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Ausgabe:

1899 Nr. 1

Spalte:

27-29

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gennrich, Paul

Titel/Untertitel:

Der Kampf um die Schrift in der deutsch-evangelischen Kirche des neunzehnten Jahrhunderts 1899

Rezensent:

Lobstein, Paul

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27

Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 1.

2.8

die aufs wohlthuendfte mit ,der bei uns mannigfach mit
Abficht gepflegten fchiefenAuffaffung oderGeringfchätzung
der Verdienfte des grofsen Kirchenhiftorikers' contraftiren;
S. ift nicht der Anficht, dafs Baur's Schule ,abgewirth-
fchaftet' hat, er urtheilt, dafs die gegenwärtig brennende
Frage nach dem Verhältnifs der meffianifchen Glaubens-
vorftellungen zum Evangelium geradefo wie das von Baur
aufgeworfene Problem von dem Gefetzeswefen in feiner
Beziehung zum chriftlichen Prinzip gelöft werden wird:
,Das chriftliche Prinzip wird fleh fchliefslich als ebenfo
unabhängig vom apokalyptifchen Meffianismus wie vom
mofaifchen Gefetz ausweifen, und das Chriftenthum des
erften Jahrhunderts wird für das chriftliche Bewufstfein
nicht mehr in feinem Buchftaben, fondern durch feinen
Geift normativ fein. Obgleich in feinem Schoofs eine
reiche Zukunft liegt, fo gehört es doch, was feine jüdi-
fchen Formen anlangt, der Vergangenheit an'.

Obgleich Sabatier's Buch in feinem deutfchen Gewand
auf den ,beifpiellofen Erfolg', den es in Frankreich
aufzuweifen hat, wohl nicht rechnen darf, fo ift dasfelbe
auch für die religionsphilofophifche Forfchung Deutfch-
lands eine höchft dankenswerthe, anregende und fördernde
Gabe. Was Schwalb von einem bereits früher überfetzten
Capitel diefes Buches {La vie intime des dogmes
et leur puissance d'evolution, 1888, — in deutfcher Ueber-
fetzung — 1891 — hier in eingehender Neubearbeitung
wiedergegeben [franz. 297—336, deutfch 232—263]) ge-
äufsert hat, trifft in viel höherem Maafs für das ganze
Werk zu: ,Weder Schleiermacher noch feine deutfchen
Nachfolger haben diefe Gedanken in einer fo klaren, fo
weithin verftändlichen Form ausgefprochen. Sie haben
vor Eingeweihten und für Eingeweihte geredet, und meiftens
fo, dafs ihr Wort innerhalb diefes engen Kreifes mit
fehr geringer Wirkung verhallen mufste'. Dafs damit
nicht blofs formelle Vorzüge bezeichnet werden, wird
keinem Sachkundigen entgehen, da auf diefem Gebiet
jede .fcharf und klar geprägte Formel' (Tröltfch, Theol.
Jahresber. XVII, 546—547) auch einen materiellen Fort-
fchritt bedingt und einen directen Beitrag zur Weiterbildung
der ganzen Disciplin liefert.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Gennrich, Priv.-Doc Lic. P., Der Kampf um die Schrift in
der deutsch-evangelischen Kirche des neunzehnten Jahrhunderts
. Berlin, Reuther & Reichard, 1898. (VII,
160 S. gr. 8.) M. 2. 60

Der Verf. verhehlt fleh nicht, dafs es ein Wagnifs
war, noch einmal zur Schriftfrage das Wort zu ergreifen
. ,Man hat nicht mit Unrecht gefagt, dafs nach
den fo überaus zahlreichen Verhandlungen über diefelbe
im letzten Jahrzehnt eine gewiffe Ueberfättigung der Gemüther
nicht zu verkennen fei'. Dafs trotzdem G. den
Verfuch gemacht, das Facit jener Verhandlungen zu
ziehen, dafs er die Frage aufgeworfen, ,was denn eigentlich
dabei herausgekommen, ob eine Verftändigung gänzlich
ausfichtslos fei', ift ein Unternehmen, wofür ihm der
Dank derer gebührt, die die Tragweite und die Bedeutung
des behandelten Problems zu würdigen wiffen. ,Es
wird zugegeben werden muffen, dafs das gerade für die
evangelifche Kirche ein völlig unerträglicher Zuftand
wäre, wenn es ihr nicht gelänge, wieder eine fefte Stellung
zur Schrift zu gewinnen, nachdem der Unterbau, den die
alte Dogmatik zur Fertigung der Schriftautorität aufgeführt
hat, in der That rettungslos verfallen ift. Eine
folche Stellung zur Schrift zu gewinnen, ift geradezu eine
Exiftenzfrage für die evangelifche Kirche'. — Die eingehende
Unterfuchung und Darftellung der Gefchichte
des im Verlauf des XIX. Jahrhunderts geführten Kampfes
um die Schrift hat den Verf. zu dem erfreulichen Er-
gebnifs geführt, dafs wirklich im Grofsen und Ganzen
innerhalb der evangelifchen Kirche eine Verftändigung

