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Ausgabe:

1899 Nr. 17

Spalte:

495-497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Siebert, Otto

Titel/Untertitel:

Geschichte der neueren deutschen Philosophie seit Hegel. Ein Handbuch zur Einführung in das philosophische Studium der neuesten Zeit 1899

Rezensent:

Siebeck, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 17.

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Siebert, Dr. Otto, Geschichte der neueren deutschen Philosophie
seit Hegel. Ein Handbuch zur Einführung in

Abgegrenztheit der einen Problemftellung eine andere
und damit ein neuer Standpunkt theils verwandter, theils
entgegengefetzter Richtung fich entwickelt, nur gelegent-

das philofophifche Studium der neueften Zeit. Göt- enigegcngeierzrer «.icniung ucn enrvv.cKeu, nur geiegc

TT , , , o t, o o „Tri ^ t- 1 hcne Hinweife, aber keine eingehenden Darftellungen zu

tingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1898. (VII, 495 S. i findenj wird mancher Qrten den Eindruck erwecken, als

gr. 8.) M. 7.50

Nach einer kurzen Einleitung, die einen Ueberblick

fei der Verf. der Maffe des Stoffes, deren er fich mit
grofser Energie zu bemächtigen fuchte, doch nicht recht

der Speculation von Kant bis Hegel und eine Ueberficht ' Herr geworden. Andererfeits jedoch darf man mit Recht
über die philofophifchen Beftrebungen in Deutfchland fragen, ob nicht die faft unüberfehbare Fülle von Standfeit
Hegel enthält, werden im erften Haupttheil diefes i punkten, Theorien und Anflehten, welche in der deutfehen
Werkes die ,Ausläufer älterer Syfteme und ihnen ver- Philofophie feit Hegel hervorgetreten ift, zur Zeit nicht
wandte Richtungen' behandelt. In zehn Capiteln find ; doch noch zu jung und zu unmittelbar unter unferen Augen
hier die Hegel'fche Schule, die fpeculative Theiftenfchule, j befindlich ift, um fich fchon zu einer wirklich genetifchen
die Schulen von Herbart, Schleiermacher, Fries, Baader,
Beneke, fodann Schopenhauer und feine Anhänger, ferner
Trendelenburg und zum Schlufs ,das Wiederaufleben des
Thomismus und anderer älterer Philofophien' vorgeführt.

Der zweite Theil bringt unter dem Titel ,Reactions- | Werk genommen, und in diefem Sinne darf es als eine
erfcheinungen', (der wohl eine nähere Erläuterung ver- 1 anerkennenswerthe Leiftung zur Befriedigung eines litera-
dient hatte), den modernen Materialismus, den .Auffchwung rifchen Bedürfnifses angefehen werden. Letzteres nament-
der Naturwiffenfchaften' und den Pofitivismus; der dritte i lieh auch wegen des durchgehenden Beftrebens nach
endlich als ,neue Verbuche' den Neukantianismus und j Zeichnung möglichft präcifer und prägnanter Bilder der
.Verbuche zu neuer Syftembildung'. Den Schlufs diefes | einzelnen Syfteme und Theorien. Die Wiedergabe der

Gliederung und Behandlung zu eignen. Jedenfalls bedürfte
es zu einer folchen erft noch mancher ordnenden, Richtung
gebenden und namentlich auch claffificirenden Vorarbeiten
. Als eine folche mufs denn auch das vorliegende

letzteren bildet die eingehendere und in diefer Weife
hier wohl zum erften Male gegebene Darfteilung der
Philofophie R. Euckens, als deffen entfehiedenen Anhänger
der Verf. fich darfteilt. In einem gedrängten ,Rückblick
und Ausblick' findet das Ganze feinen Abfchlufs.

Zur Kennzeichnung der Methode im Einzelnen mag
die Gliederung des zweiten und dritten Capitels im erften

felben ift meiftens gefchickt fowohl hinfichtlich deffen,
was der Verf. felbft heraushebt, als auch da, wo er
gelegentlich den Autor mit eigenen Worten reden läfst.
In den vielen kurzen Artikeln tritt dies freilich nicht
immer fo deutlich hervor, als in den nicht allzu zahlreichen
ausführlicheren, wenn auch immer gedrängten
Darftellungen z. B. von Schopenhauer, Lotze, Wundt u. a.

deÄ I E' SS^ die das Buch

Hegel und Fichte beeinflufsf Chalybäus J H Äte wohl in nicht zU

Harms und J.Witte behandelt; fodann als Sche^ erleben wird, will ich zum Schlufs einige

Beckers, Carriere, C. Frantz K Ph FifrU 1 H S f- t- r e Senen Defiderata erwähnen. S. 274 werden
W. RofenkrantzyÄ. v. iSS^S^SÜS^Si ^ feh iV,?— *T Wicderaufkommen des Materialismus
We.fse (mit Billroth und Seydel), Wirth gÄ i63q m e.nerAnzahl äufserer Factoren gefucht, zwifchen

