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1899 Nr. 10

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291-293

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Novum testamentum graece cum apparatu critico ex editionibus et libris manu scriptis collecto 1899

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 10.

292

Novum Testamentum graece cum apparatu critico ex editio-
nibus et libris manu scriptis collecto. (Ed. D. E.
Nestle.) Stuttgart,Württ. Bibelanftalt, 1898. (III,660S.
12. mit 5 färb. Karten.) M. —.70

Rafcher als man hoffen durfte, ift der Wunfeh nach
einer billigen und guten Ausgabe des griechifchen Neuen
Teftamentes erfüllt worden. Wir freuen uns vor allem,
dafs es eine deutfehe Bibelgefellfchaft ift, welche fich
diefer wichtigen, und wir hoffen auch dankbaren, Aufgabe
angenommen hat. Nach einer Bemerkung der Vorankündigung
tritt diefe Ausgabe an Stelle der fchon
1853 von der privilegirten württembergifchen Bibelanftalt
und zugleich der von der Bafeler Bibelgefellfchaft 1880
herausgegebenen. Damit ift in feiner Weife der Gedanke
an Concurrenz gegen fremde Unternehmungen abgewiefen.
Dennoch hoffen wir, wird der factifche Erfolg eine Verdrängung
der von der englifchen Bibelgefellfchaft fo
maffenweife vertriebenen leidigen Recepta-Ausgaben fein,
falls fich die british and foreign Bible Society nicht ent-
fchliefst, einen anderen Text in ihre Ausgaben aufzunehmen.

Der Werth einer folchen Ausgabe liegt vor allem
in der Verbindung möglichft billigen Preifes mit beft-
möglicher Ausftattung. In diefer Richtung ift hier Vorzügliches
geleiftet. Das ganze griechifche NT ift brofehirt
(mit 5 guten Karten) für 70 Pf., in Lederleinen gebunden
für 1 M. zu haben, in vorzüglich ausfehendem biegfamen
braunen Chagrinleder für 1,80 und mit Goldfchnitt für
2,50, freilich ein curiofes Mifsverhältnifs im Werthe des
Inneren und Aeufseren! Die Umficht, mit welcher die Ausgabe
in Angriff genommen wurde, bekundet fich in den
5 verfchiedenen Formen, in der man fie erfcheinen liefs:
neben der griechifchen und einer deutfehen fleht eine
griechifch-deutfehe, eine griechifche mit freibleibender
rechter Seite zu Einträgen (was allerdings viel bequemer
ift als durchfehoffen), endlich eine Ausgabe des griechifchen
Textes in 10 einzelnen Heftchen, einzeln oder auch
in Futteral zu 2,30 verkäuflich. Wir machen auf diefe
für Colleggebrauch, zumal bei Synopfe, fehr praktifche
Ausgabe befonders aufmerkfam. Einen Fehler hat allerdings
die Verbindung des griechifchen und deutfehen
Textes mit fich gebracht: es ift dies m. W. die einzige
griechifche Ausgabe des NT's, in der die von Luther ge-
fchaffene Reihenfolge der NTlichen Bücher auch für den
griechifchen Text mafsgebend geworden ift. Hier hätte
man m. E. lieber den deutfehen Text dem griechifchen
Ufus anpaffen follen.

Sonft ift, wie die äufsere, fo die innere Ausftattung
vollen Lobes werth. Das Format ift handlich, das Papier
gut, etwas dünn, aber nicht durchfeheinend, die Typen
klar und gefällig. In Bezug auf die Druckeinrichtung
mufs Ref. bekennen, dafs faft alle von ihm felbft zu
ähnlichem Zwecke aufgeftellten Defiderien erfüllt find.
Die Capitel- und Verszahlen flehen am Rande, in zweifelhaften
Fällen bezeichnet ein ' im Text den Anfang
des Verfes. Daneben find die Sinnabfchnitte deutlich
gemacht. Altteftamentliche Citate find fett gedruckt,
poetifche Stücke in Stichen; gelegentlich findet fich noch
verfchiedene Majuskelfchrift zur Auszeichnung verwandt.
Der äufsere Rand zeigt ferner faft überreiche Verweife
auf ATI. und NT1. Parallelen. Bei deren Benutzung ift
aber fehr zu beachten, dafs fie (warum eigentlich?) immer
zum Beginne des betreffenden Verfes geftellt find, was
leicht irre führen kann. Heb. U z. B. gehört die Parallele
Ph.29 zu dem letzten Worte diefes Verfes ovoua, während
die hierneben am Rande verzeichneten Stellen Pf. 27
2. Sam. 714 fich auf 15, 2 bezw. 4 Zeilen tiefer, beziehen.
Verweife wie 1. K(or.) 2s zu Jac. 2i, Heb. 1025 zu Jac. 22,
die nur ein einzelnes Wort belegen, find überflüffig, faft
ftörend; während man z. B. zu Jac. Is I. Per. 17 und
umgekehrt vermifst, und zu Jac. 22 eher Jud. ig ftellen
könnte. Zu Mr. 521 erwartet man neben Ex. 2013 Dt. 517
weit eher als Ex. 2112 Lev. 2417 Dt. 17 s.

