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Ausgabe:

1899 Nr. 1

Spalte:

26-27

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sabatier, August

Titel/Untertitel:

Religionsphilosophie auf psychologischer und geschichtlicher Grundlage 1899

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 1.

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Ueberfetzung ins Deutfche geredet. Denn wenn auch
der fortlaufende Text des Buches im ganzen wenig umgearbeitet
ift, fo trägt es doch, dank der Sorgfalt des
TJeberfetzers, wohl auch dank der Meifterfchaft des Verf.s
in beiden Sprachen, fo wenig Ueberfetzungscharakter an
fich, dafs man nicht vermuthen würde, eine Uebertragung
aus fremder Sprache vor fich zu haben. Und den Anmerkungen
unter dem Text ift eine fo ftarke Umge- |
ftaltung und Erweiterung mit Rückficht auf den deutfchen
Leferkreis zu Theil geworden, dafs hier nicht mehr von
Ueberfetzung, fondern von Neubearbeitung zu reden ift;
auch ift die deutfche Ausgabe, trotz des kleineren und
gedrängteren Druckes, um drei Bogen ftärker geworden als
die franzöfifche. Dafs die Erweiterung der Anmerkungen
für den Lefer ftörend wirken kann, hat fich der Verf.
nicht verhehlt; aber mit Recht hat er fie gleichwohl vorgenommen
. Denn dadurch hat er es erreicht, dafs die
deutfche Ausgabe noch mehr als die franzöfifche in vortrefflicher
Weife zwei Aufgaben zugleich erfüllt. Fürs
Erfte enthält fie eine in fich ftreng zufammenhängende
fyftematifche Unterfuchung von felbftftändigem Werth
(über deren Gang vgl. die angeführte Befprechung). Zwar
erklärt der Verf., indem er ein Wort von H.Schultz fich
aneignet, fein Buch ,erhebe nicht den Anfpruch, dem
Kenner der dogmatifchen Arbeit des letzten Menfchen-
alters neue Gefichtspunkte zu eröffnen', aber er giebt doch
eine originelle Ordnung der in gemeinfamer Arbeit gewonnenen
Gefichtspunkte. Darum ift feine Darfteilung
der Prolegomena der Dogmatik nicht nur für den dogmatifchen
Lehrer inftruetiv, als ein Beifpiel davon, wie
die oft allzu trockenen einleitenden Abfchnitte lichtvoll
und intereffant behandelt werden können, fondern auch
fördernd für die Klärung der Probleme felbft. Allerdings
kann ich feine Auffaffung und Behandlung der dogmatifchen
Prolegomena nicht für die allein richtige und
zuläffige halten; auch eine Behandlungsweife, die den
religionsphilofophifchen und apologetifchen Stoffen mehr
Raum gewährt und die aus einer Unterfuchung der Begriffe
der Religion, des Chriftenthums und befonders der j
Offenbarung die methodifchen Grundfätze für die evan-
gelifche Glaubenslehre herauswachfen läfst, fcheint mir
durchaus ihr Recht zu behalten, ja den Vorzug zu haben,
dafs fie die Vorausfetzungen, von denen der Dogmatiker
ausgeht, und die Gründe, auf die er fich dabei ftützt, doch
noch umfaffender und deutlicher ins Licht Hellt. Dagegen
erkenne ich mit Freuden an, dafs der Entwurf des Verf.s j
in feiner engeren Begrenzung auch eine gröfsere Ge-
fchloffenheit erreicht. Fürs Zweite aber giebt die vorliegende
Schrift, gerade in ihrer erweiterten Geftalt, ein
Bild von der dogmatifchen Arbeit der Gegenwart. Nun
ift diefes Bild freilich von beftimmtem Standort aus entworfen
. Der Verf. fucht nämlich vor allem zu zeigen,
dafs ein weitgehender Confenfus über Grundlagen, Ziel
und Methode der evangelifchen Glaubenslehre unter den
Dogmatikern Deutfchlands. aber auch des evangelifchen j
Auslandes befteht. So läfst er auch vor allem feine Führer ,
und Begleiter auf dem von ihm als richtig erkannten
Weg, nämlich auf dem von Ritfehl gewiefenen, in umfangreichen
Citaten zu Wort kommen. Aber er ift klarfichtig
und weitherzig genug, um auch Dogmatiker, die nicht
auf derfelben Strafse, aber in derfelben Richtung wandern, j
als Zeugen für den Confenfus zu erkennen, ohne doch
dabei die Verfchiedenheit der Standpunkte zu verwifchen;
und auch bei den von ihm bekämpften Richtungen ift
er auf eine Würdigung ihrer Motive, fowie auf die zu
genauerer Kenntnifsnahme dienlichen Literaturangaben
bedacht. So giebt das Buch nicht nur einen ausgezeichneten
Beitrag zur Verbreitung des Verftändnifses von
Ritfehl in weiteren Kreifen, fondern auch eine Orientirung
über die verfchiedenen Strömungen in der heutigen Dogmatik
. Vor allem ift es werthvoll, dafs auch die aus-
ländifche Literatur dabei eingehend berückfichtigt ift. In
dem etwa 300 Namen umfaffenden Regifter finden fich

I ca. 80 Namen von nichtdeutfehen, befonders franzöfifchen
Theologen. Man kann nur wünfehen, dafs das Buch
befonders auch unter Pfarrern und Studenten recht viele
Lefer finde.

