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Ausgabe:

1901 Nr. 12

Spalte:

338-339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Gesammelte Schriften. III. Band: Aus dem Quell der Wahrheit und dem Meer der Liebe 1901

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 12.

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dafs das Chriftenthum fähig ift, allen Völkern die Löfung
ihrer Lebensnöthe zu bringen, deshalb weil es einerfeits
an keine Nationalität fich heftet, andererfeits mit jeder
Nationalität fich verbinden kann. Hier werden Gedanken
aufgenommen, wie fie H. Holtzmann in feinem Frankfurter
Vortrag über ,chriftliche Gefchichtsbetrachtung im
Lichte der Miffion' angeregt hat. Eine Schlufsbetrachtung
wehrt noch verfchiedene Bedenken ab, zeigt die Aufgabe,
verfchiedene concentrifche Kreife der Offenbarung Gottes
feflzuftellen, und weift nochmals kräftig hin auf den engen
Zufammenhang des Miffionsbetriebs mit dem Glauben
an die Abfolutheit des Chriftenthums. —

In diefem Auffatz vermifst nun Tröltfch die volle Er-
kenntnifs davon, dafs es fich bei feinem Gegenfatz gegen
Kaftan nicht um ein einzelnes Problem, nicht um Apologetik
, nicht um einen dogmatifchen Locus handelt, fondern
um die theologifche Methode überhaupt. Er felbft fei nicht
etwa dem Einflufs irgend welcher philofophifcher Gedanken
erlegen, fondern fei nur durchdrungen von der Ueber-
zeugung, dafs in unferer Zeit die hiftorifche Methode wie
ein Sauerteig alles verwandle. Die hiftorifche Methode ift
aber nach Tröltfch durch drei Stücke bezeichnet: fie übt
grundfätzlich Kritik an aller Ueberlieferung; fie gebraucht
als Schlüffel der Kritik und als Kennzeichen hiflorifcher
Wahrfcheinlichkeit die Analogie deffen, was fich heute
noch in uns und um uns abfpielt; fie fafst alle Erfchei-
nungen geiftig gefchichtlichen Lebens als Glieder eines
grofsen correlativen Zufammenhangs auf. Auch der
Theologie hat fich die hiftorifche Methode bemächtigt:
auch das Chriftentum und die Perfon Chrifti (teilt fie in
den Zufammenhang der Gefammtgefchichte hinein und
wendet hiftorifche Kritik und Analogie darauf an. Dann
aber bleibt, wie Tröltfch es anfleht, nur Ein Weg für die
Theologie übrig; fie mufs felbft mit der hiftorifchen
Methode vollen Ernft machen. Die alte Methode verfährt
im Grunde doch immer dogmatifch, auch wenn fie fich
auf Gefchichte beruft: fie ift von dem Glauben geleitet,
dafs fich ein gewiffer Ausfchnitt der Gefchichte, die fog.
.Heilsgefchichte', in feiner übernatürlichen göttlichen Bedeutung
nur einer gläubigen Betrachtung erfchliefst und
dafs erft von da aus die ganze Religionsgefchichte ver-
ftändlich wird; fie führt zwei Methoden, eine profan-
gefchichtliche und eine heilsgefchichtliche, die fich über
die Kritik erheben foll, und rechnet alfo im Grunde mit
einem dualiftifchen Gottesbegriff, der zwifchen dem regel-
mäfsigen und dem aufserordentlichen Wirken Gottes
unterfcheidet. Diefe Halbheiten müffen aufhören; die
innere Confequenz der Sache nötigt ,zu einer radikalen
religionsgefchichtlichen Theologie', die entfchloffen die
ganze Gefchichte, auch die Heilsgefchichte, der profan-
gefchichtlichen Methode unterwirft. Eben darin wird fie
dann erkennen, dafs alle Religion ,in rcligiöfer Intuition
oder göttlicher Offenbarung' wurzelt, dafs aber erft in der
Jahwereligion und in der aus ihr fich erhebenden Perfon
Jefu der Gottesglaube alle Feffeln der Naturgebundenheit
bricht und eine neue, unendlich reiche Entwicklung anhebt
. Ein kurzer Schlufsabfchnitt erläutert in Verteidigung
und Angriff gegen Niebergall die Stellung von
Tröltfch: er enthält das Zugeftändnifs, dafs fich auf diefe
Weife allerdings ,keine dogmatifche Abfolutheit' des
Christenthums ergebe, dafs fich vielmehr das Chriftenthum
nur als Abfchlufs der übrigen religiöfen Bewegungen
und als Ausgangspunkt der ganzen weiteren Religionsentwickelung
nachweifen laffe. — Gegenüber diefer Ge-
fammtanfchauung von Tröltfch mufs ich den Zweifel
erheben, ob ,die radikale religionsgefchichtliche Theologie
' wirklich von fich aus auch nur zu diefen Reful-
taten kommt. Mir fcheinen fie noch mehr, als das
Tröltfch felbft zugiebt, auf einer Glaubensbetrachtung
der Religionsgefchichte und in letzter Linie auf einer
inneren Werthung des Chriftentums zu beruhen. Ift das
fo, dann erfcheint aber auch der theologifche Gegenfatz
, den Tröltfch mit etwas heifser Feder herausarbeitet,

herabgemildert, und das Verfahren von Niebergall und
Kaftan fcheint mir dann, auch wenn ich an der Ausführung
da und dort von jenem, und noch mehr von diefem abweiche
, fein gutes Recht zu haben.

