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Ausgabe:

1899 Nr. 10

Spalte:

296-298

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

The Coptic Version of the New Testament in the Northern Dialect, otherwise called Memphitic and Bohairic. Vol. I and II 1899

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 10.

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vielfach um den kritifchen Werth der Ueberfetzung des
Hieronymus für den griechifchen Text bringt: gerade
an den Stellen wo vg wichtig ift — und diefe haben
durch die hochintereffante Entdeckung von Ed. v. d.
Goltz fich wieder beträchtlich gehoben —, verfagt meift
der clementinifche Text mit feinen jüngeren Lesarten.

Der Nachdruck der vorliegenden Ausgabe ruht offenbar
auf der Kritik des griechifchen Textes. Während
dem lateinifchen Texte nur am unteren Rande Parallel-
ftellen, am äufseren kurze Inhaltsangaben beigefügt find,
hat der griechifche Text einen kritifchen Apparat, derart
, dafs am äufseren Rande die Zeugen für die von H.
bevorzugte Texteslesart, am unteren Rande die zur Wahl
flehende Lesart mit ihren Zeugen angeführt ift. Weitere
Lesarten mit den Zeugen findet man in einer Appendix
critica am Ende jeden Bandes (I enthält Evv, II Act
Paul Cath Apoc). Berückfichtigt werden dabei für Evv
«ABCDZJS, für Paul noch DG, Cath P, Apoc B;
ferner Verss und PP, letztere feiten fpecificirt.

Ueber die textkritifche Methode des Herausgebers
ift noch fchwer zu urtheilen, ehe nicht die verfprochenen
Additamenta vorliegen, welche eine Erörterung der
gefammten Ueberlieferung und der Principien der Kritik
enthalten follen. So viel aber läfst fich jetzt fchon
deutlich erkennen, dafs H. fich dem text. rec. und felbft
der vulg. gegenüber freier bewegt als fein katholifcher
College Brandfeheid, deffen Lesarten er neben denen
Tifchendorf's, Hort's und Tregelles' in der Appendix
bucht. So hat er Mt 54 t. nsvd-ovvcsq ... XQaslq gegen
e vg Ti Tr Br; Mt 613 fehlt die Doxologie; Lc 112—4
hat er die kürzere Form des Vaterunfers, allerdings in
, Uebereinftimmung mit vg; Mt 2628 nimmt er xcavnq mit
vg auf, Mc 1424 ftreicht er es gegen vg. Aber diefe
Freiheit der Bewegung geht doch nicht allzuweit. Stellen
wie Mc 169—20, Jo 735—811, 1 Jo 57 f. gelten als echt und
werden in der App. crit. ausdrücklich vertheidigt, letztere
fehr ausführlich auf Grund einer vom Papft beftätigten
Refolution des S. Officium v. 13. Jan. 1897. Der Hauptbeweis
ift das tridentinifche Decret libros ipsos integros
cum omnibus suispartibus. Aber gehören nicht andere
Stücke des Vulg.-Textes, die H. nicht aufnimmt, doch
auch zu den libri integri? In der That nimmt H. die
Auslaffung von Act 837 in der App. crit. wieder zurück;
exstat enim in authentica editione clementinaifi).
Wenn diefer folches Uebergewicht über die griechifchen
Handfchriften zukommt, Codices, quos adhibet Ec-
clesia graeca: haeresibus divisa, ab heterodoxis
Patriarchis et Episcopis gubernata, facta praeda
praepotentiae et instrumentum aulae imperatoris,
approbans error es, proiciens ver itatem; wenn ferner
im Gegenfatz zu der infallibilis auetoritas des Papftes
und dem magisterium authenticum der Congregatio
S. Officii von der Wiffenfchaft, katholifcher wie prote-
ftantifcher, gilt: ceterum sententia doctorum non
multum valet (venia sit verbo), quia plurimi dicta
aliorum simpliciter transcribere et parum exami-
nantes approbare solent: fo begreift man eigentlich
nicht recht die wiffenfehaftlich-kritifchen Bemühungen
des Herausgebers um den griechifchen Text; begreift
nicht, warum er fich den LJmftand macht, 1. Cor. 1551,
ftatt der LA der vg siavrsq fiev dvaarnCopsd-a (al.
xoiuwd-nöops&d), ov sxävrsq 6s aXXaynGÖue&ct, welche nach
feiner eigenen Anficht der Kirchenlehre, dafs alle Men-
fchen, auch die, welche die Parufie erleben, Herben
muffen, am bellen entfpricht, die LA jcdvTsq fsv ov
xoi{i?]{rw<j6ued-a, siävreq de dXXayrjOÖpsd-a vertheidigt mit
der etwas verzweifelten Exegefe: zwar nicht alle werden
einen langen Todesfchlaf zu fchlafen haben, aber alle
werden (durch Tod und Wiedererweckung) verwandelt
werden.

