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Ausgabe:

1901 Nr. 8

Spalte:

226-227

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fuchs, Emil

Titel/Untertitel:

Schleiermacher‘s Religionsbegriff und religiöse Stellung zur Zeit der ersten Ausgabe der Reden (1799-1806) 1901

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 8.

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thum Bayern vernehmen. Die dem Evangelium geneigten Polykarp's, der Verbindungen mit Genf hatte und wohl

drei Kammerräthe werden befeitigt und von einer Hofdame Anhänger Servet's meint. Man darf dem Briefwechfel

die Entfernung ihrer lutherifchen Bücher verlangt. Das Chriftoph's nur fleifsige Benutzung in den Reihen der

Haupt der Altgläubigen ift der Hofmeifter der Herzogin, Kirchenhiftoriker wünfchen.

Wilhelm Löfch, feine Genoffen Schad und der Bifchof von Nabern. G. Bof fert.

Freifing, an dem Herzog Chriftoph bisher noch wenig _*

Intereffe für religiöfe Fragen wahrgenommen hatte. Im

Frühjahr 1554 finden fich bei 800 Perfonen im Rentmeifter- | Fuchs, Lic. Emil, Schleiermacher's Religionsbegriff und reli-

amt Burghaufen, die das Abendmahl nicht unter einer giöse Stellung zur Zeit der ersten Ausgabe der Reden

Geftalt nehmen wollen. 400, die es unter beiderlei Ge-
ftalt empfangen, wurden nach Burghaufen geladen und
bedroht. Intereffant ift weiter die Nachricht, welche
Chriftoph am 12. Mai 1554 dem Kurfürft Friedrich von
der Pfalz fendet, König Ferdinand habe den Bifchöfen

(1799—1806). Giefsen, J. Ricker, 1901. (IV, 104 S.
gr. 8.) M. 2.—

O. Ritfehl hat in feiner Abhandlung über Schleiermacher
's Stellung zum Chriftenthum Proteft erhoben

Prälaten und derLandfchaft in Ungarn auf dem .Rakofch' zu 1 gegen das Vorurtheil, ,dafs die Reden über die Religion

Prefsburg auf ihr ,ftreng und emfig'Anhalten 1. die Predigt
des reinen Evangeliums, 2. die communio sub utraque,
3. die Priefterehe zugeftanden. Die öfterreichifche Land-
fchaft wolle jetzt diefe drei Zugeftändnifse auch für fich gewinnen
. Ueber Markgraf Karl von Baden erfahren wir,
dafs er feit 1540 mit feiner Gemahlin das Abendmahl

das Zeugnifs einer pantheiftifchen, fpinoziftifchen, unchrift-
lichen Denkart feien'. Einen Schritt weiter in der ein-
gefchlagenen Richtung geht die Publication von Fuchs.
Sie gipfelt in der Behauptung, dafs zwifchen der erften
Ausgabe der Reden und der im Jahre 1801 veran-
ftalteten Predigtfammlung keinerlei Widerfpruch beftehe,

sub utraque empfing und fchon zu Lebzeiten feines Vaters j und dafs die religiöfe Betrachtungsweife des grofsen
die Reformation feines Landes in Ausficht genommen ! Theologen in der Zeit von 1799—1806 eine durchaus
hatte und nur durch feinen Kanzler und etliche Räthe, j einheitliche und ethifch intereffirte gewefen fei.
die noch altgläubig waren, abgehalten wurde, wobei noch Die Ausführung gliedert fich in zwei Theile. Der

die Rückficht auf die kaiferliche Belehnung mitwirkte, j erste wirft die Frage auf, was in den Reden (Ausgabe
Sehr beachtenswerth find die Bemühungen des eifrig j von 1799) unter ,Anfchauung des Univerfums' zu ver-
proteftantifchen Herzogs Chriftoph um Einigung der Prote- 1 flehen fei. Die Antwort zu finden, analyfirt und erläu-
itanten, befonders angefichts des Reichtages, und die kalte ' tert Verf. zunächft die Begriffe der ,finnlichen Anfchauung',

ftolze Haltung des Albertiners Auguft gegenüber diefen
Bemühungen, wie auch die auffallende Zurückhaltung des
Landgrafen Philipp von Heffen, während der grofse Bewunderer
des Herzogs Chriftoph, Pfalzgraf Ottheinrich,

der ,Selbftanfchauung' und der ,Anfchauung anderer Men-
fchen' bei Schleiermacher unter ftarker Betonung des
Einflufses, den die Kantifche Erkenntnifstheorie auf
diefen ausgeübt hat. Geftützt auf die gewonnenen Er-

nicht nur die Theologen fondern auch die weltlichen Räthe j gebnifse, (teilt er dann feft: Die ,religiöfe Anfchauung

