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Ausgabe:

1900 Nr. 11

Spalte:

337-339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pastor, Ludwig Frhr. von

Titel/Untertitel:

Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Bd. III: Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance von der Wahl Innozenz’ VIII. bis zum Tode Julius’ II. 3. u. 4., vielfach

Rezensent:

Trefftz, J.

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 11.

33«

Tode Julius' II. Dritte und vierte, vielfach umgearbeitete
Auflage. (LXIX, 956 S. gr. 8.) Freiburg i. B.,
Herder, 1899. M. 12.—; geb. M. 14.—

verweift dazu noch auf eine Notiz bei J. Beckham, der-
zufolge Siger (und wahrfcheinlich auch Boctius) fern von
der Heimat feine Tage miserabiliter in partibus transalpin
is befchloffen habe.

Allen diefen Hypothefen wird aber ganz neuerdings j Der erde Band des Paftor fchen VVerkes welcher
der Boden entzogen durch eine Nachricht, welche P.Toyn- | 1886 er ch.en, ,ft ,n d.efer Ze.tfchnft um Jahrgang 13
bee und im Anfchlufs an ihn Baumker (im Archiv für

Gefch. d. Phil. XIII.i) aus der von einem Brabanter ge-
fchriebenen Fortfetzung der Weltchronik des Martin

(= 1888) Nr. 16 Spalte 403—407 von Karl Müller in
Giefsen befprochen worden, welcher fich im Wefentlichen
auf die eingehende und umfaffende Kritik nützte, welche
von Druffel den ,Päpften' in den Göttingifchen Gelehr-

von Troppau im 24. Band der Monumenta Germaniae yon ivrunei aen rapitem in aen uottmg.icnen ^eienr-
httorica hervorgezogen hat, und der zufolge Siger, kurze | ten Anze.gen, Jahrgang 1887 Nr 12 Spal e 449-493
Zeit, nachdem er fich an die römifche Kurie gewandt j hatte angedeihen laffen. Dagegen hat Ref. mcht gefunden,
hatte, zu Orvieto durch Meuchelmord umkam. Der Thäter : dafs der zweite Band des Werkes, der 1889 erfch.en.
war fein eigener Secretär; über das Motiv der That er- einer Befprechung unterzogen worden wäre; fo viel ihm
fahren wir nichts. Es erfcheint mir angefichts alles dcffen
als das Wahrfcheinlichde, dafs Siger, um fich von der
Anklage auf Härefie zu entlaften, fich direct an die Kurie
nach Orvieto gewandt hatte, dort aber, ehe die Sache zum
Austrag gebracht war (,post parvnm tempus') a g/iiado,
und zwar im ftrengen Wortfinne des Ausdruckes, nämlich
durch den Dolch des Mörders Harb. . Als die Zeit
feines Todes dürfte (mit Baumker) die um 1282 anzu- eine Reihe von Anfchuldigungen und Anklagen gegen
fehen fein Betrachtungs- und Arbeitsweife des Verfaffers erhoben,

bekannt geworden, ift nur das Nachwort dazu im Jahrgang
15 (=1890) diefer Zeitfchrift Nr. 17 Spalte 425
bis 427 ebenfalls von Karl Müller kurz angezeigt worden.
Das Gefammturtheil, zu welchem von Druffel fowohl wie
Müller über Paftor's Leiftung gelangten, lautete in allen
Hauptpunkten durchaus abfällig und ablehnend, namentlich
hat von Druffel in der obenerwähnten Abhandlung

Etwas von den Schickfalen Siger's fpielt jedenfalls auch
in die Erwähnung hinein, die er bei Dante(Paradies 133—138)
gefunden hat. Er erfcheint dort als ein Mann, der (zu
Paris) sillogizzö invidiosi veri und che in pensieri gravi,
a morir gliparve venir tardo. Zu der naheliegendenFrage,
wie der Häretiker hier in den Himmel und dafelbft in die
Gefellfchaft von Albert, Thomas, Richard von St. Victor
u. f. w. kommt, weift Bäumker, der die Anficht (Cipolla's),
dafs eben ein anderer Siger gemeint fei, mit Recht verwirft
, darauf hin, dafs Dante unbefchadet feines Thomis-
mus häretifchen Perfönlichkeiten gegenüber überhaupt eine
gewiffe Selbftändigkeit des Urtheils behaupte und z. B.
auch eine Perfönlichkeit, wie Joachim von Fiori in feiner

wie fie fchwerer kaum gedacht werden können. Natürlich
hat Paftor dazu nicht gefchwiegen und in jenem
Nachwort zum zweiten Bande den Vernich unternommen,
die Behauptungen feiner Widerfacher zu widerlegen. Das
dürfte ihm aber nur in befcheidenem Mafse gelungen
fein, die Vertheidigung ift etwas fchwächlich ausgefallen;
im Grofsen und Ganzen find die Druffel'fchen Anklagen
in ihren Kernpunkten unwiderlegt geblieben. Bei den
folgenden Ausführungen wolle man fich alfo die Druffel'fchen
Ausftellungen gegenwärtig halten. — Der vorliegende
dritte Band erfchien in erfter und zweiter Auflage
1895 und follte dem urfprünglichen Plane gemäfs bis
zum Abfchlufs des Lateranconcils (1517) reichen, doch

