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Ausgabe:

1901 Nr. 15

Spalte:

427-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnell, Heinrich

Titel/Untertitel:

Mecklenburg im Zeitalter der Reformation. 1503-1603 1901

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 15.

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felder-Horawitz S. 496—502, 537 f., 555, 590 f., 622) bietet,
und die Notiz bei Ernft: Briefwechfel des Herzog Chri-
ftoph I S. 2., dafs die Acten zur Reformationsgefchichte
von Mömpelgard in der bibliotheque nationale zu Paris
liegen, hätte ftutzig machen können, ob ohne Kenntnifs
derfelben eine Biographie Erbs möglich war. Dafs das
thatfächlich nicht möglich ifl, hat die gleichzeitig mit
R.'s Schrift erfchienene vortreffliche Arbeit von Vienot:
Histoire de la reforme dans le pays de Montbcliard
2 Bde. gezeigt. Hier findet fich in erdrückender Fülle
neues Material über Erb, theils aus Paris, theils aus Bafel,
theils aus Stuttgart. Hier in Stuttgart lagert im Staatsarchiv
noch ein ganzer Schatz von Briefen an Erb (Vienot
II S. 314.), der in Vienots Werk feinem Zweck entfpre-
chend nur z. T. Verwendung finden konnte. Es ift ein
Mifsgefchick, dafs im Augenblick der Veröffentlichung
feiner Arbeit eine andere ad oculos demonftrirt, was
noch hätte gefchehen müffen, aber hoffentlich läfst fich
Vf. dadurch nicht abhalten, nunmehr auf breiterer Grundlage
das Lebensbild von Erb darzuftellen.

Giefsen. W. Köhler.

Schnell, Dr. Heinrich, Mecklenburg im Zeitalter der Reformation
. 1503—1603. (Mecklenburgifche Gefchichte in
Einzeldarftellungen, V. Heft). Berlin, W. Süfferott, 1900.
(VIII, 324 S. gr. 8.) M. 6.—

In dem grofs angelegten Werk ,Mecklenburgifche Gefchichte
in Einzeldarftellungen' bildet den fünften Theil
die von dem Güftrower Oberlehrer Dr. H. Schnell bearbeitete
Gefchichte Mecklenburgs im Zeitalter der Reformation
1503—1603, von welcher der Verfaffer unter Aus-
fcheidung der politifchen Gefchichte einen Auszug in den
Schriften für das deutfehe Volk, herausgegeben vom Verein
für Reformationsgefchichte Nr. XXXIV, gegeben hat.
Es ift Schnell gelungen, ,aus den Quellen ein wahrheitsgetreues
Bild der gefchichtlichen Ereignifse und Zuftände
zu gewinnen', das fich angenehm lieft (vgl. aber S. 42
S. 266, Z. 13 das Oberftenamt, der felbft). Er verfolgt aber
zugleich einen polemifchen Zweck. Denn er will landläufige
Vorftellungen und von gewiffer Seite immer aufs neue
vorgebrachte Behauptungen zurückweifen, welche in Wahrheit
nur zeigen, wie die Reformation nicht geworden ift'.
Leider hat es dem Verfaffer nicht gefallen, ,die gewiffe
Seite', gegen welche er fich wendet, näher zu kennzeichnen
. In ähnlicher Weife läfst er die den mecklen-
burgifchen Dingen ferner flehenden Lefer in umfo peinlicherer
Ungewifsheit, je mehr fie mit Theilnahme die
Arbeit des Verfaffers verfolgen, dem es gelungen ift, das
evangelifche Bekenntnifs der Fürften von Mecklenburg
am 20. Juni 1549 wieder aufzufinden. S. 310 fchreibt
Schnell: ,Von einer Seite, die meinen Arbeiten ziemlich
fernfleht, aber auch fonft fchon herabfetzend über diefelben
urtheilte, wird mir der Ruhm der Auffindung des Be-
kenntnifses, wenn überhaupt von einem Ruhm geredet
werden darf, ftreitig gemacht'. Hier hätte Schnell gut
gethan, Namen zu nennen und die Quelle zu citiren, die
dem Lefer den guten Grund von Schnells Klage deutlich
macht: Die Anonymität ift überall vom Uebel, auch auf
dem Gebiet der Wiffenfchaft.

Das Bild, das Schnell von der Reformation entwirft,
hat viel Ansprechendes. Hier ift kein ftürmifches Drängen,
kein unficheres Schwanken zwifchen mancherlei neuen
Wegen, kein Uebergang aus einer Zeit des religiöfen
Indifferentismus in eine Zeit der kräftigften religiöfen Erregung
. Wie in Süddeutfchland, ,ftand die Religion am
Vorabend der Reformation im Mittelpunkt des öffentlichen
und häuslichen Lebens'. Aber fie konnte die Herzen nicht
mehr befriedigen und das Leben nicht beffern. In Rom
urtheilte man 1514: die Mecklenburger find wie die Böhmen.
Denn auch fie hatten erfahren, wie Geld die erfte Rolle
im kirchlichen Leben fpielte oder, wie es ein Chronift

