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Ausgabe:

1899 Nr. 18

Spalte:

519-521

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolf, Gustav

Titel/Untertitel:

Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation. I. Band 1899

Rezensent:

Hubert, F.

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 18.

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Wolf, Guflav, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegen- nicht ohne Abficht in zweiter Linie — die Verinnerlichung

reformation. I.Band. Berlin, O. Seehagen, 1898. (XVI, des religiöfen Lebens hervor.

780 S er 8) M 24_ Das zweite Buch Bellt ,Karl den Fünften auf dem

' y " ^ ' '' ■ "r Gipfel feiner Macht dar, wobei die Schwäche feiner

Für das Zeitalter der Gegenreformation befitzen wir Pofition nachdrücklich aufgezeigt wird. Das Interim er-

die ausgezeichnete DarBellung von Moriz Ritter. Wohl I fcheint nicht nur nach einer den evangelifchen Ständen

iB Ritter Katholik, aber mit echter HiBorikerart hat er ! gegenüber beliebten Vorfpiegelung, fondern in der wirk-

das Für und Wider allenthalben forgfam abgewogen, j liehen Abficht des Kaifers, wie Ranke angenommen hatte

So muthet es an wie unverdienter (wenn auch gewifs un-
beabfichtigter) Tadel gegen jenes Werk, wenn in dem
Profpecte zu dem vorliegenden Buche betont wird, wir
entbehrten eine DarBellung des Gegenflandes von pro-

— im Gegenfatz zu ihm die meiBen Neuern —, als
allgemeines Reichsgefetz, das fehr gegen den Willen des
Kaifers zum Ausnahmegefetz allein für die ProteBanten
wurde. Hierin iB Referent geneigt, dem Verf. beizu-

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teBantifcher Seite. Uebrigens dürfte für das VerBändnifs j pflichten. Zu billigen iB auch, dafs Verf. fleh nicht (vgl-
diefes Zeitraumes eine genuine Kenntnifs der katholifchen ! S. 446) auf Butzers Stellung zum Interim näher einge-
Kirche, wie fie nur einer, der in ihr lebt, haben kann, j laffen hat, über welche er früher einfeitig auf Grund von
beinahe wichtiger fein, als ein unmittelbares Erlebthaben nicht gerade günBigen Nürnberger Berichten, in der Deut,
evangelifcher Religiofität. Ztfchr. f. Gefchichtswiff. N. F. II. fleh geäussert hatte.

Der Vf., der in der Einleitung Worte warmer Schätz- Das dritte Buch Ichildert ,den Umfchwung', den

ung für Ritter's grundlegendes Werk hat, ifl durch eine | die kurfächfifche Politik begründete; zunächB die Politik
Reihe von Veröffentlichungen, fo über das Interim, den ! des Kurfürffen Moritz, für welchen der Verf. Issleibs wich-
Paffauer Vertrag, den Religionsfrieden und die Folgezeit, tige Unterfuchungen, aber leider nicht mehr die bedeu-
wohl bekannt. Er begrenzt fein Zeitalter anders, als die j tende freilich erff bis 1547 reichende Biographie von E-

Vorgänger es gethan. Nicht erfl 1555, fondern bereits
mit Luthers Tode fetzt er ein und will die DarBellung
bis zum Erfcheinen GuBav Adolfs auf deutfehem Boden
führen. Ob die Wahl des Abfchluffes glücklich iB, mag
zunächB dahingeBellt bleiben. Die Wahl des früheren
Ausgangs diefer Gefchichte der deutfehen Gegenreformation
iB jedenfalls unter mehr als einem Gefichtspunkte

Brandenburg benutzen konnte, dann die feines Nachfolgers
AuguB, welcher im Verein mit gleichgerichteten Zeitge-
noffen den nachfolgenden Jahrzehnten ihr Gepräge verleihen
follte. Dankenswert iB die Vorführung, ,der handelnden
Perfonen' des Augsburger Reichstags vom Jahre
1555. Die Theologen waren zurückgetreten, eine ver-
hältnifsmäfsig grofse Zahl von politifchen Neulingen, die

zu begrüfsen, fchon allein wegen eines äufserlichen Um- j mit ihrem kirchlichen und flaatlichen Bewufstfein nur ein
Bandes: meiflens iB die Zeit von 1546—1555 in den Re- 1 paar LuBren weit zurückreichten, traten hervor, fo der
formationsgefchichten einigermafsen Biefmütterlich behan- . jüngere Zafius, der Vertreter Bayerns Hundt, der kurfäch-
delt worden. fifche Gefandte Lindeman und der brandenburgifche

Um fo mehr würde in dem vorliegenden erBen Bande
des grofs angelegten Wolf'fchen Werkes eine eigentliche
DarBellung des gefchichtlichen Verlaufes der deutfehen
Dinge in diefem Jahrzehnt erwünfeht fein. Allein was
der Verf., nachdem er auf VollBändigkeit und Breng
chronologifche Erzählung von vornherein zu verzichten

Kanzler Diflelmeier.

