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Ausgabe:

1901 Nr. 15

Spalte:

411-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Löhr, Max

Titel/Untertitel:

Geschichte des Volkes Israel 1901

Rezensent:

Meinhold, Johannes

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4ii

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 15.

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Ich freute mich wahrzunehmen, dafs die unrichtige j
Angabe in den früheren Auflagen, nach der Tyrus (cAraq i
el Emir) von König Hyrkan gebaut fein foll, in der vorliegenden
berichtigt ift (p. 172 ob.). Vergeblich gefucht
habe ich das Wädi Jäfül (in der Nähe des Hiobsbrunnens),
vgl. Clermont-Ganneau, Archaeological Researches in
Palestine I, p. 420. — S. CXIV, Z. 23 f. tollte es heifseii:
b. aramäifche, «. nabatäifche im Haurän und den benachbarten
Gegenden, ß. palmyrenifche in Palmyra und
Umgegend. — S. 179. In Palmyra wurden in die Fachwerke
nicht Sarkophage, fondern die mit Leinwand umwickelten
Leichen gefchoben. — S. 215, Z. 14 1. hanzal
(JdaÄÄ.) ft. liandal. — S. 220, Z. 3 1. aus dem ,1. bis

4. nachchriftlichen Jahrhundert' ftatt ,1. bis 6.', vgl. meine
Nordsemitische Epigraphik, p. 122. — Intereffant ift das
ebenda genannte Wadi Nesrin wegen des Nesrin-Thales
in der Ahikar-Gefchichte. — S. 318. Zu Bet Meri und
,Jovi Balmarcodt1 vgl. G. Hoff mann in ZA XI, p. 237.—

5. 381. Der Satz: Jnzwifchen hatten fich die Araber
nach Norden vorgedrängt' ift mindeftens mifsverftändlich.
Er erweckt die Vorftellung, vielleicht war es auch Socin's
Anficht, dafs die Araber erft während der in den vorhergehenden
Sätzen gefchilderten Ereignifse, d. h. in
den erften 3 Jahrhunderten n. Chr., nach Palmyra vorgedrungen
feien. In Wirklichkeit war fchon in vorchrift-
licher Zeit die herrfchende und befitzende Claffe, vielleicht
die Einwohnerfchaft überhaupt, vorwiegend ara-
bifch. In der Infchrift Vog. 30 vom Jahre 9 v. Chr. ift
von den drei Namen einer aramäifch (jrcny) und zwei
arabifch (ihirW und JTTl). Die Infchrift Nordfem. Ep.,
p. 478, 2 vom Jahre 9 n. Chr. nennt eine bl3t"ro 153 "JMS;
das Wort für ,Sippe' ift hier arabifch. Nordfem. Ep.
P- 457; 3) 1 vom Jahre 21 n. Chr. nennt einen MäXixoq
(im palmyrenifchen Text wird er merkwürdigerweife ©i»n
genannt). — S. 388 unt. 1. Aailameis, oder noch richtiger
Aailamis (AaiXautZq, im Texte AAIAAMEIN (Acc),
"'-'abiyN), ftatt Alilamos (AAIA...). Das Datum ift April
139 n. Chr.

Das fchöne Panoramabild von Jerufalem in Stahlftich
in den älteren Auflagen ift jetzt durch eine ziemlich
verfchwommene Autotypie erfetzt. Für Bilder in fo
verkleinertem Mafsftabe ift diefe Art Reproduction nicht
geeignet.

Kiel. M. Lidzbarski.

-,-1-

Lohr, Prof. DD. Max, Geschichte des Volkes Israel in acht
Vorträgen dargeftellt. Mit vier Karten. Strafsburg, K.J.
Trübner, 1900. (VII, 168 S. 8.) M.2.—; geb. M. 2.50

Das Buch ift aus einer Reihe von Vorträgen, die
der Verf. in der Akademie des Humboldtvereins vor
einem Laienpublicum gehalten hat, hervorgegangen und
demnach für Laien benimmt. Auf mehrmals geäufserten
Wunfeh find die Vorträge gedruckt worden.

Lohr theilt feinen Stoff folgendermafsen: I. Die Zeit
der Patriarchen. Abraham. II. Der Auszug aus Aegypten.
Mofes. III. Die Eroberung Kanaans. Die Richter. IV. Die
ältefte Königszeit. Saul, David, Salomo. V. Die Gefchichte
des Nordreichs. VI. Die Gefchichte des Südreichs. VII. Die
Zeit des Exils. VIII. Die Entftehung des Judenthums.