I erzielt ift, foweit auch fonft freilich noch die Richtungen
auseinander ftreben und im Einzelnen fleh Gegenfätze
gegenüber flehen. — In feiner Einleitung fchickt G. eine
kurze Skizze der Stellung der Reformation zur Schrift
(1—10) und der Lehre der altproteflantifchen Dogma-
tiker (10—18) voraus. Aus diefer Skizze foll erhellen,
dafs das Ergebnifs des langen Streites um die Bibel der
reformatorifchen Anfchauung im Wefentlichen entfpricht,
und andererfeits, dafs die religiöfen Intereffen, die die
alte Dogmatik bei ihrer Ausbildung der Infpirations-
theorie geleitet haben (f. auch S. 90. 102), bei der in der
Gegenwart erreichten Begründung der Schriftautorität

j voll zu ihrem Rechte kommen; dabei zeigt fleh aber auch,

| dafs alle die, die immer noch glauben, die alte Infpira-
tionstheorie zu vertreten, fleh in einer grofsen Selbft-
täufchung befinden (f. bef. IOO—101). — Nach einer
kurzen Orientierung über die Infpirationslehre des älteren
Supranaturalismus und Rationalismus (20 ff.) und über die

j dogmatifche Neugeftaltung der Lehre durch Schleiermacher
(27—40) fchildert G. die zwei Phafen des grofsen
Kampfes um die Schrift. Während der erften (41—78)
wurde der Streit im engeren Kreife der wiffenfehaftlichen
Theologie geführt, und er befchränkte fleh in Folge deffen
gröfsten Theils auf die wiffenfehaftlichen Zeitfchriften und
die theologifchen Lehrbücher-, die zweite Phafe dagegen
(79 — 150) fpielte fleh auf der weiteren Arena der auch
der Gemeinde zugänglichen kirchlichen Verfammlungen
und kirchlichen Blätter ab. Und das Charakteriflifche an
ihr ift, dafs fleh nicht nur die wiffenfehaftlichen Theologen
, fondern vor Allem die im praktifchen Dienfte der
Kirche flehenden Geiftlichen und auch die Laien betheiligen
. Als Grenzfeheide der zwei Epochen giebt G.
ungefähr das Jahr 1890 an. — Die Aufgabe, die fleh der
Verf. geftellt, hat er aufs Glücklichfte gelöft. Seine Darftellung
ift zugleich lichtvoll und gedrängt; fie zeichnet
fleh durch Fleifs und Gründlichkeit, durch Ueberficht-
lichkeit und annähernde Vollftändigkeit aus; die unvermeidlichen
Wiederholungen, die leicht ermüdend und
unerquicklich werden konnten, hat G. fehr gefchickt durch
gut gewählte Citate, auch durch zweckmäfsig vorgenommene
Kürzungen neutralifirt. Auch in feiner Kritik
verfährt der Verf. in fehr anfprechender Weife, indem er
bald die kritifche Beurtheilung direct und in eigenem
Namen ausfpricht, bald diefelbe aus der Discufflon der im
Kampfe liegenden Anflehten gewinnt; bei einzelnen, be-
fonders wichtigen Verfuchen nimmt diefe Kritik einen breiteren
Raum ein (f. die Bemerkungen über Rothe, 60;
Hofm ann, 64; Ritfehl 84; Haupt 139)- Uen Schlüffel zur
richtigen Löfung des Problems findet G. vor Allem in
einer tieferen, dem reformatorifchen Princip entfprechen-
den Faffung des Wefens des Glaubens. ,Es wird nicht
anders werden, als bis die evangelifche Chriftenheit fleh
wieder auf das eigentliche Wefen ihres Glaubens beflnnt
und endlich von der alten falfchen Verwechfelung und
Vereinzelung von Offenbarung und Lehre, Evangelium
und Schrift ein für alle Male löft. Aber weffen Aufgabe
ift es, fie dazu anzuhalten, als eben der Theologie'? (90).
— In feiner Zufammenfaffung der Ergebnifse feiner eigenen
Ausführungen fchliefst fleh G. an Kirn's Thefen an:
,1. Die Autorität der Schrift ruht nicht auf einer be-
ftimmten Theorie über ihre Entftehung, fondern auf
ihrer dem Glauben jederzeit erfahrbaren Kraft. 2. Die
Schriftautorität ift in letzter Inftanz die Autorität Jefu
Chrifti, von dem die Schrift zeugt, und fie eignet jedem
Theil der Schrift in dem Maafse, als er Jefum dem Glauben
erkennbar macht. 3. Gottes Heilsoffenbarung fordert als
gefchichtlich zugleich ein religiöfes und ein gefchicht-
liches Verliehen. Das erfte verkennt der hiftorifch-kri-
tifche Empirismus, das zweite der gefchichtslofe Supranaturalismus
. 4. Die h. S. wird zum Gnadenmittel, fofern
Gottes Geift durch fie den Glauben weckt, und fie ift das

■ Erkenntnifsprincip, aus dem wir die wahre Gertalt der
göttlichen Offenbarung und des chriftlichen Lebens er-