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Ausgabe:

1901 Nr. 1

Spalte:

3-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Paul Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Geschichte Jesu 1901

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. I.

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geifter gefafst, die einft ihr entfcheidendes Wort fprechen
werden'. Dafs ein chriftlicher Bischof des 2. Jahrhunderts
die vollendeten Apoflel als Aftralgeifter gefafst haben
foll, fcheint mir völlig ausgefchloffen zu fein. Oxoiysla
fleht vielmehr im harmlofen Sinne Sterne. Für die
wirklichen Sterne ift, wie Diels felbft S. 44 h nachweift,
öxoiytlov nicht feiten gebraucht worden: unfer Bifchof
gebraucht das Wort metonymifch wie wir das Wort
Stern und die Engländer star von einer hervorragenden
Perfönlichkeit. Ob diefer metonymifche Gebrauch ufuell
war oder eine occafionelle Abwandelung der eigentlichen
Bedeutung ift, mufs wohl dahin geftellt bleiben; dem
bibelfeften Bifchof legte er fich jedenfalls durch Daniel
123 recht nahe: xal 01 övvtsvxeg mavovoiv mg qomöxrjgeg
xov ovgavov xal 01 xaxioyvovxtg xovg Zöyovg fiov moel
xd äöxga xov ovgavov elg xov almva xov almvog.

In der Fluchformel Gottes Element (verhüllend
kotz dement oder potz dement) fieht Diels S. 57
eine Nachwirkung der dämonologifchen Verwendung
des Wortes Element; diefer Fluch zeige ,eine ähnliche
fuperftitiöfe Degradirung des Begriffes, welche durch
die aftrologifche und magifche Schriftftellerei von Leuten
wie Theophraftus Paracelfus beeinflufst fein mag'. Ich
wage die befcheidene Gegenfrage: ift Element hier
nicht vielleicht fcherzhafte oder ernfthafte, jedenfalls aber
verhüllende Metamorphofe von Sacrament, ähnlich wie
Sapperment, Rafperment u. ä. ? —

Als eine Vorarbeit zum griechifchen und lateinifchen
Thefaurus bezeichnet fich diefe Arbeit des berühmten
Berli ner Philologen. Die an Wilhelm von Härtel gerichtete
Vorrede verbreitet fich über Aufgaben und
Methode der lateinifchen und griechifchen Lexikographie.
Wir Theologen haben alle Urfache, auch diefe Vorrede
zu lefen und zu beherzigen. Schwer ift von den philolo-
gifchen Lexikographen am Neuen Teftament gefündigt
worden; was in unferen allgemeinen griechifch-deutfchen
Wörterbüchern an neuteftamentlichem Material fleht, erreicht
oft nicht einmal die Höhe des erften neuteftamentlichen
Speciallexikons, das Georg Pafor vor bald 300 Jahren ge-
fchrieben hat. Nun eröffnet ein anerkannter Meifter allen
Sehenwollenden die Augen über die gewaltigen Aufgaben
der griechifchen Lexikographie überhaupt, deutet Verfäum-
nifse und falfche Aufgabeftellungen an und weift die

fchon Viel gewonnen. Mehr wird nur erreichen, wer
entweder als Künfller erften Ranges aus dem gegebenen
Stoffe ein hinreifsendes Kunflwerk fchaffen, oder wer
das einzigartige religiöfe Leben, von dem die Evangelien
zeugen, mit prophetifcher Kraft in fich nacherzeugen
und auf andere übertragen kann. Aber das kann man
nicht erftreben; obesjemals Einem gegeben fein wird?

Eine knappe Einleitung fchildert ,das Elend', das
in Jefus den Helfer finden follte und zwar als Armuth,
Krankheit und innere Zerklüftung. Dafs es viel Armuth
zur Zeit Jefu gegeben habe, ift nun freilich nicht erwiefen,
dafs hieran der bigotte Sinn des Volkes fchuld gewefen,
fcheint etwas conftruirt zu fein, dafs die .Armuth' im
gewöhnlichen Sinne von Jefus überhaupt zum Elend gerechnet
wurde, ift fogar fehr unwahrfcheinlich. Die
Krankheit aber ift in feinen Augen doch wohl nur eine
freilich fehr bedeutfame Begleiterfcheinung der allgemeinen
Satansherrfchaft über Volk und Welt und die Eintheilung
Befeffenheit, Ausfatz und Lähmung erfcheint doch recht
willkürlich. Wenn dann unter dem Begriff der inneren
Zerklüftung eine Schilderung des religiöfen Lebens und
feiner Mängel unternommen wird, fo ift auch das kaum
ein zureichender Gefichtspunkt. Denn der religiöfe
Hauptfchade, die Gottesferne, der Mangel an Vertrauen,
der Peffimismus, die Verzweifelung, wird in allen Richtungen
des Volkes hervorgetreten fein. Die Skizze zeigt
wieder einmal, wie mifslich es heute noch ift, einen
folchen Querdurchfchnitt zu wagen, wo die Quellen, Jo-
fephus und die Apokryphen, der Talmud und vor allem
die Evangelien felbft noch nicht genügend für eine
Schilderung der Zeitverhältnifse durchforfcht und ausgebeutet
find. Immerhin hat, was der Verf. bietet, Leben
und ift anfchaulich.