Ich glaube dem Verf. einen Gefallen zu thun, wenn
ich einen ungerechten Vorwurf, zu dem ihn wahrfchein-
lich ein ungenaues Excerpt verleitet hat, zurechtftelle:
J. Köftlin hat niemals gefchrieben, dafs Vinet feine Grundgedanken
,fchon vor mehr als einem Jahrhundert', fondern
nur, dafs er fie ,vor mehr als einem halben Jahrhundert'
vorgetragen habe, verdient alfo das Ausrufungszeichen
des Verf.s S. 125 Anm. in keiner Weife.

Halle a/S. Max Reifchle.

Sabatier, Prof. D. Auguft, Religionsphilosophie auf psychologischer
und geschichtlicher Grundlage. Autorifirte
deutfche Ueberfetzung von D. Auguft Baur. Freiburg
i. B., J. C. B. Mohr, 1898. (XX, 326 S. gr. 8.) M. 6. —

,Die Ueberfetzerarbeit war nicht leicht. Die eigen-
thümliche Gedrungenheit und Lebendigkeit des Stils, der
oft die Mittelglieder überfpringt, deren Einfügung für uns
Deutfche unentbehrlich ift, und den Sinn oft mehr ahnen
läfst, als in völligem Umfang zum Ausdruck bringt, giebt
zwar der Leetüre des Originals einen ungemeinen Reiz,
der noch dadurch ganz wefentlich erhöht wird, dafs der
Verf. feine Anfchauungen mit den trefflichften Bildern und
Beifpielen in fchlagender Kürze zu illuftriren verlieht, erhöht
aber die Schwierigkeit, den zutreffenden deutfchen
Ausdruck zu finden, ungemein, trotzdem dafs man kaum
irgendwo über das, was der Verf. fagen will, im Unklaren
bleiben kann. Ich werde zufrieden fein, wenn wenigftens
mein redliches Streben einige Anerkennung findet'. Mit
diefen befcheidenen Worten hat der bereits durch frühere
treffliche Uebertragungen aus dem Franzöfifchen bekannte
Ueberfetzer feine Arbeit in Websky's Proteftan-
tifchen Monatsheften (Jahrgang 1898, Heft VIII, S. 318)
felbft angezeigt. Die Lefer, die in der Lage find, die
Ueberfetzung mit dem Original des Sabatier'fchen Buches
zu vergleichen und welche daher die Schwierigkeit der
von B. glücklich vollendeten Leiftung nachzuempfinden
vermögen, werden dem Ueberfetzer ,die Anerkennung',
die er für fein ,redliches Streben' erhofft, von Herzen
zollen. Dafs bei der Verdeutfchung des fo plaftifch ausgeführten
, fo kunftvoll abgerundeten Meifterwerks Saba-
tier's das Original manches von feiner Kraft und Schönheit
einbüfsen mufste, wird Niemand tiefer empfunden
haben als der dem Geift des Originals nachfinnende, um
den treffenden Ausdruck ringende Ueberfetzer. Für die
Ireue und Genauigkeit der Wiedergabe feines Textes
bürgt nicht nur die Sprachkenntnifs und das Sprachgefühl
B.'s felber, fondern auch die Unterftützung, welche
ihm von Seiten des auch unter uns hochgefchätzten
Collegen Sabatier's an der Parifer theologifchen Facultät,
Prof. D. Eugen Menegoz, zu Theil wurde.

Eine Verkürzung hat die franzöfifche Originalausgabe
in der deutfchen Ueberfetzung infofern erhalten,
als in diefer die in der franzöfifchen Ausgabe beigefügten
Literaturangaben aus der franzöfifchen, englifchen und
deutfchen Literatur (pg. 29 f., 62 f., 101 ff, 133 fif., 171 ff.,
213 ff, 257 ff, 295 f., 334 ff, 350 ff., 410 ff.) weggelaffen
worden lind. Urfprünglich für die franzöfifche Lefer-
und Studentenwelt beftimmt, find fie für das deutfche
Publicum von geringerem Belang, da diefem die betreffende
Literatur auch fonft zugänglich ift. Es ift indeffen nur
zu billigen, dafs der Ueberfetzer an einer Stelle (S. 202
bis 203 der deutfchen, S. 257 der franzöfifchen Ausgabe),
wenn auch nicht die Literaturangaben felber, fo doch
die einleitenden Worte des Verfaffers zur Literatur über
das jüdifche oder Meffiaschriftenthum aufgenommen hat.
Dafelbft hat S. die Leiftungen Baur's für die Aufhellung
der Urgefchichte des Chriftenthums in Worten gewürdigt,