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Ausgabe:

1899 Nr. 5

Spalte:

143-146

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dalmer, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Brief Pauli an die Galater ausgelegt 1899

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 5.

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ift im Vergleich zu den Synoptikern das Eigenthümliche
und das einzige Neue an der Darftellung der Perfon Jefu
im vierten Evangelium' (S. 535). Wenn dies wirklich
,neu' ift, darf dann bei Erörterung der Echtheitsfrage
diefer Punkt ganz übergangen werden, wie das bei Zahn
der Fall ift (S. 549fr.)? Es wäre doch zu fragen, ob die
Synoptiker das Selbftzeugnifs Jefu verkürzt, oder ob
Johannes hinzugethan und umgebildet hat? Und wenn
letzteres der Fall ift, ift es denkbar, dafs ein Augen- und
Ohrenzeuge eine fo tiefgehende Umgeftaltung der Aus-
fagen feines Herrn und Meifters fich erlaubt hat? Die
Verneinung diefer Frage hat doch wohl andere und
edlere Motive als die unlauteren, welche Zahn den
Gegnern der Echtheit zuzufchreiben fich erlaubt (S. 552:
,die wiffenfchaftlichen Gründe hat man hinterdrein gefunden
, nachdem man fich entfchloffen hatte, fie zu
fuchen'). — 3) Ueber das Verhältnifs des Evangeliften
zum Judenthum wird zwar S. 554f. Einiges bemerkt.
Die Hauptfachen bleiben auch hier unerörtert. Das Gleiche
gilt 4) in Betreff der helleniftifchen Bildung des Evangeliften
, die eine Thatfache ift, auch wenn man nicht davon
fpricht. Wer es aber unterläfst, auf eine Erörterung diefer
Punkte einzugehen, der darf nicht glauben, den johan-
neifchen Urfprung des vierten Evangeliums erwiefen zu
haben.

Göttingen. E. Schürer.

Dalmer, Prof. Lic. Johannes, Der Brief Pauli an die Galater
ausgelegt. Gütersloh, C. Bertelsmann, 1897. (XIX, 222 S.
gr. 8.) M. 3.60

Dafs nach einem neuen, für fich erfcheinenden Com-
mentar zum Galaterbriefe ein fachliches, wiffenfchaftlich.es
Bedürfnifs vorhanden fei, wird man nur in der Voraus-
fetzung zugeben können, dafs ein folcher wirklich neue
Belehrungen bringe. Wer in diefer Erwartung das Buch
auffchlägt, wird schwer enttäufcht werden. Man kann
mit dem beften Willen nicht anerkennen, dafs es eine
Bereicherung der exegetifchen Literatur darftelle. Ich
bin ein fchlechter Kenner diefer Literatur, aber trotzdem
kommt mir in dem, was Dalmer bietet, faft alles
bekannt vor. Und immer wieder hat mich Verwunderung
erfafst über die Selbftüberwindung, die es ihm gekoftet
haben mufs, fo Vieles, was fchon oft gefagt ift, noch
einmal zu fagen. Aber viel ftärker ift das Staunen darüber
, dafs ein jüngerer Gelehrter fo gänzlich von Forfcher-
trieb und drängenden Problemen frei fein kann, wie diefes
Buch zeigt. Wie kann man heute den Galaterbrief behandeln
ohne fich tief auf den jüdifchen Hintergrund feiner
Ideenwelt einzulaffen, wozu das Material fo bequem zu erreichen
ift! Wie viel ift in der letzten Zeit auf biblifch-
theologifchem Gebiete erarbeitet worden, was in den
Dienft diefer Auslegung hätte gehellt werden können!
Wie lebhaft bewegen uns die fprachlichen Fragen, die
Fragen nach der Form des Briefes und des rhetorischen
Ausdrucks! Ift denn nichts von alledem dem Verf. bekannt
geworden? Er citirt ja Allerlei. Aber man empfindet
nicht, dafs diefe Dinge ihm an die Seele gedrungen
wären. Hätte er wenigftens in der Textkritik
ein wenig tiefer gegraben, oder in den Einleitungsfragen
fich über das Uebliche erhoben; aber wohin man fieht,
— man findet nichts.was eine felbftändigebohrendeForfcher-
arbeit verriethe. Sieht man von diefem allerdings fundamentalen
Mangel ab, fo foll dem Verf. gerne zugeftanden
werden, dafs feine Exegefe ruhig, nüchtern, vernünftig
ift, fich im Allgemeinen von Gefchraubtheiten der Auf-
faffung und des Stils fern hält und aus der exegetifchen
Ueberlieferung meift das durchfchnittlich Belle auswählt.

