Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 2

Spalte:

43-45

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilpert, Joseph

Titel/Untertitel:

Fractio panis 1898

Rezensent:

Dopffel, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

43

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 2.

44

Gewandung, ünks einen Greis auf einer cathedra in der I
Haltung eines Redenden mit vorgeftrecktem Arm einer
weiblichen und männlichen Geftalt zugewendet, rechts
eine Mutter ihr Kindchen in den Armen. Gewifs mit
Recht wird die an Bofio und Garrucci fich anfchliefsende
Erklärung Wilpert's abgewiefen, der in dem Ganzen das
Denkmal einer gottgeweihten Jungfrau fieht, die, in der Mitte
als Orantin dargeflellt, in der linken Scene eingekleidet
werde, während rechts Maria mit dem Kind als Urbild
der Jungfräulichkeit erfcheine. Die Vorausfetzung diefer
Erklärung, das Beftehen eines durch Verfchleierung und I
Weihe ausgezeichneten gefonderten Jungfrauenftandes
in der Gemeinde, ift für die Zeit des Bilds, die erften j
Jahrzehnte des dritten Jahrhunderts, nicht nachweisbar,
und die Deutung der fitzenden Geftalt auf Maria wird durch
die Vergleichung mit den unzweifelhaften Marieenbildern
der Katakomben ausgefchloffen. Da ferner das Bild
keiner biblifchen Gefchichte anzupaffen ift, fo dürfte in
der That nur feine Auffaffung als eines Familienbildes
übrig bleiben, nach welcher Richtung fchon V. Schultze
gewiefen hat. Mitius glaubt nun des Näheren die linke
Gruppe als Darltellung einer chriftlichen Ehefchliefsung
beftimmen zu können, während rechts die Getraute im
mütterlichen Glück, in der Mitte in der himmlifchen
Verklärung erfcheine. Und zwar ftatuirt er für die erfte
Gruppe eine dreifache Auffaffung als gleich möglich:
entweder komme zur Darltellung die kirchliche Weihe der
Ehefchliefsung, wobei der Bifchof auf die von der Braut
gehaltene, die bürgerliche Giltigkeit bezeugende tabula
nuptialis hinweife — oder die bürgerliche Ehefchliefsung
vor dem Familienhaupt — oder das Verlöbnis vor dem
Vater oder dem Bifchof. E. Friedberg hat in der deutfchen
Zeitfchrift für Kirchenrecht V S. 438 ff. gegen Mitius fo-
wohl darauf hingewiefen, dafs der Verf. unrichtiger Weife
mit dem modernen Gegenfatz zwifchen bürgerlicher und
kirchlicher Ehefchliefsung operirt als auch darauf, dafs
die Beteiligung der Kirche an der Verlobung einer
fpäteren Zeit angehöre. Friedberg hält vom rechtsge-
fchichtlichen Standtpunkt aus nur fo viel für möglich,
dafs allenfalls die Darltellung der professio matrimonii
(Erkundigung bei dem Bifchof, ob die beabfichtigte Ehe
der kirchlichen Norm gemäfs fei) vorliege. Doch dürfte
es bei der Lückenhaftigkeit der Quellen durch das
Schweigen der alten Sacramentarien immerhin nicht
ausgefchloffen fein, dafs auch der Austaufch des die Ehe
begründenden Confenfes vordem Bifchof vorkam und dafs
fich unfer Bild hierauf bezieht. Aber auch wenn die
ehrwürdige Geftalt, deren autoritativeBedeutung im Bild zu
zweifellofem Ausdruck kommt, nicht auf den Bifchof,
fondern auf das Familienhaupt zu beziehen ift, fo bleibt
doch die Deutung von Mitius auf eine Ehefchliefsung
die annehmbarfte aller bisher vorgebrachten Erklärungen
. Die Bedeutung der von dem Mann und von der
Frau gehaltenen Gegenftände wird freilich dahingeftellt
bleiben müffen. Was darüber gefagt worden ift, hat nur
den Werth eines mehr oder minder finnreichen Spiels mit
Hypothefen. Aber wie die Identität der 3 weiblichen
Figuren auf dem Gemälde ikonographifch zweifellos fein
dürfte, fo ergiebt die Faffung der linken Scene als einer
Ehefchliefsung das befriedigendfte Gegenftück zur Mutter
mit dem Kind, ohne dafs gefchichtliche oder archäologifche
Gründe diefe Deutung verbieten würden.

Geislingen a. St. H. Dopffel.

