Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 12

Spalte:

332-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reischle, Max

Titel/Untertitel:

Werturteile und Glaubensurteile 1901

Rezensent:

Kaftan, Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

33i

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 12.

332

ein Einblick in die innere Gefchichte der polnifchen j
Reformation vollftändig; wir kannten bisher nichts weiter
als die äufseren Daten der kirchlichen Vorgänge des
fechzehnten Jahrhunderts. Criegerns Verdienft ift es,
uns zum erften Male eine evangelifche Geftalt aus dem
Krakauer Adel vorgeführt zu haben, der wir auf Schritt
und Tritt ins Herz fehen können. Eine neue Gedankenwelt
tritt allerdings dabei nicht zu Tage; aber die Per-
fonen jener Tage leben vor uns wieder auf. fo deutlich,
fo klar und erkennbar, dafs Criegerns Schrift eine fehr
fchätzenswerthe Bereicherung unferer Kenntnifs der Re-
formationsgefchichte Ofteuropas bildet. Der polnifche
Edelmann Nicolaus Rej war 1505 geboren, lebte als gebildeter
, liebenswürdiger, gaftfreier Grofsgrundbefitzer in
der Nähe von Krakau und ftarb wahrfcheinlich 1568.
Als fruchtbarer Schriftfteller hat er nach Criegerns Bericht
die grofsen Gedanken der Reformation durch
Uebertragung ins Polnifche feinen Landsleuten zugänglich
gemacht und dabei eine fcharfe Polemik gegen Rom
getrieben. Die ganze Offenbarung des Johannes fieht er
als ein gegen das Papftthum gerichtetes Gotteszeugnifs
an. Diefe Seite feines geiftigen Schaffens ift es, die I
Criegern hauptfächlich hat zur Darftellung bringen
wollen.

Nr. 2. Wauers Doktordiffertation behandelt ein !
Capitel des geiftigen Austaufches, der feit dem Reformationszeitalter
zwifchen Deutfchland und England ftatt
findet: die Anfänge der Herrnhuter Brüderkirche in
England, die feit 1738 datieren. Es befteht bekanntlich
neben dem deutfchen Zweige der Herrnhuter Brudergemeinde
ein felbftändiger englifcher, der in England
auch als Kirche neben der anglikanifchen ftaatlich an- j
erkannt ift, faft ganz aus ,vollbürtigen' Engländern befteht
und dort den Namen ,Church of thc United Brethreri'
führt. Die Entftehung diefer Kirchengemeinfchaft durch
deutfchen Einftufs auf englifchem Boden, noch dazu im
Gegenfatze zu der echt englifchen gleichzeitigen Bewegung
des Methodismus, deffen religiöfe Gemeinfchaften
noch heute nicht ftaatlich als Kirchen anerkannt find, I
gehört zu den intereffanteften Vorgängen in den Beziehungen
Deutfchlands zu England. Es ift alfo durchaus j
wiffenfchaftlich berechtigt und fehr dankenswerth, dafs
VVauer diefem Gegenftande näher nachgegangen ift. Der
weitaus gröfste Theil feiner Arbeit befchäftigt fich allerdings
mit der Vorbereitung des Fufsfaffens der Brudergemeinde
in England, und der Auseinanderfetzung der
Herrnhuter mit Wesley und dem Methodismus ift breiter
Raum gewährt; der Schlufs ift die Hauptfache, die Darfteilung
der ,Entwickelung zur anerkannten Brüderkirche
in England' (S. 116 ff.) Der Verf. beherrfcht die ein-
fchlägige Literatur, bedient (ich einer durchaus unan-
fechtbaren Methode der Forfchung, ift in der Darfteilung I
durchfichtig und im TJrtheil fachlich und unparteiifch.
Befonders fei noch lobend erwähnt, dafs Wauer fich
auch der Perfönlichkeit Zinzendorfs gegenüber einer
durchaus nüchternen Kritik befliffen hat, was einem
Mitgliede der Herrnhuter Brüdergemeinde, das er ift,
gewifs nicht leicht geworden fein mag. Zu diefer Erft-
lingsleiftung darf man dem Verf. von Herzen gratuliren.

