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Ausgabe:

1899 Nr. 2

Spalte:

35-36

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Friedrich Eduard

Titel/Untertitel:

Historisch-comparative Syntax der hebräischen Sprache. Schlußtheil (II. Bd. 2. Hälfte) des Historisch-kritischen Lehrgebäudes des Hebräischen 1899

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 2.

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dies eins feiner Hauptargumente — der Himmelsflug
Etana's auf dem Adler nicht hinter die Schlangenepisode
eingeordnet werden, wenn deren Abfchlufs der Tod des
von der Schlange feiner Flügel beraubten Adlers war.
Aber diefer allerdings fehr nahe liegende Abfchlufs ift
von Jaftrow ergänzt. Es kann indefs ebenfo gut ergänzt
werden, dafs der Adler von der Schlange in eine
Grube (?) geworfen wird, damit er den Tod des Hungers
und des Durftes fterbe. Darum braucht er aber nicht ge-
ftorben zu fein! Allein wie kann der Adler nachher ohne
Flügel fliegen? Die Antwort darauf giebt wohl die bislang
in manchen Hauptpunkten nicht verflandene Etana-
Legende felbft.

Befonders mufs man dagegen proteftiren, wenn
Jaftrow im Zufammenhang mit feiner Anordnungstheorie
1. c. p. 370 glaubt, die von Harper fo glücklich vereinigten
Fragmente K 8578 Obv. und Rm 79, 7—8, 43 Obv.
wieder auseinanderreifsen zu dürfen. Z. 1 und 3
diefes Textes fordern ja geradezu kategorifch als Ergänzung
Z. 9 und 11 des erltgenannten Fragments! Und
wie Jaftrow ftatt deffen Rm 79, 7—8, 43 an K 1547 an-
fchliefsen kann, weil es fcheint, dafsvder darin enthaltene
Theil der Legende ,Etana and Samas alone, with the
eagle omitted1 betrifft (p. 371), ift angefichts der Erwähnung
des Adlers im erltgenannten Fragment Z. 3 etwas
befremdlich. Dagegen darf man die Vermuthung J.'s
(p. 370), dafs Z. 1 in K 8578 Obv. dem Folgeweifer von
K 2606, der dritten Tafel einer gewiffen Serie entfpricht,
und darum der erstgenannte Text dem Anfang der vierten
Tafel der Etana-Legende angehört, immerhin für er-
wägenswerth halten, falls K 2606 wirklich zur Etana-
Legende gehört. Indefs ift das doch recht fraglich und
nach deffen Inhalt,foweit er erkennbar,höchft unwahrfchein-
lich. Weiteres hierüber wird man in dem in diefem Jahre
erfcheinenden Heft 1 von Band VI der keilinfchriftlichen
Bibliothek finden können.

Marburg. P. Jenfen.

König, Prof. DD. Fr. Eduard, Historisch-comparative Syntax
der hebräischen Sprache. Schlufstheil (II. Bd. 2. Hälfte)
des Hiftorifch-kritifchen Lehrgebäudes des Hebrä-
ifchen. Leipzig, J. C. Hinrichs, 1897. (IX, 721 S. gr. 8.)

M. 18.—

Als Franz Delitzfch mit der Ausarbeitung und Revision
feines hebr. Neuen Teftaments befchäftigt war,
hatte er Anlafs zu der Klage, dafs die hebräifche Grammatik
auf nicht wenige Fragen der hebr. Syntax keine
Antwort gebe. Jeder altteftamentliche Exeget ftiefs beständig
auf fyntaktifche Probleme, deren Lölung nur
möglich war, wenn er fich die Mühe nahm, felbft Beifpiele
verwandter Fälle zu fammeln. Ohne Ueberficnt über den
ganzen im A. T. vorliegenden Thatbeftand war oft nicht
zu fagen, ob etwas als wirklich im Bereich der hebrä-
ifchen Sprache wahrfcheinlich oder möglich zu bezeichnen
fei. König's inhaltreiches Werk hat nun eine fchmerzlich
empfundene Lücke ausgefüllt und wird fortab für alle
altteftamentlichen Exegeten, welche ja ohne die Kunft
hebräifcher Stilistik nicht zu denken find, ein unentbehrliches
Hilfsmittel fein. König behandelt zuerft (S. 3—350)
die fyntaktifchen Erfcheinungen bei der Darstellung der
einzelnen fprachlichen Kategorien (Pronomen, Verbum,
Nomen, Partikeln), dann (S. 350—620) die Erfcheinungen
bei der Satzbildung (Satztheile, Satzklänge, Coordination
und Subordination von Sätzen), alles mit Berücksichtigung
einer ftaunenswerthen Zahl von Beifpielen und auffallenden
Einzelheiten und mit Herbeiziehung von Parallelen
aus den übrigen femitifchen Sprachen. Das etwa 13000
Stellen umfaffende Regilter (S. 621—710) bezeichnet der
Verf. nicht mit Unrecht als ,den kürzesten, und doch
vollständigsten fyntaktifchen Commentar zum gefammten
Alten Testament'.

