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Ausgabe:

1898 Nr. 26

Spalte:

692

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Gesammelte Schriften. I. Band 1898

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 26.

692

Alle befonderen Gegenftände gehören vielmehr anderen j Baur, weil. Dr. theol. Generalsuperint. Wilhelm, Gesam-
Wiffenfchaften an, ,die himmlifchen Dinge der Theologie, melte Schriften. I. Band: Christliche Männer und Frauen

die irdifchen den Naturwiffenfchaften und fonftigen Dis-
ciplinen'. DiePhilofophie mufs fich daher auf ein Allgemeines
erftrecken, das nicht neben den befonderen

in alter und neuer Zeit. Bremen, C. Ed. Müller, 1898.
(VII, 510 S. gr. 8.) M. 6.—, geb. M. 7.—

Gegenftänden, fondern in ihnen allen gegenwärtig ift Das Vorwort belehrt uns, dafs wir es hier nicht mit
und fie maafsgebend durchdringt. Diefer Forderung ent- neuen Lebensbefchreibungen zu thun haben, die der Ent-
fpricht aber allein das Wiffen felbfh So macht das j fchlafene etwa noch hinterlaffen hätte, fondern mit einer
Wiffen vom Wiffen und die Erkenntnifs alles Seienden ; Sammlung der fchon früher gedruckten, wie er fie felbft
im Lichte des Wiffens das Wefen der Philofophie aus. > zu veranstalten beabfichtigt hatte. Nach feinem plötzin
der Erfüllung diefer ihrer Aufgabe leidet fie zugleich ! liehen Hinfeheiden, das alle folche Pläne vereitelte, hat
dem Menfchen den höchden Diend; denn nur im Wiffen ! fich nun die Wittwe jenen Gedanken zu eigen gemacht
vollzieht der Menfch nachbildend die fchöpferifche All- j und hat die biographifchen Auffätze Baur's, die fich in
kraft, die ihn über die Schranken des Einzeldafeins er- i den verfchiedenen Jahrgängen der Neuen Chridoterpe
hebt und zum abfoluten Wefen macht (S. 4). Dabei id ' und fondwo verdreut fanden, in diefem Buche zufammen-
allerdings das menfehliche Wiffen an Bedingungen ge- ! gedellt. Es id nicht die Gewohnheit des Unterzeichneten,
bunden, die nur ein allmähliches und nie zu voll- 1 bei feinen Anzeigen von Büchern die Vorworte auszuendendes
Aufdeigen in diefer Richtung zulaffen. Das
menfehliche Wiffen als fchöpferifche Nachbildung der
Realität bedarf der diefe Realität enthaltenden Erfahrung,

fchreiben; aber abgefehen davon, dafs er einen Theil
der vorliegenden Auffätze bei Gelegenheit feiner Be-
fprechungen der Neuen Chridoterpe fchon beurtheilt hat,

die ihrerfeits wieder unser von uns nicht gefchaffenes, 1 bietet es vielleicht gerade bei diefem Sammelwerk ein

fondern nur vorgefundenes ,unbewufstes Leben in der gewiffes Intereffe, die Beurtheilung kennen zulernen, die

Wirklichkeit' zum Inhalt hat. Die Erfahrung felbd aber, ! Baur als Schriftdeller im Kreife der ihm zu allernächd

deren Hauptmerkmal der Gegenfatz zwifchen Subject | Stehenden gefunden hat. Diefe Beurtheilung klingt natür-

und Object id, mufs übergehen in das Denken, mit 1 lieh heraus aus den Worten, mit denen die Herausgeberin

welchem der Menfch aus dem Gegenfatz zwifchen Sub- j ,die ködliche Eigenart des Schriftdellers' fchildert: ,liebe-

ject und Object durch eine Willensthat fich befreit und volle Verfenkung in den Gegendand, hingebende Bewun-

mit dem abfoluten Leben eins wird. Die Wahrheit in derung für alles Grofse, eingehendes Verdändnifs auch

diefem Sinne id ,kein Befitz, fondern ein Leben'. Denn für das Kleine und Unfcheinbare, ein zartes und doch

,es id das Leben des Menfchen, dafs er nach feiner männliches Gemüth und eine immer gefällige Dardellungs-

inneren göttlichen Bedimmung fich als unbevvufstes Einzel- gäbe'. Wir unterfchreiben diefe Schilderung Wort für

leben verwirklicht und bedändig auch aus der Wirklich- Wort und bezeichnen damit die hier gebotenen Lebens-

keit zu abfolutem Fürfichfein in fich geht und als wiffen- besclireibungen als eine Lektüre, an der jeder gebildete

des Allwefen fich mit dem urfchöpferifchen Lebensgrunde Chrid wieder und wieder eine edle Freude haben wird,

nachfehöpferifeh identificirt, um dann wieder als wiffendes I Und wenn wir der Wahrheit zu Ehren von der immer

