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Ausgabe:

1898 Nr. 25

Spalte:

662-663

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rieks, J.

Titel/Untertitel:

Leo XIII. und der Satanskult 1898

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 25.

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wird, dafs die Füfse des Verdorbenen dem Allerheiligften,
alfo der Bilderwand bez. der königlichen Thür und dem
hinter ihr flehenden Altar, zugekehrt find. In der Kirche
fleht ein fchwarzbedeckter Tifch, auf welchem fich ein
Crucifix befindet; vor letzterem brennt ein Licht (,um
anzudeuten, dafs Jefus Chriftus gekommen ift, zu erleuchten
, welche im Schatten des Todes fitzen'). Alle
Anwefenden tragen brennende Kerzen und um den Sarg
werden ebenfolche Kerzen und Lampen geftellt. ,Auf
dem Tifch vor dem Crucifix mit der Kerze fleht ein
Teller mit einer füfsen Speife aus Weizen oder Reis,
mit Honig vermifcht und meift mit Früchten verziert,
um anzudeuten, dafs, ähnlich wie die in die Erde gefenkten
Saatkörner aufblühen, fo auch der Leib des Menfchen
aus dem Grabe wieder auferftehen wird und dafs die
Seele des Verdorbenen eingehen foll in das heilige Land
der Verheifsung, in das himmlifche Canaan, wo Milch
und Honig fliefst'. Die ,füfse Speife' ift die Kolywa. Es
handelt fich um einen den Ruffen von aufsen d. h. von
der griechifchen Kirche aus zugekommenen Brauch, (der
auf die antike Zeit zurückweift und nur chriftianifirt
worden ift). Der Priefter erfcheint fchwarz, nur in der
feftlichen Zeit zwifchen Oftern und Himmelfahrt trägt
er ein anderes Gewand, nämlich ein ganz weifses. Bei
verdorbenen Priedern werden noch Befonderheiten wahrgenommen
. Der Leichnam eines folchen wird vor allem
nicht gewafchen, fondern mit Oel gefalbt. Wieder eigentümlich
id die Beerdigung eines Bifchofs oder Mönchs.
Für alle diefe Gelegenheiten giebt es befondere Panny-
chiden, fo auch für gefallene Krieger. Vermifst habe
ich in der Einleitung eine nähere Auseinanderfetzung zu
der .Ordnung der Parastasis d. i. der grofsen Pannychis
für unfere verdorbenen Väter und Brüder und alle
dahingefchiedenen orthodoxen Chriden.'

Maltzew hat diefem Bande in einem zweiten, für
fich paginirten Theile auch die Formularien für ,einige
fpecielle und alterthümliche Gottesdiende' beigegeben.
Das find z. B. die ,Ordnung des Dank- und Bittgefangs
zum Andenken an die Errettung Rufslands von dem
Einbruch der Gallier [ich weifs nicht, ob das blofs in
diefem Formular oder überhaupt die Bezeichnung der
Franzofen in Rufsland id] und der mit ihnen verbündeten
zwanzig Völker*. Diefe Feier zum Gedächtnifs des Ausgangs
des napoleonifchen Feldzugs 1812 wird am Weihnachtstage
im Anfchlufs an die Liturgie gehalten. Ferner
treffen wir hier eine ,Ordnung des Dank- und Bittgefangs
[Moleben] für den 17. Oktober', d. h. für die Errettung
Zar Alexanders III und feiner Familie bei dem Attentat
von Borki. Von gröfserem Intereffe find noch die
Formularien für den Ritus der Fufswafchung, der Bereitung
des Myron [f. dazu meine Confeffionskunde I,
409—10 und 369, Anm. 2: an fich hätte nach orienta-
lifchem Recht jeder Bifchof die Macht das Myron zu
weihen; in der griechifchen Kirche ift feine Zubereitung
thatfächlich ein Vorrecht des ökumenifchen Patriarchen,
in Rufsland das der Metropoliten von Moskau und Kiew:
,als äufseres Zeichen — fo bemerkt M. — der innigen
Verbindung der ruffifchen Kirche mit der griechifchen
und der ununterbrochenen Succeffion der Gnade des
Priefterthums von der Apoftelzeit her bleibt das heil.
Myron in einem Gefäfse unerfchöpft; ein Theil davon
wird immer ausgegoffen in das neu bereitete Myron und
von letzterem nach der Weihe desfelben wieder zugefüllt'],
ferner zumal die Riten der Mönchsweihe auf ihren ver-
fchiedenen Stufen, dann noch etwa der ,Ritus am Sonntag
der Orthodoxie' [d. i. am erften Sonntag der grofsen
Falten, der der Erinnerung an den Sieg der Bilder
dient]. Um anderes zu übergehen, gedenke ich noch
des fog.,Ritus der Ofenhandlung, welcher am Sonntag
der Ahnen oder Väter ftattfindet', und des .Ritus der
Handlung des letzten Gerichts'. "Diefe beiden Feiern
find nicht mehr in Brauch, haben aber hiftorifches Intereffe
. Der erftere (teilt fich dar als eine dramatifche

