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Ausgabe:

1899 Nr. 26

Spalte:

713-716

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bender, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Mythologie und Metaphysik. Grundlinien einer Geschichte der Weltanschauungen. Erster Band: Die Entstehung der Weltanschauungen im griechischen Alterthum 1899

Rezensent:

Wendland, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 26.

7M

Confalvi und die Correfpondenz Napoleons I. Ranke I dererfeits nicht verhehlen dürfen, dafs nur in einer wei

ift nur einmal citirt. Diefe Quellen find aber gefchickt

te Gebiete umfaffenden vergleichenden Betrachtuno- die

verwerthet und zu einem anfchaulichen Bilde zufammen- j Grundformen mythologischen Vorftellens in ihrer ofvehol
gefügt. Diefes Bild ift freilich ftark überlichtet. Die per- [ logifchen Notwendigkeit und allgemeinen GiltLkeit he"
fönhehen Tugenden Confalvi's werden in etwas aufdring- griffen und wirklich bewiefen werden könnten "dafs 1
lieber Weife hervorgehoben, diplomatifche Erfolge auch ! Schwierigkeiten erft recht beginnen bei der Anwenduno
da angemerkt, wo eher das Gegentheil der Fall ift, fo , der allgemeinen Grundfätze auf die Gefchichte einer
bei den Concordatsverhandlungen mit Napoleon. Diefer , Religion, bei dem Verfuche, den Wirkungskreis Her P;„
wird als Mann voll religiöfer Ueberzeugung gefchildert, 1
die Schuld an feinem Zerwürfnifs mit Pius VII. feinen
Miniftern und dem Cardinal Fefch aufgebürdet. MitNapo-
leon's Tode erlifcht das Intereffe des Autors. Die Concordatsverhandlungen
mit den deutfehen Staaten nach
dem Wiener Congrefs werden mehr als kurz behandelt.
Etwas ausführlicher wieder Confalvi's Sturz und fein Ende.
Für den protefiantifchen Hiftoriker befteht der Werth
des Buches fomit wefentlich darin, dafs es zahlreiche
Auszüge aus den Memoiren, Artaud's Gefchichte, Napo-
leon's Correfpondenz u. f. w., die man (ich fonft mühfam
zufammenfuchen mufs, wörtlich oder in lesbaren Ueber-
fetzungen in die Darftellung verflicht. Das Gefammt-
urtheil über die Bedeutung Confalvi's wird er fich nach
wie vor von Ranke geben laffen müffen.

Frankfurt a. M. Erich Foerfter.

Bender, Wilhelm, Mythologie und Metaphysik. Grundlinien

einer Gefchichte der Weltanfchauungen. Erfter Band:

Die Entftehung der Weltanfchauungen im griechifchen

Alterthum. Stuttgart, F. Frommann, 1899. (III, 288 S.

gr. 8.) M. 4.-

Der Verf. hat fich die Aufgabe geftellt, die Motive,
von denen der metaphyfifche Trieb geleitet ift, und die
Formen, in denen er fich geäufsert und bethätigt hat,
darzulegen und durch eine gefchichtliche Betrachtung, die
uns eine zufammenhängende Entwickelung von den ur-

fprünglichften «ytholo^^ | W^*^^ erfchliefsen, zufammen

zelnen Factoren und ihr gegenfeitiges Verhältnifs im ein
zelnen gefchichtlich zu beftimmen.

Die theogonifche Speculation mit ihren Anfätzen
zu einer Umbildung der mythifchen Denkweife in eine
metaphyfifche und ,realiftifche' bildet den Uebergang zu
der vielfach mit ihr eng verbundenen vorplatonifchen
Philofophie. In ihrer Behandlung hebt B., indem er fonft
bewahrten Führern folgt, befonders das Nachwirken my-
thologifcher Vorftellungen und die von anthropologifchen
Beobachtungen gewonnenen und auf die Erklärung des
Kosmos übertragenen Analogieen hervor, nicht ohne
öfter zu Bedenken Anlafs zu geben (S. 60. 65. 84.)

Der naive Monismus der Ionier, Heraklit und Em-
pedokles laffen den Weltftoff von Ewigkeit her befeelt,
die Bewegung ein Ergebnifs der Befeelung fein. Die
AtomiftikkenntdieBewegungalseinenewigenmechanifchen
Vorgang, aus ihm ergiebt fich die Befeelung (S. 92).
Diefen beiden zum Pantheismus oder Materialismus fuhrenden
Richtungen tritt ein Dualismus entgegen, der
durch die (im Anfchlufs an Rohde gefchilderte) Entwickelung
des Seelenglaubens und des durch ihn bedingten
Glaubens an eine überfinnliche Welt begründet, auf Py-
thagoras, die Eleaten und Empedokles einen bedeutenden
Einfiufs ausübt, feinen gröfsten Apoftel und begei-
ftertften Propheten in Plato findet (S. 125). Er fafste die
,bis dahin zerfplitterten, unficheren, taftenden Verfuche
der Sehnfucht der Menfchenfeele, jenfeits der urfprüng-
lichen Welt des Scheines eine Welt der beharrenden

ausgereiften Syftemen einer wiflenfehaftlichen Welterklä
rang vorführt, eine Art Pfychologie der Metaphyfik zu
erfchliefsen.