Es wäre ungerecht, wenn man von einem folchen
Büchlein verlangen wollte, was es nicht geben will: neue
Erkenntnifse. Dagegen mufs man allerdings befonders
anmuthende Darfteilung, plaftifche Vorführung der a. t.
Geftalten, der in Israel ringenden und kämpfenden Mächte
erwarten. Der Laie mufs ein klares eindrucksvolles Bild >
von der äufseren und inneren Entwickelung Israels bekommen
. Ich kann beim beften Willen nicht finden, j
dafs Löhr's Schrift diefen Erwartungen entfpricht. Weder I
Perfönlichkeit noch Thätigkeit eines Jefaja, eines Jeremia j
find genügend berückfichtigt noch fcharf und eindrucks- j
voll herausgearbeitet, noch ift der Gegenfatz zwifchen

populärer und prophetifcher Religionsanfchauung deutlich
genug gefchildert. Ebenfo fehlt bei Zeichnung des Deu-
teroniums und feiner Folgen der Hinweis auf den nun
be ginnenden Buchftabendienft, auf das gefchriebene
Gotteswort im Gegenfatz zu der lebendigen Macht des
göttlichen Worts durch die Propheten. Und gerade diefe
Feftlegung des göttlichen Worts in heiliger Schrift bedeutet
doch das Ende des Prophetismus (Jer. 8, 7 ff.). Auch
fchneit der Sinai S. 32 als .uralt heilige Stätte' herein,
ohne dafs ein Laie damit viel wird anfangen können.

Mancherlei ftiliftifche Ungefchicklichkeiten ftofsen auf,
fo S. 8: ,aus dem, fagen wir Heiden wurde durch befon-
dere Fügungen ein Freund Gottes', was in dem Zufam-
menhang dort fich nicht glatt einfügt. Nach dem Satz:
.einer Noth, fchlimmer denn je zuvor, etwa in den Tagen
der Debora oder des Gideon' ift der: ,damals waren es
die Kanaanäer; ihr Anfturm u. f. w.' falfch gebildet (S 63)
,Ich muss die angegriffenen Urkunden im Grofsen
und Ganzen als echt anfehen, und dürfte fich dann folgendes
Bild von dem hiftorifchen Verlauf ergeben', ift
gewifs kein mufterhaftes Deutfch (S. 152). Manchmal mufs
die Ausführung des Verf. dem Laien geradezu unver-
ftändlich fein. Wenn er bei Gelegenheit der fagenhaften
Peft, die Sanheribs Heer vernichtet haben foll, auf die
Mäufe Herodots hinweift, die in der Nacht das affyrifche
Riemenzeug zernagt hätten, fo weifs der Forfcher, dafs
man vielfach, allerdings irriger Weife (f. meine Jefaja-
erzählungen 36—39 S. 34 ff.), die Mäufe als Symbol der
Peft auffafst und fo bei Herodot eine Beftätigung der
biblifchen Erzählung findet, er erkennt, warum Lohr hier
Herodot erwähnt, der Nichtfachmann kann das aus Lohr
nicht ahnen. Was das Epitheton der .fromme' Jofaphat
foll, wo gerade feine Verfchwägerung mit dem unfrommen
Haufe Ahab als Grund für die Gefundung des judäifchen
Staatswefens aufgeführt wird, ift auch nicht zu erfehen.

Schwerer noch find die Bedenken, die ich gegen
den Inhalt vielfach erheben mufs. Es ift nicht günftig,
dafs Lohr fich vielfach fo eng an Kittel anzufchliefsen
fcheint. So fchon bei der Patriarchengefchichte. Es
liegt doch fo, dafs Lohr oft, wenn auch unbewufst, der
kritifchen Forfchung einige Verbeugungen macht, um
dann dem Zuge des Herzens folgend bei den althergebrachten
Anfchauungen flehen zu bleiben. Ihm liegt
in jeder Sage ein hiftorifcher Kern. Das ift ein unhaltbares
Dogma. Man denke nur an die Sage von der
trojanifchen Herkunft der Römer oder an die Tellfage.
Natürlich ift das bei Lohr Vorbereitung auf die Patriarchenzeit
. Diefe Sagen müffen doch einen hiftorifchen
Kern enthalten. Abram ift hiftorifche Perfönlichkeit,
was aus dem Namen, der nur als Perfonenname fich
finde, zu erfchliefsen fei! Auch bei Jfaac und Jacob
(S. 18) ift Lohr geneigt, an urfprüngliche Perfonen zu
denken. Als ob mit allem diefem viel gewonnen wäre!
Der Abram, Jfaac, Jacob, wie fie uns in der Genefis entgegentreten
, find Geftalten der fpäteren hebräifchen
Volksfage.

Und es ift das wiffenfehaftliche, richtige, das vor-
fichtige Verfahren, fie als folche zu faffen und zu werthen,
nicht aber diefe Sage fchliefslich doch als Gefchichts-
bericht zu nehmen über eine Periode, die etwa 1000 Jahre
von der Bildung und fchriftlichen Feftlegung der Sage
entfernt ift. Confervativ ift das ja, gegenüber der traditionellen
Auffaffung vorfichtiger, wiffenfehaftlich aber
fehlt hier die nöthige Zurückhaltung, die fich der Forfcher
auferlegen mufs. Es mufs deshalb zurückgewiefen werden,
wenn auch Lohr hier das fo oft gemifsbrauchte Wort Well-
haufen's anführt, ,wenn aber die altteftamentliche Tradition
auch nur möglich ift, wäre es Thorheit, ihr eine andere
Möglichkeit vorzuziehen'. In der Genefis liegt überhaupt
nicht Tradition vor. Eine etwa über 1000 Jahre reichende
Tradition giebt es überhaupt nicht. Dafs aber die Sagen
der Genefis, deren Werth ganz und gar nicht in ihrer Ge-
fchichtlichkeit liegt, nach der hiftorifchen Seite Unmög-