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Ausgabe:

1899 Nr. 11

Spalte:

344-345

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Arnoldt, Emil

Titel/Untertitel:

Beiträge zu dem Material der Geschichte von Kant´s Leben und Schriftstellerthätigkeit in Bezug auf seine ‚Religionslehre‘ und seinen Konflikt mit der preußischen Regierung 1899

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. II.

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der chriftlichen Kirche. Die urfprünglich reinere israeli-
tifche Frömmigkeit wird durch das Eindringen fremder
hauptfächlich heidnifcher Elemente (S. 94 ff. Bilderdienft,
früheres Prophetenthum, Nafiräat u. a.) zu einer ergiftifchen
(Pharifäifche Gefetzlichkeit, rabbinifche Cafuiftik) und
,ebenfofehr' (S. 109) zu einer enthufiaftifchen. Eine ähnliche
Form enthufiaftifch-ergiflifcher Frömmigkeit wie im
rabbinifchen Judenthum findet fich im Islam. Er ift in
feinen Satzungen erftarrt wie jenes (S. 133. 135). Mo-
hamed felbft war ein ,enthufiaftifcher Schwärmer'.

Aber auch in die chriftliche Religion ift fchon in
den erften Jahrhunderten heidnifche Frömmigkeit eingedrungen
und hat die chriftliche Kirche in die katholifche
umgeftaltet (S. 136).

An die Stelle der wahren chriftlichen Frömmigkeit trat
die enthufiaftifch-ergiftifche, das Fürwahrhalten gewiffer
Glaubensfätze und die Uebung guter Werke, ein Procefs,
der befchleunigt wurde durch das Auftreten der enthu-
fiaftifch gerichteten Gnofis und des ergiftifchen Ebionitis-
mus. Die Nichtigkeit und Eitelkeit dieferinder römifchen
Kirche zur Ausbildung gelangten Frömmigkeit hat Luther
durch eigene Erfahrung erkannt. Das Refultat feines
Seelenkampfes war die Erkenntnifs ,durch eigenes Thun,
durch Ergismus und Enthufiasmus, giebt es keine Gemein-
fchaft mit Gott' (S. 222). Aber auch in der weiteren Ent-
wickelung der Kirche finden fich enthufiaftifch-ergiftifche
Neigungen, z. B. im Pietismus, insbefondere in dem weltflüchtigen
Zug der Hallefchen Richtung, im Blut- und
WundencultusZinzendorf's, während derWürttembergifche
Pietismus, hauptfächlich unter dem Einflufs Bengel's, einen
biblifch-nüchternen Charakter fich wahrte. Enthufiaftifch-
ergiftifch ift auch die .Frömmigkeit, welche die Aufklärung
vertrat' (S. 286), ergiftifch Kant, enthufiaftifch
Schleiermacher, Auch ,das Verdienft Ritfchls wird in
hohem Mafse dadurch beeinträchtigt, dafs er das Chriften-
tum zwar nicht enthufiaftifch aber doch wefentlich ergiftifch
auffafst' (S. 309).

Leider ift fich der Verf. in den Grundbegriffen fo
wenig klar, dafs fein Buch den Anforderungen einer
.religionswiffenfchaftlichen Unterfuchung', welche der
Titel verheifst, keineswegs genügt. Er kämpft gegen
eine angebliche Vorausfetzung der ,modernen Religions-
philofophie', dafs ,alle Religionen ihrem innerften Wefen
nach gleich feien', schliefst fich aber doch gegen die
traditionelle Anficht der modernen Pentateuchkritik an,
freilich mit der vorfichtigen Bemerkung, was er über die
Religion Israels zu fagen habe, treffe übrigens für beide
Fälle zu (S. 90). Die Begriffe Enthufiasmus und Ergismus
werden das eine Mal fo, dafs andere Mal anders
gefafst (vgl. S. 31. 46. 88. 302; 80. 246. 232) und fiiefsen
faft bei jeder Erfcheinung der Frömmigkeit in einander,
fo dafs für die Charakteriftik wenig gewonnen ift. So
foll z. B. das eben noch als ergiftifch gefchilderte ,jü-
difche Gefetzesthum' auch als ,Enthufiasmus' bezeichnet
werden können (S. 107). Aber auch abgefehen davon
ift das Buch ein Zeugnifs dafür, wie gefährlich es ift, die
ganze Religionsgefchichte in den Rahmen einiger Begriffe
fpannen zu wollen, die, richtig gefafst, zur Kennzeichnung
einzelner Erfcheinungen gewifs geeignet find.

Theologen, welche der Verf. zunächft im Auge hat,
werden ohnedies, wenn fie über diefe Fragen fich unterrichten
wollen, zu den grundlegenden Werken von
Chantepie de la Sauffaye, H. Schultz, Harnack, Schürer
(Smend's Altteft. Relig.- Gefchichte, die ihm viel geboten
hätte, hat fich der Verf., wie es fcheint, entgehen laffen),
die der Verf. benützt hat, felbft greifen. ,Denkende Chriften,
die auf dem Gebiete der Religion Orientierung fuchen'
finden in dem Buche ein reiches Material, das der Verf.
mit grofsem Fleifse zusammengetragen hat, aber fchwer-
lich einen ficheren Führer in den fchwierigen Fragen
der Religionswiffenfchaft.
Riedlingen a. D. Th. Elfenhans.

