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Ausgabe:

1901 Nr. 14

Spalte:

403-404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kawerau, Gustav

Titel/Untertitel:

Predigten auf die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres 1901

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Seite 1

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403

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 14.

404

lefen im Gottesdienfte' ift davon die Rede, und nur unter
der Marke: ,Vorlefen' wird der liturgifche Vortrag ge-
werthet. Sollen denn auch die liturgifchenGebete nur vor-
gelefen werden? M. E. ift gerade hier egregia ars von-
nöthen, die fich nicht nur in dem artem dissimularc,
fondern vor allem als religiöfe Lebensäufserung der mit
der Gemeinde geeinten geweihten Perfönlichkeit offenbart
. Anderfeits hat der Verfaffer wohl nicht genügend
Werth und Betonung auf die Grundvorausfetzung des
guten Vortrags, ich meine aufser der religiös-fittlichen vor
allem die äfthetifche Bildung, gelegt. Ift fie vorhanden,
fo erledigt fich das Meifte aller Erforderniffe ohne Regeln
und Gefetze; diefe dienen dann nur dazu, eine gröfsere Auf-
merkfamkeit auf das Selbftverftändliche zur Bekämpfung
und Vermeidung von leicht fich einfchleichenden Nach-
läffigkeiten zu verwenden. Goethe wird allzeit recht
behalten: ,Such er den redlichen Gewinn, Sei er kein
fchellenlauter Thor, Es trägt Verftand und rechter Sinn
Mit wenig Kunft fich felber vor'. Ift fie nicht oder nicht
genügend vorhanden, fo kann Affektation und Künftelei
nicht ausbleiben, und nirgends ift das unausftehlicher als auf
der Kanzel oder an dem Altar. Ich fürchte aber, dafs auch
der religiös-fittlich und äfthetifch Gebildete der Affektation
kaum entrinnen wird, wenn er die §§ 18—20 ernftlich fich
aneignet und danach feinen Vortrag zu bilden fucht.

Die Ausftellungen find allerdings nicht ganz geringfügig
. Gleichwohl haben wir es in dem Buche mit einer
nicht nur fehr forgfältigen, fondern auch fehr dankens-
werthen Arbeit zu thun, die allen jüngeren und vielleicht
auch manchem älteren Prediger und durch fie auch den
Gemeinden von grofsem Nutzen fein kann.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Kawerau, Prof. Confist.-R. D. Guftav, Predigten auf die
Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Neue Sammlung.
Breslau, W. G. Korn, 1899. (VIII, 473. S. gr. 8.)

M- 5-—; geb- M- 6-—
Die Charakteriftik der Predigt weife Kawerau's, die
ich bei der Anzeige der erften Sammlung feiner Predigten
in diefer Zeitung (1899 Nr. 12) gegeben habe, bedarf
keiner Correctur; fie gilt auch für die .Neue Sammlung'.
Zur Herftellung eines Jahrgangs wurden in die erfte
Sammlung einige Predigten eingelegt, ,die ohne diefe
Vorausfetzung unveröffentlicht im Pulte geblieben wären';
derartige Lückenbüfser findet man in diefem Bande nicht.
Was uns hier geboten wird, halte ich für noch werthvoller
, als jene Gabe; die fchlichte Rede erzeugt überall
gleichmäfsig andachtsvolle Stimmung, und es tritt keine
Ermüdung ein, auch wenn man zum Zweck der Recenfion
eine Anzahl Predigten in ununterbrochener Reihe lieft.
Die Texte find auch hier mit wenigen Ausnahmen frei
gewählt; unter den 63 Predigten find 16 über Abfchnitte
aus dem A. T., befonders aus den Pfalmen, gehalten;
neben 3 Weihnachtspredigten, 2 zu Himmelfahrt, 2 zu
Pfingften findet fich leider nur 1 Ofterpredigt, dagegen
2 zum Erntedankfeft, 3 zum Reformationsfeft, —■ die Fefte
find alfo ziemlich ungleich und nicht nach dem Gefichts-
punkt des Centralen und Peripherifchen berückfichtigt.

Das Vorwort ift befonders hervorzuheben. In knapper,
aber ausreichender Weife fpricht der Verf. über das
Wefen der Gemeindepredigt, die Aufgaben des Predigers
; er wünfcht, dafs die Schriftworte, über die er
predigt, feinen Hörern lieb und bedeutfam werden und
in Herz und Gewiffen eindringen; er fchliefst mit einem
Dank an feinen heimgegangenen Lehrer F. L. Steinmeyer
, der es feinen Schülern eingeprägt habe, der Inhalt
der Predigt folle Religion, nicht Theologie fein, ihre
Quelle nicht Dogmatik, fondern das lebendige Zeugnifs
der Schrift. — Das find ohne Frage trefflichfte Grund-
fätze, und dem Verf. darf das Zeugnifs nicht vorenthalten
werden, dafs er fich durchaus nach diefen Grundfätzen
gerichtet hat. Allerdings wohl in etwas zu ängftlicher

