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Ausgabe:

1900

Spalte:

616-619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grass, Karl Konrad

Titel/Untertitel:

Zur Lehre von der Gottheit Jesu Christi 1900

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 22.

616

des Eintretens Adalbert's für den lateinifchen Cultus zum I Grass, Mag. theol. Hauptlehr. K. Konrad, Zur Lehre von
Nachtheil der flavifchen Liturgie (vgl. Anm. 251) gedacht, der Gottheit Jesu Christi. Gütersloh, C.Bertelsmann,
der Romanifirung des Gottesdienftes im Unterfchiede von igoo r2o8 5 gr 3;, jy[ 3 20. geb M. 4.—

feiner nationalkirchlichen Geftaltung (S. 51), und auch

des politifchen Gegenfatzes von Böhmen und Polen wie ,Das Wort „Gottheit" im Titel und im Buche felbft

des gefammten Verhältnifses zu Herzog Boleslav II (S. 51. j ift im „metaphyfifchen" Sinne gebraucht, d. h. in dem
52, vgl. 89), und diefe Aufzählung fichert den Verf. gegen | Sinne, in welchem es ein jeder Deutfchredende verfleht,
den Vorwurf, die Complicirtheit der Kataftrophe verkannt j es fei denn, dafs er gerade ein „moderner" Theologe ift.
zu haben. Aber wir wünfchten, dafs die Stellung Adal- I Dafs Jefus Chriftus im eigentlichen Sinne Gott ift, das
bert's zu feinen Volksgenoffen, das Verhältnifs feiner ift die Vorausfetzung diefes Buches' (S. 3). Von diefen
Familie zu dem Herzogshaufe, die politifche Lage, die j Prämiffen aus unternimmt es der Verf. die Frage zu
von Adalbert vorgefundene kirchliche Situation auf 1 unterfuchen: /Warum konnte nur der Tod des Gotteserheblich
breiterer Bafis erörtert" worden wäre. Die frap- j fohnes uns erlöfen? Mit anderen Worten: worin beltand
pirende Thatfache, dafs Adalbert, der unter den gün- j im Tode Chrifti die Wirkung feiner Gottheit? Warumwar

ftigften Bedingungen den Episkopat antrat, fich in wenigen
Jahren in einer unhaltbaren Situation befand, und
nach feiner Rückehr zum zweiten Male und nun noch
rafcher unmöglich wurde, Hellt ein Problem, das ganz
anders in den Mittelpunkt hätte gerückt werden müffen.
Es fehlt an zeitgefchichtlichem Hintergrunde und die
Perfönlichkeit Adalbert's erfcheint vielleicht zu fehr als

hierbei eine gottheitliche Wirkung nothwendig, um die
Erlöfung zu vollziehen?'

Die Löfung des Problems foll durch eine eingehende
dogmenhiftorifche Unterfuchung, welche zugleich eine
Kritik der gefchichtlichen Entwickelung in fich fchliefst,
angebahnt werden. Die Anficht der morgenländifchen
Kirche läfst fich dahin zufammen faffen: Chriftus mufste

der Unrecht leidende Theil. Die Ausrottung feiner Gott fein, damit er bei feinem Tode den Teufel befiegen
ganzen Familie (S. 91) aus Anlafs des zweiten Conflictes könnte. Den verfchiedenen Modificationen, welche diefe
wird nicht genügend motivirt, auch dürfte aus der Neben- j Anficht in der morgenländifchen (S. 11—31) und in der
einanderftellung der Briefe an Radla und die ungarifche i abendländifchen Kirche (32—44), in der mittelalterlichen
Fürftin (S. HO) wohl mehr zu entnehmen fein, als dafs ! Scholaftik (44—48) und bei Luther (49—79) erfahren hat,
Adalbert ,nicht ein Heiliger im Sinne der Vollkommen- ] geht G. mit grofser Sorgfalt nach: in lichtvoller, mit
heit' gewefen ift. — Als Adalbert dem römifchen Klofter, { zahlreichen Belegftellen ausgeftatteter Ausführung, bringt
in das er fich zurückgezogen (dafs eine Abkürzung feines ! er die wechfelvollen Seiten des fich in diefen verfchie-
Noviziats ,wenig glaubhaft' fei, S.72, wird durch den Hin- ! denen Formen wefentlich gleich bleibenden Grundgedan-
weis auf die Benedictinerregel nicht entfehieden, da trotz ! kens zur Darftellung. Die abendländifche Anficht hat in
des Armuthsgelübdes Adalbert fpäter noch in der Lage Anfelm ihren Ausgang genommen: nach derfelben foll
war, von feinem väterlichen Erbgut Verfchreibungen zu ; die Gottheit Chrifti dem Leiden der menfehlichen Natur
machen S. 84, vgl. 71), wieder entriffen werden follte, er- den für die Genugthuung nöthigen Werth verleihen. Von
gab (ich im Blick auf feine vom Papft Johann XV. 988 an- ■ denfelben Vorausfetzungen gehen die mannigfaltigen Ver

