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Ausgabe:

1899 Nr. 22

Spalte:

603-606

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sellin, Ernst

Titel/Untertitel:

Serubbabel. Ein Beitrag zur Geschichte der messianischen Erwartung und der Entstehung des Judenthums 1899

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 22.

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Ueber Nahum handelt S. 1—94. Das Thema diefer , Kap. I (p. 7—28) geht auf eine Prüfung der meffia-
Schrift ift der Untergang der affyrifchen Macht, S. 3. nifchen Erwartung bei Hag u. Sach: An die Spitze des
Ihr Verfaffer ift ein Zeitgenoffe Michas und Jefajas, S. 5, aus allen Landen gefammelten Volkes wird Ser., der
ein geborener Israelit, der beim Einfall der Affyrer nach Sprofs aus Davids Haus treten; er ift bereits von Gott
Juda flüchtete, S. 7.

Im eigentlichen Commentar hat der Herausgeber
wiederholt die auf Affyrien und Ninive bezüglichen Partien
des Manufcriptes unterdrückt, vgl. S. 40f. 75. Mehrfach
begegnen Citate aus C. H. Rieger, kurze Betrachtungen
über die Pfalmen und die 12 kleinen Propheten,
vgl. S. 24, 86 u. ö, Diefe Citate wie Beck's eigene Bemerkungen
praktifcher Auslegung und der ganze Rückblick
' S. 91—94 find das wirklich Werthvolle an dem
Buche und rechtfertigen nicht nur die Herausgabe, fondern
zeigen auch, wo unfere heutige Exegefe ergänzungsbedürftig
ift.

Zephanja ift S. 94—162 behandelt. Der Prophet
wirkt in der fpäteren Zeit des Jofias, immerhin noch vor
der Zerftörung Ninives, ein Zeitgenoffe des Jeremias,

zum König erwählt, und das Diadem ift ihm bereitet.
In diefer feften Erwartung fieht man der Beendigung des
Tempelbaues entgegen (27). Mit der beftimmten Abzielung
auf ihn find ferner, wie fich aus einer Unter-
Eichung der meffian. Erwartung in den Büchern der vor-
exilifchen Propheten (Kap. II, p. 29—42) ergiebt, einzelne
der auf den Meffias bezüglichen Stellen in der Zeit des
zu Ende gehenden Exils und in den erften Jahren inach
der Heimkehr eingeflochten (p. 42), z. B. Jef. 42ff., 9i-6>
Mch. S,_3 (?), Jer. 23.fi 33,,,-2c- Wie fich zu diefer erwarteten
Erhebung Ser's. nun aber die Gefchichte verhalte
, mit diefer FTage befchäftigt fich Kap. III (p. 43—67)'
und S. fucht hier nicht blofs den Indicien für eine Erhebung
fondern auch für einen nachfolgenden Sturz
nachzufpüren. ,Dafs es, wenn fie wirklich zu finden fem
S. 97. Er bietet in nuce eine umverteile Gerichts- und follten, nur ganz zarte und feine fein werden, iE felbft-
Heilsapokalypfe, S. 104. verfländlich' (46). S. nennt folgende: 1. Dafs Juda nach

Aus dem Commentar fei hervorgehoben der Ab- Ser's. Statthalterfchaft dem Statthalter der Provinz Sa-
fchnitt zu 3, 1—12, über die Gefctze der göttlichen Welt- marien überwiefen wird, fieht aus wie eine Züchtigung
regierung, S. 145 ff., ein Abfchnitt, der für die Benutzung für eine Empörung. 2. Da fich Neh ijff. weder auf einen
der Schrift im DienE der Gemeinde wieder werthvolles zerEörten Mauerbau Efras noch auf die ZerEörung von
Material enthält. 586 beziehen kann, iE Ewalds Vermuthung einer Bezieh-

S. 162—68 giebt eine ZufammenBellung des prophe- ung auf einen durch Ser. unternommenen bald daraut
tifchen Totalbildes der Zukunft in feinen Hauptzügen, . zerEörten Mauerbau ,ficher' richtig. 3. Auf eine Em-
mit Rückficht auf die neuteflamentliche Erfüllung. Hier pörung der heimgekehrten Juden und eine darauf folgende
find wir ganz im Fahrwaffer Beck'fcher Eschatologie. Verheerung des Tempels läfst Rechums Schreiben
Breslau Max Lohr. (chliefsen, das im Gegenfatz zu Artaxerxes' Antwort

_!__'_ authentifch iE. 4. Zu demfelben Schlufs führt" der Bt*

Sellin, Prof. Lic. Dr. ErnE, Serubbabel. Ein Beitrag zur | rieht der WiederherEellung des Tempeldienfies durch
Gefchichte der meffianifchen Erwartung und der Ent- Efra- 5- Für eine KataErophe, die die Erwartung de
n , j tjiu t-- 1 ntL^ü er grofsen Königs aus Davids Haus auf lange Zeit nn<-

flehung des Judenthums. Leipzig, A. Deichert Nachf., §turnpf uncj ste ausgerottet hat, fpricht der Priefler-

