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Ausgabe:

1901 Nr. 7

Spalte:

199-200

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gelzer, Heinrich

Titel/Untertitel:

Geistliches und Weltliches aus dem türkisch-griechischen Orient 1901

Rezensent:

Meyer, Ph. L.

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199

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 7.

200

Lefer bequemer fei, fämmtliche vaticanifche hagiogra-
phifche Codices beifammen zu haben, dazu geführt, auch
die übrigen aufzunehmen. Die letzteren hat der auf dem
Titel genannte Pius Franchi de' Cavalieri bearbeitet.

Die Einrichtung des Buches ift diefelbe, die die
Herausgeber fchon bei der Herausgabe des Parifer
Katalogs angewendet haben.

Es find im Ganzen 193 Codices Vaticani, 35 Palatini,
14 Reginae Succiae, 7 von Pius IL, Urbinates 6, Otto-
boniani 63 befchrieben.

Sorgfältige Indices machen den Schlufs. Der erfte
enthält die in den Codices genannten Menologien und
Menologienfragmente, im zweiten find die Namen der
früheren Befitzer der Handfchriften aufgeführt, ein Ver-
zeichnifs der vorkommenden Heiligen füllt den dritten
Index, im vierten find die Namen derer genannt, die die
hagiographifchen Stücke gefchrieben haben.

Soweit ich Stichproben gemacht habe, zeigten fich
die Nachweifungen zuverläffig.

Hannover. Ph. Meyer.

Celzer, Heinrich, Geistliches und Weltliches aus dem türkischgriechischen
Orient. Selbflerlebtes und Selbftgefehenes.
Mit einem Porträt in Lichtdruck fowie zwölf Zeichnungen
im Text. Leipzig, B. G. Teubner, 1900. (XII,
253 S. gr. 8.) M. 5.—; geb. M. 6.—

Der Verfaffer fagt S. 60: ,Für den byzantinifchen
Hiftoriker ift die Kenntnifs von Land, Leuten und
Bräuchen der Gegenwart von unfchätzbarem Werthe'.
Solche nothwendige Kenntnifs des Orients anzuregen,
theilweife auch zu vermitteln, ift das Buch fehr geeignet.
Es enthält eine Reihe von guten Beobachtungen der
heutigen Verhältnifse in den orientalifchen Ländern am
Mittelmeer. Das befonders werthvolle ift dabei, dafs
Geizer durch feine bekannte hervorragende Stellung auf
byzantinifchem Gebiete befähigt wird, die modernen Verhältnifse
gefchichtlich zu beurtheilen und zu würdigen.
Die Darfteilung ift geiftreich, häufig von einer heiteren
und darum nicht verletzenden Ironie durchzogen.

In drei Abtheilungen führt der Verfaffer uns feine
Erlebnifse und Beurtheilungen vor. Zunächft zeichnet er
uns Bilder aus dem Geiftlichen Conftantinopel, fodann
fchildert er das herrfchende Volk im Reich, die Türken,
und endlich die unterworfenen Völker. Uns intereffirt felbft-
verftändlich hier wefentlich das ,Geiftliche'. Und auch hier
verzichte ich auf eine genaue Wiedergabe des Inhaltes.

Die Anficht des Verfaffers von der griechifchen Kirche
ift eine überwiegend günftige. Es hat mich fympathifch
berührt, dafs Geizer kein Türkenfchwärmer ift. Indefs
verkennt er keineswegs die fchweren Schäden der griechifchen
Kirche. Mit Recht betont er, dafs die Macht
des ökumenifchen Patriarchen durch die beigeordneten
Körperfchaften fehr befchränkt ift. Ebenfalls weift er
überzeugend nach, ein wie grofser Fehler es war, dafs
neben dem Patriarchen der nationale Gedanke fo viele
autokephale Kirchen hervorgerufen hat. Ganz anders
würde die orthodoxe Kirche daftehen, wenn fie noch
die alte einheitliche Verwaltung von Conftantinopel aus
hätte. Ich gebe auch zu, dafs das Mönchthum wenigftens
in Hellas fich an den Culturaufgaben nach dem Mufter
des abendländifchen betheiligen könnte. Die Zukunft
der griechifchen Kirche fieht Geizer günftig an, er weift
unter Anderem auf die wachfende Bildung der Geiftlich-
keit, auf die wachfende Selbfterkennt ufs der Griechen
hin, auch auf die z. B. von Smyrna aus fich mehrenden
Beftrebungen, dem Volke nicht allein die Formel, fondern
auch das freie Wort Gottes in der Predigt zu bieten.
Dabei will der Verfaffer auch bemerkt haben, dafs fich
zwifchen den feindlichen Kirchen, der orthodoxen, der
armenifchen etc. eine Annäherung vollzöge.

