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Ausgabe:

1899 Nr. 6

Spalte:

171-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pognon, H.

Titel/Untertitel:

Inscriptions Mandaites des coupes de Khouabir. I. partie 1899

Rezensent:

Lidzbarski, Mark

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 6.

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pönung der Mifchehen wendet fich gegen Paulus und feine
Gleichstellung von Juden und Heiden (S. 112 ff). Nachdem
dann noch weitere Spuren der antipaulinifchen Polemik
aufgedeckt find (S. 131 ff.), gelangt der Verfaffer
zu dem Satze: ,So bewegt fich das ganze Buch in
der Antithefe gegen den Paulinismus' (S. 178).

Aber nicht ein Jude, fondern ein Judenchrift ift
der Verfaffer (S. 184 ff). Einen Hauptbeweis dafür fcheint
Singer in der Thatfache zu finden, dafs im Buch der
Jubiläen das pharifäifche Kalenderfyftem (das nur auf
Beobachtung des Mondes, nicht auf Sicherer Rechnung
beruhte) abgelehnt wird. Wir wiffen nämlich, dafs die
Minim den Bemühungen der Pharifäer, das Erfcheinen
des Neumondes feftzuftellen, Hindernifse zu bereiten
fuchten [Mischna Rosch haschana II, 1). Die Oppofition
gegen diefe Bemühungen, war alfo ,minäifch', d. h. juden-
chriftlich (fo Singer; dafs aber Minim nicht == Juden-
chriften, glaube ich in der obigen Befprechung von Friedländer
gezeigt zu haben). Dem Einwände, dafs fpecififch-
chriftliche Spuren im ganzen Buche fehlen, begegnet Singer
mit der Antwort, dafs dies im Jakobusbrief und im Hirten
des Hermas im Grunde auch der Fall fei. Für die juden-
chriftliche Anfchauung ftehe eben die Chriftologie und
was damit zufammenhängt, nicht fo im Vordergrunde
wie bei Paulus (S. 245 ff).

Es fcheint mir nicht nöthig, die hier vorgetragene
Auffaffung eingehend zu widerlegen. Wenn alle Schriften
, in welchen die Verbindlichkeit und ewige Gültigkeit
des Gefetzes betont wird, gegen Paulus gerichtet wären,
fo wären recht viele Werke des fpäteren Judenthums, ja
man könnte faft fagen: der ganze Pentateuch, ,antipauli-
nifch'. Man kann nur bedauern, dafs der Verfaffer fo
viel Fleifs und Kraft aufgewendet hat, um eine fo verfehlte
Hypothefe durchzuführen. Trotzdem darf die
Forfchung an feinem Buche nicht vorübergehen. Bei dem
reichen Materiale, das er beibringt, ift doch manches
daraus zu lernen. Noch mehr wird dies der Fall fein,
wenn er in dem beabfichtigten zweiten Theile das Ver-
hältnifs des Buches zur Haggada und Halacha behandeln
wird. Möchte derfelbe recht bald folgen.

Göttingen. E. Schürer.

Pognon, Conful IL, Inscriptions MandaTtes des coupes de
Khouabir. Texte, traduction et commentaire philo-
logique avec quatre appendices et un glossaire. I.
Paris, H. Welter, 1898. (103 S. m. 31 Taf. gr. 8.)

Fr. 23.—

Die erfte Veröffentlichung von Zaubertexten aus
Babylonien der Art, wie fie in Pognon's Buch mitgetheilt
werden, verdanken wir Auften H. Layard. In feinen
Discoveries in Nineveh and Babylon, p. 509 ff theilte er
fünf hebräifche und eine fyrifche Schale mit, die er und
andere in Südbabylonien gefunden hatten. Eine gröfsere
Anzahl folcher Texte, namentlich hebräifcher, gelangte
fpäter in verfchiedene Mufeen Europas, und befonders
reich find die Sammlungen des Berliner Mufeums, des
Louvre und des Britifh Mufeum. Herausgegeben und
erklärt wurden fie von M. A. Levy, ZDMG IX, p. 465 fr.
und Jahrbuch für die Gefchichte der Juden II, p. 266 ff.,
Rod well, Transactions of the Soc. of Bibl. Archaeo-
logy II, p. 114 ff, dazu Halevy, Comples rendus de PAcad.
des Inscriptions 1877, p. 288 ff., Chwolfon, Corpus inscrip-
tionum Hebraicarum, col. 103 ff, Babelon und Schwab,
REJ IV, p. 165 ff, Hyvernat, ZK II, p. 113 ff, dazu
Grünbaum, ebda.,p.217ff.u.Nöldeke, p.295ff,Schwab,
Revue d'assyriologiel, p. 117ff. und II, p. 136ff, Harka vy,
Zapiski der orientalifchen Abtheilung der Petersburger
archäologifchen Gefellfchaft IV, p. 83 ff, Wohlftein, ZA
VIII, p. 313 ff, IX, p. 11 ff., dazu Fränkel, p. 308 ff.

Den erften mandäifchen Text hat Pognon in Memoires
de la Societe de Linguistique de Paris VIII, p. 193 ff

veröffentlicht. Im vorliegenden Buche giebt er nicht
weniger als 31 Texte, nebft Umfchrift, Ueberfetzung und
ausführlicher Erklärung.

