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Ausgabe:

1899

Spalte:

10-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrenck, Erich von

Titel/Untertitel:

Die johanneische Anschauung vom ‚Leben‘ mit der Berücksichtigung ihrer Vorgeschichte untersucht 1899

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 1. 10

tive und oft willkürliche Erwägungen der bearbeitenden j und feiner Vorgänger und Nachfolger zu befinden meint

Evangeliften angenommen, wobei es ohne Kleinlichkeiten
undMenfchlichkeiten nicht abgeht. Mit diefer Betrachtungsweife
find der Kritik wichtige Conceflionen gemacht. Möchten
doch nun auch die Männer, die fo verfahren, vor dem
urtheilslofen Publicum,dem beffändig die Frivolität der Bibelkritiker
in fchreienden Farben vorgemalt wird, erklären :Wir,
die anerkannten Hüter der Tradition und Förderer der
chriftlichen Theologie, machen es gerade fo! Die angeblich
geängftigte und bedrohte Gemeinde wird doch fehr über-
rafcht fein, wenn fie hört, dafs auch nach den in der
Schule Cremer's und Schlatter's gepflegten Anfchauungen
ein Evangelift vom anderen ,abgefchrieben' und den anderen
.corrigirt' haben foll. Ihr wird es fehr gleichgiltig
fein, ob hierbei dem Markus oder Matthäus die Priorität
zugeftanden wird. Die Hauptfache ift, dafs bei der Ent-
ftehung der Evangelien die allermenfchlichften und natür-
lichften Methoden gewaltet haben, die auch mit der zahm-
ften Infpirationslehre nicht das Geringfte zu thun haben.
Da lobe ich mir die alte Traditions-Hypothefe und ihre
Verjüngung durch V ei t (S. 1898, Nr. 8.), bei der doch wenig-
ftens der Schein weiter beliehen kann, als ob bei den
Varietäten der Erinnerung und Weiterüberlieferung das
göttliche jcvtvfict feine Hand im Spiel gehabt habe. Es
hilft nichts, wenn der Verf. unferer Schrift befchwichtigend
in feinem beinah claffifchen Deutfch Folgendes verkündigt
: ,Hat der Bearbeiter eine befondere vielleicht theologische
Anfchauung, fo fchreibt er einen Satz feiner
Quelle fo, wie er durch das Medium feiner Gedanken
und Anfchauungen geftaltet wird, ohne die Abficht, den
Inhalt der Quelle zu alteriren. So hat jeder der Evangeliften
fein eigenes Chriftusbild, aber es ift derfelbe Chriftus
(Was heifst das":). Das mufs fo fein. Jeder der apofto-
lifchen Männer hat jzvtvfia in individueller Unterfchieden-
heit. Die Evangeliften fchreiben nicht Tendenzfchriften,
die fleh gegeneinander kehren'. Diefe Verficherungen
werden aber fchwerlich genügen, um den zu tröften, der
fleh durch das ganze Buch durchgearbeitet hat und die
hunderte von Fällen kennen lernen mufste, in welchen
Markus den Text des Matthäus bearbeitet haben foll.
Zu tief hat der Verf. fich mit einer profanen Methode
eingelaffen, als dafs folche Mentalrefervationen ihn noch
vordergefammtenkritifchen Verdammnifs retten könnten.

Alfo Matthäus-Markus heifst die Parole und hierin
ftimmt die Erlanger oder Greifswalder Theologie mit der
extremften Jung-Tübinger, wie fie bei Höhten auftritt,
überein. Höhten erfährt denn auch hohes Lob, wenn
auch feine Uebertreibung der Tendenzkritik abgelehnt
wird. Um fo fchlechter geht es den Vertretern der Markus-
Hypothefe, die in zahllofer Wiederholung von Hadorn
in überlegenem Tone gezauft werden. Obwohl er anerkennt
, dafs das Problem von ,B. Weifs und Holtzmann,
ferner von Schölten, Simons und zuerft von Wilke eine
ernfte und immer zu beachtende Bearbeitung gefunden
hat', wird doch ihre Methode und werden ihre Einzel-
refultate mit Energie abgelehnt. Man kann dem Verf.
keine fehr gründliche Kenntnifs der Gefchichte des Problems
nachrühmen. So wird z. B. die Hypothefe Weiz-
fäcker's (S. 2) falfch charakteriflrt, ebenfo die von Holtzmann
(S. 158). Ueberhaupt hat der Verf. es nicht für
nöthig gehalten, dem Lefer ein zufammenhängendes und
motivirtes Bild von der gegnerifchen Hypothefe zu geben.
Es liegt ihm nicht daran, fie zu verliehen, fondern nur
an ihrer Widerlegung. Darum wird über die ganze Fülle
von Thatfachen fehr leicht, z. Th. mit Schweigen, hinweggegangen
, an welchen der fecundäre Charakter des
Mtth zu erkennen ift. Es grenzt doch faft an Fälfchung,

