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Ausgabe:

1901

Spalte:

257-259

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ebstein, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Medizin im Alten Testament 1901

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hiirrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

NE; 10.

11. Mai 1901.

26. Jahrgang.

Ebftein, Die Medizin im Alten Teftament
(Nowack).

Titins, Die neuteftamentliche Lehre von der
Seligkeit, 2. Abth. Der Paulinismus (Job..
Weiss).

Monnier, La premiere epitre de l'apötre Pierre
1 Clemen).

Harnack, Die PfafTfchen Irenaeus-Fragmente
als Fälfchungen PfafTs nachgewiefen. [Texte
und Unterfuchungen N. F. V, 3] (H. Achelis).

Savio, Gli antichi vescovi d'Italia dalle origini
al 1300 (Wenck).

Eger, Luthers Auslegung des alten Teftaments
(Köhler).

Schriften des Vereins für Reformationsgefchichte,
Nr. 66: Roth, Leonhard Kaifer, Nr. 67:
Arnold, Die Ausrottung des Proteflantismus
in Salzburg (Köhler).

Wagner, Das Geiftesleben in feiner Sichtbarkeit
(Ritfehl).

Ebstein, Geh. Med.-Rath, Prof. Dr. Wilhelm. Die Medizin
im Alten Testament Stuttgart, F. Enke, 1901. (VIII, 184
S. gr. 8.). ' M. 5—

Seit J. P. Trufen's Darftellung der .Sitten, Gebräuche
und Krankheiten der alten Hebräer' 2. Aufl. Berlin 1853,
ift zwar eine gröfsere Zahl von Auffätzen oder felbfiän-
digen Monographien über die eine oder andere der im

A. T. erwähnten Krankheiten erfchienen, aber an einer I Feld mit zweierlei Samen zu befäen und ein Kleid aus

zu beurtheilen, die auf ganz anderem Boden erwachfen
und jener alten Zeit fremd find. Weil diefer Einblick
E. fehlt, darum kommt er dazu, dafs er eine grofse Fülle
von Ritualvorfchriften vom Standpunkt der Hygiene aus
erklärt und dafs er demnach, wo er auf diefem Wege
nicht zum Ziel kommt, fich nicht feiten vor unlösbaren
Räthfeln fieht. Ich verweife auf die Darlegung über
Lev. 19, 19 das Verbot zweierlei Vieh zu begatten, das

Arbeit, welche den Verfuch machte, die Refultate der
weit zerftreuten Unterfuchungen zufammenzufaffen bezw.
fie auf Grund der exegetifchen Studien der letzten Dezennien
einer erneuten Prüfung zu unterziehen, fehlte es
bisher. Ebftein will diefe Lücke ausfüllen: ihm fteht
nicht nur eine ausgebreitete Kenntnifs der fachwiffen-
fchaftlichen Literatur zu Gebote, er hat fich auch der
dankenswerthen Mühe unterzogen, auf Grund der Ueber-
fetzung von Kautzfeh alle einfchlagenden Fragen von
neuem zu prüfen. Man mufs den Fleifs, mit dem E. die
gefammten kanonifchen wie apokryphifchen Schriften zu
feinem Zwecke durchforfcht und alles irgendwie Brauchbare
herangezogen hat, anerkennen, nicht minder ift die
Befonnenheit des Urtheils zu rühmen, die fich nicht nur
in der Ablehnung der auf diefem Gebiet nicht feltenen
Phantaftereien, fondern auch in dem Beftreben offenbart
eingedenk der Eigenart der biblifchen Schriften von
diefen nicht zu fordern, was fie weder leiden können
noch wollen. Der Ertrag der Arbeit E.'s würde freilich
für uns gröfser fein, wenn der Verf. fich der für einen
Laien ungewöhnlich grolsen Schwierigkeiten klar bewufst
geworden wäre, und wenn er es verfucht hätte mit
Heranziehung eines alttedamentlichen Fachmannes oder
Wenigdens mit Benutzung werthvoller Literatur dieser
Schwierigkeiten Herr zu werden. So werthvoll auch
eine gute und getreue Ueberfetzung id, wer als Hifto-
riker die Quellen benutzen will, mufs fich doch ein
Urtheil über ihr Alter, ihre Tendenz, ihren hidorifchen
Werth u. l.w. zu bilden fuchen, ohne dies find fchwere
Mifsgriffe nicht zu vermeiden. Erörterungen wie die