Ift es der durch keine kirchliche Autorität zu unterdrückende
Trieb des Menfchen, felbftändig der Wahrheit
nachzuforfchen und, wenn auch in befchränkteltem Mafse

und nur mit den künftlichften Mitteln, eine eigene Meinung
zu haben, oder ift es der Wunfeh, der freien pro-
teftantifchen Forfchung fich ebenbürtig zu erweifen, der
überall fich jetzt in der katholifchen Theologie regt?
Traditionalismus und Modernität fchliefsen ja oft einen
Bund. Hetzenauer fleht auf der Höhe der Zeit, wenn
er am Schlufs der Evangelien eine Collation der fyrifchen
Verfionen giebt.

Jena. von Dobfchütz.

The Coptic Version of the New Testament in the Northern
Dialect, otherwise called Memphitic and Bohairic.
With introduetion, critical apparatus, and literal eng-
lish translation. Edited from Ms. Huntington 17 in
the Bodleian Library. Volume I and II. Oxford,
Clarendon Press, 1898. (gr. 8.) sh. 42.-—

I. The gospels of S. Matthew and S. Mark. (CXLVIII, 483 S.)
— II. The gospels of S. Luke and S. ] ohn. (582 S.)

Aegypten, eine der älteften Kirchenprovinzen, zeigt
in feinem Chriftenthum wie in feiner Cultur ausgefprochen
confervativen Charakter. Es erhellt, welche Bedeutung
dem Bibeltext diefer Kirche a priori zukommt. Das
NT. ift im 2. oder jedenfalls im Anfang des 3. Jahrh. in
die Landesfprache übertragen worden. Diefe aber hat
eine Reihe deutlich unterfchiedener Dialekte, nach der
älteren, noch von Lightfoot in den erften 3 Auflagen
Serivener's und danach von Gregory vertretenen An-
fchauung drei: bohairifch (Gegend von Memphis), fahidifch
(Gegend von Theben) und bashmurifch (unficherer Loca-
lität). Neuere Entdeckungen haben fünf dialektifch ver-
fchiedene Ueberfetzungen des N. Teft. kennen gelehrt,
die nach Stern's Unterfuchungen (vgl. Headlam bei Scri-
vener-Miller ffl und Nestle RE3 III 85) fich von Norden
nach Süden folgen: bohairifch (urfpr. im Delta um
Alexandria, feit Verlegung des Patriarchates nach Kairo
im 11. Jahrh. als officielle Kirchenfprache nach Süden
vordringend) = unterägyptifch; fajjümifch (Gegend von
Arfinoe); mittelägyptifch; akhmimifch (Gegend von Pano-
polis); fahidifch = oberägyptifch (Gegend von Theben).
Wie weit die Gefchichte der ägyptifchen Ueberfetzung,
ihr zeitliches Verhältnifs und ihre gegenfeitige Abhängigkeit
, durch diefe veränderte Auffaffung der Dialekte berührt
wird, ift noch gar nicht unterfucht, und kann kaum
abfchliefsend erörtert werden, ehe nicht alle in guten
kritifchen Ausgaben vorliegen. Als einen vortrefflichen
Anfang hierzu begrüfsen wir die vorliegende Ausgabe
des bohairifchen Textes.

Was zuerft 1675 Fell an Lesarten diefer Ueberfetzung
in den Apparat des NTes eingeführt und dann
auf Grund der Ausgaben von Wilkins (1716), Tattam
(1847.52), Schwartze (1846/47: Ew.), P. Boetticher== de
Lagarde (1852: Act. Epp.) Tifchendorf in gröfserer Voll-
ftändigkeit in feinen Apparat aufgenommen hatte, ift
durch diefe neue Ausgabe weit überboten. Ueber die
fplendide Art der äufseren Ausflattung braucht man bei
einem aus der Clarendon Press hervorgegangenen Werke
nicht erfl zu reden. Für den Riefenfleifs, den der Herausgeber
Rev. G. Horner angewandt hat, fpricht, dafs er
fich nicht begnügte, die Handfchriften in den öffentlichen
und privaten Bibliotheken Europas einzufehen, fondern
fogar in den Kirchen Aegyptens felbft die dort verwahrten
, theilweife noch benutzten Handfchriften colla-
tionirt hat. Die Sorgfalt, mit der er nach dem Mufter
und Rath Gregory's die einzelnen Handfchriften befchreibt
und ihre Gefchichte bis in die feinften Details hinein
verfolgt, ift ftaunenswerth. Schade nur, dafs bei dem ge'
ringen Alter der Handfchriften — keine von mehr als
60 reicht über das 12. Jahrh. hinauf — für die ältere
Geschichte der Literatur und des kirchlichen Lebens m
Aegypten fo wenig dabei herauskommt. Befonderes
Intereffe beanfpruchen manche der mitgetheilten Schreiber-