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Ausgabe:

1901 Nr. 8

Spalte:

223-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ernst, Viktor (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Briefwechsel des Herzogs Christoph von Wirtemberg. Zweiter Band: 1553 - 1554 1901

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 8.

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ftolpert. S. 178, Nr. 173 dürfte der Sinn fein: Wachfame
Hunde behüten das Dorf vor Mordbrennern und Räubern.
S. 180, Nr. 176 zu halten = hinzuhalten. Vgl. Spitta's:
Doch was Gott dir heut will geben, nimm auch heute.
S. 188, Nr. 185 ift der Rame wohl der Tuchrahme. Von
dem dort eingefpannten Tuch geht der Rand, das Seiband
, ab. Sinn: Es wird nicht fo heifs gegeffen, wie angerichtet
. S. 205, Nr. 205 hat Thiele ganz recht, wenn
er in E. A. 39, 309 eine Parallele fieht, und seycher mit
dem dort gebrauchten socker zufammenftellt. Beides
mufs, wie die folgenden Ausdrücke luntros, hümpler,
fchelm, einen fittlichen Defekt bedeuten. Diefen aber
kann man nicht gewinnen, wenn man mit Thiele seycher
gleich mingens nimmt. Auch die von Thiele angezogene
Bezeichnung der Frauen ergiebt keinen folchen, fondern
nur eine verächtliche Bezeichnung ihrer natürlichen Eigenart
. Einen folchen ergiebt auch nicht die Erklärung von
s'öcker = Sockenläufer oder Sockenreiter. Ref. möchte
an feiner Erklärung von s'öcker = socker (vgl. das Sprichwort
,Der Socher geht über den Pocher') in Z. d. Ph. 29,373
trotz des Widerfpruchs von Ehrismann fefthalten. (Zum
Umlaut vgl. bei Frank, Luther's Schriftfprache S. 35, zum
Wechfel des Kehllauts ebd. § 105). Seycher aber ift =
siecher. Vgl. zum Wechfel von ie und ei ,befchiede' Nr. 6b.
Zum tropifchen Gebrauch von fiech vgl. das fchwäbifche
Schwimpfwort: Du Siech, Luthers ,feuchtig' und die
Stellen 1. Tim. 1, 10. 6,3. 2. Tim. 1,13. 4, 3. Tit. 1, 9, 2, 1, 7.
S. 216, Nr. 212. Zauen vgl. 2. Sam. 5, 24. S. 220, Nr. 218
geht vom Jagdhund aus, der den Fuchs wohl anbellt, aber
nicht anzufaffen wagt. S. 245, Nr. 258 gehört Teufelsbraten
nicht hieher. Denn es ift paffiv, wie wohl auch Teufels-
bräter, einer, den der Teufel in der Hölle brät. S. 255,
Nr. 242 Barüber, d. h. bar über sc. den Ladentifch bieten.
Zu S. 287, Nr. 312 vgl. die Drohung der Bauern, denen,
welche nicht mit ihnen ziehen, einen Pfahl vor die Thüre
zu fetzen, ihn zu verpfählen, alfo ihm den Ausgang wehren
und ihn vom Verkehr ausfchliefsen. Zu S. 343, Nr. 381
gefleht Ref., dafs ihn auch nach einer erneuten Prüfung die
Erklärung derRedensart,vomHaberfack fingen',dieden klaren
Gegenfatz zu ,vom Strohfack fingen' bildet, aus einem
Volkslied nicht befriedigt hat. Zu den S. 344 angegebenen
Stellen bei Luther fcheint ihm heute noch am einfachften
die Z. d. Ph. 30, 430 gegebene Erklärung zu paffen. S. 406,
Nr. 471 heifst doch wohl einfach: keine Geduld zum Anhören
anderer haben. Vgl. Jakobi 1, 19. Sirach 20, 21.

Was Thiele bietet, ift ein werthvoller Beitrag zum
Verftändnifs Luthers, deffen Werth der Verleger durch
fchöne Ausftattung des Buches anerkannt hat. Mit
grofser Freude hat Ref. gelefen, dafs Thiele noch reichlich
3000 Sprichwörter aus Luthers Schriften und Tifch-
reden gefammelt hat, aber er hält diefe Sammlung nicht
für reif zum Druck, ,bis das ganze Luther wort kritifch
gefichtet und erfchöpfend zufammengetragen ift? Aber
wie lange dauert das noch, wie viel mufs noch ge-
fchehen, bis die Weimarer Ausgabe auch immer die
nöthigen fprachlichen Erläuterungen geben kann'? Hier
wäre in der von Thiele angelegten Sammlung ficher ein
treffliches Hilfsmittel gegeben. Natürlich könnte für die
grofse Sammlung kein folch umfaffender Kommentar
gegeben werden, wie ihn Thiele zu den 489 Sprichwörtern
geliefert hat, aber eine kurze Angabe des Sinnes
und knappe Erklärung dunkler Ausdrücke, wie in der
Braunfchweiger Ausgabe, genügte.

Nabern. G. Boffert.

