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Ausgabe:

1899 Nr. 22

Spalte:

620

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Bertling, Zehn Fragen über die Wahrheit des christlichen Glaubens 1899

Rezensent:

Ritschl, Otto

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619 Theologifche Literaturzeitung. 1899 Nr. 22. 620

Fischer, Pfr. M., Schleiermacher. Zum hundertjährigen I ankam'. Hieraus kann doch wohl nur der Schlufs geGedächtnis
der Reden über die Religion an die zogen werden, dafs der Verf. von der für einen neuen
Gebildeten unter ihren Verächtern. Berlin C A Interpreten der Reden immerhin beachtenswerthen Lite-
Schwetfchke & Sohn, 1899. (XVI, 258 S.) M. 3.— ÜJer dief,s Werk von D. F.Straufs an, bis auf
' v ' 3 ' B H. Bleek, unmöglich irgend welche felbflandige Kenntnils
Der Verf. (teilt es felbft in Frage, ob feine Arbeit genommen haben durfte.
,eine Jubiläumsfchrift wird heifsen können'. ,Denn', fagt u r* ,, . r • ,
er, ,fie foll nicht über Schleiermacher handeln, nicht ._ [ O. Kitfcfcl, ,
etwa eine neue Unterfuchung über die „Reden", über ihre q0„h:.,„ i> n i> <• i-, für -u j- u, n uM
und des fpäteren Schleiermacher Theologie, über ihre Bertli ng, Paft. Prof. Dr., Zehn Fragen über die Wahrheit
und feine Bedeutung anftellen u. dergl., fondern fie foll "es christlichen Glaubens. Leipzig, J. C. Hinfichs,
einfach ihn darftellen aus ihm felbft, foweit der Ver- j l899- (IV, 156 S. 8.) Geb. M. 3-—
faffer ihn in feinen Werken zu erfchauen vermochte Ge- |fl dem vorliegenden, dem Andenken Tholucks ge-
w.fs ift auch das eine Auslegung, wie jede Darftellung widmeten Buche werden folgende Fragen behandelt 1
eines Geldes durch und in einem anderen, aber die aller- Giebt es wirklich eine Welt des Geiftes ? (Siebt es wirk-
unm.ttelbarfte unreflectirtefte die f.ch von ihrem Gegen- iich einen perfönlichen Gott? Giebt es wirklich eine
Rande gar nicht trennt die darum auch mit anderen gar menfehliche Willensfreiheit? Giebt es einen wirklichen
nicht discutiren will'. Daher hat der Verf. ,nur verfuchen Verkehr des Menfchen mit Gott und darum auch Gebctswollen
, (ich in die Geiftesarbe.t des Schle.ermacher'fchen erhörung und Wunder? Giebt es eine gefchichtlich fort-
Gen.us hineinzudenken und fie: fo in einem Ganzen dar- fchreitende Gottesoffenbarung, und insoefondere : giebt
aufteilen fall vollftandig in deffen eigenen Worten, jeden- M zuverläff.ge Gefchichte im Alten Teftament? Hat die
falls m feinen eigenen Gedankengangen- (b. XIII). biblifche Schöpfungsgefchichte Wahrheit? Enthalten die
In der Tnat bietet nun der Verf. tn feinen 3 Haupt- Berichte über das Leben Jefu Chrifti gefchichtliche Wahr-
abfchnitten: der Prophet, der Philofoph, der Prediger, heit? Was iff von der Perfon und dem Wefen Jefu Chrifti
eine in freier Anordnung des Stoffes gegebene Para- zu halten? Was ift von dem Dogma der Trinität zu
phrafe der Reden über die Religion, ferner Mittheilungen halten? Giebt es ein Leben nach dem Tode?
und Auszuge aus der Dialektik der philofophifchen Sitten- Der Verf. geht richtig davon aus, dafs der Glaube
lehre und der Einleitung zur Glaubenslehre, endlich eine nach feinem innerften Wefen überhaupt nicht eine Sache
•fachlich geordnete Darlegung der Hauptgedanken in den des Verftandes, fondern des Herzens ift. Dennoch ift
cm ? !T au^^le'e™achers, letzten Jahren. Im An- „ niemals blos Gemüthsfache, fondern wie mit Willens-
(chluls daran ift Schi, s letzte Predigt abgedruckt, dann regungen, fo auch mit Vorftellungen verbunden. Diefc
folgt. noch ein Schlufswort müffen nach der Anficht des Verf. dauernde, fefte Ueber-
Der dritte Abfchnitt des Buches wird gewifs man- z.eugungen fein. Aber ,unpädagogifch', fagt er, ,im Grunde
cnem willkommen lein, er wurde indeffen werthvoller unevangelifch ift es, die Zultimmung zu den Glaubcns-
aa, wenn nicht nur die fpäteren Predigten verwerthet lehren von vorn herein als Erltes zu verlangen- dagegen
Z ö^feW?w'h • ? Grun'1.a)bfer- de". df Verf- S. 167 wohlbegründet ift es, zu erwarten, das chriftliche Glaubens-
anZtnSn! »"S1^ « fei ihm nur darauf leben werde mit gewiffen Ueberzeugungen nothwendig
angekommen dem Anfange in den „Reden" den Schlufs i verbunden fein, deren Ablehnung clann mindeltens ein
der Lebensarbeit in diefen Predigten gegenüberzuftellen', ! Zeichen von mangelnder Klarheit fein würde'. Nach
IR doch nur fonnal-althet.lcher Art. Dafs zur Abfaffung j diefen Vorausfetzungen bemifst f.ch die die Ablicht des