Schon in allen diefen fcheinbar äufserlichen Dingen
fleckt eine Riefenarbeit, für die wir wie der Bibelanftalt,
fo insbefondere dem von ihr mit der Herausgabe betrauten
Eb. Neftle grofsen Dank fchulden. Die Hauptfache
aber — werden die meiden Lefer fagen — ift doch
der Text felbft! Wir find anderer Meinung: bei einer
folchen billigen Handausgabe kommt es in erfter Linie
auf die praktifche Einrichtung, erft in zweiter auf den
Text felber an; wenn nur ein den neuerdings allgemein
angenommenen Principien im ganzen entfprechender Text
geboten wird, kommt es auf einzelne Lesarten nicht fo
fehr an. So hat auch Neftle geurtheilt: er hat darauf
verzichtet, eine felbftändige Textrecenfion zu liefern und
verfucht, dafür einen Durchfchnittstext zu geben. Zu
diefem Zwecke find die 3 Ausgaben von Tifchendorf,
Weftcott-Hort und das Resultant Greek Testament von
Weymouth mit einander verglichen und nun nach dem
einfachen Rechenexempel, das uns an die in Jahrg. 1898
Nr. 10 S. 268 f. charakterifirte Methode Schj0tt's erinnert
: 2 find mehr als 1, die von zweien gebotenen
Lesarten in den Text, die Abweichungen des dritten an
den unteren Rand gefetzt. Die Auswahl der zu Grunde
gelegten 3 Texte, vor allem des weniger berühmten von
Weymouth war, wie Neftle mir mittheilt, wefentlich dadurch
beftimmt, dafs die Concurrenz mit der gröfseren
Ausgabe von Gebhardts, die zu Tifchendorf's Text
Weftcott-Hort und Tregelles vergleicht, vermieden werden
follte; eben deswegen wurde auch auf Mittheilung der
Varianten von Erasmus Ausgabe (1519) verzichtet, welche
bei einer Diglotte zum Verftändnifs des deutfehen Textes
(hier revidirter Luthertext von 1892 mit Varianten der
Ausgabe von 1545 und foweit der Raum es erlaubte,
den wichtigflen Randgloffen) fo wichtig find. Bei AG.,
Briefen und Apoc. ift ferner im Apparat, ohne Einwirkung
auf die Textgeftalt, die Textrecenfion von B. Weifs
berückfichtigt. Die Collation diefer 4 Ausgaben ift mit
einer m. E. etwas zu weitgehenden Akribie durchgeführt,
bis in die Fineffen der Interpunktion hinein, auch wo
diefe für den Sinn kaum etwas austrägt, z. B. 1. Cor.
1323.2c Der Raum, ohnedies fo befchränkt, hätte vielleicht
nützlicher angewendet werden können. Was nutzt
diefes ganze Buchen moderner Autoritäten? Wer überhaupt
von Textkritik nichts verlieht, hält fich doch an
den oben gebotenen Text (infofern ift deffen forgfältige
Herftellung allerdings auch bei einer folchen Ausgabe
fehr verantwortungsvoll); wer aber felbft urtheilen will,
der mufs eben die Quellen kennen lernen. Neftle hat
fich von einem richtigen Gefühle leiten laffen, wenn er
neben die Varianten diefer modernen, doch zuletzt von
demfelben kritifchen Standpunkte ausgehenden Text-
recenfionen, in einer befonderen Columne noch eine Auswahl
fonftiger beachtenswerther Lesarten geftellt hat.
Hier macht fich nur das Fehlen jeden Quellennachweifes
auf das allerempfindlichfte bemerkbar. Neftle denkt fich
Tifchendorf's octava critica major in der Hand des Do-
centen, während nun der Student die etwa bei der Exe-
gefe berückfichtigte Lesart gleich in feinem NT unten
findet. Aber diefe Ausgabe ift doch nicht nur für Vor-
lefungen da! Thatfächlich ift leider diefer Theil ohne
eine kritifche Ausgabe daneben ganz unbrauchbar. Man
hat hier allerdings z. B. zu AG. eine alles wichtigere herausgreifende
Collation von D (wobei fehr zu loben iff-
dafs reine Schreibfehler gleich corrigirt, und keine alt-
lateinifchen Lesarten in griechifcher Rücküberfetzung
eingemifcht find); aber mitten hinein find ganz junge
Lesarten des textus rec. aufgenommen (z. B. Im + *a
xfi öeriOei q; 125 xxrjgov Sc, 231 4- t) tpmp) avxov q, 2212.2°)
oder LAA. von D und q find neben einandergeftellt (z*1
siiOxEvaavxsq vi dofievmq ctxodeS,.) ohne jedes äufsere
Unterfcheidungsmerkmal. Wir verkennen nicht die grofse
Schwierigkeit, die der knappe Raum hier bietet; aber
wir füllten meinen, es müfste fich doch ein Mittel finden
laffen, wenigftens in grofsen Zügen die Verfchiedenartig-