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Ausgabe:

1901 Nr. 1

Spalte:

20-23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eck, Samuel

Titel/Untertitel:

David Friedrich Strauss 1901

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 1.

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ftorbenen; einer feiner Freunde, Profeffor von Zwiedineck 1
in Graz, hat ihr mit Rath und That dabei zur Seite ge- i
ftanden. So ift ein Werk entftanden, welches, wie es im !
Vorworte nicht mit Unrecht heifst, wohl geeignet ift, die
Vielfeitigkeit der Studien Stieve's, den Reichthum feiner
Anlagen, die Kraft feines Ausdruckes, fein warmes Gefühl,
feine Begeifterung der Nachwelt zu überliefern. Es find
im ganzen 25 Abhandlungen und Vorträge, die uns in
dem ftattlichen Bande dargeboten werden; auf den erften
Blick laffen fich mehrere Gruppen unterfcheiden, die fich
von felbft ergeben. Die erfte und der Zahl nach ftärkfte
Gruppe bilden diejenigen Stücke, welche fich auf die Ge-
fchichte der katholifchen Reaction und auf das Zeitalter
des 30jährigen Krieges beziehen, es find die Nummer 4
uncj 6—15. Diefe beiden Jahrhunderte waren ja auch das
eigentliche Arbeitsgebiet Stieve's, auf welchem er zu
Haufe war, wie wenige andere Forfcher; kein Wunder,
dafs wir hier gerade den reifften Proben feines Talentes
begegnen. Als die Perle darunter dürfte nach Anficht des
Ref. wohl die Feftrede über Kurfürft Maximilian I. von
Bayern (Nr. 10) anzufehen fein, welche 1882 in der
Münchener Academie der Wiffenfchaften gehalten worden
ift. In der glücklichften Weife ift hier der Verfuch gelungen
, eine nach allen Richtungen hin erfchöpfende und
eindringende Charakteriftik jenes bedeutenden Herrfchers
zu geben. Vielleicht diefer Rede am nächften kommt
dann, gleichzeitig ein Gegenftück dazu bildend, der Vortrag
über Guftav Adolph (Nr. 12). Durchaus zu billigen ift
es, dafs die gründlichen Artikel Stieve's in der Allgemeinen
deutfchen Biographie über Rudolph II., Ferdinand II. und
Ferdinand III. durch Aufnahme in die Sammlung einem
weiteren Publikum zugängig gemacht worden find (Nr. 8,
9, 15). Der Vortrag über die Zerftörung Magdeburgs
(Nr. 11) bafirt auf den mühfamen und forgfältigen Unter-
fuchungen Karl Wittich's, dagegen werden in Wallenfteins
Uebertritt zum Katholicismus (Nr. 13) und zur Gefchichte
Wallenfteins (Nr. 14) werthvolle Detailunterfuchungen geboten
, aus denen fich, befonders aus Nr. 14, ergiebt, wie
wenig geklärt bis jetzt noch diefe Periode ift, und in
welche Irrthümer und Fehler die Vorgänger Stieve's,
Ranke nicht ausgenommen, auf diefem Gebiete verfallen
find. Beide Studien laffen es als höchft bedauerlich er-
fcheinen, dafs es dem Verftorbenen nicht vergönnt ge-
wefen ift, die Biographie des Friedländers zu vollenden.
In Nr. 4 wird ein knappes Bild der Reformationsbewegung
im Herzogthume Bayern entrollt, während Nr. 6 jene Herzogin
Jakobe von Jülich behandelt, welche ihren Ehrgeiz
mit einem jammervollen Tode bezahlte. Dem letztgenannten
Vortrag ftofflich nahe fleht Nr. 7 über Staats-
kunft und Leidenfchaften im 17. Jahrhunderte. Eine zweite
Gruppe bilden Nr. 1—3 (die Perioden der Weltgefchichte,
Heinrich IV. in Canoffa, die huffitifche Bewegung); vielleicht
dafs in Nr. 2 die Refultate in einer etwas zu ficheren
Weife vorgetragen werden, als es der Stand des Quellenmaterials
zuläfst. Kulturgefchichtliche Stoffe behandeln
Nrn. 5 (die Entwickelung des Zeitungswefens) und 16 (der
Hexenwahn), letztere im ganzen und grofsen die gründlichen
Studien verwerthend, welche Riezler in einem
höchft belehrenden Buche darüber veröffentlicht hat. Die
Nr. 20 und 22 (auch 21 kann hierher gerechnet werden)
ergeben eine dritte Gruppe; die erftere liefert befonders
auf Grund der Lebenserinnerungen von Karl Jentfch einen
intereffanten Beitrag zur Entftehungsgefchichte des Alt-
katholicismus, allerdings mit einem trüben Ausblick auf
deffen Zukunft und Ausfichten (vgl. S. 353), in der zweiten
(zur Charakteriftik der katholifchen Abtheilung) berichtet
Stieve aus befter Quelle, da fein Vater von 1866 an Mitglied
der Abtheilung war. Zu einer vierten Gruppe
fchliefsen fich die drei Lebensfkizzen Döllingers, Kluck-
hohns und Loffens (Nr. 21, 23, 24) zufammen, von denen
die erfte nach Lage der Dinge die bedeutendfte und werth-
vollfte ift, aber auch die Nachrufe für die Letztgenannten
enthalten liebevolle Schilderungen der beiden Männer,

