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Ausgabe:

1901 Nr. 15

Spalte:

432-434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Löber, Richard

Titel/Untertitel:

Das innere Leben 1901

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 15.

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Anficht von dem fördernden Einflufs Pufendorfs auf diefen
Procefs (d. rechtl. Stelig. der ev. Kirche Deutfchlands
S. 226fr.) einer leifen Correctur bedarf. P. fleht der genuin-
lutherifchen Anfchauung näher, als R. dort fchildert. Es
ift nicht richtig, dafs P. die Lage der älteften Chriftenge-
meinden als normativ angefehen habe (vgl. Lezius S. 73),

liehe (= natürliche?) Religion hat in ihrem gefchichtlichen
Verlauf die Hemmungen erfahren, die der Verf. des Näheren
kennzeichnen will. Das Aufkommen eines priefterlichen
Gottesdienftes in der israelitifchen wieder orphifch-diony-
fifchen Religion ift der letzte Quellpunkt aller Uebel. Ein
Dualismus, dem Gott und Natur, Geilt und Leib in fchroffem

und dafs er dem Staat lediglich eine weltliche Zweck- j Gegenfatz flehen, führt zu äufserlicher Askefe, zum Be-
beftimmung zufchreibe. Vor allem aber hat P. das landes- J dürfnifs reinigender und fühnender Mittel, die wiederum
herrliche Kirchenregiment fo energifch vertheidigt, dafs [ die Vorftellung priefterlicher Vermittlung hervorrufen und
er als Gegner der modernen, auf die freie Kirche im dann in den Dienft priefterlicher Herrfchfucht treten. Im
freien Staat hinzueilenden Bewegung einzuftellen ift. Es ; Chriftenthum fleht, wie es fcheint, Alles noch ziemlich erträg-
ift kaum zweifelhaft, dafs die wenigen Männer, die fich i lieh bis auf Auguftin. Mit diefem aber bricht das Verderben
Anfang des 19. Jahrhunderts der damals beginnenden herein. Der Verf. weifs an ihm eigentlich nur feine Bemüh-
Selbftändigkeitsbewegung in den Weg (teilten, dies unter ungen um ein pfychologifches Verftändnifs des Trinitäts-
dem Einflufs Pufendorfs gethan haben. 1 dogmas zu rühmen, denen er eine merkwürdige Theilnahme

Frankfurt a. M. E. Foerfter.

Otto, Alexander, Hemmungen des Christenthums. Gegner und
Orthodoxien. 1. Heft. Berlin, C. A. Schwetfchke &
Sohn, 1899. (XI, 109 S. gr. 8.) M. 1.25

— Hemmungen des Christenthums. Orthodoxien und Gegner.
2. Heft. I. Aus der Zeit der apoftolifchen und katho-
lifchen Kirche. II. Auguftinus. III. Moderne Ketzer-
richterei. Ebd. 1899. (VII, 123 S. gr. 8.) M. 1.60 j des Papftthums auf ihn zurückführen. Der Bekämpfer

entgegenbringt. Mit dem genuinen Proteftantismus hat er
nichts zu thun. Hingegen ift er der Schöpfer fowohl des
religiöfen wie des politifchen Katholicismus, die mit dem
in diefen Heften vielgenannten weiland Giefsener Profeffor
Leopold Schmid ftreng von einander gefchieden werden.
Auguftin wird es zur Laft gelegt, dafs der neuplatonifche,
zugleich altgriechifche Gottesbegriff mit feiner ftarren Un-
beweglichkeit in das Chriftenthum eindringt; er ift damit
zugleich faft der Vater von Askefe und Mönchthum.
Schlimmer aber ift, dafs auch Motive und Kampfesweife

üasfelbe. 3. und 4. Heft. I. Widmung und Erlebtes. • des Donatismus erfcheint in Parallele mit Fauft als Zer-

rr r u _ 1 ttt r-i„ uesjvii.. Vxtti i • • ~ i ftörer der Capelle am Meeresftrande. Unbefonnener Ehrgeiz,

II. Vorbemerkungen. III. Der pohtifche Katholizismus. 1 , , u r 1 ... , , yv '

^ r ' unduldfamer Herrfcherwille, dem es nur um weltliche Ver-

Ebd. 1900. (XVIII, 235 S. gr. 8.) M. 3— ; gröfserung feines Bisthums zu thun war, hat den Jammer

