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1899 Nr. 15

Spalte:

438-440

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Förderung christlicher Theologie. Herausgegeben von A. Schlatter und H. Cremer. Zweiter Jahrg 1899

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 15.

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ichter und Denker, aus theologifchen Speculationen
zuiammenfetzt, darf, weil es fo in keinem Kopfe exiftirt
tt j njCnt zur Grundlage einer Kritik gemacht werden.
uncJ diefe Kritik ftcllt fich auf einen unhiftorifchen und
«arum ungerechten Standpunkt. Sie geht vom abftracten

onotheismus und von der Theodicee aus, die wir beide
fn v die Kirche wefentlich von der griechifchen Philo-
ophie geerbt haben. Der Grieche fühlt die elementare

ewalt der widerftreitenden Mächte, die die einzelne
ß.enRhenbruft und die ganze Menfchenwelt bewegen.

Ie Götter find die Projectionen diefer Triebe, die Exponenten
diefer Gefühle. Die Kräfte, die im Innerften
„er Menfchenbruft wohnen, werden potenzirt und ideali

verklärt werden können, wie dann freilich diefe Vor-
ftellungen fich ausglichen und ergänzten, wie der Begriff
des Heros fich ausweitete und verflüchtigte ').

Für den Abfchnitt über die ,Erkundung der Zukunft
' könnte auf eine fehr reiche neuere Literatur hin-
gewiefen werden. Dafs mit den Wunderheilungen zum
Theil ein plumper Priefterfchwindel verbunden war, wie
wir aus den Kurberichten von Epidauros erfehen, fei
wegen S. 289 bemerkt, wo wieder einmal die Phänomene
der Hypnofe herangezogen werden. Für die In-
cubation, die kürzlich fehr umfichtig von E. Preufchen2)
auch auf Grund des altteftamentlichen Materiales behandelt
worden ift, fei auf den werthvollen Auffatz in

firt nach aufsen verlebt ' Widerfpruchsvoll mufs die I Welcker's kleinen Schriften Bd. III verwiefen. Es ift auf-
Götterwelt fein weil es die Menfchenwelt auch ift >). ' fallend, dafs an B. der Einflufs Fr. G. Welcker's, der ihn
ßamit ift die Theodicee nicht unmöglich. Die gröfste in andere Bahnen hätte führen können, fpurlos vorüber-
Theodicee ift es dafs kein Menfch fie fchreiben kann, gegangen ift. Man könnte das für Zufall halten. Aber
dafe menfchliche Schwäche und Befchränktheit nicht B.'s Biograph theilt uns mit der Thatfache, dafs B. eine

Vorlefung Welcker's gehört hat, ein fehr einfeitiges Ur-
theil über ihn mit.

Den Schlufs bildet eine ,Gefamtbilanz des grie-

heranreicht an die Aufgabe, die Widerfprüche des Da
[e'ns zu löfen, ein Gleichgewicht von Schuld und Strafe
"erzuftellen. Solch ein Glaube mag mit dem Chnften-

[hum, am meiften mit dem modernen, im Widerfpruch j ch.fchen Lebens', die man eher am Ende des vierten

Bandes erwartet hatte und die, wenn nicht etwa die
folgenden Bände fie wefentlich ergänzen, ein Fragment
bleiben würde. Eine ,Gefamtbilanz' müfste vor Allem
das Eigenthümliche hervorheben, was die griechifche
Weltanfchauung und Lebensauffafsung von anderen unter-
fcheidet, und dies könnte wohl nur durch den Gegen-
fatz (etwa zur chriftlichen Weltanfchauung) zur An-
fchauung gebracht worden, etwa wie es Zeller, die
Philofophie der Griechen I 1 S. 126 ff. verfucht hat. Es ift
ganz gut, dafs B. gerade manche wenig erfreulichen
Züge des griechifchen Charakters fcharf accentuirt, aber
freilich durfte die Abrechnung nicht auf fie allein gegründet
werden. Es ift auch fehr verdienftlich, dafs er
die peffimiftifchen Stimmungen fcharf zeichnet — auch
Bakchylides ftimmt jetzt in den Chor: d-paroiOi fitj epvvcu
epioiöxov firjö' aeXiov jiqoöiösIv epiyyog. Aber fchriebe
man einmal eine Gefchichte diefer peffimiftifchen Richtung
, wie fie durch die religiöfe Reformation und my-
ftifche Reaction gegen die Aufklärung und ungebrochene
Lebensfreude des heroifchen Zeitalters erftarkt, wie fie
durch Pythagoreer und Orphiker weitergeführt wird,
wie fie auf die jonifche Philofophie und Plato einwirkt,
von der Sophiftik rationalifirt wird, wie fie endlich in
der religiöfen Stimmung der fpäteren Philofophie fich
ausbreitet und einen folgenreichen Einflufs auf die mit
ähnlichen Stimmungen ihr entgegenkommende chriftliche
Kirche ausübt, überfähe man, fage ich, diefe Strömung
in ihrem gefchichtlichen Fortgange3), dann würde man
wohl auch deutlich erkennen, dafs es eben nur eine,
wenn auch bedeutende, Nebenftrömung ift, dafs diefe
Stimmung, foweit fie überhaupt ernft zu nehmen ift,
doch nicht ein nothwendiger Grundzug griechifchen We-
fens ift.