Handlung zur Erinnerung an die drei Jünglinge im feurigen
Ofen. Es wird ein Ofen in der Kirche errichtet
und der ganze Vorgang mit vieler Lebhaftigkeit an-
fchaulich vorgeführt. Für diefes alterthümliche geiftliche
Volksfchaufpiel — fo nennt M. die Feier mit Recht und
(teilt fie in Vergleich mit mancherlei abendländifchen
derartigen .Feiern' — war der bezeichnete Sonntag gewählt
,im Hinblick auf das am 17. Dec. gefeierte Gedächtnifs
der drei Jünglinge im Flammenofen, deren
Gefang .Gelobt bift du Herr, Gott unferer Väter' vorzüglich
pafst zu den Sonntagen der Ahnen und Väter'.
Giebt es denn mehrere Sonntage diefer Art? Die Handlung
des letzten Gerichts' wurde nur in Moskau, Nowgorod,
und Wologda begangen, wie es fcheint nur eine Zeit
lang im 17. Jahrhundert. Sie war eine lediglich bifchöf-
liche Feier, die fich vor einem Bilde des jüngften Gerichts
abfpielte und in befonderer Weife zur Bufse mahnen
follte; fie hatte ftatt am ,Sonntag der Fleifchenthaltung',
[der vorletzte Sonntag vor den grofsen Faflen, der die
fog. Butterwoche einleitet, f. Confeffionsk. I, 478].

In einem .Anhang' bringt M. den .Ritus der Segnung
eines Eifenbahnweges und der Wagen', ferner der .Segnung
einer Brücke'. Solche Segnungen fpeciellfter Art
find nicht etwa blofs .orientalifch'. M. notirt bei der
letzteren aus der neueften Ausgabe des Rituale Roma-
num das Gebet zur ,Segnung einer Mafchine zur Erzeugung
elektrifchen Lichts'. Für die neue transfibirifche
Bahn haben die Züge auch eigene Kirchenwagen bekommen
. Diefe Wagen werden auch mit eigenthüm-
lichem Ritus benedicirt werden; M. hätte auch diefen
Ritus vielleicht mittheilen mögen.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Rieks, Dr. J., Leo XIII. und der Satanskult. Berlin,
H. Walther, 1897. (XX, 301 S. 8.) M. 3.—

Es ift ein guter Gedanke von Dr. Rieks gewefen,
die Hauptthatfachen der Taxil-Affaire zu Buch zu bringen
und in das Licht der officiellen Lehren der römifchen
Kirche, zumal auch der maafsgebenden Aeufserungen
Leos XIII. zu rücken. Eine Gefchichte wie die diefer
coloffalen Myftification des Papftes und faft desgefammten
römifchen Klerus, zumal vieler feiner notabelften, höchft-
geftellten Vertreter, ift für alle Zeit zu lehrreich, als dafs
wir es nicht dankbar begrüfsen dürften, dafs R. fich
die Mühe gemacht hat, fie actenmäfsig genau zu fchildern
und an der Hand unanfechtbarer kirchlicher Urkunden
zu beleuchten. Wäre diefe Gefchichte blofs den Zeitungsberichten
überlaffen geblieben, fo wäre fie vielleicht bald
vergeffen worden und es wäre jedenfalls bald fchwierig
geworden, fich über fie im einzelnen zu informiren. Ich
bin nun durchaus der Meinung, dafs es nur eine untergeordnete
Aufgabe des Confeflionsforfchers und kirchlichen
Polemikers fei, den Aberglauben, von dem die
katholifche Welt erfüllt ift, ans Licht zu ziehen. Wir
müffen immer in erfter Linie darauf achten, was der
Glaube der uns gegenüberftehenden Kirche ift, denn
letztlich beruht die wirkliche Macht, die gefchichtliche
Kraft derfelben, in diefem. Aber wenn auch nur nebenher
, fo doch ernftlich und wahrheitsgemäfs, foll und mufs
auch der Aberglaube aufgedeckt werden. Er ift die
Quelle von unfäglich vielem Fanatismus und verräth er
: uns nicht die Kraft, fondern zum Theil die Unkraft des
j Katholicismus, fo hat ihn kennen zu lernen den Werth,
uns vielfach mit dem wahrften, heiligen Mitleid mit dem
j katholifchen Volk zu erfüllen und uns zugleich die Zuverficht
zu beleben, dafs es gewifs ein nothwendiger und
hoffnungsvoller Kampf für die Wahrheit ift, den wir
gegen Rom führen. Man findet bei R. eine genaue
Schilderung der Entwickelung und Thätigkeit des per-
fönlich gewifs jedem auch unter uns Evangelifchen lediglich
verächtlichen Leo Taxil (Gabriel Jogand aus Marfeille,
geb. 21. März 1854), feiner Hauptgenoffen, Dr. Bataille