Dabei verräth er fo wenig gefchichtlichen Sinn, fo wenig
Verftändnifs für das Wachsthum und die Wandlungen
religiöfer Ideeen, dafs er z. B. das Gefpräch des Täufers
mit Jefus über die Taufe bei Mtth für urfprünglicher
hält, als ihr Fehlen bei Mk, die cafuiftifche Ehefchei-
dungsrede bei Mtth 19 für urfprünglicher, als die Markusparallele
in ihrer grofsartigen Härte und Schroffheit, die
gekünftelte Form des Gefprächs mit dem reichen Jüngling:
was fragft du mich über das Gute? für einfach, klar,
urfprünglich. Das wunderbare Wort Jefu, wie es bei
Mk lautet: was nennft du mich gut? in feiner wahrhaft
erhabenen Naivität ift ihm eine Schöpfung des reflec-
tirenden Markus-Evangeliften. Eine Auseinanderfetzung
im Einzelnen hat keinen Zweck, wo die Grundlagen einer
Verftändigung, wo das Unterfcheidungsvermögen für das
Primitive, Naive und das Gemachte, Reflectirte, Corrigirte,
fo völlig fehlt. Wenn der Verf. fich auf Wellhaufen beruft
, fo hätte er gerade in diefer Beziehung von ihm
lernen können. Da es im Uebrigen leicht ift, eine Menge
von Punkten aufzuführen, wo der Mk-Text im Vergleich
mit Mtth fortgefchritten und fecundär erfcheint,
fo finden fich natürlich auch eine Menge richtiger Beobachtungen
. Aber fie find nicht richtig verwerthet, weil
der Verf. von einer zu engen Frageftellung ausgeht. Wenn
feit Decennien Streit darüber beliehen kann, ob dem
Mtth oder Mk die Priorität zuzufprechen ift, und wenn
immer wieder für die eine und die andere Thefe einleuchtende
Gründe vorgebracht werden, fo wäre es wirklich
an der Zeit, fich zu fragen, ob denn nicht ein Drittes
anzunehmen ift, nämlich Abhängigkeit von einer gemein-
famen Quelle. Den Weg zu einer richtigen Erkenntnifs
hat Hadorn fich verfperrt, indem er aus dem Gefammt-
Problem unter Beifeitelaffung des Lukas die Vergleichung
zwifchen Mtth und Mk ifolirt hat. Schliefslich fehlt es
dem Buche trotz pomphafter Ankündigung einer Methode
gröfseren Stils an jeder Unterfuchung und Vergleichung
der Compoiitionsformen des Mtth und Mk im Grofsen.
Die Schrift gehört zu den leider fo zahlreichen Arbeiten
auf unterem Gebiete, in denen der Verf. hypnotifch-ftarr
den Blick auf einen Punkt gerichtet hält und dabei den
Ueberblick über das Ganze verliert. Der ohnehin geringe
Genufs der Leetüre wird erheblich beeinträchtigt durch
einen höchft unerfreulichen theils gefprtizten, theils
saloppen Stil.

Marburg. Johannes Weifs.

Schrenck, Erich v., Die johanneische Anschauung vom
„Leben" mit Berücksichtigung ihrer Vorgeschichte untersucht
. Leipzig, A. Deichert Nachfi, 1898. (VIII, 189 S.
gr. 8.) M. 3.—

,Die überaus grofsartige johanneifche Anfchauung,
dafs das in Chrifto gebrachte Heil das Leben fchlechthin
fei, der Verlud desfelben der Tod fchlechthin, fetzt eine
längere Gefchichte des Lebensbegriffs voraus'. Demge-
mäfs umfafst die erfte Hälfte vorliegender Schrift ,Studien
zur Vorgefchichte des johanneifchen Lebensbegriffs' (S. 3
bis 58), zerfallend in Betrachtungen über die alttefta-
mentliche, die jüdifch-alexandrinifche und die neutefta-
mentlich-vorjohanneifche Phafe diefer Vorgefchichte. Die
angeborene Freude des Israeliten am Leben leuchtet uns
befonders in den Pfalmen und Sprüchen an; um langes,
glückliches, gefegnetes Dafein bittet der Fromme. So
wird ihm ,Leb en' zum Inbegriff alles Guten. Aber nur
wo die Verbindung mit dem lebendigen Gott befteht, ift
wenn ein Stück, wie die Berufung der erften vier Jünger, | folches Leben zu erwarten. Eine Exiftenz ohne Gott

wo der Mtth - Text fo deutlich als Bearbeitung fich I ift auch ohne Freude, ift kein Leben. Selbft wo
erweift, überhaupt nicht befprochen wird. Vielleicht liegt ; fpäteren Judenthum die ursprüngliche Diesfeitigkeit diefes
dies daran, dafs der Verf. über die von ihm gering ge- '. Begriffs durchbrochen wird, verbleibt das Leben doch
fchätzte literarifche Kritik hinaus die innere Kritik immer eine äufsere Gabe, die von Gott durch den Allbevorzugt
, wobei er fich in den Fufstapfen Wellhaufen's j machtsact der Auferftehung verliehen wird. Auf einer