Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1900 Nr. 15

Spalte:

445-446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berlit, Georg

Titel/Untertitel:

Martin Luther, Thomas Murner, und das Kirchenlied des 16. Jahrhunderts 1900

Rezensent:

Köhler, Walther

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

445

Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 15.

446

unbedingte Autorität, dafs ein Citat aus ihnen als Quellennachweis
gilt. Aber auch Potthaft's Aufzählung der
Märtyrer der alten Kirche ift ganz auf die Acta gegründet
, und wie Mancher holt fich bei Potthaft Rath.
Somit hängt von der Antwort auf jene FYage fehr viel
ab, und die Antwort ift verneinend. Achelis verweift
auf die fcharfe Kritik, die ein Bollandift — der 1876
verftorbene de Buck — an wenig bekannt gewordener
Stelle [Prooemiutn ad Ada Sanctorutn Supplementum.
Paris 1875, S. III f.) über die Arbeit der Gefellfchaft gegeben
hat. Aber er denkt, und mit gutem Grunde, noch
peffimiftifcher als Buck. ,Nach Buck würden alle Artikel
der Bollandiften, die lediglich auf dem MH ruhen, auszustreichen
und von deffen Interpolationen zu befreien
fein ... Er fpricht es nicht aus, aber er erwartet, dafs
die fpäteren Martyrologien intact find, und würde daher
ihre (Jebereinftimmung mit dem MH als Scheren Ausgangspunkt
der Kritik wahrfcheinlich gelten laffen. Wenn
aber Martyrologien vom erften bis zum letzten auf das
MH zurückgehen [,] und an deffen Fehlern theilnehmen, fo
kommt für die von Buck als nothwendig erkannte Revifion
eine weit gröfsere Anzahl von Artikeln der AS in Betracht
; fodafs wenn Buck von einer vieljährigen Arbeit
der Revifion fprach, nunmehr den Bollandiften die Aufgabe
geftellt fein wird, einen grofsen Theil des ftolzen
Gebäudes ihrer Vorgänger wiedereinzureifsen. Denn fie
haben fort und fort für ihre Artikel Urkunden benutzt,
die fie in gutem Glauben für echte Ueberlieferung hielten,
während diefelben in Wahrheit von vielen Fehlern durchfetzt
find' (S. 243). ,Die Forfchung der Gegenwart aber
wird von der Erkenntnifs auszugehen haben, dafs die
ganze indirecte Ueberlieferung über die Märtyrer der
alten Kirche verdorben ift' (S. 244). Wer dem Gange
der Achelis'fchen Arbeit vorurtheilslos gefolgt ift, mufs
diefe Sätze m. M. n. unterfchreiben. Sie follen keinen
Vorwurf gegen die Bollandiften enthalten; auch Achelis
verwahrt fich auf's Entfchiedenfte dagegen, dafs feine
Kritik in diefer Richtung mifsdeutet werde. Sie ziehen
lediglich das Facit einer ftrenggefchichtlichen Untersuchung
, dem fich nicht mehr ausweichen läfst. Und es
beSeht ja die befte Hoffnung, dafs die Bollandiften fich
diefer Einficht nicht verfchliefsen werden, wie fie denn
gelegentlich felbft fruchtbare Gefichtspunkte zur Be-
urtheilung des ftets zuwachfenden neuen Materials ge-
äufsert haben. ,Einen wefentlichen Fortfehritt in diefer
Beziehung bedeutet der Auffatz Hippolyte Delehaye's
in den Analcda Bollandiana Bd. 16 (1897) S. 209ff.:
,Latnphitheätre Flavicn et ses environs dans les textet
hagiographiques'. Dringen die dort ausgefprochenen
Grundsätze durch, dann werden die beiden letzten Monate
des grandiofen Werkes in einem anderen GeiSe geschrieben
werden als die zehn erften: im Geifte der
modernen Wiffenfchaft' (S. 6 N. 1). Möchte die kräftige
Mahnung, die den Brüffeler Gelehrten aus Achelis'
Buch entgegenklingt, nicht ungehört verhallen!

Giefsen. G. Krüger.

Berlit, Gymn.-Oberlehr.Prof. Georg, Martin Luther,Thomas
Murner, und das Kirchenlied des 16. Jahrhunderts. Ausgewählt
und mit Einleitungen und Anmerkungen ver-
fehen. (Sammlung Göfchen 7. Bd.) Leipzig, G. J.
Göfchen, 1900. (160 S. 12.) Geb. M. — 80

Diefe in der bekannten Sammlung Göfchen erfchienene
Auswahl aus Luther's Schriften ift vornehmlich von
philologifch-literaturgefchichtlichem Gefichtspunkte aus
veranstaltet, ähnelt daher dem von Neubauer in Bötticher-
Kinzel's Denkmäler der älteren deutfehen Literatur erschienenen
Abrifs (2. Aufl. 1897). Nach einer hauptfächlich
an Burdach Sich anlehnenden Einleitung über Luther's
Bedeutung für die Entwickelung der deutfehen Sprache
folgen ,Eyn Sendbrieff von Dolmetfchen' 1530, ,die