1898. (VI, 216 S. gr. 8.) M. 4.50

Sellins ,Serubbabel' iE der Verfuch, in das Dunkel
der 60 Jahre zwifchen der Einweihung des zweiten

codex, der den officiellen Bruch mit der perfönlich
meffianifchen Hoffnung bedeutet. 6. Dafs die prophe-
tifche Verkündigung fich als Täufchung erwiefen, zeig1

Tempels 516 und der Ankunft Efras in Jerufalem 458 j fich endlich darin, dafs die Propheten plötzlich im olke
oder wahrfcheinlicher derjenigen Nehemias 444 etwas j in argen Miskredit gerathen find. — Diefe Indicien
Licht zu bringen. Drei Fragen drängen fich dabei dem I fcheinen mir nur zu ,zart und fein'. Sollte ein Ereigni»3
Verf. auf: ,Wie erklärt fich, dafs aus den heimgekehrten ! von fo einzigartiger Bedeutung wirklichnichtausgeprägteic
Juden, die wohl göttliche Gefetze und einfiufsreiche i Spuren in den uns zugänglichen Quellen hinttrlalE"
PrieEer haben, aber ebenfowenig ein alles regulirendes j haben? Aber ganz abgefehen davon, dafs in der Vvef-
Gefetz wie eine Hierarchie, die Gefetzesgemeinde Efras j thung derartiger Indicien vielfach der perfönliche Elbr
und Nehemias geworden? Wie erklärt es fich, dafs aus druck mitfpricht, den der Einzelne von ihnen empfang
den freudig und hoffnungsvoll in die Zukunft fchauenden —, im beEen Falle könnten fie doch nur dafür beweife" ^
Gelinnungsgenoffen eines Dtjefaja, aber auch eines fein, dafs in jener Lücke von 60 oder 70 Jahren ein
Sacharja, die an allem Irdifchen, ja Eellenweife faE an furchtbare KataErophe auf Land und Volk niedergegange1'
der göttlichen Barmherzigkeit verzweifelten Beter mancher fei, die meffianifche Hoffnung unter fich begrabend.
Pfalmen geworden? Und endlich: wie erklärt es fich, | S. darum berechtigt, diefe KataErophe gerade mit euie^
dafs die beiden fo verfchiedenaitigen Strömungen der Erhebung Ser's. in Verbindung zu bringen, nur weil *■
Gefetzes- und der inaern Herzensfrömmigkeit friedlich i diefe nach den beiden erften Kapp, beftimmt glaub c
in das gemeinfame Bett des Judenthums einliefen'(p. 5)? j erwarten zu dürfen? Er fühlt offenbar deutlich genug)
Die bisher darauf gegebenen Antworten verrathen fämmt- | dafs er uns hier mehr fchuldig iE, und fo füllt den ganzen
lieh eine Lücke; diefe Lücke will S. fpeciell ins Auge j Reft feines Buches das Zeugnifs atl. Quellen, die nu
faffen und mit allen zu Gebote flehenden wiffenfehaft- 1 durch Annahme einer Erhebung und eines Sturzes Ser •

liehen Mitteln ausfüllen, und fein Refultat lautet: .Unter
den Fleimgekehrten hat, inaugurirt von den Propheten,
eine Erhebung des Serubbabel zum König Eattgefunden;
mit ihr follte das meffianifche Reich beginnen. Indes
die Erhebung hat mit einer furchtbaren KataErophe geendet
, er iE den Märtyrertod für fein Volk gellorben, i w....v. mv.. au. mv. * uh<~ v^w e-y.
Jerufalem ift von Neuem verwüftet, der Tempel entweiht, zu können, glaube ich mit Bcftimmtheit fagen zu ul'r„nj.
Der Propheten Mund hatte getäufcht, die meffianifche , Dafs die betr. Stucke nur unter S.'s Annahme verin

verfländlich werden füllen. Es find a) Mch. 4s"14,'
b) Thr. 4l7-S22, c) Jef. 63-66 (Kap. IV, p. g-r9g
d) Dtjefaja (Kap. V, p. 94—182) und einzelne Pf»1"^.
(132; die Königspfalmen 20. 2t. 61. 63 u. a.; 89. 22. °9'
Kap. VI, p. 183-214). . he0

Ohne hier auf die Fülle von Einzelheiten einge

Hoffnung wurde zertrümmert. ErE die dumpfe Ver
zweiflung über diefes Gottesgericht auf der einen Seite,
der Rettungsftrahl, den ein einzelner grofser Genius in
der dunklen Nacht aufwies, auf der andern macht neben

lieh würden, davon ift keine Rede. So lange aber ^
Factum, das fie nach ihm verfländlich machen '
ftlber noch nicht feft fleht, find fie unter folchen ^
ftänden für feine Realität von fehr zweifelhafter F>evV .n:

den genannten Gründen die EntEehung des Judenthums ! kraft. Dazu mag Folgendes wenigflens angedeutet c^ä
ganz erklärlich. Die beiden Seiten desfelben haben in a) Mch. 48_,, (mit Ausfchlufs von V. lob, den
diefer KataErophe ihre gemeinfame Flauptwurzel' (6). Gloffe betrachtet) als in ein und diefelbe Situ