ausdrückt, die Päpftlichen die unverfchämteften Erzbettier
waren. Der allmählige Gang der Reformation hängt zu-
fammen mit der Stellung der Herzöge Heinrich und Albrecht
, die beide 1524 fich um Prediger an Luther wandten.
Aber während Heinrich immer entfehiedener fich der
Reformation zuwandte, kehrte fich Albrecht wieder im
Zufammenhang mit feiner ganzen politifchen Haltung dem
Papftthum zu. Schnell ift fehr befliffen, Albrecht vor dem
Vorwurf zu fchützen, als fei er wieder vom Evangelium
abgefallen (S. 69), und fagt: ,Der Fürft war die Zeit
feines ganzen Lebens ein aufrichtiger Katholik (S. 126).
Er kann fich für diefe Anficht nicht darauf berufen, dafs
Albrecht nur zur Ausführung der Reichstagsbefchlüffe von
1523 und 1524, welche auf die Predigt drangen, um Prediger
bei Luther nachgefucht habe. Ein aufrichtiger
Katholik jener Tage konnte fich unmöglich Prediger von
Luther zufchicken laffen. Es kann gar kein Zweifel fein,
dafs auch Albrecht unter dem Eindruck der Nürnberger
Reichstage eine Zeit lang fich Luther zuwandte: So gut
aber Kurfürft Ludwig von der Pfalz eine Zeit lang evangelifche
Hofprediger in der Perfon von Wenzel Straufs und
Joh. Gayling hatte, fo gut fein Bruder Friedrich einen
Butzer zum Hofcaplan nahm, und dann beide Brüder der
kaiferlichen Politik fich wieder hingaben und der neuen
Richtung den Rücken kehrten, fo gut ift es begreiflich,
dafs Herzog Albrecht, bei dem hohe politifche Ziele ftets
den Ausfchlag gaben, fich bald von Luther zurückzog.
Abfall wird man diefe Wendung nicht heifsen dürfen,
denn auch jenes Gefuch an Luther um Prediger des
Evangeliums wird weniger aus tiefem religiöfem Bedürfnifs
als aus dem Eindruck der augenblicklichen politifchen
Lage und vielleicht fogar einer perfönlichen Beeinflufsung
durch den Lutherfreund Hans Löfer bei Albrechts Hochzeit
S. 305 hervorgegangen fein. Wäre Albrecht 1524 als
,aufrichtiger Katholik' unter den Fürften des Reichstags
angefehen worden, dann wäre er wohl auch zum Regensburger
Convent beigezogen worden.

Die Schilderung der Stellung der Fürften zur Reformation
beherrfcht fo fehr die Darfteilung, dafs die volks-
thümliche Bewegung zurücktritt. Wir erfahren nichts von
Flugfchriften, in welchen fich der Geift des Volkes im erften
Jahrzehnt der Reformation anderweitig ausfprach, nichts
von Liedern, wie fie fonft erklangen im Kampf der Geifter,
und doch geht das Volk mit feinen Predigern den Fürften
in der Theilnahme an der neuen Bewegung voraus. Erft
1533 bekannte fich Herzog Heinrich durch die communio
sub utraque ganz zum Proteftantismus, erft am 20. Juni 1549
wird Mecklenburg auf dem Landtag an der Sagsdorfer
Warnowbrücke bei Sternberg durch Abweifung des Interims
und Uebergabe eines Bekenntnifses an den Kaifer zu
einem ganz evangelifchen Land.

Sehr beachtenswerth im Gegenfatz zu Janffen ift der
Nachweis, 1. dafs die Reformation in Mecklenburg nicht eine
von den Fürften angezettelte Sache ift, 2. dafs fie keinen
Kirchenraub von Seiten der Fürften zur Folge hatte,
3. dafs die Bildung und die Freude an der Kunft durch
die Reformation nicht gefchädigt wurde. Als befonders
intereffant und gelungen erfcheinen die einander ent-
fprechenden Abfchnitte ,Leben und Sitte des Volkes am
Vorabend der Reformation' und ,das mecklenburgifche
Volk am Abend des Reformationsjahrhunderts'. Hier
fleckt eine Menge fehr intereffanter Notizen, z. B. das
Gebet um den ,guten Strand' d. h. reichliche Beute von
geftrandeten Schiffen, die 5 oder 6 Puppen, welche ein
Franciscaner in Stralfund mit auf die Canzel brachte, um
in der Paffionszeit Jefus vor Hannas, Kaiphas und Pilatus
zu veranfehaulichen, oder die Ziegen und Schafe, welche
man zur Chriftmette mitbrachte, die Hunde, welche man
in grofsen Kirchen der Seeftädte zum Schutz gegen Diebe
hielt. Sehr zweifelhaft find die .Schädel der 11000 Ritter'.
Denn es giebt nur 40 Ritter im Heiligenkalender (9 März),
aber 11000 Jungfrauen, S. Urfula an der Spitze (21. Okt.).
I Eigenartig find die zwölf goldenen Freitage- S.47, an denen