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Ausgabe:

1900 Nr. 20

Spalte:

568-570

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweitzer, Albert

Titel/Untertitel:

Die Religionsphilosophie Kant‘s von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft 1900

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 20.

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dem oberften Grund und letzten Zweck aller Dinge oder
nach Gott. Unfer Wiffen um die Aufsenwelt giebt uns
auf diefe Fragen keine Antwort, wir fehen uns vielmehr
auf das Wiffen um die eigenen Bewufstfeinsinhalte als
auf das einzige Wiffen hingewiefen, das uns mit unmittelbarer
Realität und daher auch mit unbezweifelbarer Sicherheit
gegeben ift. Unter diefen Bewufstfeinsinhalten aber
treten die fittlichen und religiöfen Bewufstfeinsregungen
hervor als folche, die einen autoritativen Charakter an
fich tragen: in den fittlichen handelt es fich um eine unbedingte
Norm, in den religiöfen um einen abfoluten
Werth, die beide mit dem Anfpruch auf allgemeine Gil-
tigkeit auftreten. Eben damit aber weifen fie hin auf
eine uns gegenüberftehende Autorität für unfer fittlich-
religiöfes Leben. Aber giebt es in der Wirklichkeit eine
folche Autorität? Darüber vermögen jene religiös-fitt-
lichen Bewufstfeinsregungen felbft nichts auszufagen. In
der Gefchichte jedoch lernen wir dasZeugnifs der älteften
Chriften von dem Perfonleben Jefu Chrifli kennen, das als
das abfolute Ideal mit dem Anfpruch auf autoritative
Geltung uns gegenübertritt und dem wir als der Autorität,
auf die unfer fittlich-religiöfes Leben hinweift, uns unterordnen
müffen, und zwar ,als einer uns gegebenen, d. h.
als einer uns offenbarten'. Den Zugang zu ihr aber vermittelt
uns nur das Zeugnifs der Jünger; diefes alfo ,bildet
für uns die Autorität, der wir uns unterzuordnen haben
als ausfchlaggebend für religiös-fittliches Leben und die
Fragen, welche auf dem Gebiet deffelben erwachfen, d. h.
die Fragen nach Gott'. — Der zweite Vortrag ergänzt
den erflen. Er weift der Dogmatik eine dreifache Aufgabe
zu: Die principielle Aufgabe des Wahrheitsbeweifes,
von der wir geredet haben, die entwickelnde Aufgabe,
darzulegen, welches Wiffen in Betreff der letzten Fragen
der chriftliche Glaube in fich fchliefst, und die apologe-
tifche Aufgabe, bei den einzelnen Sätzen des Glaubens
zu zeigen, dafs fie nicht im Widerfpruch mit anerkannten
wiffenfchaftlichen Refultaten flehen. Fragen wir nach
der Methode zur Löfung diefer Aufgaben, fo kommt vor
allem die zweite, die entwickelnde Aufgabe in Betracht,
für die ein hiftorifch-pfychologifches Verfahren nöthig ift.
Diefes richtet fich auf das normgemäfse religiös-fittliche
Bewufstfein der Jünger und Apoftel, das durch Gottes
Offenbarung herbeigeführt und in der heiligen Schrift
ausgefprochen ift: und zwar hat hiftorifche Forfchung
das Vorftellungsbild diefes normgemäfsen chriftlichen
Glaubens feftzuftellen, die pfychologifche Methode aber
vom Vorftellungsbild auf die Befchaffenheit des zugehörigen
Gefühls- und Willenslebens zurückzugehen. Sie
hat dabei fremdartige, d. h. nicht chriftlich - religiöfen
Motiven entflammende Vorftellungen auszufcheiden und
das nur Zeitgefchichtliche an dem Vorftellungsausdruck
durch anderen Ausdruck zu erfetzen.

Hier erhebt fich mir die Frage, nach welchem Mafs-
ftab wir an dem normgemäfsen biblifchen Chriftenthum
die nicht chriftlich-religiöfen Motive ausfcheiden. Es wird
nur möglich fein, wenn wir die aufgerichtete Norm wieder
an einer höheren Norm meffen, an der Offenbarung
Gottes in Jefu Chrifto. Aber ift uns diefe nicht felbft
nur durch das Zeugnifs der neuteftamentlichen Zeugen
erreichbar? Ja! aber da diefes Zeugnifs auch Bericht von
Jefu Chrifli Leben und Wort enthält, ift die Offenbarung
in Jefu Chrifto uns nicht nur foweit, als fie von dem
religiös-fittlichen Leben der erflen Gemeinde fchon angeeignet
ift, fondern in ihrer überragenden Gröfse auch
gegenüber dem religiös-fittlichen Leben, das im Neuen
Teftamente fich ausfpricht, zugänglich gemacht und die
Möglichkeit gegeben, diefes felbft an der Offenbarung
in Jefu Chrifto als höchftem Mafsftab zu meffen. Eben
diefe höchfte Norm aber ift vom Verfaffer zurückgefetzt,
fowohl in feiner Unterfuchung über die Methode der
Dogmatik als auch in dem letzten Glied feines Wahrheitsbeweifes
für das Chriftenthum, in dem an die Stelle
der Offenbarung Gottes in Jefu Chrifto plötzlich das