Einzel wefen handelnd in die Wirklichkeit zurückzu- gefälligen Dardellungsgabe fagen müffen, dafs fie hin

gehen und feinen und Gottes Willen zu volldrecken' 1 und wieder allerdings an einer gewiffen fchwerfälligen

(S. 25). Breite leidet, fo tritt diefe letztere doch nirgends fo in

Noch deutlicher tritt die pantheiftifche Grundan- den Vordergrund, dafs das Wohlgefallen des Lefers an

fchauung des Verf. hervor, wenn die Einzelwefen ,Modi

dem Gelefenen dadurch ernftlich beeinträchtigt würde.

des Allgemeinen' (S. 45) genannt werden oder gefagt 1 Im Uebrigen bedarf es für die Lefer diefes Blattes, bei
wird, das abfolute Anlich bejahe in ewiger Schöpfer- j denen irgend welche Bekanntfchaft mit Baur's gröfseren
tliätigkeit fich felbft in der realen Vielheit der Individuen | Werken vorauszufetzen ift, keiner weiteren Hervorhebung

(S. 46). Es ift nicht recht einzufehen, welche Art von
Selbftändigkeit von hier aus das menfehliche Einzelwefen
überhaupt noch haben foll. Denn die einzige
Schranke gegen fein vollftändiges Aufgehen im Abfoluten
: jene .unbewufste Sinnlichkeit' ift felbft entweder

der Verdienfte, die er fich um die Kirchengefchichte erworben
hat. Und wenn wir von dem kleinen Kalender-
Auffatz über Hans Joachim von Zieten abfehen, fo find
alle übrigen biographifchen Arbeiten kirchengefchicht-
licher Natur, indem fie entweder Männer fchildern, die

eine Schöpfung des Abfoluten oder eine Befchränkung ] in der Kirche ihren Platz in denkwürdiger Weife ausge-
und damit eine Verneinung desfelben. Jeder derartige ! füllt haben, oder folche Perfönlichkeiten, die auf die
Pantheismus verfällt aber zugleich in den methodifchen kirchliche Arbeit einen wefentlichen Einflufs ausgeübt
Fehler, ein geiftiges Allwefen nach Analogie des Men- haben. Zu den letzteren gehören die zwei Fürftinnen,
fchengeiftes zu conftruiren und dabei ein Hauptmerkmal j deren Lebens- und Charakterbild Baur mit begeifterter
desfelben, das der Perfönlichkeit, willkürlich auszufchalten. | Liebe gezeichnetet hat, die Prinzeffinnen Wilhelm von
Der Verf. fpricht die zuverfichtliche Hoffnung aus: ,Wenn j Preufsen und Karl von Heffen, und fodann die beiden
diefe Ueberzeugung vom Wefen des Menfchen durchge- Hamburger Koryphäen der barmherzigen Liebe Karl
drungen und zu einer Norm des Lebens gelangt fein Sieveking und Freiherr von Schröder, endlich der vielwird
, dann wird eine neue grofse Epoche in der Eint- j genannte Convertit Freiherr von Gemmingen und der
Wickelung der Menfchheit begonnen haben' (S. 4). Dafs ' noch öfters gefchilderte und gefeierte Baron Kottwitz.
diefe Ueberzeugung fein eigenes Leben geworden ift, Unter den Theologen hatten es dem Verfaffer des ,deut-
wie er felbft bezeugt (S. 118), wird dem Lefer feiner in fchen evangelifchen Pfarrhaufes' die Prediger angethan:
begeifterter Spiache die Wahrheit verkündenden Schrift
nicht zweifelhaft bleiben — um fo mehr aber das andere:
ob feine philofophifche Weltanfchauung, welche zu ihrer
wirklichen Erfaffung wiffenfchaftliches Denken erfordert
und die Bedürfnifse des Gemüths viel zu fchr zurückneben
Berthold von Regensburg erfcheinen Leopold
Schultze und der eigene Bruder Guftav Baur. Endlich
haben perfönliche Beziehungen Anlafs gegeben zu dem
äufserft intereffanten Charakterbild des Uganda-Miffionars
Alexander Mackay. Es ift kaum nöthig, befonders austreten
läfst, irgendwie im Stande ift, etwa dem Leben '■ zufprechen, dafs auch diefe kleineren gefchichtlichcn

des Mannes aus dem Volke eine fichere Grundlage und
wcrthvollen Inhalt zu geben.

Riedlingen a/D. Tb, Elfenhans.

Arbeiten auf dem forgfältigften Quellenftudium beruhen
und mit vollkommener Beherrfchung des Stoffes durchgeführt
find.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.