Wer in dem Zeitalter der Gegenreformation fpecielle
Studien treibt, wird öfters Grund haben, von Wolfs Auf-
faffung der Perfönlichkeiten und der Verhältnifse abzuweichen
. Mancherlei wird zu verbeffern fein. Beifpiels-
weife ifl Kaspar Hedios Weigerung, fleh interimsmäfsig

erklärt hat, giebt, find lehrreiche Reflexionen über die '< zu halten, vor Lichtrhefs 1550 zu datiren, kann alfo nicht

gefchichtliche Entwickelung. Zweierlei beabfichtigt er 1 eine Folge des Eindrucks fein, den die wüflen Scenen,

als die mafsgebenden Factoren herauszuheben, nämlich die am genannten Tage in München vorkamen, auf ihn

die Ausbildung der Territorialverfaffung, die den Prote- | gemacht haben (S. 449). Rathgeber's ,Strafsburg im Re'

Bantismus wechfelfeitig gefördert, aber dann wefentlich formationszeitalter1 follte man füglich nicht citiren.

feine Zerfplitterung bedingt hat, und die Reorganifation 1 Abgefehen von folchen Ansnahmen mufs die Sorgfa'';

der katholifchen Kirche. Den Werdegang zu diefem i gerühmt werden, mit welcher der Vf. die Litteratur kritifch

Ziele hin will der Verf. mit befonderem Nachdruck fchildern, | gefichtet und benutzt hat. Der Reichthum feiner archiva-

wie nämlich der Compromifs-Katholicismus von dem [ lifchen Studien, zu denen der Vf. offenbar über ein fd"

Üffenfiv-Katholicismus abgelöB worden iB. Den erfleren > tenes Mafs der Mufse verfügt, wird erfl in den folgenden

bekanntlich angefochtenen Ausdruck adoptirt alfo der Bänden zu charakteriflifcher Geltung kommen.
Verf., ohne fleh indefs feinen Schwächen zu verfchliefsen. Einige Ausflellungen formeller Art darf Ref. nicht

Es iB am Ende damit ähnlich, wie mit der jetzt wohl | unterdrücken. Es könnte der Ueberfichtlichkeit und der

allgemein üblichen Bezeichnung .Gegenreformation'; es Leetüre nur förderlich fein, wenn, etwa in Ranke's Arh

fehlt hier wie da ein befferer und zugleich nicht minder die Theile der Capitel durch befondere Ueberfchrifte"

prägnanter Ausdruck. herausgehoben würden; Capitel von annähernd hunder

Der erfle Band der Gefchichte Wolfs gliedert fleh | Seiten ohne jeden gröfseren Abfchnitt werden uns zuge'

in drei Bücher, deren erffes dem einleitenden Buche Ritters ! muthet! Für nicht fachlich gebildete Lefer dürfte manche

parallel iB, In dem erBen Capitel feines erBen Buches nicht vorauszufetzen, fondern zu erklären fein, z. B. da

giebt der Verf. ein inflruetives Bild der deutfehen Reichs- j fprachlich entfetzliche Wort der deutfehen Rechtsge"

verfaffung, wie fie funetionirte oder auch an wer weifs wie fchichte: Austrägal (-InBanz oder -Verfahren). Uebef'

vielen Stellen vertagte. Mit der Benutzung zum Theil i haupt geht des Verfaffers Stil Bellenweife gar zu fchwe

vorzüglicher monographifcher Arbeiten vereint fleh hier j gerüflet einher; Dinge, die fleh einfach fagen liefserL.

die eigene intime Bekanntfchaft mit den Quellen. Das | werden mitunter überaus umfländlich ausgedrückt. S. 24

zweite Capitel fchildert die katholifche Kirche vor Beginn j Z. 14 fr. (von unten) bleibt geradezu unverfländlich. Y%

des Tridentiner Concils. Trotz aufmerkfamer Beobach- Lantus evanaelifrVip RHioinn' tnmmt nirht etwa bl°
tung entwickelungsfähiger Momente zieht fleh durch alle
Einzelausführungen der Grundgedanke, wie wenig die
kirchlichen Organe ihrem Soll-Charakter entfprachen, und

Lapfus ,evangelifche Religion' kommt nicht etwa
gelegentlich, was fleh als Reminiscenz aus den Quede
erklären liefse, fondern häufig vor. Ebenfo unangenen
iB der nicht feltene grammatifche Fehler ,die ganzen' tti

wie lie auch hinter geringen Anforderungen zurückblieben, alle: S.487: ,die ganzen Reichsflände', S. 526 , die ga°.
Das dritte Capitel behandelt die evangehfehe Kirche beim damaligen Verhältnifse', S. 596 ,die ganzen Antrag'

Bode Luthers. Als conflituirende Momente ihres Wefens Stehen geblieben find auch folgende Ausdrücke: S. 5/^
in ihrer Unterfcheidung von der alten Kirche hebt der ,die Lage der Situation' S. 559 ,die geographifche L/3*,
Verf. zuerfl ihr Baatskirchliches Gefüge und dann — wohl | [der Fürflen]1 S. 249 (vgl. 555) .Streitigkeiten innerna