des erften und des zweiten Abfchnittes ein objectives
•Bedürfnifs vorhanden gewefen fei, werden mit mir wohl
auch andere in Abrede (teilen. Darftellungen der Philo-

Buches begründende Meinung, dafs ,ernftgeflnnten, Wahrheit
buchenden Zweiflern allerdings auch durch theore-
tifche Erörterungen weitergeholfen werden kann'.

fophie und der Theologie Schleiermacher's giebt es doch Der Standpunkt des Verf. ilt im Ganzen confer-
eine ganze Anzahl. Ein neues Unternehmen diefer Art vativ. Die lcidenfchaftslofe Ruhe, mit der er vertreten
hätte alfo den Beweis feiner Notwendigkeit mindeltens wird, das Streben, auch abweichende Auffaffungen zu
dadurch erbringen müffen, dafs der Verf. auch Neues verliehen, und die religiöfe Grundltimmung des Buches
und Eigenthümliches zu bieten gehabt hätte. Darauf j berühren wohlthuend. Gelegentlich werden gewiffe her
aber macht er felbft nicht Anfpruch. Sein Verfahren
dagegen, eigentlich nur Lefefrüchte mitzutheilen, führt
auch das Ueble mit fich, dafs den nicht bereits anderweitig
unterrichteten Lefern des vorliegenden Buches j mir die Abhandlung über die biblifche Schöpfungsg^'

".hiefit* um heften orelnncren Ml fein AndererfeitS well

kömmliche harmoniftifche Kunltgriffe der Apologetik ent-
fchieden zurückgewiefen, und der Ueberlieferung ufl"
günftige Inftanzen einfach zugeftanden. Infofern fchei'1
mir a»jinnn .Ii... A.a k;ki;cv.a cA.n(11ntrsse-

nicht einmal die ihnen unentbehrliche Anleitung zum fchichte am bellen gelungen zu fein. AndererfeitS

Verltändnifs der vielen Schwierigkeiten und zur richtigen
Erfaffung der oft fehr verwickelten Probleme zu geben
verfucht wird, an denen gerade Schleiermacher's Schriften
fo reich find. Aber abgefehen davon wundere ich mich,
um von anderen Werken zu fchweigen, darüber, dafs der
Verf. die chriftliche Sittenlehre gar nicht und von der
Glaubenslehre nur die Einleitung herangezogen, alfo fehr
wichtige Quellen zur Kenntnifs von Schleiermacher's Ge
dankenwelt einfach übergangen hat. Endlich mufs es

der Verf. manches zu vereinigen, was fich bei eingehe«'
derer Betrachtung doch wohl als unvereinbar heraus*
(teilen dürfte. Bei der populären Haltung des Buche
ilt es ja begreiflich, dafs der Verf. fchwierigere Präf?*-.
theils abfichtlich bei Seite läfst, theils nicht nach alle"
Seiten hin erörtert. Aber eben deshalb ilt vieles 1
feinem Buche auch nur behauptet und nicht et
,theoretifch' bewiefen. Insbefondere fordern in den A
fchnitten Nr. 3, 5, 7, in denen im Unterfchiede von de

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wohl Jeden, der die in demfelben Verlage wie das vor- | fon(t überwiegenden religiöfen Thematen gerade auc

liegende Buch erfchienene kritifche Ausgabe der Reden wiffenfchaftlich fafsbare Fragen erörtert werden, viel

über die Religion von Pünjer auch nur einmal flüchtig 1 Argumente und Schlufsfolgerungen des Verf. Widerfp' uC

durchblättert hat, eigentümlich berühren, dafs der Verf
Schleiermacher's Erftlingswerk nicht in feiner erften Auflage
von 1799, um deren Jubiläum es fleh noch dazu
gerade handelt, fondern in der letzten Auflage benutzt
hat, die in die fämmtlichen Werke übergegangen ift,
während er andererfeits erklärt: ,Die Erläuterungen find
natürlich (!) nicht benutzt worden, da es auf den erft-
maligen (!) Ausdruck des Schleiermacher'fchen Genius

heraus.

Bonn. O. Ritfchh

Erklärung.

Am Schluffe der vorigen Nummer der Theol. L}t*gj
findet fleh ein Inferat der Buchhandlung von Greiner
Pfeiffer in Stuttgart, welches fo lautet, als ob es