Wilpert, Jos., Fractio panis. Die ältefte Darfteilung des
euchariftifchen Opfers in der ,Cappella greca', entdeckt
und erläutert von W. Mit 17 Taf. und 20 Ab-
bildgn. im Text. Freiburg i. B., Herder, 1895. (XII, 1
140 S. Fol.) M. 18.— ; geb. M. 22.—

Der Verfaffer hat ,eine Reihe von Monumenten der
wiffenfchaftlichen Forfchung zugänglich gemacht, welche

nicht blofs den Archäologen, fondern auch den Dog-
matiker, Liturgiker und Exegeten intereffiren' (S. 130).
Theils find es Monumente, die der Spüreifer und das
Forfcherglück Wilperts erft entdeckt hat, theils folche,
die, obwohl fchon bekannt, bis jetzt ungenügend oder
gar nicht edirt waren. Für die correcte Edition gebührt
dem Verf. aller Dank, der, bei dem bleibenden Werth
des Werkes, auch jetzt noch zum Ausdruck gebracht
werden darf. — Die fogen. Cappella Greca des Priscillacöme-
teriums bildet durch ihre Anlage und ihre Malereien
fchon längft einen der Hauptanziehungspunkte diefer
intereffanten Katakombe. Die weiteren Gemälde, die
Wilpert in der genannten Grabkammer unter einer
Schichte von Stalaktit und Schmutz zu Tag gefördert hat,
dienen dazu, das Intereffe noch bedeutend zu Reigern.
Die wichtigfte der neuaufgefundenen Malereien befindet
fich an bevorzugter Stelle an der Rückwand der Kammer
und bietet eine wohlerhaltene, künftlerifch den
Durchfchnitt der Katakombenbilder überragende Mahl-
darftellung. Der von allen bisher bekannten Mahlbildern
abweichende Charakter des Bildes beftimmt Wilpert, es
für eine realiftifche (nicht fymbolifche) Darftellung des
im Augenblick des Brotbrechens aufgefafsten Abendmahls
zu erklären. In umfaffender, etwas breiter und umftänd-
licher Weife werden die monumentalen und literarifchen
Quellen zur Begründung und Erläuterung diefer Deutung
beigezogen, die in der That allen Momenten am beften
entfprechen dürfte. Und auch wenn man im Hinblick
auf die 2 Fifche, 5 Brote und die zu den Seiten aufge-
ftellten Körbe das Bild lieber auf die wunderbare Spei-
fung beziehen möchte — wogegen jedoch die Geftalt
des jcQosdrmq und der beigefügte Kelch fpricht —, fo
kommt man doch auf das Abendmahl zurück, das als
^dvriöoxoq, rov ar djioy-avc.lv1 (Ignat. ad Ephes. c. 20)
der chriftlichen Gräberfymbolik angehört und durch das
Bild der wunderbaren Speifung allegorifch angedeutet
wurde. Die anderen, von Wilpert in derfelben Grabkammer
zu Tag geförderten Bilder find: Daniel zwifchen
den Löwen, Abraham den Ifak opfernd, die Auferweckung
des Lazarus. Wie das Mahlbild, fo erweifen auch
diefe Gemälde durch die ihnen eigenthümlichen Züge ihre
Zugehörigkeit zur älteften chriftlichen Kunftepoche. Wilpert
nimmt als Entftehungszeit die erften Decennien des
2. Jahrhunderts an. Dagegen ift der Nachprüfung fehr
bedürftig die von Wilpert im Unterfchied von de Roffi
aufgeftellte Behauptung, dafs der mit 5 Kreuzgewölben
überfpannte Raum, in den die griechifche Kapelle mündet,
nicht der Zeit des Friedens entflamme, fondern auch
fchon zum Beginn des 2. Jahrhunderts angelegt worden
fei. Von fonftigen anfechtbaren Aufftellungen fei hervorgehoben
die durchaus unhaltbare Beziehung des Daniel
zwifchen den Löwen auf die Speifung im Abendmahl.
Wie auch in den Daniel-Bildern, wo der das Effen bringende
Habakuk beigefügt ift, eine Beziehung auf das
Abendmahl trotz des kreuzgekerbten Brotes durchaus
nicht anzunehmen ift, fo ift diefe doppelt da ausgefchloffen
, wo Habakuk fehlt. Wilpert läfst fich zu fol-
cher Künftelei verführen durch feine irrige Methode, in
den Gemälden ein wohlgegliedertes theologifches Ge-
dankenfyftem finden zu wollen. Damit hängt auch feine
Deutung der ficherlich nur ornamental gemeinten Jahreszeiten
-Symbole auf die Auferftehung zufammen. Gegenüber
der aus feiner früheren Publikation (,ein Cyklus
chriftologifcher Gemälde' 1891) wiederholten Auffaffung
der Oranten als Träger der Fürbitte für die Hinterbliebenen
verweife ich auf meine Gegenbemerkungen
in der Theolog. Literaturzeitung 1892, Sp.^ 522. Wie
Wilpert Hebr. 13, 7 als Ermahnung zur Fürbitte für
die Verftorbenen fafst, fo legt er fchon in die älteften
Feiern der Chriften an den Gräbern Gedanken hinein,
die fpäteren Urfprungs find. — In einem Anhang wird
der rein chriftliche Charakter der in der Abhandlung
öfters verwertheten Aberciusinfchrift gegen G. Ficker und