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Ausgabe:

1901 Nr. 11

Spalte:

308-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Karo, G.

Titel/Untertitel:

Auf dem Wege zur Wahrheit 1901

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. II.

308

Buch gelefen hat, für den ift das Papftthum keine Gefahr
mehr. Das bedeutet heutzutage fchon ein hochwichtiges
Refultat. Möge dann allen denen, die dem
Verf. auf diefem polemifchen Gange gefolgt find, die
Erkenntnifs aufgehen, dafs alle Polemik gegen Papftthum
und Ultramontanismus, fo nothwendig fie ift, doch nur
halbe Arbeit ift; dafs zu aller Polemik die Vertiefung in
das Evangelium hinzukommen foll; dafs Selbftbegrün-
dung allein auf das Evangelium der einzig fefte Punkt
ift, von dem aus überhaupt erfolgreich und auf die Dauer
Polemik getrieben werden kann.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Nürnberger, Prof. Dr. Aug. Jof. Zur Kirchengeschichte
des XIX. Jahrhunderts. L Papfttum und Kirchen-
ftaat. 3. Der Kirchenftaat und Piemont. (1850—1870.)
Mainz, F. Kirchheim, 1900. (XX, 559 S. gr. 8.).

M. 7.—

Auf die bereits früher in diefem Blatte angezeigten
erften beiden Abtheilungen diefes Werkes ift fchnell die
dritte gefolgt, welche die äufseren Schickfale des Papft-
thums und des Kirchenftaates von der Rückkehr Pius IX.
nach Rom (1850) bis zur Aufhebung des Kirchenftaates
im Jahre 1870 darftellt. Ueber Standpunkt und Methode
des Verf. ift früher fchon berichtet; auch diefer dritte
Theil erfcheint ,mit kirchlicher Approbation', die von
der Mainzer bifchöflichen Behörde erfolgt ift. Dadurch
ift fchon angedeutet, dafs diefe Darftellung des
Endes des Kirchenftaates in vatikanifch - gläubigen
Kreifen keinen Anftofs erregt hat. Trotzdem mufs anerkannt
werden, dafs der Verf. auf feinem Standpunkte
fich bemüht, die für den frommen Katholiken beklagens-
werthen kirchlich-politifchen Vorgänge mit möglichfter
Objectivität zur Darftellung zu bringen. Da er aufser-
dem auf die vielgeftaltigen politifchen Verhältniffe der
italienifchen Halbinfel, foweit fie auf den Kirchenftaat
Bezug haben, mit forgfamem Intereffe eingeht, fo ift der
vorliegende Theil des Werkes der bei weitem lehr-
reichfte. Dafs eine tiefe Animofität gegen das ,expan-
fionsbedürftige Savoyen-Piemont' das ganze Buch durchzieht
, läfst fich leicht begreifen und wird niemand einem
katholifchen Hiftoriker verargen können. Aber den
Untergang des Kirchenftaates und im Zufammenhange
damit die Herftellung des italienifchen Einheitsftaates
lediglich diplomatifchen Ränken und welfcher Verfchlagen-
heit der antikirchlichen Kreife zuzufchreiben, heifst doch
die Hauptfache überfehen; denn der Hauptgrund des
Zufammenbruches der päpftlichen politifchen Herrfchaft
lag doch in der Unhaltbarkeit der Zuftände des
geiftlich-politifchen Staatswefens: an fich ein Zwittergebilde
, ift es noch dazu durch feine eigene Mifswirthfchaft
zu Grunde gegangen. In diefe Thatfache werden fich
die Katholiken, wenn auch ungern, doch nothgedrungen
allmählich finden müffen. Andrerfeits wird der objec-
tive Hiftoriker anzuerkennen haben, dafs die Entftehung
des italienifchen Einheitsftaates nicht auf geradem Wege
vor fich gegangen ift: das Königreich Italien ift aus der
Revolution geboren. Welche fchlimmen Folgen diefes
unglückfelige Verhältnifs für das Volksgewiffen hat,
fehen wie dort ja deutlich Tag für Tag. Aber wen
trifft denn fchliefslich auch dafür die Hauptfchuld?
Nächft den ,fremden' Ufurpatoren, die Italien feit dem
neunten Jahrhundert zerftückeln halfen, hat niemand die
nationale Ausgeftaltung Italiens mehr gehindert als das
Papftthum felbft. Daher der Hafs der Gebildeten gegen
das Priefterthum und der Erfatz des Chriftenthums
durch das .Freimaurerthum', das in Italien eine Bedeutung
hat, wie in keinem anderen Lande der Welt, weil
man dort noch faft keinen Proteftantismus kennt.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Karo, Lic. Dr. G., Auf dem Wege zur Wahrheit. Für