KraufeTche Schule; als .weitere Ank^ t]T r c*" Beh™P™S> der Materialismus fei die

alchhefs- letzte Confequenz des Hegelianismus, kein Zufammen-

lich Hanne, C. Bayer, Peip, Sederholm, Ulrici. Für die
Herbartianer ift die Eintheilung nach Disciplinen mafs-
gebend: I. Metaphyfiker: Allihn, Exner, Hartenftein, Lott,
Thilo; 2. Religionsphilofophen: Flügel, Hendewerk,
Taute; 3. der Phyfiker Cornelius; 4. Pfychologen:
Ballauf, Drbal, Drobifch, Lazarus, Steinthal (mit Glogau),
Schilling, Spitta, Stiedenroth, Strümpell, Volkmann, Witthang
hergeftellt ift. Es fehlt der Hinweis darauf, dafs
der neue deutfehe Materialismus der (freilich noch fehr
ungelenke) Verfuch war, Seelifches und Leibliches in der
Einheit des Begriffs vom Leben zufammenzufaffen, und
dafs in diefer Tendenz (allerdings nicht in der Art ihrer
Ausführung), ein gewiffes Mafs von Berechtigung liegt.
— S^ 295 tritt nicht deutlich heraus, wodurch eigentlich

ftein; 5. Aefthetiker: Vogt, Zimmermann, Griepenkerl, | der Darwinismus fo bedeutenden Einflufs auch im Ge-
Nahlowsky; 6. Rechtsphilofophen: Geyer, Unterholzner; j biete des philofophifchen Denkens erlangte. Es hätte

7. Pädagogen: Dörpfeld, Kern, Stoy, Ziller (mit Rein u. a.); j wenigftens die neue Beleuchtung, die er dem Standpunkte

8. weitere Herbartianer (die nur mit Namen und Schriften
regiftrirt find): Bobrick, Bonitz u. f. w.; 9. Halbherbartianer:
Spir, Zeifing, Hartfen.

Das richtige Urtheil über das Ganze hat m. E. der

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des Apriorismus und überhaupt dem Problem der ür
kenntnifslehre angedeihen liefs, berückfichtigt werden
follen. — Zu Helmholtz (S. 300 f.) fehlt der Hinweis darauf
, dafs er unter den Naturforfchern mit befonderern
Verf. felbft am Schluffe der Vorrede gegeben. ,Er hat Erfolg den fubjectiven Factor in der Empfindung uno
nach beftem Vermögen Fleifs und Gewiffenhaftigkeit auf- j überhaupt der Erkenntnifs hervorhebt. Zu K. Stump'
geboten, um den Forderungen der Sache zu genügen; [ (302) wäre wohl eine Erörterung über Nativismus und
er ift fich aber trotzdem klar bewufst, hinter dem er- ! Empirismus betreffs der Theorien über die Raumvoi"'
ftrebten Ziele zurückgeblieben zu fein. Aber er darf ! ftellung am Platze gewefen. — In der Charakterifirung
wohl hoffen, dafs wohlwollende und billige Beurtheiler i des Empiriokriticismus von Avenarius (327 f.) hätte u. a-
fich alle Schwierigkeiten der Sache gegenwärtig halten i namentlich der Begriff der Jntrojection' und was untC
und die Leiftung nicht deshalb verwerfen, weil fie nicht ' dem dadurch bezeichneten Gefichtspunkt aus dem über-

alle Wünfche erfüllt, die an ein folches Werk geftellt
werden können'. Dasfelbe ift augenfeheinlich in erfter
Linie als ein Repertorium gedacht und angelegt, worin
der Lefer fich über Standpunkt und Hauptanfichten der
einzelnen modernen Denker je nach Bedürfnifs mit Leichtigkeit
unterrichten kann. Das Ganze foll ferner weniger

kommenen Gegenfatze von äufserer und innerer Erfahru??
gemacht wird, zur Behandlung kommen muffen. — ~e.
der Lehre Nietzfche's überfieht der Verf., dafs diefer n*
Wefen und Berechtigung feines ,Uebermenfchen' dieVo ^
nehmheit des Wefens (eine Art Neutralifirung ü^
Ethifchen und Aefthetifchen) immer fchon vorausfet

Kritik als Darfteilung bieten, womit denn auch zufammen- und nur auf Grund diefer Vorausfetzung ihm die fipnel a
hangt, dafs in der Durchführung die genetifche Methode bar fchrankenlofe Freiheit der individuellen Bethätigu"n
hinter der rein claffificirenden entfehieden zurücktritt. ! zufchreibt. Wo dies aufser Acht nelaffen wird, muff D,

Je nach der Anficht über die Berechtigung diefes Verfahrens
bei einem derartigen Stoffe wird das Urtheil
über das Buch im Ganzen und Einzelnen verfchieden
ausfallen. Darüber, wie immer aus der Eigenart oder

der Darftellung jener Lehre immer ein Zerrbild neradje
kommen. — Zu F. A. Lange (339f.) vermifst man.tte0
Kennzeichnung der Art und Weife, wie er üch »f11^ .
durch den Materialismus hindurch' von der Unzulängh