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Ausgabe:

1901 Nr. 9

Spalte:

240-241

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stewart, H. F.

Titel/Untertitel:

Thirteen Homilies of St. Augustine on St. John XIV 1901

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 9.

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das Refultat, zu dem er fchliefslich kommt, eben des- [
halb zum Theil unhaltbar.

Er beginnt — nach trefflichen Bemerkungen über
die Zeitgemäfsheit feines Themas und den allgemeinen
Charakter der neuteftamentlichen Schriften — mit einer
Unterfuchung ihrer Reihenfolge, die (natürlich wieder einmal
unter Berufung auf Harnack's bekannte Aeufserung) i
von der Vorausfetzung ihrer faft durchgängigen Echtheit j
ausgeht. Danach nimmt die erfte Stelle der Jakobusbrief |
•ein; dann folgen die fämmtlichen Paulinen; noch vor 70 der
I. Petrus-und Hebräerbrief, die Apokalypfe,fowie die fynop-
tifchen Evangelien und die Akten; fpäter das Johannesevangelium
und die Briefe. Die Beweisführung ift hier zumeift
fehr oberflächlich, ja die Rechtfertigung der Reihenfolge der
Paulusbriefe unter fleh (S. 25) wohl überhaupt nicht ernft
gemeint. Und doch fchliefst das Capitel wieder mit Erörterungen
über das Verhältnifs des Paulus zum Leben
Jefu und die Bedeutung desfelben für die Lehre des
Herrn, wie fie kaum treffender gedacht werden können.

Die nächften beiden Abfchnitte find erft recht einleitenden
Charakters, fo fehr, dafs man zweifeln möchte,
ob fie fo ausführlich geftaltet zu werden brauchten. Der
zweite fchildert the members of Christ's school, and tlie
opinion which Christ eniertainedoftheir teaching, andthey of
His and of Hirn; der dritte the features ofChrist's teaching,
and their parallel in the teaching of His followers. Als
ein folches Charakteriftikum wird zunächft die ,Wieder -
holung' genannt, für die Dr. bei feiner Stellung zu den
Evangelien in diefen natürlich zahlreiche Beifpiele findet,
bei Paulus dagegen zumeift nur in Briefen an verfchiedene
Gemeinden. Ebenfo ift die ,Accomodation' hier und dort
doch etwas fehr verfchiedenes, und vollends eine ,ftufen-
weife Entfaltung der Wahrheit' zumal bei Jefus entfernt
nicht in dem Mafse nachzuweifen, wie Dr. behauptet
(S. 104). Er thut das wohl namentlich deshalb, weil er
feine eigene Dispofition auf Jefus zurückführen möchte:
er behandelt nämlich nacheinander (nach den Voraus-
fetzungen) die Lehre vom Reich Gottes, von der Perfon
Chrifti, feinem Kreuzestod und feiner Erhöhung, und diefe
Anordnung läfst fich ja in der That, wenn man von der
Lehre Jefu ausgehen will, vertheidigen. Dafs diefelbe fich
übrigens nicht felbft entwickelt habe, ift von Dr. richtig
nachgewiefen worden, ebenfo wie diefes Capitel natürlich
auch fonft neben dem in Zweifel gezogenen manches
Treffende, aber freilich auch längft Bekannte enthält.

Das gilt nun auch von der Darfteilung der Voraus-
fetzungen der Lehre Jefu und des übrigen neuen Tefta-
ments — bis auf diejenige der Lehre von der Sünde,
die ganz ungenügend ausgefallen ift. Dr. unterfcheidet
in keiner Weife unter den verfchiedenen Verbindungen,
die zwifchen dem Fleifch und der Sünde angenommen
worden find, und meint mit der Theorie — fagen wir:
Holften's zugleich die Anfchauung etwa Beyfchlag's
zurückgewiefen zu haben. Auch läfst fich Rom. 5, 12 ff.
nicht fo ohne weiteres mit Cap. 7 vereinigen; zunächft
führt Paulus die Sünde dort auf den Fall Adams, hier
direct auf das Fleifch zurück. Auf die Frage nach der
Bedeutung der Werke gehe ich lieber erft fpäter ein, wo
auch Dr. ausführlicher darauf zurückkommt; hier fei nur
noch erwähnt, dafs es ihm nicht gelungen ift, I. Cor. 9, 9:
ur xwv ßoeöv /ieZei xoö ; mit Mt. 10, 29: tv ex xoöv
OxqovD-Icov ov jttOElrai em xr/q y7/q ccvev xov staxnbg
■Tjucöv auszugleichen. Indefs das ift ja ein nebenfächlicher
Unterfchied, der fich leicht erklärt; betreffs der Ausdehnung
der Erlöfung dagegen wird im allgemeinen
Uebereinftimmung zwifchen Jefus und feinen Anhängern
mit Recht behauptet. Die Erörterung über den Zorn
Gottes (S. 148 ff.) ift endlich auch für deutfehe Theologen
lefenswerth, ebenfo wie im folgenden Capitel der Nachweis
(S. 183), dafs der Reichgottesbegriff, den Dr. freilich fchärfer
beftimmen konnte, nicht den Hauptbegriff in der Lehre
Jefu darfteilt.