der evangelifchen Fürsten zu einem Convent vor dem ift eine infolge gewiffer Einwirkungen der Welt einerfeits
Reichstage vereinigt fehen möchte. Man thutMelanchthon j und auf Grund einer beltimmten Gemüthsbildung anderer-
kaum Unrecht, wenn man annimmt, dafs er im Verdrufs I feits durch die Selbftthätigkeit des religiöfen Subjects geüber
die Haltung der Schwaben in der ofiandrifchen Frage ' fchaffene Auffaffung des Univerfums als eines VVefens,
den Kurfürften von Sachfen ungünftig beeinflufste, während j ,das Individualität und Charakter hat': ,alle Begebenheiten
doch mit Recht gefagt werden konnte, fchon die Frage 1 in der Welt als Handlungen eines Gottes vorftellen, das
des Interims wäre 1548 anders entfehieden worden, wenn ; ift Religion'. .Urfprünglich' oder ,unmittelbar' heifst diefe
fämmtlicheProteltanten fich über ihre Haltung verftändigt j religiöfe Anfchauung nicht deshalb, weil fie durch keine
hätten. Nicht minder beachtenswerth ift der überall fich j vermittelnden Glieder veranlafst ift, auch nicht deshalb,
kund gebende Abfcheu vor den Schmähfchriften und i weil fie ohne Reflexion gleichfam unbewufst entfteht,
Pasquillen der Theologen. Herzog Chriftoph war be- fondern darum, weil fie auf der Bafis eines fittlichen
fonders der grobe Mörlin widerwärtig. Auffallend ift der j ,Habitus' durch die Activität des Menfchen ,aus deffen
ganz verfchwundene Einflufs der Städte auf die öffent- j Innerm heraus' producirt ift. Es handelt fich gewiffer-
lichen Zuftände. Sehr kräftig urtheilen fämmtliche j mafsen um das Hineinfchauen eines dem eigenen Wefen
Württemberger, Herzog Chriftoph, fein Oheim Graf Georg I analogen Wefens in das Univerfum (S. 28).
und feine Räthe, über den fchwäbifchen Bund, den der [ Das errungene Refultat wird in einer längeren Dis-
Kaifer gerne wieder ins Leben gerufen hätte. Die un- j cuffion mit Lipfius, A. und O. Ritfehl und anderen
ruhigen Pfaffen und die wucherifchen Marketender, fagt fichergeftellt.

Graf Georg, haben den Bund für ihre Zwecke benützt. I Der zweite Theil will die .perfönliche religiöfe
Auch fonft findet fich eine ganze Reihe werthvoller Züge ; Stellung' Schleiermacher's kennzeichnen und über das
zur Gefchichte der Kirche und der Theologen jener Zeit. Verhältnifs der Reden und der Predigtfammlung von
Vgl. zur Charakteristik des trefflichen Dr. Joh. Beurlin, j 1801 unterrichten.

welchen man fchon im Herbft 1553 für Preufsen werben Was die ,perfönliche' Auffaffung Schleiermacher's
wollte, feine Erklärung vor den Kirchenräthen S. 289. I anlangt, fo gehört zu feinem Glauben, fofern derfelbe

Andreä hätte mit beiden Händen zugegriffen. Zur
Charakteristik des Thomas Naogeorgus, welcher 1553 als
Hachfolger von Martin Clefs Prediger zu S. Leonhard in
Stuttgart geworden war, ist Nr. 419 S. 338fr. und namentlich
die Anmerkung S. 340 werthvoll. Befonders fei noch
auf den Bericht des Herzogs Chriftoph an den Bifchof
yon Paffau, der durch den Briefwechfel in ein angenehmes
nicht tritt, vom 26. November 1556. Nr. 818, S. 678 über
eine neue Secte in Burgund und Lothringen aufmerkfam
gemacht, zu der auch vornehme und gelehrte Leute ge-
j]?ren, und die in Druckfchrifien lehre, jedermann, auch
die leufel werden zuletzt feiig, jedem Menfchen, auch
den bofen Geistern fei eine bestimmte Frist zur Ab-
bufsung feiner Sünden in der Hölle gefetzt. Die Nachricht
erhielt der Herzog wohl von Kaspar Lyfer, dem Vater

rein religiös ist, eine ,anthropomorphiftifche Gottesvorftel-
lung' (S. 76). Dazu kommt weiter die Annahme eines Zu-
fammenhanges zwifchen Religion und Sittlichkeit, freilich
nicht eines folchen, wie er durch die vulgäre Betrachtungsweife
ftatuirt zu werden pflegt, fondern wie er durch eine
tiefergehende Analyfe erkannt wird (S. 51—57); endlich
die Ueberzeugung der Unfterblichkeit im Sinne eines
Fortbestehens der ,Individulität' trotz der Vernichtung
der .Perfönlichkeit' (S. 58—73). Es wird der Nachweis
verfucht, dafs die pantheiftifch und materialiftifch klingenden
Stellen der Reden, die Polemik, in der diefe "fich
gegen die Vermifchung von Religion und Moral ergehen,
die abfehätzigen Urtheile, die fie über den Unsterblichkeitsglauben
fällen, die gegebene Charakteristik nicht
Lügen strafen.