Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1899 Nr. 7

Spalte:

196-198

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Billeter, Gustav

Titel/Untertitel:

Geschichte des Zinsfusses im griechischen-römischen Alterthum 1899

Rezensent:

Schulten, A.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

195

Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 7.

196

Alle diefe echt griechifchen Vorflellungen von einem
Fortleben und Fortwirken der Seele laffen (ich nicht als
Unflerblichkeitsglaube im ftrengen Sinne bezeichnen.
Letzterer ift von auswärts nach Griechenland gekommen
durch den thrakifchen Di onyfosdienft (II, 1—37).
Das Charakteriftifche desfelben ift, dafs bei deffen wilden
Orgien die Cultgenoffen auf dem Wege der Ekftafe
eins wurden mit der Gottheit und dadurch unfterblich
(,Wer die Kraft des Reigens kennt, wohnt in Gott'). In
Griechenland verfchmolz diefer Cultus mit dem des
Apollo, wurde dadurch gemildert, behielt aber doch
feinen enthufiaftifchen Charakter. Mit der Ekftafe (über
diefe: II, 19—22. 32f. 58fr. 62ff. 91 ff. 283 f.) hängt die
Mantik, das Orakelwefen, zufammen, und damit wieder
die Zauberei; denn der Seher giebt nicht nur Auffchlufs
über die Zukunft, fondern auch über die Mittel, durch
welche der Einflufs fchädlicher Geifter abgewehrt werden
kann (über die Zauberei: II, 23fr. 70, 75ff. 86—89, 424f.;
über die dionyfifche Religion in Griechenland überhaupt
II, 38—102). — Die Verfchmelzung des thrakifchen
Dionyfosdienft.es mit dem des Apollo wird man etwa
in's 8. bis 6. Jahrh. vor Chr. zu fetzen haben (II, 63).
Aber ,eine nachftrömende Welle brachte noch einmal
aus Norden zu dem längft hellenifirten Dionyfos den
thrakifchen Gott nach Griechenland, den jetzt der öffentliche
Cult nochmals fich zu affimiliren nicht die Kraft
oder den Willen hatte' (II, 105). So bildeten fich die
Vereine der Orphiker, welche durch diefen Namen,
nach dem thrakifchen Sänger, felbft ihren Urfprung bekannten
(II, 103—136). Da fie zuerft bei Herodot erwähnt
werden, haben wir keinen Grund, ihre Bildung
früher als in die zweite Hälfte des 6. Jahrh. zu fetzen
(II, 103, 105). In ihrem Schoofse wurde, ganz anders
als bei den eleufinifchen Myfterien, eine theofophifche
Lehre gepflegt, derzufolge die Seele als das Göttliche
im Menfchen darnach zu trachten hat, vom Leibe frei
zu werden, was mittelft der Askefe (Losfagung von der
Sinnlichkeit) auf dem Wege der Seelenwanderung allmählich
erreicht wird. — Wie die orphifchen Vereine
nur enge Kreife umfafsten, fo auch die Philofophen
(II, 137—197). In Betracht kommen zunächft: die joni-
fchen Naturphilofophen (137 ff.), Heraklit (145 — 154),
Pythagoras (159—170), Empedokles (171—187), Demokrit
(189—192), Anaxagoras (i92f.) Die Lehre der Naturphilofophen
und Heraklit's ift der orphifchen ganz entgegengefetzt
: während nach den Orphikern die Pfyche
ein felbftändiges Wefen neben dem Körper ift, faffen
die Naturphilofophen und Heraklit fie als die belebende
Kraft in allem Körperlichen auf. Dagegen zeigt die
Lehre des Pythagoras nahe Verwandtfchaft mit der
orphifchen. Auch fein Intereffe ift ein praktifches: das
Heil der Seele, und der Weg dazu wie bei den Orphikern
: Askefe und Seelenwanderung. — Von den Philofophen
kommen wir zu den Dichtern (II, 198—262).
Die älteren Lyriker geben der Empfindung Ausdruck,
dafs das Leben ein Gut, der Tod ein Uebel ift (198—204).
Bei Pindar (204—217) ringen zwei verfchiedene Auffaf-
fungen mit einander. Nach der einen führt die Seele
wie bei Homer nach der Trennung vom Leibe ein kraft-
lofes Dafein in der Unterwelt, nach der andern flammt
fie von den Göttern und ift unfterblich. Sie macht verfchiedene
Wandelungen und Reinigungen durch, bis fie
in ein höheres Geifterleben eintritt. Die fo Vollendeten
find die Heroen. Es zeigt fich alfo hier ein Einflufs
orphifch-pythagoreifcher Doctrinen. — Eingehend werden
dann noch die grofsen Tragiker Aefchylus (S. 227fr.),
Sophokles (233ff.) und Euripides (247fr.) behandelt, von
denen jeder eine eigenartige Stellung zum griechifchen
Volksglauben einnimmt. — Epochemachend in der Ge-
fchichte des griechifchen Unfterblichkeitsglaubens ift
Plato (II, 263—295). Was bisher nur ein Sonderglaube
von Conventikeln war, geht unter feinem Einflufs in das
Bewufstfein weiter Kreife über: die Seele innerlich ver-

fchieden von allem Leiblichen, im irdifchen Leibe wie
in einem Grabe (orjfia) eingefchloffen (zur Strafe ihrer
Verfehlungen), erleidet nach dem Tode Strafen und
Läuterungen im Hades und wandert durch verfchiedene
Leiber; die Reinen gelangen zu den Göttern (279 Anra)
Bei aller Selbftändigkeit und Genialität Plato's ift doch
der Einflufs der orphifchen Lehre unverkennbar.