B. zeichnet zuerft, zum Theil im Anfchlufs an Ufe

zu einem Gedankenbau, der die Jahrhunderte überdauern
und Millionen eine herzbefriedigende und erhebende
Wohnftätte bieten follte'. B. fchil'dert Plato als den Begründer
der ,asketifch-fupernaturalifiifchen' Weltanfchau-

ners Ideen, die mythologifche Entwickelungslinie. Als j ung. Die uralte Seelen- und Jenfeitshoffnung hat bei
Ausgangspunkt nimmt er an die Befeelung einzelner j ihm ihre idealfte Geftalt angenommen, fie ift der
Naturvorgänge und einzelner menfehlicher Zuftände, ; tieffte Grund, aus dem alle anderen Anfchauungen her-

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Triebe, Leidenfchaften. DiefeBefeelung der Einzelerscheinungen
fchreitet dann fort zur Zurückführung gleichartiger
Erfcheinungen auf eine Gattungsgottheit. Neben
diefer Entwickelung geht her und hat vielleicht fchon
auf die Unterordnung der befeelten Einzelerfcheinungen,
der Augenblicks- und Sondergötter unter eine fchärfer
umriffene und mit einer weiteren Wirkungsfphäre ausge-
ftattete Götterperfon eingewirkt der hiftorifche Mythus,
der fich mit dem Naturmythus verfchmilzt. Die Ahnengötter
werden als Kinder den Naturgöttern untergeordnet,
aber die Naturgötter erhalten von ihnen die volle Perfön-
lichkeit und den ethifchen Charakter. Ihr natürliches
Herrschaftsgebiet verengert fich mit der fortfehreitenden

vorgewachfen find und von dem aus fie erft verständlich
werden. Darum ift die in der Tiefe der Seele fich offenbarende
Welt des Ideals die allein wahre, die wirkliche
Welt die des Scheines und der Vergänglichkeit. Darum
ift es das Ziel aller Sittlichkeit, die Seele über die Sinnen -
weit zu erheben und aus ihr in ihre wahre Heimat zurückzuführen
. —

Ich glaube, dafs B., im wefentlichen mit Rohde
zufammentreffend, die innerften Motive der fertigen
platonifchen Weltanfchauung (die natürlich auch in B.s
Sinne fich nicht mit den gefchichtlichen Motiven
der Genefis des Syftems zu decken brauchen) richtig
aufgefafst hat, doch kann ich weder die unverhohlene

Beherrfchung der Natur, ihr fittliches erweitert fich mit Antipathie, mit der B. offenbar Plato gegenüberfteht,
den Fortfehritten der Kultur und Sittlichkeit, mit dem j theilen noch das Urtheil unterfchreiben, nach dem

er

weiteren Kreife menfehlicher Thätigkeiten. Die Mytho- die natürliche Entwickelung des griechichen Geifteslebens

logie wird immer mehr anthropocentrifch. Die vom ein
zelnen auffteigende, dann das einzelne in immer weiteren
Götterfphären begreifende Entwickelung treibt aber dem
Monotheismus zu, ja durch die Auflöfung alles Perfona-

zu durchbrechen und zu ftören fchiene (S. 150. 237).
Von asketifchem Supernaturalismus kann bei Plato nur
die Rede fein, wenn man Askefe in einem fehr weiten
und darum leicht mifsverftändlichen Sinne fafst (vered

lismus über diefen hinaus zum unpersönlichen Göttlichen. | Archiv VI 18. 2 ff.), wenn man die die Transcendenz
Ich glaube dafs diefe umfichtigen, den verfchiedenen ! mildernden und dem Monismus zuneigenden Momente
Factoren in ihrem Zufammenwirken gerecht werdenden j unterfchätzt (S. 159), wenn man durch neuplatonifche VerAusführungen
dazu beitragen können, namentlich den J theilung der Accente aus einer Entfernung von der
neuerdings fo oft wieder zu Wort gekommenen einfeiti- Welt eine abfolute Entfremdung macht, wenn man über-
gen Richtungen gegenüber, zur Klärung der Anfchau- j Seht, dafs die ideale Welt nicht nur das Ziel der Flucht
ungen und zur Verftändigung über die Grundfätze bei- , ift, fondern in der Denkarbeit fchon hier erreichbar wird,
zutragen, wie auch die Darftellung den Laien in die Pro- | dafs der Inhalt der Idealwelt durch die Welt der Wirk-
bleme einzuführen recht geeignet ift. Man wird fich an- | lichkeit fo wefentlich beftimmt ift, dafs eine mit diefem