Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 14

Spalte:

396-400

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Römische und evangelische Sittlichkeit. 2., verm. Aufl 1901

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

395

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 14.

396

Vorausfetzung feines Verftändnifses des Lebens Jefu.
,R. fuchte jetzt nur eine Möglichkeit, vor neuen Ueber-
rafchungen durch den Lauf der Dinge ficher zu fein
und fand fie in einem entfchiedenen Dualismus. Welt
und Ideal haben nichts miteinander zu thun'. (130). Dass
diefer Gegenfatz das treibende Motiv der Entwicklung
des Lebensganges Jefu gewefen, hat R. fowohl in feinem
Leben Jefu als in feinen 1857 erfchienenen Etudes d'histoire
religieuse ausgefprochen und nachzuweifen verfucht.

Auf die Erörterung der Entftehungsgründe von R.'s
Philofophie ift PI. an verfchiedenen Stellen feiner Schrift
eingegangen; ohne Zweifel hat er die wichtigften in Betracht
kommenden Namen angeführt, und die in die
Vergangenheit zurückgreifenden Verbindungslinien richtig
gezogen. Ein Moment hätte hierbei aber noch energi-
fcher betont werden dürfen, ich meine das Katholifche,
Klerikale, das dem Denker und Schriftfteller fo beharrlich
anhaftet, dafs er dasfelbe auch in den kühnften
Aeufserungen feiner Kritik und in den gewagteften
Sprüngen feiner Träume und Spekulationen niemals
verleugnet hat. Ich weifs wohl, dafs PI. diefen Zufammen-
hängen nicht ohne Verftändnifs gegenüber fleht; aus
Renan's katholifcher Erziehung erklärt er den ,kollekti-
viftifchen Zug' feines Geiftes, ,der auf die Allgemeinheit
gerichtet war, und an das Individuum kaum in zweiter
Linie dachte' (187). Auch am Schluffe feiner Charakterftik
kommt PI. auf diefen Punkt zurück. ,R. bietet das
Schaufpiel einer Vergewaltigung der Individualität durch
die klerikale Erziehung. Das hatte einerfeits feine Ge-
ringfchätzung alles Individuellen zur Folge, andererfeits
rächte fie fich bitter an ihm felbft: das endliche Durchbrechen
des Dammes jener Erziehung hatte eine wilde
Zerftörung feines ganzen Lebensertrages zur Folge. Die
Knechtung feines Geiftes ftrafte fich in den tollen Ge-
dankenfprüngender letzten Jahre. Ein Knecht der Autorität
war er immer geblieben: erft war es die Kirche, dann
die Wiffenfchaft, nun das eigene Selbft' (195—196). Ge-
wifs eine treffende Beurtheilung, es ift nur Schade, dafs
die Aeufserung hier mehr zufällig auftritt, und dafs PI.
diefe unauslöfchliche Spur der katholifchen Weltan-
fchauung nicht in der gefammten Lebensarbeit R.'s klarer
dargethan hat. Oder läfst fich die Subftituirung der
äfthetifchen Kategorie an Stelle der ethifchen, der aus
der Gefchichte in die fittliche Sphäre verlegte Relativismus,
die Beurtheilung einer Reihe religiöfer Perfönlichkeiten
(Paulus, der ,gute' Pelagius, Franz von Affifi), die in den
letzten Schriften klar ausgesprochene, aber bereits fchon
früher angedeutete Verbindung des Religiöfen mit dem
Erotifchen, laffen fich diefe und ähnliche Züge anders
denn als Nachwirkungen jener katholifchen, priefterlichen
Erziehung erklären? — Eine andere Ausheilung kann ich
nach der Leetüre diefer fo gehaltvollen und anregenden
Monographie nicht zurückhalten. PI. erinnert zu wiederholten
Malen an Renan's Schwerter Henriette, und weifs
von dem Einflufs, den fie auf ihn geübt, von den Dienften,
die fie ihm geleiftet, in treffenden Worten zu reden; den
Tod diefer Schwerter nennt er ,das Unglück der Entwicklung
R.'s' (169, vgl. 183). Auch hier genügte m. E. j
eine blofse Andeutung nicht; es lohnte fich, die Art der
von Henriette ausgehenden Einwirkungen und die ver-
hängnifsvolle Folge des durch ihren Tod erlittenen Verluftes
fchärfer und allfeitiger zu charakterifiren; die Ge-
dächtnifslchrift auf feine Schwerter und der 1896 veröffentlichte
Briefwechfel mit ihr boten hierfür die werth-
vollften Quellen. Die berüchtigen Aeufserungen, die PI.
S. 140—141 in gedrängter Form zufammenfafst, find der
paradoxe Ausbruch der Laune des Gascogner's (S. 174),
deffen tolle und mitunter felbft gefchmacklofe Ironieen
die Schwerter durch ihre fanfte und fette Vornehmheit
zu zügeln und zurückzudrängen vermochte. — Endlich
hätte ein näheres Eingehen auf die durch R.'s Erfcheinung
in dem franzöfifchen Geiftesleben hervorgerufene Wirkung
auf den Helden diefes Buches ein fchärferes Licht geworfen
und zum Verftändnifs feiner Eigenthümlichkeit
noch wefentlich beigetragen. Der Verf. findet in R.'s
Dilettantismus ,die Gründe der vielfeitigen Zuftimmung
j und grofsen Anhängerschaft' R.'s (154); eine wenn auch
kurze Ausführung diefer gelegentlichen Aeufserung wäre
dem in der Literatur fo heimifchen Verf. ein Leichtes
gewefen, auch kann man nicht fagen, dafs eine folche
Schilderung nicht zur Sache gehört hätte; läfst fich doch
eine fo reiche Perfönlichkeit erft aus ihren Wirkungen
ganz verftehen: aus Anatole France's Schriften wird
uns — um nur ein Beifpiel anzuführen — die Eigenart
Erneft Renan's um ein gutes Stück deutlicher.

