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Ausgabe:

1899 Nr. 6

Spalte:

188-189

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Euler, C.

Titel/Untertitel:

Grundriß der evangelischen Glaubenslehre 1899

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 6.

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beiden Factoren in irgend welchem Umfange zugleich j dem Namen feines Verfaffers, der mit den Fortfehritten
immer auch den andern. Zu trennen ift beides nur in j der neueren Pfychologie unauflöslich verknüpft ift, fonder
Theorie, die dabei aber ftets von unfichem, fubjec- ] dem auch feinen grofsen inneren Vorzügen. In der
tiven Eindrücken abhängig ift. Es ift alfo nur eine auf fyftematifchen Beherrfchung des gefammten fo umfaffend
fehr fchwankendem Boden ruhende abftracte Construc- 1 gewordenen Gebietes der Pfychologie, wie fie in diefem
tion, wenn das fcheinbare jeweilige Ueberwiegen des einen knapp gehaltenen und vorzüglich gefchriebenen Grundoder
des andern Factors in dem wirklichen Leben zu einem rifs vorliegt, dürfte dem Verf. kein anderer Forfcher
allgemeinen Gegenfatz in der Theorie gefteigert wird. gleichkommen. Gegenüber der ausführlichen phyfio-
Noch viel weniger aber giebt es bei den Prämiffen | logifchen Bearbeitung diefer Wiffenfchaft in feinen Grund-
des Verf. einen ficheren Mafsftab, woran perverfe zügen der phyfiologifchen Pfychologie (3. Aufl. 1893) und
Thätigkeitstriebe und verirrte Inftincte, wie fie gerade | der mehr populären und zugleich von philofophifchen
auch der Verf. annimmt, als folche erkannt werden i Intereffen beftimmten in den ,Vorlefungen über die Men-
können, da fie doch möglicherweife zur ,Gefundheit' des fchen- und Thierfeele' (3. Aufl. 1898), will der Verf. in
Individuums gehören könnten, das mit ihnen behaftet diefem Grundrifs ,die Pfychologie in ihrem eigenften
ift. Denn die .Gefundheit' eines Menfchen ift doch in Zufammenhang und in derjenigen fyftematifchen An-
jedem Falle etwas fehr individuelles. Und wo ift denn Ordnung, die' nach feiner Anficht ,durch die Natur des
überhaupt ein Mittel gegeben, um auch nur die relativ Gegenftandes geboten ift, zugleich aber unter Befchränkung
gefundeften Menfchen herauszufinden, da ja auch der | auf das Wichtigfte und Wefentliche vorführen'. Immer-
Verf. eine abfclute Gesundheit nicht annimmt? Kurz, hin findet man in diefem Grundrifs einige Fortbildungen
es fehlt jede auch nur relativ objective Norm für den und Modificationen der Pfychologie Wundt's, die er feit-
ethifchen Pofitivismus des Verf. Das aber hängt damit her in befonderen Abhandlungen veröffentlicht hat, nun
zufammen, dafs diefer die ganze Moral lediglich indi- in das pfychologifche Syftem eingegliedert: z. B. die Ab-
vidualiftifch zu entwerfen verfucht. Und damit ftimmt grenzung der Pfychologie nicht nach ihren befonderen
es ferner überein, dafs der Verf. überhaupt den Gedan- 1 Objecten, die vielmehr identifch feien mit denen der
ken eines die fubjective Sphäre überfchreitenden fittlichen j Naturforfchung, fondern nach ihrem befonderen Stand-
Zwecks ignorirt, ja allgemeine Zwecke der Menfchen nicht punkte: dem der unmittelbaren Erfahrung (vgl. J. Bautinmal
anzuerkennen fcheint. Oder find folche Zwecke mann, Das erkenntnistheoret. Fundament in Wundt's

doch etwa gemeint, wenn einmal von der Erneuerung
der Thatkraft durch begeifternde Ideen die Rede ift?
Aber dabei kommen diefe für den Verf. doch nur als
Mittel zum Zweck in Betracht. Wer jedoch im wirklichen
Leben unter dem Einflufs von begeifterten Ideen
fleht und handelt, der kennt umgekehrt diefe gerade als
feinen Endzweck, nicht aber feine eigene Thätigkeit, die
ihm vielmehr nur als Mittel gilt. Oder ift diefe An-
fchauung vielleicht nur Illufion? Dann aber find jeden-

Grundrifs d. Pfych., Arch. f. fyftemat. Philof. 1897. S. 20 ff.),
die Einfchränkung der Giltigkeit des pfychophyfifchen
Parallelismus (S. 383 f.), die Aufhellung von befonderen
Gefetzen einer ,pfychifchen Kaufalität' (S. 386 fr.).