Weife verherrliche. Hierfür fpricht m. E. auch der Um- j "oty^e d,e T-ul,le df St°ffes den Verfaffer, mit dem
ftand, dafs der Dichter den Averroismus felbft, der nach I }?de Julius jL USy) abzubrechen. Binnen zweieinhalb
Anficht feiner klerikalen Gegner wohl in die unterfte ! Jahren ™ar dle A,ufl,aSe vergriffen, und Paftor fall fich
Hölle gehört hätte (vgl. Renan, Averroes, 1852, S. 237 f.), y°.r d,e Notwendigkeit einer Neuauflage geltellt. Wie

O ... - v -0 . , ,, " , Z . hol rr*r> Im lioron K-i n/Ion (Vi mim r-v-i l- Ii ~K „ .. „U -II----1

bei den früheren Bänden, fo rühmt fich auch diesmal
der Verfaffer im Vorwort feiner ausgedehnten archiva-
lifchen Studien, und in der That nimmt fich das Ver-
zeichnifs der benutzten Acten und Handfchriftenfamm-
lungen zu Anfang des Bandes auch ftattlich genug aus.
Wie Paftor angiebt, ift es ihm gelungen, Einficht in Acten
zu gewinnen, welche der neueren hittorifchen Forfchung
gänzlich unzugänglich geblieben wären, das gelte namentlich
von den Mittheilungen aus dem Confiftorialarchiv
im Vatican und aus den Bullen und Breven Alexanders VI.
im päpftlichen Geheimarchiv, de reu Benutzung der in-
zwifchen verdorbene Cardinal Hergenröther ihm vermittelt
habe. Wichtige Ergänzungen hätten die Gefandt-
fchaftsberichte der italienifchen Archive, namentlich die
Sammlungen zu Mantua, Modena und Mailand geboten,
wobeiPador es fich nicht verfugen kann, feinen Fleifs gegenüber
Gregorovius ins fchönde Licht zu rücken. Weiteres
ungedrucktes Material aus Florenz, Paris, Rom, Venedig
und Wien wurde für die Neuauflage herangezogen. Eine
Anzahl, und zwar 132 der wichtigden Stücke werden
wieder im Anhange S. 873 ff. abgedruckt. Das Verzeich-
nifs der gedruckten Literatur, die benutzt worden id,
macht anfangs einen erdrückenden Eindruck, füllen doch
die volldändigen Titel der wiederholt citirten Bücher
ganze 29 Seiten! Allerdings fchwindet die Bewunderung
einigermafsen, wenn man näher zufieht, wie es gearbeitet
id. Da findet man denn, dafs Pador fich nicht begnügt,
Pastor, Prof. Dr. Ludwig, Geschichte der Päpste seit dem j dfe Quellenfammlungen, z. B. Murator's Scriptores, oder
Ausgang des Mittelalters. Mit Benutzung des päpdlichen dle Ze , fchrihen je als eine Nummer anzuführen, fondern

Geheim-Archives und vieler anderer Archive bearbeitet, I darin Imf l &U^ u"°f v^f ^USg beZ' Auffatze-
ttt u j r- r u- u a v>" t 1,. 7 , dl ann enthalten find, als befondere Nummern anfet/t
III. Band. Gefchichte der Papde ,m Zeitalter der Auch id es ihm paffirt, dafs er das Archivio storko ar-
Renaifiance von der Wahl Innocenz' VIII. bis zum I ttstico etc. della citta e provincia di Roma als benutzt

nicht in diefe, fondern in den ehrenvollen Vorhof des
Inferno, in die Gefellfchaft der grofsen Geider aus der
antiken und orientalifchen Vergangenheit verfetzt (Inferno
IV, 142 f.). Die andere Möglichkeit, welche namentlich
Mandonnet vertritt, dafs Dante die häretifchen Anflehten S.'s
überhaupt nicht gekannt habe, wird unterdützt durch den
Hinblick auf den fchon recht anfehnlichen Zeitunterfchied,
der zwifchen jenen Streitigkeiten und der Abfaffung der
Divina Commedia bedeht, ferner durch die andere That-
fache, dafs felbd der Schüler und Biograph des Thomas,
Willielm von Tocco, von dem Averroi'smus Siger's nichts
weifs (Mand. S. CCC und CCCXIII); immerhin findet fie
in der Erwähnung der invidiosi veri bei Dante ein gewiffes
Gegenargument. Siger galt dem Dichter, wie Mand. wohl
mit Recht ausführt, als der bedeutendde Vertreter des
rein wiffenfehaftlichen Peripateticismus innerhalb der chrid-
lichen Welt; fein häretifcher Charakter aber blieb ihm,
wenn nicht unbekannt, so doch jedenfalls irrelevant, hauptfächlich
vielleicht m. E. eben in Folge desUmdandes, dafs es
zu einer Verurtheilung wegen desfelben fchon in Folge der
Plötzlichkeit feines Todes, auf die übrigens Dante felbd
in den oben ausgehobenen Verfen hinzudeuten fcheint,
überhaupt nicht kommen konnte.

Giefsen. H. Siebeck.