Nr. 3. Nürnbergers fleifsige Forfcherabeit bringt
,Neue Documente zur Gefchichte des Paters Andreas
Faulhaber', der am 30. Dezember 1757 zu Glatz durch
militärifche Execution als Spion gehängt worden ift, weil
er auf Grund einer Ausfage eines Deferteurs diefen, ehe
er in den Krieg zog, im voraus im Beichtftuhle von der
Sünde der Defertion abfolviert habe. Bis zum heutigen
Tage ift als objective Unterlage diefes tragifchen Vorganges
nichts weiter bekannt als eben die Ausfage jenes
Deferteurs. Das preufsifche Kriegsgericht und der König
Friedrich d. Gr. haben derfelben Glauben gefchenkt und
die gegentheilige Verficherung des Geiftlichen Faulhaber
verworfen. Nürnberger hat nun im Wiener Kriegsarchive
das Correfpondenzjournal und das Tagebuch des damaligen
prcufsifchen Vicecommandanten der Fcftung Glatz,
eines Herrn d'O, gefunden und daraus Mittheilung gemacht
. So dankenswerth das ift, neue Thatfachen, aus
denen die Streitfrage nach der Schuld Faulhabers in ein
anderes Licht gerückt würde, finden fich in diefen Mittheilungen
nicht, wohl aber werden die betheiligten Per-
fonen beffer beleuchtet, als es bisher möglich war.
,Akten' des Proceffes haben fich bis jetzt auch nicht
auffinden laffen. Der Verf. giebt indefs die Hoffnung
auf ein Wiederfinden derfelben nicht auf und deutet
(S. 5) darauf hin, dafs noch in Prag Nachforfchungen
angefleht werden follten.

Nr. 4. Koldes ,Edward Irving' ift die erfte wiffen-
fchaftliche Biographie des merkwürdigen Stifters der
Irvingianerfekte. Da die Arbeit urfprünglich für die
,Neue Kirchliche Zeitfchrift' gefchrieben wurde, ift fie in
der Form eines ,biographifchen Effays' gehalten, was
aber ihre Lesbarkeit nur noch angenehmer macht. Es
ift aufserordentlich dankenswerth, dafs Kolde der Sekten-
gefchichte Englands eingehende Aufmerkfamkeit widmet;
denn wie man aus feinem Vorworte erfleht, beabfichtigt
er, in nicht zu langer Zeit eine vollftändige Gefchichte des
Irvingianismus zu liefern. Zu feinem durchschlagenden
Buche über ,die Heilsarmee' wird er dann auch die
Orientirung über diejenige Genoffenfchaft bieten, die
gerade in Deutfchland viel Verwirrung anrichtet. Denn
die verfteckt arbeitenden Irvirgianer fchaden unferen
Kirchgemeinden weit mehr als die öffentlich lärmenden
Sendboten der ,Heilsarmee'. Kolde erzählt in der vorliegenden
Biographie Irvings Leben (1792—1834), charakte-
rifirt ihn als den grofsen Erweckungsprediger feiner Zeit
und als tief religiöfe Perfönlichkeit, als apokalyptifchen
Schwärmer, bei deffen Anhängern fchliefslich der
Enthufiasmus alle Schrift- und Vernunftgründe über
den Haufen wirft und die Geiftesgaben der apofto-
lifchen Zeit und die Inftitution der Apoftolates bei fich
erneuert glaubt. Nach der angenommenen Erneuerung
des Apoftolates (1832) hatte aber auch die Autoritäts-
ftellung Irvings ihr Ende erreicht: nicht Irving, fondern
der Apoftolat beherrfchte diefe wunderliche Enthufiaften-
gemeinde. Sie nannte fich ,apoftolifch-katholifche Kirche',
und Irving, der fchon 1834 ftarb, wurde faft vergeffen.
Ueber alle diefe Verhältnifse klares Licht verbreitet zu
haben, ift das Verdienft Koldes.

Nr. 5. Schöllys Lebenbild des evangelifchen Bi-
fchofes Samuel Gobat (1799—1879) ift eine Neubearbeitung
der im gleichen Verlage 1884 erfchienen umfangreicheren
Biographie des vielgenannten Mannes. Die
Neubearbeitung ift ,für weitere Kreife' und foll dem
chriftlichen Volke als Lefebuch zur Erbauung und
Glaubensftärkung dienen. Diefen Zweck wird es gewifs
erreichen; denn das Leben diefes hervorragenden Miffio-
nars und Beförderers des Chriftenthums im Morgenlande
wirkt fchon an fich erbaulich; der Bearbeiter aber hat
es verftanden, durch gute Auswahl des Stoffes und an-
fprechende Form der Erzählung ein empfehlenswerth.es
Volksbuch zu fchaffen; der Druck ift deutlich, das Format
handlich und der Preis aufserordentlich billig.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Reischle, Prof. D. Max, Werturteile und Glaubensurteile.

Eine Unterfuchung. Programm. Halle, M. Niemeyer,
1900. (IV, 120 S. gr. 8.) M. 2.40

Diefe Schrift bietet eine gründliche, ja erfchöpfende
Erörterung ihres Gegenftandes und wird bei allen, die an
der in ihr verhandelten Frage Intereffe nehmen, längft die
verdiente Beachtung gefunden haben. Sie fchildert die
von Ritfehl und feiner Theologie ausgegangene Contro-
verfe über Werthurtheile und Seinsurtheile und fucht
jedem, der etwas Beachtenswerthes über die Sache gefagt
hat, gerecht zu werden. Was fie auszeichnet, ift die