Hier kann nur die Stellungnahme K's zu einigen Grundelementen
der hebräifchen Syntax angedeutet werden.
Er hält fest an der hergebrachten zeitlichen Auffaffung
von ,qatal' und Jaqtul1', für welche er die Bezeichnungen
,Perfectum' und Jnfectum' vorfchlägt. Jenes ift ihm Zeitform
der Vergangenheit, die auch bei den Perfecten des
Verfprechens und der Prophetie vorliege, infofern die
Befchlufsfaffung als dem Verfprechen vorangehend und
das Gefchaute als im Rathfchlufs Gottes vorhanden lebhaft
vergegenwärtigt wird. Das Infectum ift auch als
jaqtul consecutivum Zukunftsform, weil es bei Handlungen
steht, welche im Verhältnifs zu ihrem vergangenheitlichen
Context noch ungefchehen, alfo zukünftig find. Doch ift
K. genöthigt zu conftatiren, dafs das Infectum auch von
der fchon vor fich gehenden und nur als noch nicht ab-
gefchloffen gedachten Handlung gebraucht werde, womit
doch das jaqttü aufhört, die Form einer bestimmten Zeit-
fphäre zu fein. Er läfst auch unerklärt, warum das Hebräifche
, wenn es von Anfang an qatal und jaqtul als Formen
betrachtete, welche ,ein verfchiedenes Verhältnifs zur
objectiven Zeit ausdrücken', keine Form der Gegenwart
gefchaffen hat. Wenn einmal die zeitlichen Kategorien
auf das hebräifche Verbum angewandt werden follen,
würde es richtiger erfcheinen, qatal als Form der Vergangenheit
, jaqtul als Form der Gegenwart aufzufaffen,
und zu fagen, dafs das Flebräifche kein Futurum gehabt
habe. Dann verfteht fich von felbft, dafs das jaqtul auch
die Form lebhafter Vergegenwärtigung einer Handlung
oder eines fortlaufenden Proceffes in der Vergangenheit
fein kann. Mit der Anfchauung K's von den Verbformen
hängt es zufammen, wenn er dann die Eigenart
der Verbalfätze darin fleht, dafs in ihnen das Subject in
eine Beziehung zu dem in zeitlicher Ordnung verlaufenden
Strome des Gefchehens gefetzt werde. Auch wenn
man dies zugeben wollte, fo würde aus diefer Bedeutung
des Verbs die Eigenthümlichkeit der Structur des Verbal-
fatzes nicht hergeleitet werden können. Diefe dürfte vielmehr
dam'it zufammenhängen, dafs das Verb mit oder
ohne Object ftets fchon ein vollftändiger Satz ift, fodafs
ein befonderes ,Subject', wenn es ihm vorangeht, eigentlich
als Casus pendens, wenn es folgt, als Appofition zu
dem im Verb liegenden Subject aufzufaffen ift. Auch
dem Nominalfatz wird K. doch wohl nicht ganz gerecht,
wenn er das darin dem Prädicat oft vorangehende oder
folgende Pronomen als blofsen .Coincidenzpunct' zwifchen
Subject und Prädicat behandelt, als wäre das Pronomen
in folchem Falle ein Aequivalent unferes Hilfszeitwortes.
Aber das Pronomen ift im hebräifchen Satz doch nur
Wiederaufnahme des Subjects, oder —- genauer — das
eigentliche fyntaktifche Subject des Prädicats, während
das fogenannte Subject auch hier in Wirklichkeit Hie
Stellung eines Casus pendens einnimmt. — Nicht ganz
einverflanden bin ich auch mit der Herbeiziehung des
Mifchnahebräifchen unter der Vorausfetzung, dafs dies
eine Fortbildung des biblifchen Hebräifch fei, während
es doch nur als ein hebraifirtes Aramäifch zu betrachb n
ift, von dem eine leider noch nicht geführte Unterfuchung
erft zeigen müfste, wie weit echt hebräifches Sprachgefühl
darin noch zum Ausdruck gelangt. Solche Producte
gelehrter Kunft wie die Sprache der Mifchna und vollends
des Jezira-Buches, aber auch fämmtlicher Targume bleiben
für die Syntax einer lebenden Sprache am beften aufser
Betracht. Mit mir werden auch andere König's Syntax
der Hebräifchen Sprache nicht ohne häufigen Widerfpruch
in grofsen und kleinen Dingen benützen, aber ficherlich
niemand, ohne von feiner um fallenden Sachkenntnifs und
forgfamen Erwägung aller Einzelheiten bewundernd zu
lernen.

Leipzig. G. Dal man.