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Ausgabe:

1898 Nr. 2

Spalte:

55-57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tschackert, Paul

Titel/Untertitel:

Magister Johann Sutel 1898

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 2.

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verzichtet jedoch, bevor er eingehendere Forfchungen angefleht
hat, auf eine Textausgabe des Homiliariums und
begnügt fich damit, die Inhaltsangabe des Münchener
Doppelcodex und eine Reihe von Betrachtungen, die er
anfchliefst, zu veröffentlichen. Es ift alfo eine vorläufige
Arbeit, die wir empfangen; aber auch fie ift des wärm-
ften Dankes werth.

Die beiden erften Abfchnitte feiner Schrift berichten
über die handfchriftliche Ueberlieferung des Textes (S. 1
bis 13) und die Beftandtheile des urfprünglichen Homi-
liars nach Cod. Monac. 4533 und 4534 und Augiensis 14.
19. 29 (in Karlsruhe) (S. 14—65); der dritte werth volle
Abfchnitt giebt Materialien zum Verftändnifs des Textes,
nämlich die Ueberfchriften und Regifter des Homiliars,
die Abfaffungszeit, die Eintheilung des Homiliars, das
Kirchenjahr, die Perikopen, die Verfaffer der Homilien
(S. 66—82), während der vierte Abfchnitt auf die Bedeutung
des Homiliars für die mittelalterliche Predigt (im
Gegenfatz befonders zu Cruel) vorläufig hinweift (S. 83
bis 96). — Eine kritifche Ausgabe des urfprünglichen
Homiliars ift die fchöne Aufgabe, die der Verfaffer für
feine weiteren Arbeiten fich geftellt hat. Nach der Probe
feines wiffenfchaftlichen Könnens, die er in der vorliegenden
Schrift gegeben hat, haben wir alle Urfache, mit
freudiger Erwartung feinen weiteren Veröffentlichungen
entgegenzufehen.

Marburg. E. Chr. A che Iis.

Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte
, unter Mitwirkung von Abt D. G. Uhlhorn
und Prof. D. Paul Tfchackert, herausgegeben von
Superint. Karl Kayfer. 2. Jahrgang. Braunfchweig,
A. Dimbach, 1897. (III, 344 S- gr. 8.) M. 4.70

Tchackert, Prof. D. Paul, Magister Johann Sütel (1504 bis
1575), Reformator von Göttingen, Schweinfurt und
Northeim, erfter evangelifcher Prediger an der heutigen
Univerfitätskirche und erfter Superintendent zu
Göttingen. Mit Benutzung vieler unbekannter Hand-
fchriften. (Aus: Zeitfchrift der Gefellfchaft f. nieder-
fächfiche Kirchengefchichte. II.) Braunfchweig,
A. Limbach, 1897. (III, 143 S. gr. 8.) M. 1.50

Die junge Gefellfchaft für niederfächfifche Kirchengefchichte
giebt in dem neuen Jahrgang ihrer Zeitfchrift
wieder werthvolle Beiträge zur deutfchen Provinzial-
gefchichte, die befonders Tfchackert und K. Kayfer zu
verdanken find. Tfchackert, welcher in Königsberg die
3 Bände des Urkundenbuchs für die Reformationsge-
fchichte des Herzogthums Preufsen fchuf, bereichert die
Reformationsgefchichte feiner neuen Heimat in erfter
Linie durch ein fchönes Lebensbild des Mag. Joh. Sütel
(1504—1575), des Reformators von Göttingen, Schweinfurt
und Northeim, das auch in einer Sonderausgabe
erfchienen ift. Nunmehr ift die Biographie Sutel's von
G. Chr. Beck, von 1843, .welche von falfchen Nachrichten
über Sütels Thätigkeit in Niederfachfen wimmelte',
völlig antiquirt. Die handfchriftlichen Quellen welche
Tfch. benützte und mitgetheilt hat, werfen nicht nur auf
Sutel's Lebensgang, fondern auch auf die Reformationsgefchichte
Niederfachfens ein helles Licht. Hier find
zum erften mal die Disputationsthefen Sutel's und
Winther's von 1531 mitgetheilt,als das erfte wiffenfchaft-
liche Kompendium reformatorifcher Theologie im Herzogtum
Braunfchvveig-Kalenberg'. Tfch. beftreitet gegen
Beck jeden Antheil Sutel's an der Göttinger Kirchenordnung
. Beachtung verdient Sutel's Haltung im Interim,
fein Verhältnifs zu Mörlin, der als derfelbe unfriedliche
Geift erfcheint wie in Königsberg, wie Sutel's Stellung
zur Frage vom Begräbnifs der Selbftmörder und endlich
fein Bericht über den Anfang der Reformation in Göttingen
. Als Beilagen erhalten wir ein bibliographifches
] Verzeichnifs der Schriften Sutel's, 83 ungedruckte Briefe
und Aktenftücke, wie ein grofses Verzeichnifs von ge-
i druckten Briefen von, an und über Sütel. Hier einige
| kleine Bemerkungen zu den ungedruckten Stücken,
i S. 74, Z. 10, Ii, 12 dürften die Formen: ,herrfchen',
j ,öffnen', ,fürftellen' nicht Druckfehler für ,herrfchet:
etc. fein, fondern nachläffige Participialformen. Z. 12
v. u. ift Diaken nicht Druckfehler für Diakon, fondern
eine m. W. auch fonft vorkommende Eindeutfchung,
I während der Franzofe diacre daraus machte. S. 75,
Z. 18, ift ,vorfprechen' nicht Druckfehler für vorfprecher,
wie Tfch. corrigirt, fondern ganz richtiger Accus, der-
felben Wortform, die der Schweizer heute noch in Fur-
' fprech = Anwalt kennt. S. 76, Z. 6 ift nicht Verfehlungen
! ftatt ,verfchlunden' zu beffern, denn verfchlunden ift die
! auch fonft vorkommende Urform; vgl. Schlund. S. 119
ift der Castulus Augustanus, welchen Strigel empfiehlt,
der Gefinnungs- und Leidensgenoffe Strigel's, Caftulus
Stumpft von Augsburg, fpäter Pfarrer in Buttftädt. C. R.
9,1065. Blätter für württb. K. G., N. P 1897. S. 45.
S. 122, Z. 16 ift die Form ,lotten' fchwierig, obgleich
ein Lotterpfaff, ein (im Luder) herumziehender Priefter,
kein unbekannter Begriff der mittelalterlichen Kirche
war. Aber um folche handelt es fich dort nicht mehr.
Man follte ,lotter' erwarten. Möglicherweife könnte
lovren = Lauern, Schufte zu lefen fein.