autoritative Zeugnifs der Jünger tritt. — Aber auch
fchon in den vorangehenden Gliedern des Beweifes
fcheint mir der Begriff der Offenbarung nicht genügend
fundirt zu fein. Wenn der Verfaffer die fittlich-religiöfen
Bewufstfeinsinhalte als autoritative charakterifirt, fo handelt
es fich hierbei um die göttliche Autorität, mit der
die höchfte Norm und der höchfte Werth an uns herantreten
. Aber wo gefchieht das? Der Verf. antwortet
mit Recht: nicht blofs im menfchlichen Innenleben,
fondern in der Gefchichte, und zwar in der Perfon Jefu
Chrifli. Aber er hebt nun an Jefu Chrifto nur hervor,
dafs er das abfolute Ideal des religiös-fittlichen Lebens
darftellt, ,das wir aus eigener Erfahrung als ein mit dem
Anfpruch auf autoritative Geltung auftretendes kennen',
und dafs darum er felbft als Autorität von uns anerkannt
werden mufs. Jedoch mit diefem Begriffe der
Autorität ift der Glaube, dafs die Offenbarung des weltmächtigen
Gottes in Jefu Chrifto an uns ergeht, noch
nicht erreicht; er ift auch damit noch nicht gewonnen,
dafs diefe Autorität ,eine uns gegebene' ift. Es wird
überhaupt folange unmöglich fein, die Thefis der göttlichen
Offenbarung zu erbringen, als man nicht an der
Perfon Jefu Chrifli neben der religiös-fittlichen Autorität
zugleich die aus Sünde und Welt erlöfende göttliche
Wirkfamkeit aufweift, die er auf uns ausübt. Das aber
vermiffe ich bei dem Verfaffer. — Doch hindern diefe
und manche andere Einwände, die fich erheben, nicht daran,
die anregende Kraft feiner Vorlefungen anzuerkennen.

Halle a. S. Max Reifchle.

Schweitzer, Dr. Albert, Die Religionsphilosophie Kant's von
der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb
der Grenzen der blossen Vernunft. Freiburg i. B., J. C. B.

Mohr, 1899. (VIII, 325 S. gr. 8.) M. 7.—

Das Buch Schweitzer's zeichnet fich bezüglich feines
Inhaltes dadurch aus, dafs es die Kantifche Religions-
philofophie nicht als ein von vorn herein fertiges, einheitliches
Ganzes auffafst, fondern fie nach ihren ver-
fchiedenen Entwickelungsphafen und in ihren mancherlei
Formen darzuftellen beabfichtigt. Für die Methode, die
es zur Anwendung bringt, ift charakteriftifch die aufser-
ordentlich forgfältige Beachtung und peinlich genaue
Prüfung des Wortlautes, der Anordnung und des Schematismus
in einzelnen der zur Unterfuchung herangezogenen
Abfchnitte und die Verwerthung der dabei wahrgenommenen
Differenzen für mehr oder weniger weittragende
Schlüfse.

Verf. unterfcheidetaufser dem ,religionsphilofophifchen
Plan', der fich in der transcendentalen Dialektik ankündigt
, als Denkmäler der Kantifchen Religionsphilofophie:

1) Die .religionsphilofophifche Skizze', womit das zweite
Hauptftück der transcendentalen Methodenlehre gemeint
ift (Krit. d. rein. Vernunft, ed. Kehrbach, S. 603—628;
ed. Hartenftein, III 526—547; ed. Kirchmann, 615—640);

2) die Kritik der praktifchen Vernunft; 3) die Religion
innerhalb der Grenzen der blofsen Vernunft; 4) die Kritik
der Urtheilskraft.

In feiner eingehenden und gründlichen, von vergleichenden
Reflexionen und kritifchen Bemerkungen
durchbrochenen Unterfuchung diefer Schriften ftellt er
zunächft feft, dafs die ,religionsphilofophifche Skizze', die
mit ihren zwei verfchiedenen Gedankenreihen bereits das
Doppelantlitz der fpäteren Kantifchen Religionsphilofophie
ankündigt, dem ,religionsphilofophifchen Plan' des kritifchen
Idealismus nicht ganz gerecht wird, was fich
fpeciell in der Behandlung des Freiheitsproblemes zeigt
und daraus zu erklären fei, dafs das Capitel früher ent-
ftanden ift als der Hauptftock der transcendentalen Dialektik.

Hinfichtlich der ,Kritik der praktifchen Vernunft'
gelangt er zu dem Ergebnifs, dafs darin zwar ein Freiheitsbegriff
gewonnen wird, wie er durch die ,Kritik der