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Ausgabe:

1899 Nr. 16

Spalte:

460-462

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kügelgen, C. W. v.

Titel/Untertitel:

Die Rechtfertigungslehre des Johannes Brenz 1899

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 16.

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auch folche Befiimmungen als in ihm enthalten abgeleitet, [ johanneifchen Chrifius, theils durch den Mangel an Sinn

welche theils in jenem nicht nachweisbar find, theils er-
fichtlich im Zufammenhang mit der Logosidee auftreten.
Dies gilt namentlich von der übernatürlichen Macht
(Totenerweckungen find S. 88 Kriterium der Meffianität)
und dem übernatürlichen Wiffen (S. 66), welche beide im
vierten Evangelium eine fo Bark hervortretende Steigerung
über das fynoptifche Mafs hinaus erfahren, dafs fie
nicht mehr ,auch' als ,Erkenntnifsgrund der Meffianität'
(S. 11) gelten können, fondern fich nur vom Logos aus,
welcher Leben und Licht der Welt ift, verftehen laffen.
Gelegentlich erkennt doch auch der Verf. an, dafs in Stellen,
wo der johanneifche Chriftus fein Eigenthumsgebiet mit
demjenigen Gottes gleichfetzt (S. 29) oder das Gericht
vom Zweck feines Kommens ausfchliefst (S. 86), die
jüdifche Meffiaserwartung überfchritten ift, und die Art,
wie Jefus über feinen himmlifchen Urfprung redet, foll
fogar in Gegenfatz zu dem jüdifchen Präexiftenzgedanken
treten (S. 72). Im Sinne des Verfs. will das freilich be-
fagen, dafs die bekannten Reden vom avco&tv Iqxso&cu

für Wirklichkeit und gefchichtliche Hergänge, theils durch
Gewöhnung an eine Phrafeologie, die nur im Dienfte
verfchwommener und corrupter Gedankenbildungen gedeihen
kann, verdunkelt werden.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

K ü g eI g e n, Lic. C. W. v., Di e Rechtfertigungslehre des Johannes

Brenz. Leipzig, A.Deichert Nachf., 1899. (40 S. gr. 8.)

M. —60

Ein Grufs des ,norddeutfchen Theologen' zum Brenzjubiläum
foll vorliegende Schrift fein, die ihrem Titel
nach eine dogmengefchichtliche Unterfuchung verheifst-
Thatfächlich ift fie eine von modern-dogmatifchen Tendenzen
durchwaltete Arbeit und in gewiffer Hinficht anti-
quirt. Diefes Urtheil gilt es zu begründen:

Wie fchon die Einleitung und dann der weitere Verlauf
der Schrift allenthalben zeigt, nimmt Vf. feinen Stand-
und xaraßaivsiv, felbft da, wo fie in Perfectform er- punkt bei Ritfchl's Rechtfertigungslehre, deren verfchiede-

........... u ...-i.,.^! ,lguu^Jll.lUl., Ull.lV.il VCI 1U1I1UV--

fcheinen, trotz feftftehender realer und perfonhafter Prä- nen Beftandtheilen (Gemeinde- nicht Individualrechtferti-

exiftenz des johanneifchen Chriftus (S. 41) nichts befagen

wollen, als dafs fein gefchichtliches Auftreten, fein ge-

fammter Lebenslauf aus Gott flammt (S. 14. 42. 44 f. 59).

Denn falfch fei jede, auch nur begriffliche Scheidung

zwifchen dem präexiftenten und dem hiftorifchen Chriftus

(S. 20. 60 f. 135), wie auch zwifchen fittlicher und meta-

phyfifcher Sohnfchaft (S. 61). Die Auslegung des Unterzeichneten
, wonach Joh. 5, 28. 29 die fittliche Belebung

in eine phyfifche Erweckung übergeht, der Procefs der

^coonobjöiq alfo den Menfchen nach feiner Perfon wie

nach feinem Naturleben umfafst, foll an ihrer .völligen

Unklarheit' fcheitern (S. Iii). Wo aber folche Polemik

vergeffen ift, da find .ewiges und phyfifches Leben für

Johannes nicht unvergleichbar verfchieden'. ,Das ewige

Leben als Gegenfatz zum phyfifchen zu erklären, palst

fchon darum nicht, weil es fich ja in der Auferflenung

vollendet' (S. 133). Aber freilich: dafs die gegenwärtige

Erweckung auch fchon als zukünftige gefetzt werden

kann — ,diefes Wort fchliefst den Glaubensact in fich'