Summarien vber die Pfalmen vnd vrfachen des Dolmet-
fchens' 1533, Stücke aus der Vorrede auf das Alte
' Teflament, Proben aus Luthers Bibelüberfetzung mit
I Gegenüberstellung der vorlutherfchen Bibel, der Vulgata
und Emfer's Ueberfetzung, die Vorreden auf den Pfalter
1528, zu den äfopifchen Fabeln 1530, Stücke aus der Auslegung
von Pfalm 101 1534, An die Radherrn aller ffedte
etc., der Brief an den Kurfürften aus Borna 1522, drei
Briefe von der Koburg (die bekannten über den Krähenreichstag
, über das Gottvertrauen an Brück, und der über
Luthers Wappen), Stücke aus den Tifchreden und eine
Auswahl von Kirchenliedern — fämmtlich in fachgemäfser
j Verkürzung. Zu Grunde gelegt find zumeift (warum nicht
I immer? und warum bei der Auslegung des 101. Pfalms
! die ,neue Schreibweife aber laut- und wortgetreu'?) die
| Urdrucke, der Abdruck ift, foweit Ref. nachprüfen konnte,
I correct, die Kürzungen find durch Punkte gekennzeichnet,
j die Bibelcitate fowie die Stellen aus römifchen oder
griechifchen Claffikern angegeben, fchwierige Wortformen
erläutert. Beigefügt find, z. T. wohl um den Schlufsbogen
[ zu füllen, einige Lieder von Mathefius, Decius, Spengler
j u.a.und zwei kurzeStücke ausMurner's,Narrenbefchwörung'
I und dem ,grofsen Lutherifchen Narren.' — Die bei ansprechendem
Einbände und gutem Drucke äufserff billige
Sammlung kann für den Schulgebrauch, Volksbibliotheken
1 oder auch für den Familientifch u. dergl. zur Einführung
in Luther und das deutfehe Kirchenlied durchaus empfohlen
werden. — Zu berichtigen ift: S. 17 Z. 9 v. o. 1525 ftatt
| 1521; S. 46 Z. 2 v. u. V. 2 ftatt V. 7. S. 64 Z. 3 v. u.
i Joh. 5, 17 ftatt Joh. 3. S. 79 Z. 4 v. u. die Lebensdauer
Auguftius 354—430 ftatt 340—420, S. 94 Z. 3 v. u. 2 Kön.
5, 1 ftatt 2, 1, S. 109 Anm. 3 ftatt 8, S. 123 Z. 4 v. u.
Tcdcsco ftatt Tcdesoo. Die Zahl 1540 als Geburtsjahr für
Nie. Hermann (S. 150) ift jedenfalls unrichtig, (cf. dazu
R. EA VII S. 706). S. 75 Anm. 7 ift .geraten' nicht = ent-
rathen, fondern = Raths haben, (ich befleifsigen (cf. Grimm:
Wtbch. IV 3568, 3572). ,Allen püfehen ferne fein' (S. 80) ift
fprichwörtlich und bedeutet: fich einer fache nicht nähern
I können (cf. Grimm II 558), hat alfo mit .Verworrenheiten'
nichts zu thun. S. 105 Z. 5 v. o. ift ,gebelfert' etwa .=
ausbeffern, erweitern, S. 108 Anm. 6 wehren nicht =
währen, fondern = abwehren (nämlich als Abfchreckungs
mittel, wie der folgende Relativfatz zeigt). Von Murner's
Schriften find viel mehr in Neudrucken erfchienen, wie
ein Blick in die Braune'fche Sammlung zeigt (zu S. 156I.
1 Citate anzugeben wurde vergeffen: S. 28, 68, 93, 102, 107,
HO, Kürzungspunkte S. 71 und 112. Ungefchickt ift die
Kürzung S. 68 ff., indem von den drei Punkten, die Luther
erörtert nur ,auffs erft' und ,die dritte' gegeben wird, man
nach Punkt 2 aber vergeblich fucht.

Tübingen. W. Köhler.

Doumergue, Jean Calvin, les hommes et les choses de son
temps. Tome I: La jeunesse de Calvin. Laufanne,
G. Bridel, 1899. (634 S. gr. 4.) M. 24.—

Diefes prächtig ausgestattete, mit 300 Bildern und
Facfimiles gefchmückte Buch bildet den erften Band
einer breit angelegten, auf 5 Bände gleichen Umhanges
berechneten Calvin-Biographie. Dafs eine Solche überflüssig
war, wird kein Sachkundiger behaupten können.
Seit dem Schwerfälligen Werke Henrys T835—1844,
3 Bande) und der (erft jetzt vollendeten) Schrift Kampfchul-
te s ('869—1899), hatte fleh allmählich ein fo reichhaltiges
Material angefammelt, dafs eine Bearbeitung jener zahl-

, reichen und werthvollen Urkunden unbedingt nothwendig
geworden war. Nicht nur die 58 Bände der grofsen Ausgabe
des Corpus Refortnatorum mit ihrem kritifchen
Apparat, den umfangreichen und gründlichen Prolegomena
und den Annalcs calviniennes, auch die Corrcspondancc des
Reformateuts von Herminjard und die mit bewunderungswürdigem
Fleifs und Verftändnifs geleitete Samm-

1 lung des Bulletin de la socicte pour P/iistoire du prote-