Suchende. Tübingen, J. C. B. Mohr, 1901. (VII,
123 S. gr. 8.) M. 1.85

,Bei der Fülle von Schriften, die fich heutzutage
mit der Darlegung der chriftlichen Glaubenswahrheit für
Gebildete befchäftigen, denen es um Klarheit und Ge-
wifsheit über diefelbe zu thun ift, mag es für diefen
neuen Vernich vielleicht zur Entfchuldigung oder gar
Rechtfertigung gereichen, dafs er etwas andere Wege
geht, als die feither eingefchlagen wurden. Dem Kundigen
kann es nicht entgehen, wie viel ich meinem
unvergefslichen Lehrer Richard Rothe verdanke. Die
zuverfichtliche Ueberzeugung, dafs feine tiefen und grofs-
artigen Gedanken verdienen, in viel weiterem Umfang,
wie bisher, Gemeingut der gebildeten Gemeinde zu
werden, hat mich zu meiner Arbeit ermuthigt'. Diefe
Erklärung des Verf.'s bringt Zweck und Charakter der
Schrift in treffender Weife zum Ausdruck. In einer Reihe
von neun geiftvollen und gehaltreichen Abfchnitten (Standpunkt
, Gott und Welt, der Menfch, Offenbarung, Chriftus,
Glaube, Bibel, Kirche und Welt, das Ziel) entwirft K. ein
nahezu vollftändiges Syftem chriftlicher Weltanfchauung.
Bei dem Beftreben, ,die fuchende Seele zum Chriftenthum,
zu Chriftus zu führen'(4), bekundet er eine doppelte Eigen-
fchaft, die ihn als einen echten Schüler des grofsen Theologen
erfcheinen läfst, deffen Gedanken er in weiteren
Kreifen zur Anerkennung und Geltung bringen möchte.
Einmal ift ihm .allzeit als das Höchfte und Befte er-
fchienen: Freiheit des Forfchens, der Ueberzeugung, der
Rede .... nie ift auch im Dienfte der Kirche ein
Wort über meine Lippen gekommen, das nur ein äufser-
lich Angenommenes oder Aufgenöthigtes ausgefprochen
hätte ... ja, es fei Euch zugeftanden: die Wahrheit,
die ganze volle Wahrheit mag für fchwache, unreife Gemüther
ihre Gefahren haben. Aber weil zuweilen etliche
Schiffe untergehen, foll darum die Schifffahrt aufhören?'
(5—6). Zum Zweiten zeichnet die Darfteilung des Verf. fich
aus durch ein pietätvolles Verftändnifs für die .ehrwürdigen
' Satzungen, in denen die Väter einft nach dem Mafs
ihrer Erkenntnifs ihren Glauben ausgefprochen haben.
.Gerade den inneren Werthgehalt diefer altehrwürdigen
Dogmen möchte ich ins Licht ftellen, indem ich die
Schale ablöfe, die der Wurm der Zeit zernagt hat. Da
wird fichs zeigen, wie viel doch auch uns Kindern der
Neuzeit gemeinfam ift, wie uns ihre bellen Schätze noch
keineswegs verloren find' (7). Wie ernft der Verf. diefe
Aufgabe nimmt und wie glücklich er fie zu lösen weifs,
erhellt aus der Behandlung, die er den wichtigften kirchlichen
Dogmen zu Theil werden läfst. Man lefe, wie er
fich über die Prädeftinationslehre (33), über die Chrifto-
logie (43), über das Dreieinigkeitsdogma (38—39), über
die Verföhnungslehre (77—78) äufsert. Diefes Bedürfnifs,
mit dem Glaubensbefitz der Väter ftets in lebendiger
Fühlung zu bleiben, führt indeffen den Verf. weder zur
romantifchen Wiederbelebung ausgestorbener Formen,
noch zu unklaren, meift aus Selbfttäufchung geborenen
Vermittelungsverfuchen. Auch die in manchen Kreifen
verlangte, im Namen des ,praktifchen Chriftenthums' empfohlene
Depotenzirung der als gleichgültig erklärten
Lehre liegt dem nach Wahrheit und Klarheit ringenden
Verf. ferne. ,Ein gemeinfamer Ausdruck chriftlicher Erkenntnifs
, in dem fich die Chriften in freier Weife geeint
wiffen, mufs und kann gefunden werden, und ift fchon
zum gröfsten Theil vorhanden' (102). Den zuversichtlichen
Optimismus, der fich in diefen letzten Worten
verräth, verdankt K. vornehmlich dem Lehrer, dem er
als dem bewährtesten Führer folgt und deffen Grundgedanken
er mit eben fo vielem Glück als Gefchick in gemeinverständliche
Formen umzuprägen weifs. Denn auch
die Lehren, die das charakteriftifche Sondereigenthum
Rothe's bilden und in welchen feine geistvolle Speculation
ihren claffifchen Ausdruck gefunden hat, will der Verf.