Die Darftellung eilt nun zum Schlufs. Von den
fpäteren Philofophen (II, 296—335) werden nur noch
behandelt: Ariftoteles (301—309), die Stoiker (310—326),
die Ausläufer der Stoa (326—3317, Epikur (331—335).
Da die Ausläufer der Stoa bis auf Mark Aurel verfolgt
werden, fo ift die Uebergehung der fpäteren
Pytha goreer, Platoniker, Peripatetiker und Eklektiker
wohl in erfter Linie aus dem Wunfche, zum Schlufs zu
kommen, zu erklären. Eine eingehende Darftellung
würde allerdings auch viele Wiederholungen gebracht
haben. Um fo dankenswerther ift der inhaltreiche Schlufs-
abfchnitt über den griechifchen Volksglauben der
fpäteren Zeit (II, 336—396), d. h. etwa derjenigen
Periode, in welcher das Chriftenthum einfetzt. Nachdem
hier zunächft die Fortdauer des Seelencultus (336ff.), wie
des Heroencultus (348—362) dargeftellt ift, werden kurz
die Erzählungen von Erfcheinungen Abgefchiedener
(362—365) und eingehend die Vorflellungen vom Schick-
fal nach dem Tode (365—396) behandelt. Es zeigt fich,
dafs trotz aller vorhergegangenen gefchichtlichen Ein-
flüffe der eigentliche Unflerblichkeitsglaube doch kein
ficherer Befltz des Volkes geworden ift. Wir möchten
theologifche Lefer ganz befonders auf diefen Schlufs-
abfchnitt noch aufmerkfam machen.

Göttingen. E. Schürer.

Billeter, Guftav, Geschichte des Zinsfusses im griechischrömischen
Alterthum bis auf Justinian. Leipzig, B. G.Teub-
ner, 1898. (XII, 381 S. gr. 8.) M. 12.—

Eine neuere Darftellung des griechifchen und römi-
fchen Zinswefens oder auch nur der Wandlungen des
Zinsfufses fehlte. Nur die älteften Arbeiten über den
antiken Zinsfufs (Salmafius, de modo usurarum u. f. w.)
umfaffen das ganze Gebiet, die neueren behandeln nur
Theile desfelben. Beloch's ,Gefchichte des Zinsfufses im
klaff. Altertum' (im II. Supplementband des Handwörterbuchs
der Staatswiffenfchaften) ist eine Skizze, die durch
Billeter's eingehende Unterfuchung im Einzelnen vielfach
corrigirt wird und in den allgemeinen Partien manche
kühne Combination enthält. Ueber den römifchen Zinsfufs
gab es die Abhandlung von Streuber (der Zinsfufs
bei den Römern, Bafel 1857). Aber Streuber operirt nur
mit dem in gelegentlichen Notizen der Schriftfteller enthaltenen
Material, ftatt mit den Urkunden, wie fie die
Infchriften,Papyri undjuriftenfchriftenenthalten. Streuber's
Buch ift mehr eine Unterfuchung einzelner Probleme
(Zinsfufs der XII Tafeln, Bedeutung von fenus uncia-
rium u. f. w.) als eine Gefchichte des römifchen Zinsfufses
. Die Kaiferzeit wird ganz kurz behandelt. Und
doch war diefes Buch für den damaligen Stand der Wiffen-
fchaft recht gut, denn die Interpretation der einzelnen
Zeugnifse ift exact und meift richtig. Das neue Werk
beruht auf einer ganz anderen Bafls. Das auch für diefe
Frage fehr reichhaltige epigraphifche Material ift forg-
fältig benutzt, nicht minder das Corpus juris, die Novellen
und die übrigen juriftifchen Schriften. Die Papyri haben
für die Gefchichte des Zinsfufses nicht fo viel ergeben,
wie für andere Gebiete der griechifch-römifchen Wirth-
fchaftsgefchichte. Der Verfaffer hat eine vortreffliche,
philologifch-hiftorifche Arbeit geleiftet: er befpricht forg-
fältig jeden einzelnen Beleg; fein Raifonnement beruht
auf der vorausgegangenen Detailarbeit. So ift man in
der Lage, fich Punkt für Punkt mit ihm auseinander-
zufetzen und feine Refultate überall nachzuprüfen. Hervor-