(S. 112). Damit ift die Zauberformel ausgefprochen, die

überall wiederholt wird, wo es gewöhnlichem Menfchen-

verftand etwas fchwerer wird, dem Gedankenflug des

Verfs. zu folgen (S. 9. 36. 75. 101 f. 138 f.). Nur auf einem

untergeordneten Standpunkt kann man alfo meinen, des

Präexiftenten gefchichtliches Bewufstfein müffe die Form

der Erinnerung aufweifen. In Wahrheit ift es ,in der
Analogie des Glaubensactes vorgeftellt' (S. 58 f. 68 f.).
So verfügt Verf. auch fonft über eine grofse Anzahl von
Worten, mit welchen fich trefflich Breiten läfst, z. B.
.Spannung' oder ,Ort'. Beifpielsweife ifl der Logos ,der
Ort des Lebens' (S. 106 f.), Chriflus .macht fich zum Ort
Gottes' (S. 34) und gelangt feinerfeits wieder ,an den Ort
Gottes' (S. 91). Ein fehr fchätzbares Kampfwort iB namentlich
,modern'. Alles, was Zufammenhang und Ordnung
der Begriffswelt, pragmatifche Gefchichtsbetrachtung
im Gegenfatz zur phantaftifchen Zufammenfchau des fich
felbB aufhebenden Widerfpruchs bedeutet, iB .modern'.
So die Conflruction des inneren Lebensganges Jefu nach
der Analogie einer ethifchen Entwickelung (S. 65), fo die
Auffaffung der Wunderwerke als erläuterndes Symbol
von Ideen (S. 119), überhaupt die Unterfcheidung einer
geiBigen Sphäre von der phyfifchen (S. 47). Die ,Modernen
' find blofs Pfychologen, die ApoBel aber Theologen
(S. 137 f.), und was derartige Redensarten mehr
find. Eine derfelben, die er übrigens von Schlatter übernommen
hat, iB es, wenn der eigentliche Zweck der
LogoschriBologie, wie das vierte Evangelium und der
Hebräerbrief fie vortragen, in dem Bedürfnifs gefunden
wird, den Geiflbegriff gegen Verflachung zu fchützen
(S. 123 f.) Schade, dafs hier manche richtige Erkennt-
nifse bezüglich der Eigenart des Thuns und Redens des

gung, Fiducialglaube, Bufse nach, nicht vor der Rechtfertigung
etc.) er ungetheilt zuflimmt gegen die lutherifche
Orthodoxie eines Luthardt und Thomafius. Ritfchl's An*
fchauung bildet das Fundament, und nun hat fich Vf. in den
Werken von Brenz hie und da nach Baufleinen umge-
fehen, welche auf den vorgezeichneten Grundrifs aufge*
baut werden könnten. Das aber iB ein fchwerer metho-
difcher Fehler, denn was nun herauskommt, iB Ritfehl s
Rechtfertigungslehre, erläutert an Citaten aus Brenz, aber
nicht, was doch geboten werden follte, eine hiBorifche
DarBellung von Brenz' Rechtfertigungslehre. Eine folche
müfste, um im Bilde zu bleiben, was nur an BauBeinen
fich findet, zufammentragen, zunächst ohne Hinblick aut
einen fixirten Grundrifs, und dann erfi, wenn Alles bei-
fammen iB, flehten und gruppiren. Dann würde vermieden
, dafs wichtiges Material ignorirt wird, weil es zur
vorgefafsten Meinung nicht paffen will, oder Ecken abge-
fchliffen und Spitzen umgebogen werden, die, unbefangen
betrachtet, wirklich als Ecken und Spitzen angefehe"
werden wollen. Mit einem Worte: K's DarBellung 1,1
einfeitig. Es iB lehrreich, angefichts feiner Arbeit die
(an fich wenig bedeutende nur um des Gegenfatzes wiUe"
intereffante) Schrift von Joh. Baltafar Beyfchlag: En'1''
Uns orthodoxus (1694) heranzuziehen; diefelbe unternirnrn
den Nachweis der Orthodoxie von Brenz im Breng luthe-
rifchen Sinne, alfo genau das Gegentheil von dem was
K. bezweckt. Auch fie iB einfeitig, die Wahrheit lieg
in der Mitte. Die von Ritfehl fruetifizirten, um d'e
Rechtfertigung gruppirten Gedanken finden (ich 3
dings bei Brenz — ihre ZufammenBellung durch K. 1
dankenswerth und verdient volle Anerkennung — 3dq
fie find nicht der ganze Brenz. Gewifs betont z. ■
Brenz den Fiducialglauben, aber auch er iB nicht ganrf
entferntvon einem autoritären Glaubensbegriff ebenfowenL
wie Luther. Beyfchlag (a. a. O. B.i) theilt Sätze mit, w(c
die Bedeutung der doctrina für den Glauben fehr fla
betonen (cf. auch Hartmann-Jäger, Joh. Brenz II- y '
und die Herauskehrung der fides infantium in der Kind ^
taufe giebt auch zu denken (cf. Hartmann-Jäger a. 3- -j
I 292 t.) Und wenn man fich den Gegenfatz vergeg^
wärtigt, aus welchem heraus und gegen welchen die re
matorifche Rechtfertigungslehre erwachfen ifl, fo war
vornherein zu erwarten, dafs die fogen. Gern ein derec
fertigung nicht die dominirende Stellung bei ^ rrj
einnehmen wird, welche K. ihr zufchreibt (S. 10 ff.). rnd,
der Gegenfatz die per fönlich zu leiflenden Werke
betont Brenz die von Gott propter Christum Se ^c\e
Individualrechtfertigung, bei welcher die Lje0t
nur infofern betheiligt ifl, als fie Wort und Sacra'" ^
ad excitandam fidon verwaltet. Aus den 25 Jiomilt /(7
poenitentia et iis quae ad poenitentiam agendam necc