Briefwechsel des Herzogs Christoph von Wirtemberg. Im

Auftrag der Kommiffion für Landesgefchichte herausgegeben
von Dr. Viktor Ernft. Zweiter Band:
^53—1554. Stuttgart, W.Kohlhammer, 1900. (XXVI,
733 S. Lex. 8.) M. 10.—

Die Jahre zwifchen dem Paffauer Vertrag und dem
Augsburger Religionsfrieden bieten für den Hiftoriker

wenig Reiz und find darum auch noch nicht genügend
in ihrer Bedeutung für die Folgezeit, zunächft für den
Augsburger Reichstag, aufgehellt. Zu dem bisher vorwiegend
benutzten Material aus heffifchen und fächfifchen
Archiven bietet jetzt der zweite Band des von Dr. V. Ernft
in Tübingen bearbeiteten und von der Kgl. Commiffion für
württb. Landesgefchichte herausgegebenen Briefwechfels
des Herzogs Chriftoph in 834 Stücken und zahlreichen
Anmerkungen eine überaus willkommene Ergänzung,
deren Werth man umfo höher anfchlagen mufs, jemehr
nach Ernft's Urtheil der zweite Band von Druffels .Briefe
und Acten zur Gefchichte des 16. Jahrhunderts' verfagt.
S. IV. Ernft nennt fein Urtheil über diefen Band felbft
hart, aber feine Unterfuchungen haben ihn zu dem faft
unglaublichen Ergebnifse geführt, dafs diefes Buch fchon
im Text, von den Noten gar nicht zu reden, weit mehr
grobe Fehler als Nummern enthalte; häufig fei die Wiedergabe
eines Stückes völlig finnlos oder gerade die Pointe
weggelaffen, das Uebrige faft durchweg ungenau und ver-
fchwommen, fo dafs die ganze plaftifche Anfchaulichkeit
der Verhandlungen verloren gehe. Das ganze in jenem
Bande gezeichnete Bild der Jahre 1553 und 1554 ift nach
Ernft faft in jedem Zuge verfehlt und bedeutet gegenüber
der früheren Kenntnifs jener Zeit einen Rückfchritt.
So weit Ernft. Vgl. dazu auch Anmerkungen, wie S. 540
Nr. 654, 1. S. 668 Nr. 805, 1.

Die vortreffliche Arbeit Ernft's in der Sammlung des
Materials, der Wiedergabe feiner Vorlagen und in der
Erläuterung derfelben ift diefelbe geblieben, wie fie fchon
bei der Befprechung des erften Bandes gerühmt wurde.
Auch ift der ganze Stoff des erften und zweiten Bandes
nunmehr durch ein Regifter über beide Bände zugänglicher
geworden.

Ernft ift es gelungen, das lebhafte Intereffe der Lefer
fofort zu feffeln, indem er die Ereignifse der beiden Jahre
1553 und 1554 unter grofse Gefichtspunkte ftellt, welche
den Gang der Dinge auf dem Reichstage zu Augsburg 1555
I erft verftändlich machen. Auf der einen Seite fleht der
Kaifer als ein nahezu toter Mann da. Der Mann, der eben
noch mit Gewalt die Einigkeit der Reiches im Glauben
herftellen wollte und das Interim fchuf, die evangelifchen
Fürften des fchmalkaldifchen Bundes niederfchlug und
die Macht der Städte brach und ihre ganze bisherige
Stellung durch den Hafenrath untergrub, aber vor den
Mauern von Metz feine Macht zerfliefsen fah wie den
Schnee, hatte alles Vertrauen verloren. Die Zweizüngig-
keit feiner Regierung tritt gerade jetzt fchreiend hervor
in der Caffation und Confirmation der Verträge, welche
der Markgraf Albrecht den Bifchöfen von Würzburg und
Bamberg abgenöthigt hatte. Man fürchtet den Prinzen
Philipp als Thronfolger, fürchtet deffen gewaltfame Einführung
durch Spanier und Italiener und fieht in dem
wilden Markgrafen Albrecht nur ein Werkzeug des Kaifers
zur Durchführung feiner vermeintlichen unheimlichen
Pläne. Das Mifstrauen führt evangelifche und katholifche
Fürften im Heidelberger Verein zufammen. Der den
Franzofen ganz abgeneigte Herzog Chriftoph von Württemberg
läfst fich durch jenes Mifstrauen bis zum Gedanken
an den jiervus rerum' des Königs von Frankreichs
, der helfen könnte, fortreifsen. Auf der anderen
Seite fieht Ernft in den Kämpfen der fränkifchen Bifchöfe
und des Markgrafen Albrecht die Geburtsftunde der
Gegenreformation. Die Stellung zu diefem fanatifchen
Pfaffenfeind bringt felbft die beiden bisher trotz des con-
feffionellen Unterfchiedes harmlos verkehrenden Vetter,
den Herzog Chriftoph von Württemberg und Herzog
Albrecht von Bayern, immer weiter auseinander. Die
fränkifchen Bifchöfe benutzen den Sieg, um da und dort
der Sache des Katholicismus wieder aufzuhelfen. Bifchof
Otto von Augsburg läfst den Paffauer Vertrag aufser
Acht im Streit mit Ottheinrich von Neuburg.

Sehr beachtenswerth ift, was wir über die Wendung
I der Lage der Evangelifchen im Jahre 1553 im Herzog-