Wilmersdorf bei Berlin. Paul Wen dl and.

ih •' Hineindenken mufs man fich in ihn, und wer
j_,n "lcht als fromm empfinden mag, der möge erft mit
lob, den alten Propheten, Paulus abrechnen, die auch
e Iheodicee oft auf die Widerfprüche der Weltord-
ng gegründet haben und denen die Frömmigkeit eines
g Phokles ebenfo nahe fteht wie das moderne religiöfe
' wufstfein^ fern, /isvovvye, cö avd-Qcojte, Ov rlg el 6

Ta*oxQivöiiEVOq reo &etp.
U Was uns fo, hiftorifc'h betrachtet, als felbftverftänd-
n erfcheint, mufs B. natürlich befremdlich vorkommen,
em er vom Nägelsbach'fchen Standpunkte2) aus über
.moralifchen Tiefftand', die Befchränktheit, die
^iderfpruchsvolle Menfchennatur' der Götter klagt. Und
er u er nicht weifs, was antike Frömmigkeit heifst, muss
Tu ^nvundert fragen, wie fo zweifelhafte Götter folche
, behauPten konnten (S. 133). Die Maffenhaftig-
, ' des Kultus, das Intereffe des Staates hat mitgewirkt,
Ion CS ^e^s UCl1 mit den Göttern bequem leben (S. 133 ff.
j^9- 46. 212). — Mit der Unterfchätzung der lebendigen
de pder Religion hängt es auch zufammen, wenn wegen
a|ij Eortlebens des Mythus .eine coloffale Romantik als
W 5rrlchende geiftige Vorausfetzung' des griechifchen
thij rS anftenornrnen wird (I S. 37). Aber das Eigen-
Kü Lk,cnc- ift doch gerade, dafs nicht eine künftliche
deCvfddunS und Reproduktion ftattfindet, fondern dafs
p r Mythus feine natürliche Gefchichte hat, indem feine
g rniei1 das fich wandelnde und umbildende religiöfe
viH^U e'n der Gemeinfchaft und des einzelnen Indi-
kan aumehmen- Erft in der helleniftifchen Zeit
•n)1nian romantifchc Neigungen finden, und die nach-

tion t.Che S

ophiftik, unterftützt von der religiöfen Reac-
n' kämpft für ein romantifch.es Ideal,
ehr Recht wird als die Grundlage der Heroenver-
detlUp^ ,der Ahnenkult bezeichnet; aber wenn dann mit
Götr ^er -^nrien Heroen des Epos, Dämonen,

wje er auf gleiche Stufe geftellt werden, fo fieht man,
mufes an jeder gefchichtlichen Entwickelung fehlt. Man
in j^' ,Um, zu gefchichtlichem Verftändnifs zu kommen,
dem°r S EkVehe nachlefen, wie grundverfchieden von
Lei Glauben an die unter der Erde weilenden, den
V0rnn!jen nahen Geifter der Verftorbenen die epifche
"ach d ft. der Heroen, denen kein bewufstes Leben
e'nzel * °de zukommt, und auch die Vorftellung von
herah n *eDcnd Entrückten ift, wie nur ins Menfchliche
^^fs*efunkene Göttcrgeftalten dann wieder zu Heroen

f^'PWen'j f"'KC ßanz der Au,1"afsungi wi<" tic Wilamovritz an mehreren
jeh ;„ ? ""fchgefahrt hat. Dem Laien ift fie jetzt am heften zugäng-
n '8gQ Einleitungen zur Ueberfetzung griechifcher Tragödien. Ber-

r'«h z2!)^"1 eeßenüber verfchwinden Anßitzc zum Richtigen, wie fie
" s>- 91. 95 finden.

Beiträge zur Förderung christlicher Theologie. Herausgegeben
von A. Schlatter und H. Cremer. Zweiter Jahrg. 1898.
6. Heft. Gütersloh, C. Bertelsmann, 1899. (gr.8.) M. 1.20

Vowinkel, Dr. Ernft, Die Grundgedanken des Jakobusbriefes
verglichen mit den elften Briefen des Petrus und Johannes. (VI u.
S. I—74.) — Dalmer, Prof. Lic. Johannes, Zu I. Petri 1, 18. 19.

(S. 77-87.)

Vowinkel will die literarkritifche Form der Ver-
gleichung biblifcher Schriftftücke durch ,eine wirklich

1) Ueber Ilrandopfer für Heroen, die II. S. 224 leugnet, f. Rohde IJ
S. 149 Anm. 7, Dencken in Roscher's Myth. Lexikon Sp. 2506.

2) Darmftädter Gymn.-Programm 1899.

3) S. z. B. Wilamowitz, Ilomerifche I nterfuchungcn S. 204 ff. Dlels,
Parmenides S. 12 ff.