welche, jeder auf feinem Gebiete, Tüchtiges zu leiften
berufen waren. Nr. 25 (Zwei Tage im franzöfifchen Polizei-
arrefte) endlich ruft die Erinnerung an ein perfönliches
Erlebnifs Stieve's in Paris 1869 wach und zeigt ein ab-
fchreckendesBild der Willkürherrfchaft des Napoleonifchen
Kaiferreichs der letzten Jahre. Als academifcher Feft-
redner fchliefslich tritt Stieve in der fünften und letzten
Gruppe dem Lefer entgegen; fie umfafst Nr. 17. (Zur
hundertjährigen Gedenkfeier derGeburtKaifer Wilhelms I.),
Nr. 18 und 19 (Feftreden zur Bismarkfeier 1895 und 1898).
Wenn man auch vielleicht nicht jeden Satz diefer Reden
wird unterfchreiben können, fo laffen fie doch deutlich
erkennen, in wie hervorragendem Mafse der Verftorbene
des Wortes Meifter, und wie wohl verdient der Ruf
war, der ihm als Redner voranging. — Druck und Aus-
ftattung des Bandes feitens der Verlagshandlung verdienen
alles Lob; eine ausgezeichnete Photogravure wird wefent-
lich dazu beitragen, das Andenken an den Verftorbenen
bei allen denen wach zu erhalten, die ihn im Leben gekannt
haben.

Weimar. Trefftz.

Eck, Lic. Samuel, David Friedrich Strauss. Stuttgart, J. G.
Cotta'fche Buchh., Nachf., 1899. (VIII, 278 S. 8.)

M. 4.50; geb. M. 5.50

Die Einleitung diefes intereffanten Buches fetzt fehr
klar und zutreffend das Recht einer neuen Behandlung
Straufsens neben der bekannten Biographie Hausrath's
auseinander. Nicht um eine neue Biographie handelt es
fich, fo fein und eindringend die von Eck feiner Darftellung
zu Grunde gelegte biographifche und pfychologifche
Analyfe auch ift, fondern um eine theologifche Behandlung
des Themas ,D. F. Straufs', das trotz der individuellen,
in Lebensfchickfalen und Charakter begründeten Sonder-
eigenthümlichkeiten des Mannes einen typifchen Fall des
Conflictes zwifchen chriftlicher Religiofität und modernem
Denken darfteilt. Und zwar treten in diefem typifchen
Bilde auch die beiden typifchen Hauptprobleme diefes
Conflictes zu Tage, das hiftorifche und das philofophifch-
dogmatifche, beide in der für die moderne Welt charak-
teriftifchen Sonderung und unter der Einwirkung der
principiellen Hauptftrömungen des neueren wiffenfchaft-
lichen Denkens. Das Leben Jefu in feinen beiden Formen
und die Metaphyfik Straufsens, die in der .Glaubenslehre'
kritifch und im ,Alten und Neuen Glauben' pofitiv behandelt
ift, bilden daher die Hauptthemata des Buches,
während die zwifchen den beiden theologifchen Arbeitsperioden
liegende biographifche und äfthetifche Schrift-
ftellerei mit Recht theils als blofse Ablenkungen und
Aushilfsmittel, theils als fubjectiv-perfönlich bedingte
Nebenleiftungen erfcheinen. In jenen theologifchen
Werken aber erkennt Eck mit Recht grundlegende und
charakteriftifche Leiftungen, deren Eindruck in der Theologie
durch die Frageftellungen derRitfchl'fchen Theologie
doch nur vorübergehend und in der allgemeinen Literatur
durch Nietzfche, Schopenhauer, Socialismus u. f. w.
doch nur fehr theilweife zurückgedrängt feien. Die Aufnahme
der von Zeller herausgegebenen .Briefe' (1895), deren
hochintereffante Mittheilungen Eck forgfältig benutzt hat,
ift deffen ein neues Zeugnifs gewefen.

Es kann kein Zweifel fein und ift von Eck nicht
genügend betont worden, dafs das Leben Jefu von beiden
Leiftungen die unvergleichlich bedeutfamere und für die
Wiffenfchaft fruchtbarere ift. Diefe Bedeutung hat Eck
m. E. auch nicht fcharf und klar genug formulirt, wenn
er die verfchiedenen Stadien der Bearbeitung des Lebens
Jefu kurz charakterifirt und darauf die von Straufs behauptete
Jnfpirirtheit' feines Buches dahin einfchränkt,
dafs es nicht einem einheitlichen Entwickelungstrieb der
neueren Wiffenfchaft entfprungen fei, fondern aus der
mannigfachen Verflechtung ,von kritifcher Autklärung und