zweierlei Fäden zufammenzuweben: E. dellt hier die Ver-
muthung auf, dafs das letzte Verbot vielleicht erlaffen
fei, um die dabei leicht möglichen Betrügereien zu verhüten
, indem minderwerthiges und kodfpieligeres Material
gleichzeitig in demfelben Stück verwertet und um
einen zu hohen Preis verkauft wurden, während doch
darüber fchwerlich ein Zweifel fein kann, dafs fuperfti-
tiöfe Gründe für das Verbot mafsgebend waren, vgl.
Zeitfchr. für altted. Wiffenfchaft XX, S. 36 f. Auch die
Speife- und Reinigkeitsgefetze wollen aus religiöfem und
nicht aus hygienifchem Gefichtspunkt beurtheilt fein,
wenn wir auch im Einzelnen nicht immer die Quelle,
aus der eine folche Sitte genoffen ift, mit Sicherheit
aufzeigen können. Eine beffere religionsge-
fchichtliche Orientierung würde E. auch zu einem richtigeren
Urtheil über die an die Mutter des Simfon gerichteten
Verbote S. 43 wie über den Schlangenbifs und
die eherne Schlange S. 108 geführt haben.

Der Mangel der Heranziehung wiffenfchaftlich werthvoller
Literatur über die altteftamentlichen Schriften ift
nicht ohne böfe Folgen geblieben, — denn Büchner's
Handkonkordanz 1899 und Zittels Bibelkunde reichen
doch nicht aus, Dillmann's Commentar ift zwar genannt,
kann aber kaum ausgiebig benutzt fein. Nur fo ift es
begreiflich, dafs E. Gen. 9, 1 ff. nicht als Ergänzung,
fondern als Gegenfatz zu 1, 29 anfleht, infofern er
nämlich behauptet, dafs der Menfch nun zum reinen
Fleifcheffer geworden fei, denn von den famentragenden
Früchten, die ihm früher 1,29 als Nahrung zugewiefen,
fei jetzt keine Rede mehr; dafs er in Lev. 15, 1 ff. ein

über die Stiftshütte Ex. 26, 1 ff. S. 13 f. oder über den Gefetz über die Ausflüffe beider Gefchlechter findet,

Wahnfinn Nebucadnezar's S. 116 f, über die verdorrte
Hand des Jerobeam S. III, über die Erweckung jenes
Todten, der auf die Gebeine des Elifa fiel S. 134 oder
endlich über das maffenhafte Sterben in Folge der genoffenen
Wachteln S. 103 wären ficher unterblieben, und
Fragen, die jetzt dem Verf. ungelöfte Räthfel find, wie
die, woher es komme, dafs die Israeliten am fechften
W ochentage doppelt foviel Manna fammelten wie an den
andern Wochentagen, hätten leicht ihre Erledigung gefunden
. Ein Einblick in die religiöfe Gedankenwelt der
alten Zeit hätte E. auch glücklich die Klippe umlchiffen
laffen, an der fchon viele vor ihm gefcheitert find, nämlich
alte Sitten und Gebräuche nach Gefichtspunkten

während doch der Text ausdrücklich vom redet;
dafs er in Lev. 20, 18. 24, 15 nicht auszugleichende
Widerfprüche erkennt. Tieferes Eindringen in den Text
würde den Verf. auch überzeugt haben, dafs feine Be-
flreitung des Jakobkampfes als eines phyfifchen jedenfalls
fich auf Gen. 32, 25 f. ebenfowenig ftützen kann,
wie die S. 165 fich findende Behauptung, dafs fpeciell
folche Pflanzen, die mit dem Tempel in Beziehung
ftanden (!), Heilmittel lieferten, in Ez. 47, 12 eine Begründung
hat. E. hätte auch gefehen, dafs Lev. 21, 18,
wonach die Lahmen bezw. mit einem körperlichen Gebrechen
Behafteten vom Priefterthum ausgefchloffen
find, in keinem irgendwie erkennbaren Zufammenhang;

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