Dafs in den hiftorifchen Disciplinen der Theologie
die hiftorifche Methode anzuwenden ift, foweit fie nicht
felbft auf Grenzen ftöfst, ift dabei aufser Controverfe.
Eine treffliche Probe von religionsgefchichtlicher Unter-
fuchung auf altteftamentlichem Gebiet giebt der an der
Spitze des Heftes flehende Auffatz von Mein hold über
,die Lade Jahwes'. Er findet in ihr, nach Analogie anderer
Religionen (vgl. Herodot VII, 40), einen tragbaren Felfen
thron, auf dem der Jahwe von Sinai, der Gott der Kriegsfeharen
Israels, unfichtbar thronend gedacht wurde und
der als Kleinod Israels ein religiöfes Band unter den ver-
fchiedenen Stämmen bildete. Gewiffe Bedenken, z. B.
die des Namens, fcheinen allerdings durch die an fich höchft
plaufible (von Reichel begründete) Hypothefe nicht völlig
gelöft. — Der Schlufsauffatz von Collmann befpricht
mit fcharfer Kritik die revidierte Rheinifche Kirchenordnung
von 1853, die den katholifchen Gedanken der
einheitlich verfafsten, von oben geleiteten Kirche verfolgt
habe.

Halle a/S. Max Reifchle.

Baur, weil. Gen.-Superint.D. Wilhelm, Gesammelte Schriften.

III. Band: Aus dem Quell der Wahrheit und dem Meer
der Liebe. Halle, C. E. Müller, 1901. (VIII, 489 S.
gr. 8.) M. 6.—

Wir haben uns über die Grundfätze, nach denen die
verfchiedenen Schriften Baurs in diefem Sammelwerke auf
die einzelnen Bände vertheilt worden find, bei unferer
Anzeige des zweiten in Nr. 6 d. Z. v. 1900 ausgefprochen.
Diefer dritte Band umfafst alfo Alles, was fich als Schriftauslegung
und Schriftanwendung zum Beften der prak-
tifchen kirchlichen Arbeit darftellt. Den Hauptinhalt bilden
eine ganze Reihe von Neujahrsanfprachen an geiftliche
Lefer, in denen das, was die Zeit brachte oder in den
Vordergrund der kirchlichen Entwickelung gefchoben
hatte, in das Licht des göttlichen Wortes geftellt worden
ift. So ift es gefchehen mit dem Gedächtnifs an Luther
im Jahre 1883 und 1884, mit der religiöfen und kirchlichen
Stellung der preufsifchen Könige, veranlafst durch die
Säcularerinnerung an den Tod Friedrichs des Grofsen
1886, mit der Bedeutung der neuen Agende im Jahre 1895,
mit dem Verhältnifs zwifchen Landeskirche und Evangeli-
fation 1897. Andere Male hat Baur entfprechend den
Erfordernifsen der Zeit befonders in Rückficht auf die
Verhältnifse der Provinzialkirche, der er vorftand, zu heils-
gewiffer Mannhaftigkeit als der beften Vertheidigung der
evangelifchen Kirche gemahnt, hat das Herz des Volkes
als das Ziel bezeichnet, zu dem paftorale Arbeit fich den
Weg bahnen mufs, und hat vor Allem immer wieder zu
chriftlicher Verträglichkeit und evangelifcher Wachsamkeit
aufgerufen. Zu diefen Neujahrsanfprachen gefeilt fich
eine Art Hirtenbrief, in dem Baur nach Antritt feines
letzten Amtes feine Diöcefanen in der Paffionszeit begrüfst
hat, indem er ihnen die Theologie des Kreuzes pries. Nicht
mit Unrecht hat ein Freund des Heimgegangenen in diefen
gefammelten Auffätzen gewiffermafsen eine Paftoraltheo-
logie erkennen wollen; denn das Meide, das dazu gehört,
ift allerdings darin theils eindringlich behandelt, theils
wenigftens berührt oder geftreift. Von den übrigen Abhandlungen
, die der Band enthält, flehen einige diefen
Neujahrsbetrachtungen inhaltlich nahe. Das find der Con-
ferenzvortrag aus dem Lutherjahr über das grofse Gut
der Freiheit, welches Luther der Chriftenheit wieder erobert
hat, die wefentlich hiftorifch gefafste Abhandlung
über chriftliche Erweckungen und das Schriftchen über
Pearfall Smith in Berlin. Wenn Baur diefe Ausgabe feiner
Werke felbft noch hätte leiten können, fo würde er vielleicht
hier Anmerkungen hinzugefügt, wahrfcheinlich aber