Einige Bemerkungen: Dafs Paulus bei feinem erften
Befuche in Jerufalemincognito geblieben fei, nennt D. eine
^abenteuerliche Hypothefe'. Die anderen Apoftel feien
eben abwefend gewefen und die ausdrückliche Angabe

des Paulus, dafs er den Gemeinden Judäas unbekannt
geblieben, wird in der willkürlichflen Weife abgefchwächt:
er habe nur keine näheren perfönlichen Beziehungen zu
ihnen gehabt. Statt diefer tendenziöfen Auslegung wäre
es wichtiger gewefen, auf Folgendes zu achten: Der Beweis
für die von Paulus Gal. in« aufgehellte Thefe,
dafs er fein Evangelium nicht von Menfchen empfangen
habe, ift nicht fchon mit v. 20, fondern erft v. 23 ab-
gefchloffen. Denn wenn Paulus als Evangelift auftritt,
ohne doch mit den Jerufalemern mehr als oberflächlich
bekannt geworden zu fein, fo ift jene Thefe erwiefen.
Ferner ift nicht zu verkennen, dafs wir in dem kleinen
Sätzchen v. 24 xal tdögctdav Iv efiol xbv d-eov den Ueber-
gang zu einem neuen Thema haben. Während es fich
111-23 um die formale Frage nach dem Urfprunge des
Evangeliums handelt, tritt mit diefem Sätzchen die fachliche
Frage nach der Qualität diefes Evangeliums und
ihrer Beurtheilung durch die Jerufalemer in den Vordergrund
. Solche ruckweife Fortfchiebung der Erörterung
auf einen anderen Gegenftand durch kleine Uebergangs-
fätzchen läfst fich auch fonfl bei Paulus beobachten,
(vgl. meine Beiträge zur paulin. Rhetorik p. 39). In der
That beginnt 2i eine ganz neue Erörterung und man
mufs — ohne jede Voreingenommenheit — den Apoftel
von der Pflicht dispenfiren, über alle zwifchen 1 is und 2 1
liegenden Jerufalem-Reifen zu berichten. Dafs er den
Befuch in Jerufalem 2i als den zweiten bezeichnet, ift
um fo weniger zuzugeben, als das jtaXiv wahrfcheinlich
zu ftreichen ift. Während es in cop und bei Irint Tert
Chr fehlt, fleht es in DG go aeth hinter, in den
anderen Zeugen vor dvißnv, verräth fich alfo als Gloffe,
die vom Rande oder von über der Zeile an verfchiedenen
Stellen in den Text der beiden grofsen Zeugenfamilien
eingedrungen ift. —

Von einem Exegeten des'.Galaterbriefes erwartet man
eine eingehende Erwägung der Frage, ob Paulus feinen
Lefern die aus feinem Leben mitgetheilten Dinge zum
erften Male erzählt, oder ob er nur bekannte Dinge
richtig erläutern und gegen Verdrehungen fchützen will.
Die richtige'Beantwortung diefer Alternative ift ent-
fcheidend für die Auffaffung des Ganzen. Obwohl ich
mich über diefen Punkt fchon mehrfach ausgefprochen
habe, will ich doch die Beweife für die letztere Anficht
wiederholen, da nicht nur Dalmer fie ignorirt. Schon
der Bericht 115 ff. ift fo gehalten, dafs man fieht, Paulus
redet von bekannten Dingen. Er erzählt nicht der Reihe
nach feine Bekehrung, fondern knüpft an dies Ereignifs
als etwas Bekanntes nur an, in dem er es in allgemeinen
Ausdrücken, die feine tiefe Ergriffenheit verrathen, um-
fchreibt: ors de evdoxnösv 6 dcpooiGag .... djtoxaXvipcu
V • • -^DTen^° erinnert er 211.12 an den Befuch des Kephas
ore de r/Xß-ev Knrpäg .... xob xov yag tXV-tiv xivdg
dnb Iaxmßov . . . Wer in aller Welt erzählt fo von Er-
eignifsen, die dem Hörer neu find? Dafs die Lefer über
die Vorgänge bei der Bekehrung orientirt waren, zeigt
das plötzlich unvorbereitet auftretende jcaXiv vjttöxgsipcc
eig Äccfiaöxov (117). Das gänzliche Schweigen über feine
Beschäftigung in Arabien (117) fowohl wie in Syrien und
Cilicien (121) ift nur begreiflich, wenn die Lefer über die
Bedeutung diefer Zeiten für ihn unterrichtet waren.
Ebenfo ift die Kürze, mit der er über den Austaufch mit
Petrus (iis) hinweggeht, nur motivirt, wenn er über diefen
Befuch fchon mündlich Näheres mitgetheilt hat. Der
fchroffe Uebergang zum Thema der Befchneidung 2»
zeigt, dafs die Lefer nur zu genau wiffen, dafs es fich
bei den damaligen Verhandlungen um diefe principielle
Frage handelte. Die iptvöäötXyoi find ihnen bekannt
(xovg) — und fo würde ich fortfahren, auch die vjcoxayr) (25)
ift nicht eine blofs als möglich gedachte, die thatfächlich
nicht ftattgefunden hat, fondern ift eben das bekannte,
für Paulus jetzt nicht eben angenehme Ereignifs, um
welches fich die Verleumdungen der Gegner drehen.
Freilich ift der Artikel hier nicht beweifend (S. 55). Aber