Sehr fchwach ift dagegen wieder die Darfteilung der

Chriftologie im 6. Capitel; denn hier folgert Dr. aus den
Erzählungen von der Geburt, Taufe, Verklärung und Aufer-
ftehung Jefu, fowie der Entftehung der Evangelien in der
Zeit zwifchen den paulinifchen Briefen und den johannei-
fchen Schriften, dafs auch ihre Anfchauung von der Perfon
Chrifti keine andere gewefen fein könne, als die diefer.
Ja kv iioQcpf] &£ov vnär>%mv Phil. 2, 6 wird (übrigens nach
Gifford, The Incarnation) überfetzt: while originally
existing, and continuing to exist, in the essential form of God,
während umgekehrt der Name Menfchenfohn verftanden
wird als Christ's emphatic reminder of His humanity. re-
minder of His humility indeed. Immerhin bricht Dr. mit
der Deutung des i'ayaxoq 'Aöctu I. Cor. 15, 45 auf den
präexiftenten Chriftus, ohne doch eine befriedigende
andere Erklärung an ihre Stelle zu fetzen.

Die Ausfagen Jefu über die Heilsbedeutung feines
Todes werden m. M. n. im allgemeinen richtig erklärt,
aber freilich nicht mit der fonftigen Lehre des Herrn
verglichen. Dr. meint das wohl fchon an jener früheren
Stelle gethan zu haben, wo er wie gefagt über die Bedeutung
der Werke fprach. Und in der That ift die
Behauptung von Mackintofh {Natural History of the
Christian Religion): Christ's method of salvation was
auto-soteric, Paul's hetero-soteric ficher unhaltbar; aber
folgt daraus auch fchon, dafs hier überhaupt kein Unterfchied
exiftirt? Kann man von Jefus fchlechthin behaupten:
He did proclaim the forgiveness of sins, but He made it
abzmdantly piain how intimately and necessarily His own
death and resurrection were associated with the bestowal
of itl Oder hat er nicht von vornherein dasjenige Verhältnifs
zwifchen Gott und Menfch vorausgefetzt, das
Paulus erft durch Chrifti Tod hergeftellt fein liefs ?
Schliefslich ftimmt der Apoftel alfo doch mit feinem
Herrn überein, ja er hat ihn beffer verftanden, als feine
| nächften Jünger; aber zunächft ging er allerdings von
Anfchauungen aus, die Jefus überwunden hatte.

Und damit hängt nun auch die beiderfeitige Lehre
1 vom Glauben zufammen, die Dr. im vorletzten Capitel dar-
I (teilt, aber viel zu fehr harmonifirt. Im übrigen trifft
er dagegen in diefen abfchliefsenden Unterfuchungen überhaupt
zumeift das richtige — u. A. in der Verwerfung jener
myftifchen Erlöfungslehre, die auch ich früher bei Paulus
gefunden habe, ohne dafs ich diefe Anfchauung (und
manche andere früher vertretene) jetzt noch für richtig
halten könnte. Nur dem Abendmahl wird fälfchlicher-
weife eine Beziehung auf die Menfchwerdung gegeben
(S. 274) und der modernen Kritik zugefchrieben, fie finde
I bei Markus und Matthäus eine Polemik gegen das xovxo
stoiEiXE slg xrjv Eprjv avafivnöiv. Indefs das ift ja nur
eine Kleinigkeit; im allgemeinen hat Dr. gewifs recht,
wenn er hier eine Uebereinftimmung zwifchen Jefus und
feinen Jüngern behauptet, hinter der freilich im letzten
Capitel die Unterfchiede allzufehr zurücktreten.

Ich fchliefse diefe Anzeige mit der Aufführung einiger
Verfehen und Druckfehler, die mir beim Lefen aufgeftofsen
find: S. 61 Z. 1 ift ftatt Crete zu lefen Cyprus, S. 102
Z. 11 v. u. ftatt proverty: poverty, S. Iii Z. 16 ftatt qual-
fications: qualifications, S. 139 Z.2 v. u. ftatt: von der Folgen :
von den Folgen, S. 357 Z. 7 v. u. ftatt «c: elq.

Halle a. S. Carl Clemen.

Stewart, Chapl. H. F., M. A., Thirteen Homilies of St.
Augustine on St. John XIV. In Job.. Ev. Tractatus LXVII
—LXXIX. With translation and notes. Cambridge,
University Press, 1900. (XXXIX, 140S.gr. 8.) Sh. 4.—

Das in wunderfchöncr Ausftattung aus der University
Press'm Cambridge hervorgegangene Büchlein befpreche ich
an diefer Stelle nur, um vor feiner Anfchaffung in Deutfch-
land zu warnen. S. 2—101 bieten den Text von Auguftin's
Tractaten über Joh. 14 v. 1—31 {tract. in Evang. Joann.
LXVII—LXXIX), einfach aus einer Parifer Ausgabe ab-