Die Gründlichkeit, mit welcher PI. Renan's Werke
verwerthet hat, erhellt aus jeder Seite der nicht nur die
Hauptwerke, fondern auch die allerdings oft fehr charak-
teriftifchen Effays und Reden berückfichtigenden Schrift.
Für die Bibliographie der über R. erfchienenen Bücher
und Auffätze werden die Lefer dem Verf. dankbar fein.
Eine Erwähnung hätten die zahlreichen im Journal de
Geneve veröffentlichten Artikel von Aug. Sabatier verdient
. — S. 11 lies Michelet (ftatt Michalet), 195 Hafe
(ftatt Haafe). — Das Urtheil über ,Lamennais' fprung-
weife, in Gegenfätzen fich bewegende Entwickelung'
beruht, wenn ich recht fehe, auf einem oberflächlichen
Verftändnifs des bei allen fcheinbaren Wandelungen
feften und zielbewufsten Mannes.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Herrmann, Prof. D. W., Ethik. (Grundrifs der Theolo-
gifchen Wiffenfchaften. Fünfter Theil. Zweiter Band.)
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1901. (IX, 200 S. gr. 8.) M. 3.40

Herrmann, Prof. D. W., Römische und evangelische Sittlichkeit
. Zweite Auflage, durch die Befprechung einer
römifchen Gegenfchrift vermehrt. Marburg, N. G.
Elwert, 1901. (XII, 66 S. 8.) ' M. 1.—

I. Herrmann's lange erwartete Ethik ift endlich er-
fchienen. Sie ift dem Umfange nach kurz ausgefallen.
Aber der Lefer merkt es wohl, dafs das kleine Buch
das Produkt einer langen, tiefgehenden Gedankenarbeit
ift. Ein ,Grundrifs' im landläufigen Sinne ift es nicht.
Es dient nicht zu einer leichten Orientirung über das
Syftem der Ethik im Ganzen und die einzelnen ethifchen
Themata; es giebt nicht ein kurzes Grundfchema, das
man zur Grundlage für eine weiter ins Einzelne gehende
Ausführung nehmen könnte. Was H. bietet, ift etwas
fchon ganz Ausgearbeitetes, in fich Abgefchloffenes von
eigenthümlichem Gepräge. Wer etwas davon haben will,
mufs das Ganze durcharbeiten. Solche Arbeit ift nicht
ganz leicht. Aber fie bringt Gewinn. H. vertritt feinen
Standpunkt mit einer ruhigen Klarheit und zugleich mit
einer gewiffen Wärme der Ueberzeugung, die fehr anziehend
wirkt. Die Straffheit des Gedankengefüges, die
Gedankenfchärfe und Gedankenzucht in dem Buche hat
etwas Imponirendes. Alles Einzelne ift fein pointirt und
prägnant getagt. Nirgends enthält das Buch Triviales und
Schwächliches, weder im Gedanken noch in der Form.

Ich verfuche es, den Gedankengang H.'s in den cha-
rakteriftifchen Hauptzügen wiederzugeben.

H. ftellt der chriftlichen Ethik die Aufgabe, nicht
nur eine Befchreibung des chriftlich-fittlichen Verhaltens
zu geben, fondern vor Allem auch zu zeigen, weshalb
ein folches Verhalten nothwendig aus dem chriftlichen
Glauben hervorgeht. Mitteilt des chriftlichen Glaubens
kommt der Menfch über gewiffe Schranken hinweg, die
er fonft empfindet, wenn er durch die fittliche Aufgabe
zu perfönlichem Leben aufgerufen wird. Deshalb gilt
es in der Ethik, zuerft die fittliche Aufgabe felbft und
diefe Schranken, deren der Menfch bei ihr inne wird,
zu verftehen und dann den chriftlichen Glauben als die
Ueberwindung diefer Schranken aufzuweiten.