Zur erften Einführung in die Pfychologie ift das Buch
nicht geeignet. Dagegen kann es philofophifch bewanderten
Lefern •— unbefchadet der fonftigen philofophifchen oder
theologifchen Stellung zu Wundt's Philofophie — zur
Orientirung über den Stand der gegenwärtigen Pfycho-

falls die fehr realen Mächte in der Welt nicht Illufion, j logie im Ganzen und in Einzelfragen als Handbuch erften
deren Beftand man mit Begeifterung, fei es bekämpft, Ranges empfohlen werden. Zu bedauern ift, dafs der
fei es aufrechtzuerhalten fucht, die feit Alters beftehen- , wie kein anderer in der pfychologifchen Literatur be-
den und fich ftets wieder von Neuem bildenden inhalt- j wanderte Verf. von Literaturangaben völlig abgefehen
reichen Formen der gegliederten menfehlichen Gemein- I hat. Gerade der Ueberfülle von folchen in feinen ,Grundzügen
' gegenüber, würde eine Auswahl die Brauchbarkeit
diefes Grundriffes wefentlich erhöhen.

fchaft, Familie, Staat, Sitte, Religion usw., die im Ganzen
einen über das Können auch des gefundeften Individuums
weit übergreifenden Einflufs haben, und in deren Dienst
der Einzelne felbft erft die Gelegenheit findet, feine etwaige
Thatkraft in fittlichem Sinne zu bewähren und
auszubilden. Mache man doch nur einmal den Verfuch,
die ,pofitive Moral' der individuellen Gefundheit, der der
Verf. das Wort redet, im Einzelnen auszudenken und im
Zufammenhange zu entwerfen, dann wird fichs fchon
zeigen, wie weit man kommt, wenn man von jenen überhaupt
erft fittliche Motive und Zwecke darreichenden
und dadurch alle individuelle Moral erft fchaffenden ob-
jectiven Mächten in der Welt in der Theorie meint ab-
ftrahiren zu können. Bisher hat weder der Verf. noch
der .letzte grofse deutfehe Philofoph', wie er Nietzfche
einmal nennt, diefe Probe geleiftet. Nietzfche freilich
würde vermuthlich die Aufgabe felbft als zu moralinhal

Riedlingen a D. Th. Elfenhans.

Euler, Gymn.-Prof. C., Grundriss der evangelischen Glaubenslehre
für die oberen Gymnalialklaffen. Leipzig,
Döiffling & Franke, 1897. (VII, 102 S. gr. 8.) M. 1.—

,Diefer Grundrifs der Glaubenslehre verfolgt', wie
der Verf. im Vorworte fagt, ,den Zweck, die wichtigften
Glaubensfätze der evangelifchen Kirche in kürzefter Zu-
fammenfaffung darzuftellen und durch Beifügungen und
Citate apologetifchen und polemifchen, kultur- und zeit-
gefchichtlichen Inhaltes dem Intereffe des Schülers näher-
zurücken'.

Wir können diefe Tendenz nur billigen, denn darauf
tig hochgemuth abgelehnt haben. Aber dem Verf. kommt j kommt es, wie bei allem Unterrichte, fo insbefondere

es im Unterfchiede von Nietzfche, wie es nach allen auch bei dem Religionsunterrichte an, das Intereffe der

feinen Aeufserungen fcheint, nicht auf Moralinfreiheit
an, fondern gerade auf Moral. Alfo würde er fich in
diefem Falle doch kaum auf Nietzfche berufen und ftützen
können.

Bonn. O. Ritfeh].

Wundt, Wilhelm, Grundriss der Psychologie. Dritte ver-
befferte Auflage. Leipzig, W. Engelmann, 1898. (XVI,
403 S. gr. 8.) M. 6.— ; geb. M. 7 —

Dafs diefes Buch feit feinem erften Erfcheinen (1896)
jedes Jahr neu aufgelegt wurde, verdankt es nicht blofs

Schüler für den vorgetragenen Stoff zu wecken. Wenn
der Verf. als folchen die ,alten einfachen Glaubensfätze'
darbietet, fo gefchieht dies in der fchlichteften und fafs-
lichften Weife und unter fteter Berückfichtigung der
gegenwärtigen Zeit und der fie bewegenden Fragen.
Deismus (S. 17—20), Materialismus (S. 29—33), Pantheismus
(S. 36—38) werden knapp und klar behandelt: der
erftere fchon in der Einleitung bei Gelegenheit der Lehre
von der Offenbarung, die beiden letzteren Erfcheinungen
bei Befprechung des erften Glaubensartikels. Diefe bildet
felbftverftändlich den Hauptinhalt des Grundriffes (S. 26
—102), den eine Fülle von forgfältig ausgewählten Citaten
ganz befonders fchätzenswerth macht. Dafs aber die