und vorfichtiger Weife. Wir verfehlen uns gegen jene
Grundfätze, wenn wir von der Zuftimmung zu einer
theologifch formulirten Lehre das Chriftfein wollten abhängig
machen; allein es ift kein Verftofs dagegen, wenn
wir den Hörern, die ja mit allen religiöfen Sätzen be-
ftimmte Vorftellungen verbinden, auch unfer Verftänd-
nifs deutlich zu machen fuchen. Wir verkennen das
pofitive Bedürfnifs infonderheit der höher Gebildeten,
wenn wir gerne die hohen Worte von Veriöhnung, Er-
löfung, Sühnung u. f. w. verwenden, aber keine Andeutung
geben, wie fie zu verliehen find, oder die Hörer dadurch zu
befriedigen fuchen, dafs wir fie vor unergründliche Geheim-
niffe führen und ihnen Schweigen empfehlen. Dadurch
wird alle Erkenntnifs in der Unbeftimmtheit des religiöfen
Gefühls belaffen, und nur lyrifche Gemüther haben etwas
davon. Ein ähnliches Bedenken erhebt fich gegen die
Art, wie der an fich unangreifbare Grundfatz, den Text
als ausfchliefslichen Träger der Gedankenentwickelung
zu verwenden, durchgeführt wird. Nicht wird beanftandet,
dafs mit verfchwindenden Ausnahmen bei allen Predigten
ftreng analytifch verfahren wird, felbft wenn dadurch die
Predigt zu einer interpretatio Scripturarum popularis
werden follte; das hat um fo mehr unter Umftänden eine
Berechtigung, je reicher und tiefer die religiöfe Kraft das
Predigers ift. Allein die Analyfis darf nicht zur Ver-
nachläffigung der logifchen F"orm verführen, und allen
voran find akademische Predigten, die doch von den
Commilitonen gern als Mufterftücke angefehen werden,
davor zu bewahren. Als folche Vernachläffigung ift die
Theilung in Texterklärung und Anwendung zu bezeichnen,
wie wir fie in Nr. 15, 18, 20, 54, 56 finden; ferner die
Incongruenz zwifchen Thema und Theilen: fo hat Nr. 5
das Thema: welche Aufnahme findet der heil. Chrift bei
uns, und die Theile lauten: 1) Trauer über die, welche
ihn nicht aufnehmen, 2) Bekenntnifs über den Segen, den
die Aufnahme bringt; oder Nr. H: Das Offenbarwerden
des Vaters im Bewufstfein des Sohnes 1) wie fchaue ich
Jefu Leben im Lichte diefer Offenbarung, 2) wie hege
ich den Wiederfchein diefer Offenbarung in unferem
eigenen Leben, — der 2. Theil hat mit dem Thema
nichts zu thun, und der i. Theil deckt fich mit dem
Thema. Anderfeits wiederholt fich das Thema im 2. Theil,
während der I. Theil abfeits vom Thema liegt, in Nr. 17:
Warum fetzt der Apoftel die Liebe noch über Glauben
und Hoffnung? 1) was es bedeutet: nun aber bleibet
Glauben, Hoffnung, Liebe, 2) in welchem Sinne die Liebe
die gröfste unter ihnen ift. Manchmal, z. B. in 50, 52, 53,
55, 59, 61 wird man fich über Thema und Theile nur
dann einigermafsen klar, wenn man das Thema als blofses
Ornament anfieht und die Theile aus der Analyfis des
Textes zu verliehen fucht. Andrerfeits heftet fich der
Verf. fo fehr an die Schriftftellen, dafs die Predigt nicht
über ein mechanifches Nebeneinanderftellen von Gedanken
hinauskommt. In Nr. 23 wird der Doppeltext Phil. 2,8
und Joh. 13,1 behandelt: die Vollendung des Gehorfams
und der Liebe Jefu in feinem Leiden und Sterben; aber
Gehorfam und Liebe werden nach einander befprochen,
ohne dafs eine innere Beziehung zwifchen beiden angedeutet
wird; Nr. 38 behandelt nach Luc. 14,8 die gefährliche
Neigung unferes Herzens, fich vor Gott ent-
fchuldigen zu wollen: wir erwarten eine phychologifche
Darlegung, die doch durch das Thema unbedingt gefordert
wird; ftatt diefer wird über die zahlreichen Bei-
fpiele diefer Neigung in der Schrift und in unferem
Leben geredet.

Die Hauptfache in der Predigt bleibt das quid,
in diefer Beziehung haben wir für die reiche Gabe nur
zu danken. Die Bedeutung des quomodo liegt in dem
Einen, dafs das quid zur ungehemmten und zweck-
mäfsigen Entfaltung komme; daher hat auch das quomodo
einen hohen Werth.

Marburg. E. Chr. Achelis.