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Ausgabe:

1901 Nr. 6

Spalte:

176-179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thieme, Karl

Titel/Untertitel:

Luthers Testament wider Rom in seinen Schmalkaldischen Artikeln 1901

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 6.

176

neue Nachrichten über den Bauern von Wöhrd bietet, Scholaftikem auch die Kirchenväter und die Dichter des
der nicht nur in Schwaben und Franken predigte, fondern > chriftlichen Alterthums, aber auch die Claffiker find in
auch in Thüringen, fo auch in Jena, wohin ihn wohl die ! der Bibliothek vertreten, die jetzt eine Bibel (Biblia
Geiftesverwandtfchaft mit dem Karlftadtianer Martin lattna e versione Hieronymi) mit der Widmung des Heraus-
Reinhard gelockt hatte. Neu ift die Nachricht von i gebers Menrad an Jakob von Eifenach (Bafel, Richel
feiner Entlarvung als ausgefprungener Mönch in Nürnberg 1 1480?, wenn nicht 1475] und die Concordantiae Bibliorum
und feiner Beftrafung. Wenn Spalatin als feine Heimath von Conrad de Alemannia, d. h. von Halberftadt (Speyer,
Aichenbrunnen angiebt, fo darf man das nicht im Ulmer j P. Drach 1485) beiitzt. Die Alleinherrfchaft der römifchen
Gebiet fuchen (Enders 5, 154), wo es nie einen Ort diefes ; Literatur wird durch die Griechen eingefchränkt, ja felbit
Namens gab. Peringer bezeichnet Ulm als feine Heimath, j für die hebräifche Sprache bahnt fich Verfthndnifs an,
Aichenbrunnen, breitfchwäbifche Ausfprache für Echen- j wie der Efslinger Joh. Böfchenftein beweift. Der Sinn
bronn, ift ein Benedictinerklofter nahe am Ulmer Gebiet für Gefchichte und Mathematik erwacht. Man denke an
bei Gundelfingen, Amtsgericht Lauingen, wo Peringer ! den jungen Stiefel, der aber nicht nur in den Bauhütten
wahrfcheinlich Mönch war. , feine mathematifchen Kenntnifse geholt haben wird, wie

Recht zu wünfchen wäre, dafs Clemen bald in der I Mayer annimmt S. 46, 54, 56, fondern wohl die Werke
Lage wäre, feine Beiträge fortzufetzen, bis das treffliche i StÖffler's oder Peuerbacn's und Tannfteter's ftudirt hat.
Material der Zwickauer Rathsfchulbibliothek ganz für die Zugleich blühen Gewerbe und Künfte, vor Allem die
Reformationsgefchichte ausgenützt ift. Baukunft mit den Meifterwerken der Spätgothik. Der

Nabern. G. Boffert.

kirchliche Eifer ift ein reger, aber das Bild der Geiftlich-
keit jener Zeit wenig erfreulich. Doch würde es fich
verlohnen, die kirchliche Gefchichte Efslingens vor der
Mayer, Rektor Otto, Geistiges Leben in der Reichshaupt- Reformation, befonders auch der einzelnen klöfter, noch
Stadt Esslingen vor der Reformation der Stadt. Eine • genauer zu erforfchen wie z. IL Kolb die Gefchichte des
, u c , . .... , c. j. » r ui rr n. j i : Barfüfser Klofters in Hall gefchneben hat. Im fünften
kulturgefchichthche Studie. Angeichloilen ut des lo- f , ... r L.u . u b ,. , • , ,• , n u ,

fc s J Abfchnitte fchildert Mayer die kirchliche Gahrung der

hannes Molltonus Essehngae Encomion vom Jahre 1522 1 erften jahre der Reformation, auf welche das Encomion
mit Ueberfetzung und Erläuterungen. (Ervveiterter Son- j Essdingae und Lonicer's Catcclwsis, deutfch Berichtderabdruck
aus: ,Württ. Vierteljahrshefte fürLandesge- < büchlein, ein Licht werfen. Die Stellung des Verfaffers,
fchichte'.) Stuttgart, W.Kohlhammer, 1900. (XVI,n4S. des Encomion Essdingae, Joh. Molitorius, ift ficher keine