Eine zweite gröfsere Arbeit behandelt ,Die reformierten
Gemeinden der Herrfchaft Pleffe und des Amtes
Neuengleichen in Gegenwart und Vergangenheit'. Das
wichtigfte ift hier die Einführung des reformirten Be-
kenntnifses in lutherifchen Gemeinden zu Anfang des fieb-
zehnten Jahrhunderts. Schöpft Cuno vorzugsweife aus
heffifchen Quellen, fo giebt Kayfer wichtige Acten aus
den Braunfchweigifchen Archiven, die uns erft ein richtiges
Bild der Kalvinifirung jener Gegend ermöglichen.
Wie Cuno S. 148 fagen kann: ,Nach dem neueften Biographen
Schnepff's (J. Hartmann) war derfelbe damals
I (Anfangs i534)fo mildegegendenZwinglianismus,dafsfelbft
Melanchthon meinte, ihn, feinen Studienfreund, ermahnen
zu müffen, dagegen alle feine Kräfte einzufetzen', ift Ref.
nicht ganz klar. J. Hartmann kannte Schnepff zu gut, als
1 dafs er das fagen konnte, tritt doch Schnepff wenige
! Monate darauf bei der Reformation Württembergs dem
! Oberdeutfchen Amb. Blarer als ftrenger Lutheraner gegen-
1 über. In Wahrheit will Melanchthon Schnepff's Gegen-
| gewicht gegenüber den zwinglifchen Neigungen desLand-
I grafen Philipp ftärken, was fich aus dem Wortlaut bei
j Hartmann S. 20 unter Vergleichung von C. R. 2,327
ganz klar ergiebt. Die Kalvinifirung jener Gegend zu
Anfang des 17. Jahrhunderts läfst fich, was die Darm-
j ftädter Regierung wohl erkannte, nicht an die theolo-
gifche Haltung Wertheim's 153 4 ff. angliedern. Die von
I Kayfer mitgetheilten Acten beweifen das Eindringen
eines neuen Elements in die lutherifchen Gemeinden
! unter ftarkem Einflufs Heffens, dem die ritterfchaftlichen
Herren als Patrone, in ihrer Selbftherrlichkeit, die eifrigen
heffifchen Superintendenten und die widerftandsunfähigen
Pfarrer zum Sieg halfen. Ganz unzweifelhaft klar zeigt
fich hier die Rührigkeit des Kalvinismus, wie wir fie in
1 der Pfalz, vollends in der Oberpfalz und in Anhalt fehen.
Einen fehr willkommenen Beitrag zur Vorgefchichte des
Rationalismus und dem Kampf gegen die Orthodoxie
vom Ende des 17. Jahrhunderts an giebt Joh. Meyer in
der Studie über ,M. Otto Chr. Damius und fein Catechis-
11111s Manuscriptus.' Der bis jetzt wenig beachtete Ver-
j faffer des Hohnfteinifchen Gefangbuches, das 1707fr. viel
I Staub aufwirbelte, und auf das Ritfehl (Pietismus 2,335)
! aufmerkfam machte, und die religiöfen Bewegungen am
! Harz treten hier in ein helleres Licht. Meyer zeigt, wie
man Damius fälfehlich als Socinianer verfchrien hat,
während er ein Anhänger Huthmann's ift, der wohl in
feinem Widerfpruch gegen die Satisfactionslehre fich mit