Vorausgefchickt ift eine längere Einleitung, in der
zunächfl über die Herkunft der Schalen berichtet wird.
Sie find in Chuabir, am rechten Ufer des Euphrats, etwa
55 Kilometer nordweftlich von Musejjib gefunden worden.
INach den Angaben der einheimifchen Araber liegen fie
in mäfsiger Tiefe, einzeln oder zu zweien, im erfteren
Falle mit der Hohlfeite nach unten, im letzteren fo über
einander, dafs die Höhlung nach innen gekehrt ift. Diefe
Angaben find vielleicht zu modificiren. Das Berliner
Mufeum und das Louvre befitzen nämlich mehrere
Schalen, die die Form von Topfdeckeln haben, an denen

I jedoch der Knopf nicht in der Mitte der konvexen,
fondern der konkaven Seite fitzt. Ich neige nun zur Annahme
, dafs es in der Regel, oder vielleicht ausfchliefs-
lich folche Deckel find, mit denen die Schalen zugedeckt
wurden. Dafs dies überhaupt gefchah, fucht P. damit zu
erklären, dafs man gewiffermafsen die böfen Geifter in
das Gefäfs einfchliefsen wollte. Diefe Vorftellung ift
allerdings dem Orient nicht fremd; ich erinnere nur an
das Märchen vom Geift in der Flafche in IOOI Nacht.
Aber dagegen fcheint der Umftand zu fprechen, dafs die
Schale des Berliner Mufeums VA 2442 am Boden durchlöchert
ift. Auch die Annahme, dafs man die Schalen des-

1 wegen zugedeckt habe,damit die Schrift fich nicht verwifche,
ift kaum zuläffig, da fie auch mehrfach, die deckeiförmigen
fogar ausfchliefslich an der Aufsenfeite befchrieben find.

Für die Entftehungszeit der Texte liefern einen Anhaltspunkt
die Perfonennamen. Diefe find bis auf einen

| einzigen perfifchen und aramäifchen Urfprunges. Diefer
eine ift der bekannte arabifche Namen Jezid, und daraus
fchliefst P., dafs die Schalen erft in islamifcher Zeit ent-
ftanden find. Ganz ficher ift diefer Schlufs nicht. Denn
der Name Jezid ift zweifellos älter als der Islam (vgl.
Lidzb., Nordfem. Epigraphik, p. 287), und die Mandäer
konnten ihn fchon in vorislamifcher Zeit den ihnen benachbarten
Arabern entlehnt haben. Dennoch ift es
wahrfcheinlich, dafs die Texte etwa im erften Jahrhundert
der Flucht gefchrieben find; fpäter würden fie mehr arabifche
Namen aufweifen.

In der Einleitung giebt P. auch einige Mittheilungen
aus dem JTbiDOSH Karo des Theodor bar Choni über die
Mandäer, die er im zweiten Theile herauszugeben gedenkt
. Das wenige, das wir hier erfahren, genügt jedoch
fchon, um zu zeigen, dafs Bar Choni's Angaben fo viel
werth find, wie die meinen fonftigen Mittheilungen über
Secten bei fpäteren fyrifchen Autoren. Wie Nöldeke
bereits bemerkt hat (WZKM XII, p. 146), ift der hier
als Stifter der mandäifchen Religion genannte Ado kein
anderer als Adam. Nöldeke meint, dafs Ado nur ein
Verfehen fei. Ich glaube vielmehr, dafs wir hier eines
jener Plypokoriflika auf o haben, wie fie bei den ver-
fchiedenen Völkern des vorderen Orients ungemein verbreitet
find. Verdächtig klingen die Angaben noch befonders
dadurch, dafs die aus den mandäifchen Schriften
bekannten Genien Silmaj, Nidbaj, Bar-hajje und Sitil
(== bS-HO, nicht Xbniü, wovon Brandt, Mand. Religion,
p. 124 den Namen ableitet) hier als Brüder Adam's auftreten
. Nicht minder auffällig ift es, dafs die Knsta
(vgl. Brandt, ibid., p. 120 ff.) fich nicht nur im Namen
eines anderen Bruders findet, fondern dafs auch die
Mutter Em-kulta geheifsen haben foll1). Damit verlieren
auch alle Schlüffe, die der Verf. aus diefen Angaben

l) Apokryphe mit DX beginnende Namen haben wir auch in Emzara,
dem Namen der Gattin Noah's (vgl. Lidzb., Prolegomena, p. 12) und
exbnax, dem der Mutter Abraham's {Baia Bathra, f. 91a), wenn
letzterer nicht = TlbnrjX = ^ilbx-nox ift, ebenfo wie der Name ihres
Vaters 13313 doch wohl in 13313 abzuändern ist. Danach ist auch
Tabari I, p. 346, 1. 5 ff. zu berichtigen, während 1_}*J dafelbft, trotz
Jaqut IV, p. 317, 1. 15 ff. nach Schatzhöhle II, p. 146, 1. 3 und Book
of the Bee, p. XO, 1. II in Li»..: zu emendiren ist.