genommene Refignation eine fchwierige Rechtslage. Voigt
giebt S. 82 die einleuchtende Erklärung, dafs die darüber
verhandelnde römifche Synode von 992 nicht diefen Verzicht
für ungültig erklärt haben wird, fondern den Ausweg
fand, die Rückkehr in die bifchöfliche Stellung als neue
Uebertragung des Amtes zu behandeln. — Das Haupt-
intereffe des Verfaffers concentrirt fich auf die letzte Phafe
in dem Leben Adalbert's, auf deffen Miffionsverfuch und
Märtyrertod in Preufsen (S. 149—191). Die hier gebotenen
ausführlichen und gründlichen Quellenunterfuchungen erheben
diefen Abfchnitt über die übrigen Theile des Buches.
Unter den S. 188 —191 zufammengeftellten Ergebnifsen
Voigt's ift das wichtigfte, dafs er das Martyrium nach
Samland, nicht nach Pomefanien, verlegen zu müffen glaubt

fuche aus, welche in der fpäteren Scholaftik und in den
nachfolgenden Jahrhunderten unter verfchiedenen Ge-
ftalten aufgetreten find (S. 80—181). ,In Einmütigkeit
haben die wiffenfehaftlichen Vertreter konfervativ gerichteter
Dogmatik feit Philippi die anfelmifche Theorie
abgelehnt. Auch die thomiftifch-myftifche Fortbildung
derfelben wird immer mehr reducirt und fchliefslich ebenfalls
ganz aufgegeben. Aber einen zureichenden Erfatz
für die abgewiefene Antwort auf die Frage nach der
Notwendigkeit der Gottheit Chrifti für den Heilswert
feines Todes haben fie nicht geboten' (181).

Diefen Erfatz will G. in vorliegender Schrift geben;
foll doch diefelbe nicht nur ein ,Beitrag zur Gefchichte
der chriftlichen Lehrentwickelung und Theologie' sein (9),

und zwar in die Nähe von Terkitten. Das Schlufscapitel : fondern die Löfung der alten, von Athanafius, Anfelm
.die Folgezeit' giebt die Gefchichte der Verehrung und und vielen anderen aufgeworfenen Frage bringen: ,Warum
der Reliquien Adalbert's. mufste der Menfch Jefus, jene gefchichtliche Perfönlich

Nach keiner Richtung macht Adalbert den Eindruck
einer hervorragenden Perfönlichkeit. Ihm fehlte die Begabung
des Hierarchen, aber auch Originalität in der
Uebung der Frömmigkeit, und er war alles nur kein
führender Geift; aber trotzdem wurde er fofort nach
feinem Tode ein berühmter und beliebter Heiliger (über
die Gründe vgl, S. 213 ff.). — An verfchiedenen Stellen
des Buches hat der Verfaffer vom proteftantifchen Standpunkte
aus feinen Helden beurtheilt (z. B. S. 78: ,Bei
all' diefen Klofterübungen können wir Evangelilche den
Heiligen nicht ohne Wehmuth betrachten' vgl. S. 32 unten).
Diefe Aeufserungen fallen vollftändig aus dem Rahmen
des Buches heraus und wirken ebenfo fremdartig wie
die Heranziehung der ,heutigen römifchen Rechtsver-
faffung' zum Zwecke der Beurtheilung der Legalität
feines Wegganges von Prag

keit, Gott fein im Vollfinne des Wortes, damit fein Tod
Heilsbedeutung für uns habe. Cur deus homoY (5). Die
Antwort aber lautet: ,Nicht daraufkommt es für die Erlöfung
letztlich an, dafs Chriftus die Störung der Gottes-
gemeinfehaft feinerfeits erfuhr, fondern dafs er fie aufhob
. Dafs der fündige Menfch die göttliche Strafe für
die Sünde, die Entziehung der Erfahrung der Gottes-
gemeinfehaft, nicht aufzuheben vermag, bedarf nicht des
näheren Nachweifes. Nur wenn Gott ihn feine Nähe
empfinden läfst, empfindet er fie. Sobald aber Gott ihn
das Gefühl der Gottesferne erleben läfst, wie follte er
fich diefer göttlichen Veranftaltung entziehen können?
Der Menfch kann fich alfo nicht felbft erlöfen. Aber
auch wenn Gott durch feine fchöpferifche Thätigkeit
einen fündlofen Menfchen in den Zufammenhang der
Menfchheit geftellt hätte, fo ift nicht einzufehen, wie ein

Marburg i H Carl Mirbt folcher die Störung der Gottesgemeinfchaft zu befeitigen

vermöchte .... Weil Chriftus Gott war, vermochte er
das auf göttlicher Veranftaltung beruhende Gefühl der
Gottverlaffen heit zu überwinden, denn er fleht als der
ewige Sohn Gottes in ewiger unauflöslicher Gemeinfchaft