdendes Wefen aus fich heraus fetzt. So wenig alfo,
wie man einen Wafferfall als Erzeugnifs des Flufses oder
Baches wird bezeichnen können, der ihn als Etappe in
feinem Laufe erfährt, fo wenig, meine ich, ift jene Redeweife
anwendbar. Doch diefe Einwendung trifft nicht
etwa nur den Sprachgebrauch des Verf., fondern auch
die in ihm fich ausfprechende dem Occafionalismus verwandte
Anfchauung, dafs die Umftände, unter denen Gefühle
und Triebe auftreten, nur als deren Erreger und
infofern eben nicht als ihre Urfache in Anfpruch zu
nehmen feien. Der Verf. lehnt den allerdings aus der
Mechanik herrührenden, aber vorzugsweife doch in erweitertem
Sinne gebräuchlichen Begriff der Auslöfung in
feiner Anwendung auf die Vorgänge auch des feelifchen
Lebens ab. Dennoch find in diefem die Verhältnifse,
unter denen es zu actuellen Leiftungen irgend einer
pfychifchen Function kommt, durchaus den Vorgängen
in der Natur vergleichbar, bei denen es fich um die Auslöfung
, d. h. um die Wirkfarnmachung einer latenten durch
die Einwirkung einer kinetifchen Energie handelt. Welcher
diefer beiden Factoren nun zu Hervorbringung der ihnen
gemeinfamen Wirkung am meiften beigetragen zu haben
fcheint, den pflegen wir auch als deren eigentliche Urfache
anzufehen. Infofern kann das Urtheil über diefe
fehr wohl fchwanken. Im geiftigen Leben fragt es fich
dabei, ob zu der oder jener pfychifchen Leiftung mehr
die eigene Kraft des Subjects oder mehr die auf diefes
von aufsen her wirkfam gewordenen, alfo objectiven Ein-
flüffe mitgewirkt haben. Denkt man dabei nun vor allem
an die auf finnlicher Wahrnehmung beruhende Geftaltung
unferer Vorftellungswelt als folcher, fo mag allerdings
wohl der fubjective Factor als der ausfchlaggebende an-
gefehen werden. Erwägt man aber, dafs die Aufsenwelt,
zu der ja auch alle anderen Menfchen gehören, uns nicht
nur als Vorftellung gegeben ift, fondern auch als ein
Complex unzähliger fremder Kräfte mit der in dem ein
zelnen Subject vertretenen Lebenskraft in einer fortwährenden
Wechfelwirkung fteht, ferner dafs der Einzelne
gegenüber allen anderen doch nur zu einer verhältnifs-
mäfsig fehr geringen Reaction im Stande ift, und endlich,
dafs er in der Wechfelwirkung mit der ihn umgebenden
Welt qualitativ gar nicht derfelbe bleibt, fondern durch
die Rückwirkung feiner Lebenserfahrungen auf die Befchaffenheit
feiner Subjectivität mehr oder weniger verändert
, und zwar nicht nur entwickelt, fondern zugleich
auch umgebildet wird, fo find im Ganzen doch vielmehr
die objectiven Bildungseinflüfse als dem Können des einzelnen
Subjectes bei weitem überlegen zu erachten. Aber
die pfychogenetifche Betrachtung des Willenslebens, fo-
fern diefes in jedem einzelnen Subject den Inhalt feiner
Willensrichtung immer nur aus der Einwirkung der Aufsenwelt
empfängt, und auch in formaler Hinficht nur im Aus-
taufch mit diefer mehr oder weniger günftig entwickelt,