andere als die feines hochverehrten freundes und Lehrers
Joh. Lonicers, des begeifterten Anhängers Luthers, der den
Franziskaner Alveld fehr ftark angegriffen hatte. Wenn
Molitorius fich in den Aeufserungen über die Klöfter
Zurückhaltung auferlegt, aber über die Unwiffenheit der
Geiftlichen fich fehr ftark äufsert, während er Lonicer
als vir plane Evangelicus preift, fo ift hier von ,arifto-
kratifcher Zurückhaltung des damaligen Humanismus'
keine Rede. Die Abficht des Molitorius ift, feinen
Freund gegenüber feinem väterlichen Gönner, dem
Wimphelingianer Jakob Merftetter, bisher Pfarrer in
Efslingen, jetzt Vikar in Speier, in ein möglichft günftiges
Licht zu rücken. Ob Merftetter feinem jungen Freunde
die Lofung hinterliefs, ,evangelifch zu leben, ohne fich
an Luther anzufchliefsen', möchte Ref. nach Durchficht
der Acten des Speirer Domcapitels bezweifeln. Merftetter
erfcheint nirgends als Gefinnungsgenoffe der
evangelifch gerichteten Domvikare, wie Mat. Hatten und
Jak. Beringer. E. Lympholerius S. 70 Anm. ift der von
Eberlin gerühmte Aegid. Krautwaffer, der Schulmeifter
in Stuttgart und Horb gewefen war. Die Angaben über
Hartmuth von Kronberg find nach Bogler, Hartm. v. Kr.
(Halle 1857) S. 89 Anm. 12 zu berichtigen.

Nabern. G. Boffert.

gr. 8.) M. 1.60

Die fchöne Arbeit über das geiftige Leben derReichs-
hauptftadt Efslingen vor der Reformation ift zunächft in
den Vierteljahrsheften für württ. Landesgefchichte er-
fchienen, aber im Sonderdruck mit einem fechften Ab-
fchnitt vermehrt, welcher die fehr feltene Flugfchrift
Essdingae Encomion Jo. Molitorii von 1522 mit dem
lateinifchen Text, eleganter Ueberfetzung und willkommenen
Erläuterungen giebt. In dankenswerther Weife
läfst der Verfaffer einen Blick in die alte Kirchenbibliothek
in Efslingen thun, welche leider jetzt an drei verfchiedene
Orte gekommen ift, aber einft 130 Handfchriften der
mittelalterlichen Literatur befafs, heute noch etwas über
die Hälfte davon aufbewahrt und reich ift an Werken
der Reformationszeit.

Unverkennbar zeigt ein Blick in diefe Bibliothek,
wie mit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhundert ein
neuer wiffenfchaftlicher Trieb erwacht, aber es fehlt an
Productionskraft in der Reichsftadt, die doch eine grofse
Zahl Priefter und Mönche in vier Klöftern beherbergte.
Man fammelte Abfchriften, namentlich von Univerfitäts-
fchriften und von Predigtwerken; das kirchliche Intereffe
wiegt durchaus vor, die philofophifche, philologifche und
juridifche Literatur ift fpärlich vertreten. Aber in der
kirchlichen Literatur fehlen Bibel und Kirchenväter und
die älteren kirchlichen Werke. Das frühefte der letzteren
ift von Petrus Lombardus. Von der Bibel finden fich nur
einzelne Theile abgefchrieben und ausgelegt. In einem
zweiten Abfchnitte behandelt Mayer die erften Humaniften
in Efslingen, in erfter Linie Nicolaus von Wyl und feinen
Einflufs, weiterhin die Zunahme der gelehrten Bildung,
den Befuch der fremden Hochfchulen, der 1500—1509
mit 48 Studenten feinen Höhepunkt erreicht und nahezu
eine Ueberproduction erzeugt, die Gelehrten, für welche
M. dankenswerthe biographifche Notizen giebt, und das
Schulwefen, wobei befonders die Perfönlichkeit des Schul-
meifters Cafp. Heininger hervortritt.

In einem vierten Abfchnitt zeichnet Mayer das geiftige
Leben um 1500. Jetzt ift die geiftige Regfamkeit lebhafter
und vielfältiger. Der Humanismus ift zu allen
Thoren hereingedrungen, man liebt die clafiifchen Ausdrücke
, der kirchliche Glaube mufs fich in die alte

Thieme, Prof. Karl, Luthers Testament wider Rom in
seinen Schmalkaldischen Artikeln. Leipzig, A. Deichert
Nachf., 1900. (98 S. 8.) M. 1.50

Diefe Schrift giebt eine Auslegung des Hauptinhalts
der Schmalkaldifchen Artikel, die zunächft für weitere
Kreife beftimmt ift, aber auch dem Theologen etwas
bringt. Die Originalhandfchrift wird dazu verwerthet,
um Luther's Arbeit an feinem Teftament wider Rom
zu veranfchaulichen. So zeigt fich, wie L. fich bemüht
hat, die Trinitätslehre gegen eine polytheiftifche Auf-
faffung zu fchützen. Von befonderem Intereffe ift der
Tintenftrich, durch den L. den römifchen Gegnern das
,glauben' an die hohen Artikel der göttlichen Majeflat
abfpricht und ihnen nur das .bekennen' läfst. Aber
wichtiger als die anziehenden Notizen, an denen diefe
Schrift reich ift, möchte wohl fein, wie der Verf. fich zu dem
Mytholologie kleiden laffen. Jetzt erfcheinen neben den I Urtheil ftellt, das fich in jenem Tintenftrich ausdrückte.