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Ausgabe:

1899

Spalte:

120-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhard, Albert

Titel/Untertitel:

Stellung und Aufgabe der Kirchengeschichte in der Gegenwart 1899

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 4.

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den Zuftände und Anfchauungen feftzuftellen. Die Stücke ' Ehrhard, Prof. Dr. Albert, Stellung und Aufgabe der Kirchen-

der Apoftelgefchichte über das erfte Gemeindeleben
machen auf den Verf. den Eindruck eines Stimmungsberichtes
, der auf Zuverläffigkeit der einzelnen Angaben
(bef. der Zahlenangaben) keinen Anfpruch erhebt, fondern
nur die Grundftimmung der jungen Gemeinde kennzeichnet
. Beffer als von einer ,Gütergemeinfchaft der
erften Chriften', rede man von einem Fefthalten an der
xoivmvla, die fich auch auf das fociale Gebiet erftreckte.
Dabei blieb es dem Gemeingefühl eines Jeden überlaffen,
von dem Seinigen nach Belieben beizufteuern. Es gab
keinen Zwang, keinerlei fefte Inftitutionen. Auch die
weitere Entwicklung des Gemeindelebens glaubt der
Verf. trotz der Dürftigkeit der Quellen einigermafsen
beleuchten zu können. Die zunehmenden ,Vielleicht'
und andere hypothetifche Wendungen zeigen, auf welch
fchwankendem Boden er fich bewegt. Wachfende Verarmung
ist der meid hervorftechende Zug in dem Bilde
der paläftinenfifchen Gemeinden. Ueber die Lage der-
felben follen uns der Jakobusbrief und die Quelle des
Lukasevangeliums treue Belehrung geben. Während Jakobus
den Standpunkt Jesu in der fchroffften Form vertrete
, laffe fich in den paulinifchen Schriften eine mildere
Richtung erkennen.

Die Zeichnung der Stellung des Paulus hat etwas

geschiente in der Gegenwart. Akademifche Antrittsrede,
gehalten am 10. Oktober 1898. Stuttgart, J. Roth,
1898. (42 S. gr. 8.) M. I. —

Die deutfehe katholifche Kirchengefchichtsfchreibung
ift feit etwa einem Jahrzehnt in einem Auffchwung begriffen
, den die proteftantifchen Hiftoriker freudig be-
grüfsen. Steht der Auffchwung auch im Zufammenhange
mit der allgemeinen literarifchen und wiffenfehaftlichen
Erhebung des Katholicismus, fo ift diefe felbft nur willkommen
zu heifsen; denn jede wiffenfchaftliche Arbeit,
auch wenn fie in beftimmten Grenzen eingefchloffen er-
fcheint, trägt ihre Frucht und fchafft Freiheit. Bei dem
Auffchwung der kirchengefchichtlichenWiffenfchaft kommt
aber noch hinzu, dafs die Grundfätze und Forderungen
der Hiftorik heute fo feft und ficher ausgeprägt find, dafs,
wer fich auf diefem Gebiet überhaupt zu Gehör bringen
will, fie nicht vernachläffigen darf. So werden fich die
Hiftoriker dort und hier viel früher bis zu einem gewiffen
Grade verftändigen können als die Syftematiker und die
Politiker es vermögen. Reformations-und vorreformations-
gefchichtliche Monographien, wie fie z. B. Spahn und
Finke gefchrieben haben, begrüfsen wir dankbar; Funk's
patriftifche Unterfuchungen werden von den proteftan-

ftark Schillerndes. Man vermifst ein klares Gefammtbild, S tifchen Forfchern nicht geringer gefchätzt als von den
was nicht ausfchliefst, dafs im Einzelnen intereffante Be- '• katholifchen und vielleicht mehr von jenen gelefen;

obachtungen, wie diejenige in Bezug auf denPhilemonbrief
(p. 98) mit unterlaufen. Einestheils wird ein Fortwirken
des urchriftlichen wirthfehaftlichen Ideals conftatirt, und
anderntheils foll doch wieder eine Reaction des Individualismus
gegen die fociahftifchen Elemente der Urgemeinde
zu verfpüren fein. Hierbei darf man fich einigermafsen wundern
, dafs die frühere überzeugende Ausführung über den
Ausfchlufs des Zwanges in der erften Gemeinde fo wenig
nachwirkt. Zuletzt wird fogar von ,einer neuen Auf-
faffung vom Werthe und der Verwerthung des irdifchen
Befitzes' bei Paulus geredet. Prüft man die beigebrachten
Beweisftellen, fo wird immer indirect eine Rückficht-
nahme auf den Befitzftand in diefelben hineingelegt, mit
anderen Worten, es wird mehr herausgelefen, als darin
liegt. Das Richtige enthält das Geftändnifs, das Rogge
felbft am Schlufs (p. 112) ablegt: ,Alle diefe Züge be-
fagen an fich noch nichts für eine höhere Werth

die erften Bände der Janffen'fchen ,Gefchichte des
deutfehen Volkes' würden wahrfcheinlich heute anders
gefchrieben werden als vor 20 Jahren, oder fie würden,
wenn fie in diefer Faffung heute erfchienen, fcharfen
Kritikern im katholifchen Lager felbft begegnen.