Der Verf. diefer Hefte hat es mit den fchweren | verfchuldet, der über Afrika hereinbrach. Die kleine GeHemmungen
zu thun, die dem Chriftenthum aus dem meinde in der Nähe von Hippo (vgl. R.E.34, 796 Z. 10)
Gebahren feiner unduldfamen orthodoxen Vertreter ent- j wäre friedlich dahingeftorben, wenn nicht der böfe Nachbar
flehen. Indem er diefe Orthodoxien bis auf ihre letzten ' gewefen wäre. Zu fpät hat diefer eingefehen, was er an-
gefchichtlichen Wurzeln zurück und durch ihren ganzen | gerichtet hatte. Im Jammer über das heraufbefchworene
Verlauf hin verfolgen will, kann er doch nicht umhin. '< Elend ift er geftorben (vgl. ebd. 2, 283. 285). Diefe Schilfeine
eigene Anfchauung zuvor darzuftellen. Er frägt I derung bildet den Ausgangspunct zu einer ausführlichen
nach dem Neuen, was Chriftus brachte. Die fittlichen j Gefchichte des Papftthums, die das 3. Heft bietet. Von
Forderungen des .Denkers von Nazareth' find inhaltlich Anfchauungen Auguftins, durch die er über den griechi-
kaum von denen der alten Propheten zu unterfcheiden. fchen Katholicismus hinausgewachfen ift, ift nirgends die
Aber fie find einerfeits durchaus univerfal, andererfeits , Rede; unter Ehrgeiz und Herrfchfucht verfchwindet der
ganz innerlich zu verftehen; fie haben alfo eine ganz all- j ideale Hintergrund, den de civitate Dei der Kirche des
gemeine Giftigkeit und fie beziehen fich auf ein Reich, 1 Mittelalters gefchaffen hat, ebenso wie Auguftin's eigent-
das nicht von diefer Welt, einen Himmel, der im Innern ! liehe Frömmigkeit neben feiner ,Prieftervermittelungsvor-
des Menfchen ift. Diefe naturgemäfsefte und fomit wiffen- | ftellung' nirgends zu Worte kommt. Reuter's Studien
fchaftlichfte, im Namen einer reinen Vernunft, die niemand j und Harnack's Dogmengefchichte find dem Verf. fchwer-
aufser Chriftus hatte, auftretende Sittlichkeit fteht im Bunde j lieh jemals in die Hände gekommen. Er verräth auch
mit einer Religion, die auf die gleichen Prädicate Anfpruch 1 fonft mehrfach kirchengefchichtliche Kenntnifse feltfamer
erheben kann. In ihr dominirt der Schöpfungsgedanke, j Art. Das Apoftolicum ift zu Anfang des 6. Jahrhunderts
,Die Anfänge des Chriftenthums' werden, an der Hand j entftanden und im 9. in den Gebrauch der römifchen
von Citaten aus Humboldt's Kosmos, als eine Zeit be- j Kirche gekommen (2, 31). Noch zu Irenaeus Zeit befafsen
geifterter Naturanfchauung gefchildert, die keinen Raum die fünf Patriarchen der fünf Provinzen des gefammten
für dualiftifche und gar fpiritualiftifche Weltanfchauungen ! römifchen Reiches gleiches Anfehen (3, 23). Nachdem
bietet. Von da aus wird in kühnem Sprunge der Boden einmal von clunyacenfifchen Reformen des Mönchthums
moderner Naturwiffenfchaft erreicht, Aftronomie und die Rede gewefen war, werden alle analogen Bewegungen
Chemie werden zu Zeugen des Gottes, den Israel als j frifchweg unter diefem Namen untergebracht, als ob Franz
den Herrn aller Kräfte (Zebaoth!) rühmte, unfere wiffen- 1 und Loyola nicht das Recht auf eigene Namen hätten,
fchaftliche Erkenntnifs des Riefenalls mit feiner bis ins ; Die Sprache des Verf.'s weift eine Menge feltfamer Wort-
kleinfte reichenden naturgefetzlichen Ordnung macht die bildungen auf: allmöglich, allzeitlich, wanklos, Lebfucht,
Uebermenfchlichkeit und Wunderallmacht des Gottes der ' Umgebewelt u. A. II. Theff. 5, 21 wird wiederholt auf
Pfalmen und des Clemens Romanus (vgl. Loofs Chr. Welt ■ .Chriftus felbft' zurückgeführt.

1899 S. 664) fo deutlich kund, dafs die für Jefu Zeitge- Offenbach. S. Eck.

noffen nothwendigen Wunder für uns entbehrlich werden.__

Bleibt nun auch in ChriftiOpfertod, der ,kein blofs menfeh- ::_ , " '

liches Sterben war', fondern der Tilgung der Schuld, der Lober, Ooerconfiftonalrath D. Rtchard, Das innere Leben
Sühne der Sünde, der Verföhnug mit Gott diente, ein j oder der Verkehr des Chriften mit Gott und Menfchen.
Reit von Geheimnifs in diefer Religion übrig, fo kann Gemeinverständlich dargeftellt. 3. gänzlich umgear-
der Verf. doch allen Ernftes das Lebenswerk Jefu auf die beitete Auflage. Gotha, G. Schioessmann, 1000. (V
Formel bringen: ,er brachte die Wiffenfchaft (1, 11 cf. 71. ,a-> S m- 81 M fi _

76.85 u. f. f.) von der den Menfchen zum Menfchen machen- j 3<*> » *>'• °V m. o.

den, wahren und wirklichen oder der realen Religion und Die erfte Ausgabe des Werkes: ,Das innere Leben

Sittlichkeit'. liegt mehr als 40 Jahre zurück; die vorliegende dritte

Diefe .wiffenfehaftliche', d. h. wohl allgemein-menfch- ift durch den Geiftesertrag eines reichen Lebens zu einem