[ Arnoldt, Emil, Beiträge zu dem Material der Geschichte
von Kant's Leben und Schriftstellerthätigkeit in Bezug auf
feine ,Religionslehre' und feinen Conflict mit der
preufsifchen Regierung. Königsberg i. Pr., F. Beyer,
1898. (XX, 156 S. gr. 8.) M. 4-

Der um die Kantforfchung — insbefondere durch
feine ,Kritifchen Excurfe im Gebiete der Kantforfchung'
— mehrfach verdiente Verf. giebt hier fünf weitere Beiträge
zur Löfung von Einzelfragen, welche fich insge-
fammt auf Kant's Streit mit der Cenfur wegen der Verweigerung
der Druckerlaubnifs für feine Schrift über die
Religion innerhalb der Grenzen der blofsen Vernunft
beziehen.

Der erften in der ,Berliner Monatsfchrift' 1792 er-
fchienenen Abhandlung diefer Schrift ,vom radicalen
Böfen' wurde von der Berliner Cenfurkommiffion die
Druckerlaubnifs noch ertheilt, allerdings bereits mit der
Begründung: ,da doch nur tiefdenkende Gelehrte die
Kant'fchen Schriften lefen'. Der zweiten Abhandlung
,Von dem Kampf des guten Princips mit dem böfen um
die Herrfchaft über den Menfchen' wurde fie verfagt.
Kant machte jedoch von feinem Recht Gebrauch, die
Entfcheidung einer Univerfität anzurufen und erlangte
nunmehr — nach der gewöhnlichen Anficht, die auch
Dilthey in feinem inhaltsreichen insbefondere auch wegen
der Anknüpfung an die Gefchichte der Cenfur überhaupt
intereffanten Auffatz über ,Kants Streit mit der Cenfur
über das Recht freier Religionsforfchung' (Arch. f. Gefch.
d. Philof. 1890 S. 418 ff.) theilt, durch die theologifche
Facultät der Univerfität Königsberg — das Imprimatur
für feine Schrift. Da hiermit jedoch manche Einzelheiten
nicht übereinftimmen, Hellt der Verf aufs Neue die Frage:
Wer ertheilte das Imprimatur für Kants ,Religion innerhalb
der blofsen Vernunft'? und glaubt, hauptfächlich
auf Grund eines ihm zugänglichen —im Befitz Dr. Reickes
befindlichen — Manufcripts der genannten Schrift, das

j im zweiten Beitrag genau befchrieben wird, die endgiltige
Antwort auf diefe Frage geben zu können. Darnach ertheilte
das Imprimatur kein Königsberger Profeffor —
weder ein Decan der Königsberger theologifchen, noch

j ein Decan der Königsberger philofophifchen Facultät —
fondern ein Jenaer Profeffor, nämlich Juftus Chriftian
Hennings, Decan der Jenaer philofophifchen Facultät
Winterfem. 1792/93 oder — was weniger wahrscheinlich,
ja kaum annehmbar fei — im Sommerfem. 1793. Die
Königsberger theologifche Facultät war übrigens infofern
auch betheiligt, als fie fich zur Cenfur incompetent erklärte
, woraus fich dann der Empfang des Imprimatur
durch eine der philofophifchen Facultäten Deutfchlands,
von denen jede beliebige zur Cenfur competent war, wie
eine felbftverftändliche Folge ergab.

Der dritte Beitrag verbreitet fich über Kant's Opp°"
fition gegen Wöllner's Beftrebungen vor feiner im weiteren
Verlauf durch feine Gegner erwirkten Anklage (1. Oct.
1794), der vierte über feine Vertheidigung gegen diefe
Anklage (,einer Entftellung und Herabwürdigung des
Chriftenthums') in dem auf Kgl. Specialbefehl an ihn er-
laffenen Minifterialrefcript, und der fünfte über feine aui
diefes Refcript hin erfolgte Verzichtleiftung auf öffentliche
Aeufserungen über Religion, fowie über fein ganzes
Verhalten in feinem Conflict mit der preufsifchen Regie'
rung. Ueber jenen Verzicht, der für die Beurtheilung
von Kant's Charakter nicht unwefentlich ift, urtheilt der
Verf.: ,Bei feiner Ueberzeugung von der

moralifchen

Verwerflichkeit einer ausdrücklichen Oppofition jeder
Art gegen die deutlich erklärte Willensmeinung der
oberften gefetzgebenden Macht, war es für ihn Pflicht,
jenen Verzicht für einen beftimmten Zeitraum [bis zu
Friedrich Wilhelms II. Tode] zu leiften' (S. 131). Rein
objectiv betrachtet fei jedoch feine perfönliche Haltung,
fein perfönliches Auftreten in feiner Verantwortung n|ctl
männlich, nicht edel und feines Geiftesranges und fewe