Sehr inftructiv ift der Abfchnitt über die Ent-

wickelung der bulgarifchen Kirche und den heutigen
Nationalitätenkampf in Macedonien.

Aus dem Abfchnitte über die Türken hebe ich
namentlich das über die Derwifche Gefagte hervor. Verfaffer
will mit Anderen die Derwifche aus vorislamifcher
Zeit ableiten. Er verweift auf die Narren um Chrifti
Willen im chriftlichen Mönchthum, auf den Diakon Gly-
kerius zur Zeit des Grofsen Bafilius, endlich auf den
Kybelekultus. Es ift gewifs nicht unwahrfcheinlich, was
Geizer hier ausführt.

Wie gefagt, auf Einzelnes will ich nicht eingehen,
doch kann ich einzelne Fragezeichen nicht unterdrücken.
Die Beurtheilung der Beziehungen zwifchen der englifchen
Kirche und dem ökumenifchen Patriarchen fcheint mir zu
günftig zu fein. Der Ausfall des Patriarchen gegen die
Miffionare (S. 69), der doch wohl bitterer Ernft ift, zeigt,
dafs der Patriarch das alte Mifstrauen noch nicht aufgegeben
hat. Ganz dasfelbe fagt der Patriarch Dionyfius
in feiner Antwort vom 30. April 1887 an den Erzbifchof
von Canterbury (ExxL 'AL 1887. S. 168). Dafs der
Patriarch bereit ift, Formalitäten auszutaufchen, fcheint
nicht auf nähere Beziehungen hinzuweifen. Zu folchen
Dingen ift man im Orient gern bereit.

Sodann möchte ich die Wahrheit des Satzes bezweifeln
, dafs es der römifchen Kurie jetzt mit ihren Unions-
beftrebungen den Griechen gegenüber völliger Ernft ift.
Ich finde keinen Grund, weshalb man in Rom heute
von dem Gedanken abgegangen fein follte, dafs die
Union mit den Griechen doch nur der Anfang des Ueber-
tritts zum Katholicismus ift.

Hannover. Ph. Meyer.

Stange, Priv.-Doz. Lic. Carl, Einleitung in die Ethik.

I. Syftem und Kritik der ethifchen Syfteme. Leipzig,
Dieterich, 1900. (VII, 194 S. gr. 8.) M. 3.—

Diefe Schrift foll die ,Grundlinien der Ethik', die
wir vom Verf. zu erwarten haben, vorbereiten durch
eine Darfteilung und Kritik der wichtigften Standpunkte
auf dem Gebiete der Ethik. Man kann zunächft die
Ethik als eine praktifche Wiffenfchaft anfehen, die die
fittlichen Normen entweder zu erzeugen oder die
vorgefundenen fittlichen Normen zu begründen fucht.

I Nimmt die Ethik fich das Erftere vor, fo wirkt fie
widerfittlich. Man macht dann den Verfuch, das fitt-

| liehe Urtheil, das der Handelnde felbft erzeugen foll,
durch Vorfchriften der Moral zu erfetzen. Anders ift
es, wenn fich die Ethik die Aufgabe ftellt, den Grund
der fittlichen Normen klar zu machen. Was fie fich
dann vornimmt, ift nicht unfittlich, aber wiffenfehaftlich
undurchführbar. Man kann verfuchen, einen gebietenden
oder verbietenden Willen zu ermitteln, der fich darin
ausfpricht oder man kann die Güter auffuchen, aus denen
unfere Zwecke entliehen. Bei der erfteren Möglichkeit
will der Verf. natürlich eine heteronome religiöfe Moral
und eine autonome Moral unterfcheiden und dann
von beiden Richtungen zeigen, dafs fie eine Begründung
der ethifchen Normen nicht fertig bringen. Dabei
ift aber ein klarer Unterfchied zwifchen autonomer
und heteronomer Sittlichkeit zu vermiffen. Der Verf.

j hat zwar in diefem Zufammenhange den Terminus
autonom vermieden. Aber er redet doch von Vertretern
der imperativen Moral, die in dem Sittengefetz
,die der menfehlichen Natur eingepflanzte unmittelbare
Erkenntnifs deffen, was fein foll oder was nicht fein
foll' fehen, und behandelt im Gegenfatz dazu die heteronome
religiöfe Moral. Daraus wird man doch fchliefsen
müffen, dafs der Verf. bei jenen keine Heteronomie findet.
Dagegen ift aber zu fagen, dafs jene Formen der philo-
fophifchen Ethik einer wirklich autonomen Sittlichkeit
genau fo fern flehen, wie die heteronome religiöfe Moral.
Für die Charakteriftik des Willens macht es nicht viel aus,