Die eigentliche Darftellung der Gefchichte Jefu
klammert fich, mit völliger Beifeitelaffung des Johannesevangeliums
, nicht blofs an die Synoptiker, fondern leider
allzufehr an das fynoptifche Schema an, fo wenn die
Bergpredigt gleich an den Anfang geftellt, wenn die
Reihe der fünf Confiicte innegehalten, wenn auf die Verwerfung
in Nazareth die Jüngerausfendung, darauf die
Reifen ins Heidenland und die Zeichenforderung, auf
Caefarea die Sprüche von der Kreuztragung folgen. Der
ganze Reft wird nach Mk. auf der Reife nach Jerufalem

mühevollen, aber lohnenden Wege zu dem grofsen Ziele und in Jerufalem untergebracht, der Inhalt von Mk. 11. 12
eines aus zehn grofsen Zehnteln beftehenden Thefaurus unter dem Titel: der Anfturm auf Zion, die Herausforder
gefammten griechifchen Sprache. Für uns fei diefe j derung, Redefchlachten. Bei aller Verehrung der Mar-
Kundgebung ein Appell an unferen Fleifs und unfere ! kus-Hypothefe geht mir diefe gläubige Anerkennung
Treue im Kleinen. Denn unfere Aufgabe ift es, jenes ' feines Entwurfs, wo die Querfchnitte als Längsfchnitte
eine Zehntel des Schatzes, das die jüdifchen und chrift- ! genommen find, zu weit. Seltfam contraftirt damit eine Beliehen
Texte in griechifcher Sprache umfafst, abzufchätzen, j vorzugung des Matthäustextes im Einzelnen, auch wo er
zu ordnen und dem Wiffensdrang zugänglich zu machen' I fecundär ift, z. B. beim Sabbatheonfhet (S. 76), beim Ehe-
Heidelberg. Adolf Deifsmann fcheidungsgefpräch (S. 131). Aber hierfür, wie für vieles
g 01 L'e,lsmann- ( Andere wird wohl der zu erwartende zweite Theil die

I wiffenfehaftliche Begründung nachbringen.

Schmidt, Prof. D. Paul Wilhelm, Die Geschichte Jesu, i Ueber die Wunderfrage geht der Verf. gerade im

erzählt Freiberg i B T C B Mohr 1800 Win 1 treffe des Publicums, an welches er denkt, gar zu

erzahlt. Freiberg ,. B., j. L. B. Mohr, 1899. (VIII, 1 fchndl und leicht ninweg Dje Bedeutung der Sunden-

!7S b- *■) M- 3-— Vergebung wird vom Gichtbrüchigen aus zu fehr ver-

Diefer Verfuch, das Wefentliche der Gefchichte und allgemeinen. Die unbeftrittenen Erfolge bei den Damo-
Verkündigung Jefu in knapper Zufammenfaffung und nifchen und anderen Kranken bedurften auf einer anlchau-
lebendiger Darftellung einem weiteren gebildeten Publi- ' liehen Analyfe. Die völlige Uebergehung der Speilungs-
cum darzubieten, muls auch von dem begrufst werden,
der in vieler Beziehung einen abweichenden wiffenfehaft-
lichen Standpunkt vertritt. Namentlich, wenn der Verf.,
wie es hier gefchieht, fich bemüht, möglichft den Stoff
als folchen wirken zu laffen. Ueber den Erfolg kann
man natürlich nicht prophezeien. Es wäre intereffant
zu wiffen, in welchem Mafse es diefer edlen, einfachen
Reproduction der evangelifchen Ueberlieferung gelingen
wird, den Panzer gleichgültiger Abgeftumpftheit bei
unferem Lefepublicum zu durchdringen und, wenn auch

gefchichte ift auch bei abfoluter Ablehnungnichtberechtigt;
der Lefer fragt doch danach. .

Die Darfteilung der Verkündigung Jefu erfcheint mir
in vielen Punkten recht anfechtbar, ich verzichte aber
auf Geltendmachung meines Gegenfatzes und wende mich
noch zu der Hauptfache, der Gefammtauffalfung der
Perfon Jefu. Das Prophetifch-Meffianifche tritt hier fehr
ftark zurück. Auch das Capitel ,Meffias-Gewifsheit' bewegt
fich nur in Andeutungen, die man fehr verfchieden
auffaffen kann. Hier wäre eine rückhaltlofe Ausfprache
nicht ein religiöfes Feuer, fo doch wenigftens eine ge- am Platze gewefen; entweder mufste die Meffianität
wiffe Liebe zum Gegenftande zu entzünden. Damit wäre I ganz abgelehnt werden, oder dem Lefer mufste das