Unter den katholifchen Kirchenhiftorikern, deren
Arbeiten die Wiffenfchaft gefördert haben, fteht derVer-
faffer vorftehender Antrittsrede in erfter Reihe. Er hat
uns u. A. mit einem Abrifs der byzantinifchen Literatur-
gefchichte befchenkt (in Krumbacher's Thefaurus), der
nicht leicht übertroffen werden kann; er hat ferner das
fchwierigfte und bisher aller Bemühungen fpottende Ca-
pitel, welches das Siegel .Simeon Metaphraft.es' trägt,
bewältigt und damit in ein Chaos Ordnung und Licht
gebracht. In diefer Rede nun giebt er Rechenfchaft
darüber, wie er fich die Stellung und Aufgabe des katholifchen
Kirchenhiftorikers denkt und nach welchen Grund-

fchätzung des irdifchen Befitzes'. Im Laufe diefer Unter- fätzen er arbeiten wird. Er verleugnet nirgendwo die
fuchung über Paulus giebt der Verf. wieder öfters feiner | Intereffen feiner Kirche, aber er will, dafs ihre wiffen-
Abneigung gegen die Verwendung des Parufiege- fchaftliche Arbeit fortfehreite, fich vertiefe und muthig mit
dankens als Argument einen Ausdruck. Schlecht be- ! rückhaltslofem Wahrheitsfinn in den Wettbewerb eintrete,
rathen ist er gerade da, wo er triumphiren zu können ! ,Eine öffentliche Stellung, d. h. eine Bedeutung für das
meint, nämlich in Bezug auf i Cor. 7, 21. Denn die dort 1 ganze Geiftes- und Gefellfchaftsleben, befafs die katho-
gegebene Begründung findet fich eben fo wieder in j lifche Theologie thatfächlich vom Anfang ihres Beftehens
7, 30 f., und hier wird diefe Indifferenz der irdifchen j bis tief in das 17. Jahrhundert hinein. Heute ft fie ihr
Stellung gegenüber durch den Schlufsfatz Jictgayei yaQ i faft vollftändig verloren gegangen nicht ohne Mitfchuld
t6 Oyjina . . . begründet. Diefen Schlufs freilich hat der mancher Kreife, die fich in die Einfamkeit zurückgezogen
Verf. bei Anführung des Verfes weggelaffen (p. 114). — haben, ftatt an den grofsen Centren des geiftigen Lebens,
In den joh. Schriften conftatirt R. Gleichgültigkeit gegen- an den Univerfitäten, diefe Stellung zu vertheidigen und
über der Frage vom Reichthum und fpricht daraufhin zu kräftigen'.

gleich von einer neuen (dritten!) Richtung der apoftoli- Die Hauptgedanken des Verfaffers find folgende:

fchen Zeit in der Stellung zum Befitze. Es fcheint da i (1) Die Kirchengefchichte ift ein Theil der Weltge-
noch die alte dogmatifche Betrachtungsweife fortzuleben, | fchichte (diefe ift eine einheitliche Bewegung zur Ver-
dafs jeder neuteftam. Schriftfteller zu jeder Frage irgend- ; wirklichung des Humanitätsideals und zu immer innigerer
wie Stellung nehmen müffe. Unterem Empfinden nach ' Verbindung mit Gott), aber fie ift das Centrum der
wäre die Unterfuchung des Verf. beffer auf das Ver- j Weltgefchichte, weil Chriftus ihr Mittelpunkt und die
halten Jefu und der Urgemeinde befchränkt geblieben. ! Weltgefchichte eine Schöpfung des Chriftenthums ift. Aus
Es find die werthvollften Abfchnitte der Schrift. Trotz der Gefchichte des Chriftenthums und der Kirche hat fich
der namhaft gemachten Mängel aber dürfte das Studium '; die Weltgefchichte, wie fie uns heute erfcheint, entwickelt,
der vorliegenden Abhandlung wegen des überall fühl- (2) Die Kirchengefchichte Hellt nicht weniger als die eine
baren aufrichtigen Wahrheitsdranges des Verfaffers und Hälfte der gefammten Theologie dar; fie ift keine Einzelnamentlich
als erftmalige Einfuhrung in das wichtige Pro- i diseiplin, fondern das Gegenftück zu fämmtlichen fyfte-
blem empfohlen werden. ' rnatifchen Disciplinen und ift von keiner derfelben

Giefsen. Baldenfpcrger. ! abh,ängig .auch nicht yon der-Dogmatik und Apolo-

r 6 getik; fie hat nur eine Herrin, die Wahrheit. (3) Der

j Kirchenhiftoriker mufs in der Kirche flehen und ihren